Australian Open Causa Djokovic: Die serbische Volksseele schäumt

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Wird Novak Djokovic ab 17. Januar an den Australien Open in Melbourne teilnehmen oder nicht? Diese Frage beschäftigte die Serben in den vergangenen Tagen mehr als die neuen Rekordzahlen von Covid-19-Erkrankten. Und überhaupt, mehr als alles andere.

Novak Djokovic
Von seiner Einreiseerlaubnis nach Australien hängt ab, ob Novak Djokovic seinen 21. Grand-Slam-Sieg überhaupt erreichen kann. Bildrechte: IMAGO / ZUMA Wire

Der serbische Tennisstar Novak Djokovic will sich nicht gegen Corona impfen lassen. Dass es so mit der Einreise zu den Australian Open schwierig werden würde, dürfte ihn nicht überrascht haben. Als er am vergangenen Donnerstag über Instagram vom Flughafen meldete, dass er eine medizinische Ausnahmegenehmigung für die Einreise erhalten hätte, jubelte ganz Serbien. Neun Mal hatte Novak Djokovic in Melbourne gesiegt, ein weiterer Triumph würde ihn als besten Tennisspieler aller Zeiten bestätigen.

Doch als Djokovic in Melbourne landete, begann das Tohuwabohu. Die Grenzpolizei verweigerte ihm die Einreise und verhörte ihn stundenlang. Djokovic weigerte sich, wieder auszureisen und landete in einem Abschiebehotel, in dem er tagelang isoliert blieb. Seine Anwälte klagten, der zuständige Richter entschied am 10. Januar zu Djokovics Gunsten. Ganz Serbien jubelte. Zu früh gefreut? Mittlerweile hat Australiens Einwanderungsminister Alex Hawke dem serbischen Tennisstar das Visum entzogen. Ob Djokovic ab Montag an den Australien Open in Melbourne teilnehmen kann, steht nun wieder in den Sternen. Djokovics Anwälte hoffen noch am Sonntag auf eine Anhörung vor Gericht.

Serbische Medien klagen über Kampagne gegen Djokovic

Novak Djokovic, laut Statistik schon jetzt der beste Tennisspieler aller Zeiten, ist schlicht der serbische Nationalheld. Ihn des versuchten Visabetruges zu bezichtigen wurde daheim gemeinhin als eine Ohrfeige für das "allgemeine Serbentum" wahrgenommen. Und so protestierten Serbiens Staatspräsident Vucic und Regierungschefin Brnabic bei den australischen Behörden, drohten mit einer Verschlechterung der bilateralen Beziehungen.

Novak Djokovic
Fans von Novak Djokovic entrollen vor dem Abschiebehotel in Melbourne ein Transparent. Dem serbischen Tennis-Superstar wurde zunächst die Einreise nach Australien verweigert und er durfte das Hotel nicht verlassen. Bildrechte: IMAGO / AAP

Novaks Vater Srdjan Djokovic verglich vor laufenden Kameras die Situation seines Sohnes sogar mit den Leiden Jesu Christi am Kreuz. Die meisten Serben störten sich offenbar nicht an diesem Vergleich. Für die Tageszeitung Informer ist es der "Skandal des Jahrhunderts". Die Australier seien "nicht normal", seien Djokovics "Peiniger", ja sogar seine "Henker. In Talkshows im TV-Sender Pink sprach man von einer "Verschwörung gegen den Serben", von Australien als einem "Land der Nachfahren von Kriminellen", von einer "Bestrafung", einer "unerhörten" Behandlung und "katastrophalem" Versagen der australischen Behörden. Sowohl die Gäste im Studio als auch die Moderatoren empörten sich darüber, wie der beste Tennisspieler der Welt "schickaniert" würde.

Die Zeitung Srpski Telegraf sah den ungeimpften Djokovic als einen Kämpfer gegen das Unrecht. Das Blatt zog Parallelen zu Muhammed Ali und Jessie Owens, als ob der Tennisstar wegen seines Protests gegen Krieg oder Rassismus "verhaftet" worden sei. Fast alle serbische Medien meinten, Djokovic sei grundlos "verhaftet" worden und nannten das Abschiebehotel, in dem er ausharren musste, ein "Gefängnis".

In der Berichterstattung australischer und überhaupt westlicher Medien, erkannten serbische Medien eine Rufmordkampagne. Denn außerhalb Serbiens wunderte man sich, wie Djokovic am 16. Dezember einen positiven PCR-Test erhalten konnte und sich am 17. Dezember mit jungen serbischen Tennisspielern ablichten ließ und das ohne Schutzmaske. Für den juristischen Prozess hatte das allerdings keine Bedeutung.

Shitstorm gegen besonnene Stimmen

Die wenigen serbischen Kommentatoren hingegen, die meinten, dass sich Djokovic einfach hätte impfen lassen sollen um den Zirkus zu vermeiden, waren in den sozialen Medien einem regelrechten Shitstorm ausgesetzt. Alles in allem liefen die Emotionen über, Sachlichkeit war fehl am Platz.

Das Medienecho zeigt, dass Novak Djokovic für viele in Serbien weit mehr ist als ein Superstar: Er ist eine Ikone und obendrein die erfolgreichste Marke, mit deren Siegen und Rekorden man in Serbien immer wieder kollektive ekstatische Höhenflüge erlebt. Ob er die Chance auf seinen 21. Grand-Slam-Sieg bekommen wird, stand noch nicht fest, als dieser Text entstanden ist. Falls Djokovic in Melbourne nicht spielen darf – für die Serben wäre das so etwas wie eine Kriegserklärung.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 06. Januar 2022 | 14:13 Uhr

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