Belarus und die Folgen von Tschernobyl Der Liquidator von Tschernobyl: "Die Beamten haben total versagt!"

Interview mit Juri Woroneschtsew

Der Physiker Juri Woroneschtsew wohnt in der belarussischen Stadt Gomel, als es 1986 zum Reaktorunfall in Tschernobyl kommt. Gomel ist nur 120 Kilometer Luftlinie von Tschernobyl entfernt. Später ist Woroneschtsew Sekretär der sowjetischen Untersuchungskommission für Tschernobyl. Er lebt noch heute in Gomel, der Hauptstadt der weißrussischen Oblast, die am schlimmsten vom radioaktiven Niederschlag betroffen war.

Belarus Juri Woroneschtsew
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wie haben Sie damals von der Katastrophe erfahren?

Ich kann mich gut daran erinnern. Es war ein sonniger, aber windiger Tag. Meine Frau und ich gingen spazieren. Und als wir wieder zu Hause waren, rief eine Freundin meiner Frau bei uns an. Sie war gerade zu Besuch bei ihren Eltern in Bragin im Kreis Choiniki, nahe der ukrainischen Grenze. Sie erzählte, dass ein Atomkraftwerk explodiert sei und dass sie eine große Kolonne von Feuerwehrautos und Krankenwagen aus Gomel kommend gesehen habe. Ich sagte zu meiner Frau: "Larissa, wir haben in Belarus keine Atomkraftwerke. Das muss ein Irrtum sein." Aber dann erinnerte ich mich, dass es eines in Tschernobyl gibt. Da habe ich mir dann Sorgen gemacht. Am nächsten Morgen nahm ich das Dosimeter aus dem Institut, wo ich arbeitete, und wir haben in Gomel ein sehr hohes Strahlungsniveau gemessen. Dann haben wir angefangen, ausländische Medien im Radio zu hören und von der BBC haben wir erfahren, was in Tschernobyl passiert ist. In der Zeitung "Prawda" erschien einen Tag später nur eine kleine Notiz, dass es ein Feuer in Tschernobyl gab.

Wie haben Sie sich verhalten? Wie haben die Behörden reagiert?

Ich rief sofort meine Eltern in Brest, einer Stadt im Norden von Belarus, an. Ich bat sie, meinen damals 6-jährigen Sohn bis auf weiteres bei sich zu behalten. Dass sich eine Katastrophe ereignet hatte, verstand niemand. Oder man gab vor, es nicht zu verstehen. Trotz des Reaktorunfalls fand dann auch die Parade zum Maifeiertag statt. Ein echtes Verbrechen. Man hätte die Menschen nicht auf die Straße gehen lassen dürfen, damit sie kein radioaktives Jod einatmen. Und noch viele weitere Dinge sind passiert. Man hat zum Beispiel damit begonnen, radioaktives Fleisch zu verkaufen. Verseuchtes Fleisch wurde mit sauberem vermischt.

Waren Sie 1986 nach dem Unfall selbst vor Ort in Tschernobyl?

Ja, wir haben gemeinsam mit japanischen und deutschen Wissenschaftlern ernsthafte Forschungsarbeiten durchgeführt. Ich bin bis heute dankbar für die Ausrüstung, die wir damals als humanitäre Hilfe aus Deutschland, Japan und Italien geliefert bekommen haben. Deutschland und Italien sind die beiden Länder, die uns am meisten geholfen haben. Wenn Sie heute Leute fragen, die zwischen 15 und 20 Jahre alt sind, ob sie in Deutschland oder Italien zur Kur gewesen sind, werden wohl die meisten mit "ja" antworten. Da bin ich mir sicher.

Osteuropa

Unterwegs im weißrussischen Fallout-Gebiet Gomel

Stadt am Fluss gelegen.
Gomel, eine 500.000-Einwohner-Metropole am Fluss Sosch, ist die Gebietshauptstadt der gleichnamigen weißrussischen Oblast. Sie ist etwa so groß wie die Schweiz und war vom radioaktiven Fallout von Tschernobyl am schlimmsten betroffen. Bis heute erkranken dort sechs Mal mehr Menschen an Schilddrüsenkrebs als vor der Atomkatastrophe. Bildrechte: Katrin Molnár / MDR
Stadt am Fluss gelegen.
Gomel, eine 500.000-Einwohner-Metropole am Fluss Sosch, ist die Gebietshauptstadt der gleichnamigen weißrussischen Oblast. Sie ist etwa so groß wie die Schweiz und war vom radioaktiven Fallout von Tschernobyl am schlimmsten betroffen. Bis heute erkranken dort sechs Mal mehr Menschen an Schilddrüsenkrebs als vor der Atomkatastrophe. Bildrechte: Katrin Molnár / MDR
Menschen in einem Wald applaudieren.
Wir treffen Juri Woroneschtsew bei einem kleinen Stadtfest. Der 63-Jährige hat die Katastrophe von Tschernobyl im weißrussischen Gomel miterlebt. Er wirkt ausgelassen, doch man bemerkt schnell, wie erschöpft er ist, denn auch er leidet an einer Krebserkrankung. Woroneschtsew findet aber, dass sich Gomel nicht von anderen Städten unterscheidet. Bildrechte: Katrin Molnár / MDR
Frauen vor einem Mikrofon in besonderen Gewändern.
"Die verstrahlte Stadt" - das ist das Image von Gomel in Belarus. Doch es wird gesungen und getanzt, als ob nichts passiert wäre. Eine Überlebensstrategie: Wer kann sich schon tagtäglich mit der Katastrophe, mit Tod und Krankheit befassen? Die Stadt sehnt sich nach Normalität, nach einer Perspektive NACH Tschernobyl.   Bildrechte: Katrin Molnár / MDR
Ein Mann sitzt an seinem Notebook.
Woroneschtsew war maßgeblich am Programm zur Überwindung der Folgen der Tschernobyl-Katastrophe beteiligt und Verfasser des einschlägigen Gesetzesentwurfs für die "Umweltsicherheit der Bürger". Und er zählt zu den sogenannten "Liquidatoren". Bildrechte: Katrin Molnár / MDR
Ein Schild das auf Radioaktivität hinweist.
Plötzlich warnt ein Schild am Straßenrand vor der hohen Strahlung. Woroneschtsew erklärt uns: "Im Prinzip dürfen wir hier nicht einmal stehen. Auf dem Schild steht, dass es verboten ist, auf die umliegenden Waldwege zu fahren, Pilze oder Beeren zu sammeln." Bildrechte: Katrin Molnár / MDR
Ein Mann sitzt an seinem Laptop.
Juri Woroneschtsew zu Hause vor seinem Computer. Der pensionierte Physiker ist eine Berühmtheit: Er war der leitende Sekretär der sowjetischen Kommission, die die Ursachen des Unfalls von Tschernobyl untersucht und das Handeln der Behörden nach der Katastrophe beurteilt und ausgewertet hat. Bildrechte: Katrin Molnár / MDR
Eine Person schaut Fotos auf einem Laptop an.
Dieses Foto zeit ihn damals am Ort der Katastrophe. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) waren bis zu 800.000 Liquidatoren bei den Aufräumarbeiten in Tschernobyl tätig - zumeist junge Männer: Soldaten, Feuerwehrleute und Hubschrauberpiloten. Sie waren zum Teil extrem hohen Strahlungsdosen ausgesetzt. Nach Schätzungen der Liquidatoren-Verbände sind inzwischen etwa 100.000 von ihnen tot. Bildrechte: Katrin Molnár / MDR
Ein Mann sitzt in einem Auto.
Juri Woroneschtsew zeigt uns die nördlichste Sperrzone Weißrusslands, 15 km nördlich von Gomel, etwa 140 km Luftlinie vom Unglücksreaktor entfernt. Obwohl es die Sperrzone Weißrusslands mit der größten Distanz zu Tschernobyl ist, mussten selbst dort die Bewohner  in saubere Gebiete umgesiedelt werden. Bildrechte: Katrin Molnár / MDR
Ein Mann steht neben einem Schild, dass auf die Gefahr von Radioaktivität hinweist und schaut auf seinen Geigerzähler.
Wir fahren an einigen Wäldern vorbei, die mit Radioaktivitäts-Schildern ausgewiesen sind. An einem halten wir an und wollen mit unserem Dosimeter selber messen, wie hoch die Strahlung ist. Bildrechte: Katrin Molnár / MDR
Ein Geigerzähler liegt im Gras.
Unser Dosimeter zeigt 0,88 Mikrosievert pro Stunde an, mehr als das Vierfache der natürlichen durchschnittlichen Strahlung in Deutschland. Bildrechte: Katrin Molnár / MDR
Ein Mann schaut auf einen am Boden liegenden Geigerzähler
Man könne hier zwar spazieren gehen, meint Woroneschtsew, hinlegen würde er sich aber nicht. Und Früchte würde er hier auf gar keinen Fall anbauen. Das Gerät zeige nur die oberflächliche Gamma-Strahlung, über die Alpha- und Beta-Strahlung verrate es nichts. Bildrechte: Katrin Molnár / MDR
Ein Mann zeigt auf ein Schild auf einem Feld.
Nur 20 Meter vom gesperrten Wald treffen wir auf ein Feld, das landwirtschaftlich genutzt  wird. Im Radius von 50 Metern könne man sehr unterschiedliche Verschmutzungen finden, erklärt Woroneschtsew. Während eine Parzelle sauber sei, könne der Boden auf einem anderen Feld nur zehn Meter weiter kontaminiert sein. Bildrechte: Katrin Molnár / MDR
Ein Geigerzähler im Gras auf einem Feld.
Bis 0,40 Mikrosievert pro Stunde sei alles im Normalbereich, sagt Woroneschtsew. Unser Dosimeter zeigt nur 0,31 Mikrosievert pro Stunde an. Weniger als im Wald, aber doppelt so hoch wie in Gomel, so der Physiker. Dennoch wird hier Landwirtschaft betrieben - gefördert von der weißrussischen Regierung. Bildrechte: Katrin Molnár / MDR
Eine Person mit einem Geigerzähler
Mit gesundem Menschenverstand sei die Landwirtschaft hier nicht zu erklären, meint Woroneschtsew. Die Nutzung dieser Böden werfe letztlich viel weniger Gewinn ab als die Investition in saubere Böden, von denen es in Belarus mehr als genug gebe. Und auch wenn mit Hilfe spezieller Düngemittel und anderer Stoffe, die Radionuklide binden, Landwirtschaft betrieben werde, … Bildrechte: Katrin Molnár / MDR
Ein Traktor auf einem Feld
…dürfe man den Traktoristen nicht vergessen, der dieses schmutzige Feld beackert und den Staub einatmet. Ob sich der Traktorist, der hier gerade arbeitet, über die Gefahr, der er sich aussetzt, bewusst ist, weiß auch Juri Woroneschtsew nicht. Bildrechte: Katrin Molnár / MDR
Ein Mann steht im Wald.
Eines weiß er jedoch ganz genau: Das Programm, das er in der Tschernobylkommission der UdSSR entwickelt hat und das selbst das geringste Risiko für die Bevölkerung ausschließen wollte, hat Landwirtschaft in der kontaminierten Region Weißrusslands niemals auch nur in Betracht gezogen.
(Über dieses Thema berichtet MDR AKTUELL auch im TV: 27.04.2018)
Bildrechte: Katrin Molnár / MDR
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Ein Schild das auf Radioaktivität hinweist.
Plötzlich warnt ein Schild am Straßenrand vor der hohen Strahlung. Woroneschtsew erklärt uns: "Im Prinzip dürfen wir hier nicht einmal stehen. Auf dem Schild steht, dass es verboten ist, auf die umliegenden Waldwege zu fahren, Pilze oder Beeren zu sammeln." Bildrechte: Katrin Molnár / MDR

1989 wurden Sie zum Volksabgeordneten der UdSSR gewählt. Im Obersten Sowjet der UdSSR waren Sie leitender Sekretär in der sowjetischen Untersuchungskommission für Tschernobyl. Worin bestand die Aufgabe dieser Kommission?

Die Kommission sollte die Ursachen des Unfalls von Tschernobyl überprüfen und beurteilen, ob unmittelbar nach der Havarie richtig gehandelt wurde. Wir haben die Maßnahmen der verantwortlichen Beamten ausgewertet und dem Generalstaatsanwalt der UdSSR eine Reihe von Ergebnissen mit Schlussfolgerungen übergeben. Ich denke, dass daraufhin gegen viele Personen Strafverfahren angestrengt wurden. Aber der Zusammenbruch der Sowjetunion hat diese Menschen "gerettet". Alles verlief im Sande und hatte keine weiteren Folgen.

Unsere Untersuchung hatte ergeben, dass die verantwortlichen Beamten total versagt hatten. Vor allem, weil sie die Katastrophe verschwiegen. Die Leute hätten dringend evakuiert werden und kostenlose Jod-Medikamente bekommen müssen. Man hätte die Mitarbeiter des Kernkraftwerkes und die Menschen in der Umgebung darüber aufklären müssen, wie sie sich verhalten sollen. Gomel zum Beispiel hätte nicht zwingend evakuiert werden müssen, aber es wäre notwendig gewesen, die Schilddrüsen der Kinder zu schützen. Man hätte den Eltern also sagen müssen: Behaltet die Kinder ein oder zwei Wochen zu Hause, damit sie möglichst nicht dem radioaktiven Jod ausgesetzt werden. Weshalb haben die Behörden nicht auf die Wissenschaftler gehört, die über die Gefahren gesprochen haben? Natürlich wurden die Menschen, die in direkter Nähe zum Unglücksreaktor lebten, evakuiert. Aber zu spät. Unter dem Druck unserer Kommission und der Öffentlichkeit sowie einiger Abgeordneter wurden  Programme zur Bewältigung der Katastrophe entwickelt. In deren Folge wurden dann weitere Menschen in saubere Gebiete umgesiedelt. Aber auch das kam zu spät.

Wie lebt man heute mit den Spätfolgen von Tschernobyl in Gomel?

Ich denke nicht, dass sich Gomel heute noch von anderen Städten unterscheidet. Es gibt hier schon saubere Erde, saubere Luft, saubere Bäume. Alles ist gut hier, aber nur 15 oder 20 Kilometer von hier entfernt, gibt es Gebiete, in denen es gefährlich ist, zum Beispiel Pilze oder Beeren zu sammeln. Es gibt auch sehr verschmutzte Orte, gesperrte Zonen. Ein Problem ist, dass man im Radius von 50 Metern sehr unterschiedliche Verschmutzungen finden kann. Das eine Stückchen Boden ist sauber und zehn Meter weiter ist der Boden kontaminiert. Wer Lebensmittel selbst erzeugt, sollte sie vor dem Verzehr auf jeden Fall überprüfen lassen. Alles, was an den Läden vorbei geht, vorbei an den offiziellen Kontrollen, darf auf keinen Fall ohne Überprüfung gegessen werden. Und allen Einwohnern von Gomel, besonders älteren Leuten, empfehle ich, regelmäßig zum Arzt zu gehen.

Wenn die Böden der Oblast Gomel so "fleckig" verschmutzt sind, ist das Betreiben von Landwirtschaft doch sehr riskant. Warum investiert die weißrussische Regierung trotzdem in die Landwirtschaft hier?

Mit gesundem Menschenverstand ist das schwer zu erklären, weil die Investition in diese Böden letztlich viel weniger Gewinn abwirft als die Investition in saubere Böden, von denen es in Belarus mehr als genug gibt. Wir haben fast einen Hektar landwirtschaftliche Nutzfläche pro Kopf und man wundert sich, warum man das Geld nicht lieber in die sauberen Minsker, Brester oder Grodnoer Gebiete steckt, wo man viel höhere Gewinne erzielen würde.

Außerdem: Auch wenn hier mit Hilfe spezieller Düngemittel und irgendwelcher Stoffe, die Radionuklide binden, Landwirtschaft betrieben wird und das Vieh zusätzlich mit Pektinen gefüttert wird, damit das Fleisch möglichst sauber bleibt, darf man die Traktoristen nicht vergessen, die diese schmutzigen Felder beackern und den Staub einatmen.

Also gemäß der Konzeption, die selbst das geringste Risiko für die Bevölkerung ausschließen wollte und die noch in der UdSSR und später auch von der Republik Belarus mit Fachleuten ernsthaft erarbeitet worden war, ist man sicher nicht davon ausgegangen, dass die Menschen auf diesen kontaminierten Böden wieder Landwirtschaft betreiben, und es wurde damals auch nicht geplant, Arbeitsplätze im Bereich der landwirtschaftlichen Produktion zu schaffen.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Aktuell | 27. April 2018 | 17:45 Uhr

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