Großangelegte Militäroperation Russland greift Ukraine an – Kampfhandlungen in vielen Landesteilen

Aktuell-Redakteure - Lucas Grothe
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Russland hat in der Nacht zu Freitag weitere Ziele in der Ukraine angegriffen. Zuvor hatten Bodentruppen an mehreren Orten die Grenze zur Ukraine überschritten, aus vielen Landesteilen werden Gefechte gemeldet.

Ein Bild aus einer vom Staatlichen Grenzschutz der Ukraine veröffentlichten Videoaufzeichnung zeigt russische Militärfahrzeuge, die die Grenze von der Krim zur Ukraine überqueren (genauer Standort nicht angegeben)
Ein Bild aus einer vom Staatlichen Grenzschutz der Ukraine veröffentlichten Videoaufzeichnung zeigt russische Militärfahrzeuge, die die Grenze von der Krim zur Ukraine überqueren. Es soll sich um den Grenzübergang Amjansk handeln. Bildrechte: dpa

Russische Militäreinheiten haben in der Nacht zu Freitag ihren großangelegten Angriff auf die Ukraine fortgesetzt. Augenzeugen berichten von zahlreichen Explosionen in der Hauptstadt Kiew.

Die Ukraine meldete am Donnerstagmorgen zunächst Raketenangriffe auf mehrere Flughäfen und militärische Infrastruktur. Später überquerten dem ukrainischen Grenzschutz zufolge russische Militäreinheiten an mehreren Stellen des Landes Grenzübergänge – unter anderem von der besetzten Krim und von Belarus aus. Dort hatte Russland kürzlich ein Militärmanöver abgehalten.

Am Mittag meldete der Grenzschutz, dass russische Einheiten in die Region rund um die Hauptstadt Kiew eingedrungen seien. Am Nachmittag eroberten russische Einheiten demnach einen Flughafen nur wenige Kilometer östlich der Millionenstadt, am Abend habe es aber weiter Gefechte rund um den strategisch wichtigen Flughafen gegeben.

Aus mehreren Grenzregionen wurden Kämpfe zwischen russischen und ukrainischen Einheiten gemeldet. Am Donnerstag hatte die russische Luftwaffe zahlreiche ukrainische Städte angegriffen. Nach Angaben des Innenministeriums wurden unter anderem in Charkiw, Cherson und Odessa Kommandozentralen und andere militärische Einrichtungen bombardiert. Nach ukrainischen Angaben übernahm russisches Militär nach Kämpfen die Kontrolle über die Atomrunine von Tschernobyl, die etwa 70 Kilometer von Kiew entfernt liegt.

Die ukrainische Polizei erklärte, es gebe inzwischen fast im ganzen Land Kämpfe. Der Generalstab sprach am Mittag von mehr als 30 russischen Attacken mit Flugzeugen, Artillerie und Marschflugkörpern auf zivile und militärische Ziele. Das russische Verteidigungsministerium erklärte nach Angaben der Nachrichtenagentur Interfax, die russische Armee habe 83 Land-gestützte ukrainische Ziele zerstört. Demnach seien alle militärischen Ziele am Donnerstag erreicht worden. Überprüfen lassen sich die Angaben nicht.

137 Tote, 316 Verletzte

Unklar blieb deshalb zunächst, welche Gebiete tatsächlich unter der Kontrolle des russischen Militärs waren. Laut Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskyi sind am ersten Tag der russischen Offensive 137 Menschen durch feindlichen Beschuss ums Leben gekommen. Außerdem seien 316 Menschen bei den Gefechten verletzt worden.

In den sozialen Netzwerken tauchten zahlreiche Videos von russischen Militärkolonnen und Hubschrauber auf, teilweise waren auch Kampfhandlungen zu sehen. Allerdings lassen sich die Videos kaum unabhängig verifizieren.

In der Nacht zum Donnerstag hatte Russlands Präsident Putin in einer Fernsehansprache gesagt, Ziel sei der Schutz der Menschen, die seit acht Jahren einem "Völkermord" ausgesetzt seien. Man wolle die Ukraine nicht besetzen, sondern sie "entmilitarisieren und entnazifizieren". Putin forderte das ukrainische Militär auf, die Waffen niederzulegen. Er warnte den Westen vor einer Einmischung in den Konflikt. Die Anführer der sogenannten Volksrepubliken Luhansk und Donzek hatten Putin zuvor um Hilfe gebeten. Begründet wurde das mit angeblichen Angriffen der ukrainischen Armee.

Scholz warnt Putin

Weltweit löste der russische Angriff auf die Ukraine Entsetzen aus. Bundeskanzler Olaf Scholz warnte Russlands Präsident Putin und appellierte gleichzeitig an ihn, den Krieg in der Ukraine zu beenden. In einer Ansprache am Donnerstagabend verurteilte Scholz die russischen Angriffe erneut, zeigte sich aber selbstbewusst über den Ausgang: "Putin wird nicht gewinnen", sagte er in einer TV-Ansprache. Scholz machte den russischen Präsidenten auch allein verantwortlich für die Angriffe: "Er und nicht das russische Volk hat sich für diesen Krieg entschieden. Er allein trägt dafür die Verantwortung. Dieser Krieg ist Putins Krieg."

Autos stauen sich, während die Menschen die Kiew verlassen.
Flucht vor dem Krieg: Autos stauen sich in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Bildrechte: dpa

Scholz sagte, Putin wolle die Zeit zurückdrehen. Es gebe aber kein Zurück in die Zeit des Kalten Kriegs, als Supermächte die Welt unter sich aufteilten: "Diese Verletzung der Souveränität der Ukraine durch Russland werden wir nicht hinnehmen." Der Bundeskanzler warnte Russland auch davor, weitere Länder ins Visier zu nehmen. Er sei sich mit den amerikanischen und europäischen Partnern einig, dass man dies mit allen zur Verfügung stehenden Kräften verhindern müsse. "Putin sollte die Entschlossenheit der Nato nicht unterschätzen, alle ihre Mitglieder zu verteidigen", betonte Scholz. Das gelte sowohl für das Baltikum, Polen, die Slowakei oder Rumänien. gesprochen.

US-Präsident Joe Biden sagte, Präsident Putin habe sich vorsätzlich für einen Krieg entschieden, der katastrophale Todesfälle und menschliches Leid bringen werde: "Russland alleine ist für den Tod und die Zerstörung, die dieser Angriff bringen wird, verantwortlich."

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55 min

Nach der Eskalation in der Ukraine: Wie gut ist Joe Bidens Taktik im Konflikt mit Russlands Präsident Wladimir Putin? Und was bedeutet die Krise für das Nato-Bündnis?

MDR AKTUELL Do 24.02.2022 08:00Uhr 54:50 min

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Weitere Sanktionen gegen Russland geplant

Die Bundesregierung und die EU kündigten zudem weitere Sanktionen gegen Russland an, blieben aber noch unkonkret. Einem Entwurf zufolge wollen die EU-Staaten weitere Sanktionen nicht nur gegen Russland verhängen, sondern auch gegen Belarus vorbereiten. Die Staats- und Regierungschefs wollten unverzüglich die von der EU-Kommission vorbereiteten Maßnahmen annehmen, heißt es in dem Entwurfsdokument des EU-Rats. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte, die Allianz werde alles Erforderliche tun, um ihr Territorium zu schützen. Mehr als 100 Kampfjets seien in Alarmbereitschaft, um den Luftraum des Nato-Gebiets zu überwachen.

Gleichzeitig will die Nato ihre Truppen an der Ostflanke des Bündnisses nach dem russischen Angriff auf die Ukraine verstärken. "In den kommenden Tagen und Wochen werden noch mehr (Soldaten) kommen", sagte Stoltenberg vor Reportern in Brüssel. Die Nato aktivierte auch ihre Verteidigungspläne, um eine schnellere Truppenbewegung zu ermöglichen. In der Ukraine selbst seien keine Nato-Truppen und es gebe auch keine Pläne welche zu entsenden, erklärte der Nato-Generalsekretär.

Bundeswehr erhöht Bereitschaft

Rauch und Flammen steigen in der Nähe des Flusses Dnjepr auf.
Rauch und Flamme in der Nähe des Flusses Dnjepr. Bildrechte: dpa

Das Bundesverteidigungsministerium löste wegen des russischen Einmarschs nationale Alarm-Maßnahmen aus. Das Ministerium erklärte, die Bundeswehr sei vorbereitet und erhöhe weiter die Bereitschaft. Das bedeute auch, dass die Bevölkerung in den nächsten Tagen mehr militärische Bewegungen im öffentlichen Raum wahrnehmen könne. Dabei seien Einschränkungen im Verkehrsbereich möglich. Außerdem teilte das Verteidigungsministerium mit, dass die Bundeswehr drei weitere Eurofighter nach Rumänien verlegt hat. Zusammen mit der italienischen Luftwaffe sollten sie die Sicherheit des Nato-Luftraums in Südost-Europa gewährleisten.

Bundesregierung: Deutsche sollen Ukraine verlassen

Die Bundesregierung rief am Donnerstag alle Deutschen dringend auf, das Land umgehend zu verlassen. Die Botschaft in Kiew soll nach Aussage von Außenministerin Annalena Baerbock geschlossen werden. Nach MDR-Informationen waren am Mittwoch noch mindestens 700 Deutsche im Land, das wurde am Mittwoch in einer Sitzung des Auswärtigen Ausschusses gesagt. Allerdings wird vermutet, dass sich viele Deutsche nicht auf einer entsprechenden Liste des Auswärtigen Amts registriert haben.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 24. Februar 2022 | 13:00 Uhr

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