Ukraine-Krieg "Russland hat den Informations-Krieg um die Ukraine im Westen schon verloren"

Seit 2014 betreibt die Nato das sogenannte Strategic Communications Centre of Excellence in Riga. Das soll vor allem russische Kommunikationsstrategien beobachten, analysieren und eigene Strategien im Krieg der Informationen entwickeln. Direktor Jānis Sārts erklärt, wie der Informationskrieg um die Ukraine geführt wird, warum Russland im Westen bereits verloren hat, und warum er sich keine Sorgen macht, wenn im russischen Fernsehen über eine Ausweitung des Krieges gesprochen wird.

Portrait Janis Sarts
Der Direktor des NATO Strategic Communications Centre of Excellence Jānis Sārts Bildrechte: NATO StratCOM COE

Wie versucht Russland die öffentliche Meinung im Westen zu beeinflussen?

Da gibt es verschiedene Strategien. Zunächst betreiben sie Newsmedien in westlichen Sprachen wie etwa RT und Sputnik, die sich als "alternative" Sichtweise präsentieren, deren Narrativ aber größtenteils vom Kreml bestimmt ist. Diese Narrative werden durch ein Netzwerk von randständigen Webseiten weiterverbreitet. Zweitens versuchen sie digitale Diskussionsgruppen in unserer Gesellschaft zu infiltrieren. In den USA konnte man das beobachten. Da haben Kreml-Kräfte extrem linke wie extrem rechte Gruppen infiltriert und versucht, sie zu bestimmten Verhaltensweisen zu bringen. Dann gibt es die Bots – die werden viele Menschen kennen –, die versuchen, manche Meinungen zu verbreiten und andere zum Schweigen zu bringen. Und in letzter Zeit sehen wir, dass sie Influencer benutzen, um gewissen Inhalten Reichweite zu verschaffen, z.B. wie schlimm sich ukrainische Flüchtlinge verhalten, wenn sie in anderen Ländern ankommen.

Wie erfolgreich ist die russische Kommunikation, was den Krieg in der Ukraine betrifft?

Russland hat den Informations-Krieg um die Ukraine im Westen schon verloren. Punkt. Warum? Erstens: Es ist der erste Krieg, dessen Entwicklung wir nicht nur live sehen, sondern auch live in den sozialen Netzwerken. Die Ukrainerinnen und Ukrainer zeigen uns diesen Krieg -  also nicht jemand, der von dort berichtet, sondern viele verschiedene Menschen, die diesen Krieg selbst erleben. Es ist menschlich. Es ist emotional. Russland hat keine Strategie, damit umzugehen. Zweitens: Der Desinformations-Apparat des Kreml wusste selbst nicht, dass der Krieg an der militärischen Front derart scheitern würde. Also waren sie nicht vorbereitet.

Wie ist aus ihrer Sicht die ukrainische Informationspolitik zu bewerten?

Die zwei Schlüssel-Faktoren, die ich sehe, sind erstens, dass der Krieg live in den sozialen Medien stattfindet, was die ukrainische Bevölkerung bewerkstelligt und niemand sonst. Und zweitens ist Präsident Selenskyj zu einem weltweiten Symbol geworden, dadurch, wie er sich verhält, was für ein Anführer er ist. Das ist sicher ein Vorteil. Und natürlich sind in den letzten Jahren Strukturen für Strategische Kommunikation geschaffen worden, in denen Menschen jetzt gute Arbeit leisten.

Wolodomyr Selenskyj in einer Videobotschaft.
Filmt sich selbst: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Der Schlüsselbereich dieses Informationskrieges ist jetzt (für die Ukraine und Russland gleichermaßen – Anm. d. Red.) das russischsprachige Publikum. Dafür verwendet Russland seine meisten Ressourcen. Wenn man heute das russische Fernsehen anmacht, sieht man die ganze Zeit Kriegs-Propaganda wie aus einem Orwell-Roman. Und natürlich versuchen auch die Ukrainer das russische Publikum zu erreichen. Das ist das zentrale Schlachtfeld – und hier hat der Kreml noch die Oberhand.   

Lassen Sie uns dieses Feld genauer betrachten. Welches Narrativ verkauft Russland seiner eigenen Bevölkerung?

Die Ukraine stand kurz davor, Russland anzugreifen. Die Ukraine hat große Gräueltaten an der Bevölkerung des Donbas begangen. Oder: Die Bilder, die wir derzeit aus der Ukraine sehen, sind entweder gefälscht oder die Ukrainer haben diese Taten selbst begangen. Außerdem wird behauptet, Russland würde eine erfolgreiche Spezialoperation mit wenigen Opfern und ganz ohne zivile Opfer betreiben - und dass die Ukrainer die russischen Soldaten als Befreier mit Blumen begrüßen.

Janis Sarts
Jānis Sārts beim Interview via zoom. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Interessant ist, dass im russischen Fernsehen inzwischen davon geredet wird, nach der Ukraine nicht haltzumachen, sondern nach Polen oder den Baltischen Staaten zu greifen. Das sind keine offiziellen Stellen, die das sagen, aber immerhin große Sender zur Hauptsendezeit. Das ist eine neuere Entwicklung – die ich als Zeichen der Verzweiflung deuten würde.

Müssen wir uns also Sorgen machen?

(Schnaubt unwillig). Ach, ich bitte Sie. Ich habe rund 20 Jahre in verschiedenen Positionen im lettischen Verteidigungsministerium und in der NATO verbracht, und weiß das eine oder andere über das Militär. Ich habe noch nie dazu geneigt, die Fähigkeiten des russischen Militärs zu überschätzen, aber sie haben es geschafft, mich zu überraschen. Sie sind viel schlechter als erwartet, was Planung, Taktik, Logistik, Information und Sicherheit betrifft. Sie haben bisher krachend versagt, waren nicht in der Lage, Kiew einzunehmen. Worüber reden wir denn? Das Einzige, was das russische Militär tun könnte, wäre ein direkter Angriff auf NATO-Gebiet. Das wäre sehr, sehr leichtsinnig, denn gegen die NATO-Kräfte hat Russland keine Chance. Wieder einmal versucht man etwas zu verkaufen, was es gar nicht gibt. Das soll uns einschüchtern.

Der russischen Bevölkerung wird gesagt, dass die Ukraine Gräueltaten im Donbas begeht, sogar von einem Völkermord ist die Rede. Dennoch gibt es keine Bilder, keine Leichen, keine Gräber, keine Zeugen, überhaupt nichts. Wie verkauft man eine solche Lüge?

Wenn Menschen für einige Zeit an ihrem Fernsehschirm kleben, sind sie psychisch nicht bereit, etwas anderes zu glauben. Wenn sie anerkennen würden, wie falsch das war, was sie glaubten, und wie anders die Realität ist, würde das das Weltbild dieser Menschen zerstören. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem sich gleichzeitig ihr Leben durch die Sanktionen drastisch verändert. Deshalb sperren sie alle Informationen, die dem nicht entsprechen, aus, um ihr Weltbild zu erhalten.  Außerdem werden Bilder gestellt – etwa, wie russische Soldaten Brot verteilen und Menschen humanitäre Hilfe leisten. Oder dass Leute jetzt zum ersten Mal an einem Denkmal für die Opfer des Zweiten Weltkrieges Blumen niederlegen dürfen. Das ist natürlich Unsinn. Aber sie produzieren das wie Fernsehserien und senden das.

Aber wenn die Menschen ohnehin die ganze Zeit fernsehen und alles glauben, was da kommt, warum war es dann notwendig, ein derart drakonisches Mediengesetz zu beschließen?

Natürlich sitzt nicht die gesamte russische Gesellschaft vor dem Fernseher. Und auf Russisch gibt es die Redewendung: Wer gewinnt? Der Kühlschrank oder der Fernseher? Und irgendwann gewinnt der Kühlschrank, und davor fürchten sie sich. Das ist Putins Achillesferse. Weil er der russischen Bevölkerung etwas verkauft, was es nicht gibt, und die Realität eine ganz andere ist. Sie haben Angst vor dem Moment, wenn die Nachrichten aus der Ukraine einsickern. Und sie wollen die Situation in der Ukraine geklärt und beendet haben, bevor das passiert. So, dass sie damit umgehen können, wenn der Krieg vorbei ist. Deswegen versuchen sie so viel wie möglich zu blockieren.

Ein Demonstrant wird von Polizisten festgenommen
Proteste in Moskau: Nicht alle glauben die Geschichten von der erfolgreichen Spezialopereation ohne zivile Opfer. Bildrechte: dpa

Wir hören aus verschiedenen Quellen, dass Russen, die Verwandte in der Ukraine haben, denen dann sagen: Nein, ihr sitzt nicht im Keller, wir bombardieren euch nicht, es sind ukrainische Nationalisten, die Euch bombardieren. Das ist also eine mentale Blockade. Das sind nicht alle Russen, aber wahrscheinlich eine knappe Mehrheit. Aber selbst für diese knappe Mehrheit ist das eine zerbrechliche Sache, weil die Realität eine andere ist, und sie einholen wird.

Welche Rolle spielen denn die Berichte etwa von Verwandten und Freunden, von zurückkehrenden Soldaten, - aber auch von Popstars, die sich gegen den Krieg positionieren?

Popstars und Intellektuelle sprechen eine intellektuelle Elite an, die – wenn sie sich nicht ohnehin schon gegen den Krieg positioniert haben – zwar schweigt, aber größtenteils ohnehin schon weiß, was passiert. Die russische Gesellschaft ist aber größtenteils ländlich geprägt. Und um diese Menschen geht es, und die erreichen vor allem Geschichten von Verwandten und von zurückkehrenden Soldaten.

Das von der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Sputnik veröffentlichte Bild zeigt russische Soldaten die auf einem gepanzerten Fahrzeug auf einer Straߟe nahe der Grenze zwischen Russland und der Ukraine mitfahren.
Das von der staatlichen russischen Nachrichtenagentur Sputnik veröffentlichte Bild zeigt russische Soldaten die auf einem gepanzerten Fahrzeug auf einer Straße nahe der Grenze zwischen Russland und der Ukraine mitfahren. Bildrechte: dpa

Und die gefallenen russischen Soldaten werden niemals zurückkehren. Stellen sie sich vor: Ihr Sohn ist tot, aber sie wissen nicht wann, wie und wo er ums Leben gekommen ist, überhaupt nichts. Die gehen da ein hohes Risiko ein. Deshalb wollen sie den Krieg beenden, bevor er wieder zu Hause ankommt. Und deshalb glaube ich nicht, dass wir einen sich lang hinziehenden heißen Krieg in der Ukraine sehen werden. Ich glaube, der Kreml kann damit nicht umgehen.

Wie kann man die russische Bevölkerung noch erreichen?

Von außen nicht wirklich. Für Menschen, die die Propaganda des Kreml glauben, sind wir im Westen keine glaubwürdigen Stimmen. Eine zentrale Idee der Kreml-Propaganda ist ja, dass der Westen immer versucht hat, Russland kleinzumachen, und es die Rolle Russlands ist, dem zu widerstehen. Stimmen aus dem Westen zählen nicht. Aber was zählt, sind die Stimmen von Russen und den Ukrainern selbst.

Was können wir also tun? Wir können die unabhängigen Journalisten unterstützen, die keine Möglichkeit mehr haben, innerhalb Russlands zu agieren, ihnen helfen, weiterhin russischsprachige Inhalte zu produzieren. Wir müssen helfen, die Stimmen der Ukrainerinnen und Ukrainer zu stärken, so dass sie in Russland gehört werden können. Denn ich glaube nicht, dass die Menschen in Russland - außer vielleicht einigen in Moskau oder St. Petersburg - uns zuhören. Deshalb müssen wir russische und ukrainische Stimmen stärken.

Wir haben das Interview mit Herrn Sārts am 16. März per Videotelefonie auf Englisch geführt. Es wurde übersetzt und für bessere Lesbarkeit gekürzt.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL Fernsehen | 18. März 2022 | 17:45 Uhr

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