Krieg gegen die Ukraine Mariupol: Erst ausgebombt, jetzt ausgeraubt

Von Mariupol, der einstigen Hafen- und Stahlindustriemetropole am Asowschen Meer, ist nicht mehr viel übrig. Und das, was noch übrig ist, das beschlagnahmen Russland und seine verbündeten Kämpfer in der Ostukraine nun offenbar für sich: Tausende Tonnen Millionen Dollar schweren Stahl unter anderem aus dem lange umkämpften Azovstal-Stahlwerk. Am Dienstag lief ein erster russischer Frachter mit rund 2.500 Tonnen Stahl aus dem Hafen von Mariupol aus und nahm Kurs auf das russische Rostow am Don.

Das Gelände des Asow-Stahl-Werkes während einer Minenräumaktion russischer Truppen.
Das Azovstal-Stahlwerk in Mariupol galt als eines der größten in Europa. Über Wochen hatten sich Zivilisten und Kämpfer hier vor den russischen Angriffen verschanzt. Bildrechte: IMAGO / ITAR-TASS
Arbeiter laden in Hafen von Mariupol Bleche auf ein Schiff.
Der russische Frachter RM 3 wird im Hafen von Mariupol mit Stahlrollen beladen. Bildrechte: IMAGO / SNA

Im russischen Staatsfernsehen war es natürlich eine der ganz großen Geschichten. Schon Tage im Voraus begleitet ein Live-Reporter das Geschehen direkt vor Ort. Er erzählt von der Beräumung des Hafens von feindlichen Minen und von Lastkränen, die die ukrainischen "Nationalisten" genutzt hätten, um die Zufahrt zu blockieren. Und dann von der Einfahrt des ersten Frachters, der seit drei Monaten wieder in den Hafen einfährt, so der Reporter. Spezialeinheiten der russischen Schwarzmeerflotte würden das Frachtschiff begleiten – zum Schutz vor möglichen Saboteuren des Feindes, rattert der Fernsehmann vor laufender Kamera weiter durch seinen Bericht: 3.000 Tonnen Metallerzeugnisse soll der Frachter RM 3 schließlich aus Mariupol nach Russland bringen.
Von 2.500 Tonnen schrieb Denis Puschilin, der Anführer der selbsternannten "Volksrepublik Donezk", auf seinem Telegram-Kanal. Die pro-russischen "Volksrepublikaner", die sich selbst Separatisten nennen, hatten Mariupol zusammen mit der russischen Armee erstürmt.

"Plünderung und Raub!"

Puschilin erklärte außerdem, dass die "Volksrepublik" nun über eine eigene Handelsflotte verfüge; sie setze sich aus den Schiffen zusammen, die an den Landungskais im Hafen von Mariupol gelegen hätten. Ein Teil dieser Schiffe werde nun in die Zuständigkeit der "Volksrepublik Donezk" überführt, die entsprechenden Beschlüsse seien gefasst. Die ukrainische Regierung in Kiew verurteilt diese Vorgänge in Mariupol als "Plünderung" und "Raub". "Mit ihrem Vorgehen verstößt die Besatzungsmacht gegen die 4. Genfer Konvention von 1949 über den Schutz der Zivilbevölkerung in Kriegszeiten und gegen Artikel 8 des Römischen Statuts des Internationalen Strafgerichtshofs", beklagt Ljudmila Denysowa, die bis Ende Mai Menschenrechtsbeauftrage des ukrainischen Parlaments war.

Stahlrollen vor der Verladung auf einen Frachter im Hafen von Mariupol
Mannshohe Rollen gewalzten Stahls hat Russland aus Mariupol ausführen lassen. Und das ist wohl nur der Anfang. Bildrechte: IMAGO/SNA

Im Hafen von Mariupol hätten vor Beginn des russischen Angriffskrieges noch etwa 200.000 Tonnen Metall und Roheisen im Wert von über 170 Millionen US-Dollar gelegen, so der Direktor des Hafens. Vor dem Einmarsch der Russen sei diese Produktion für den Export nach Italien und in andere Länder vorbereitet worden. Russland werde diesen Stahl nun wohl auf dem heimischen Markt veräußern und verarbeiten müssen, mutmaßt die russischsprachige ukrainische Zeitung "Segodnya", die ihre Anfänge im Donbass der 1990er-Jahre hat und zur Media-Holding des Oligarchen Rinat Achmetow gehört. Stahl und Metall mit fragwürdiger Herkunft werde auf den internationalen Märkten keine Käufer finden, so die Zeitung.

Syrien als Markt?

Stahlrollen im Hafen von Mariupol
Ukrainischer Stahl mit falschen Papieren als Stahl aus Russland verkauft? Alles schon passiert, sagen Beobachter. Bildrechte: IMAGO/SNA

Etwas anders sieht das der Wirtschaftsjournalist Artem Iljin. Er stammt ursprünglich aus Mariupol und schreibt für das westlich orientierte ukrainische Wochenmagazin "NV", vormals "Nowoje Wremja", "Die neue Zeit" aus Kiew. Er vermutet, dass Russland aus den jetzt besetzen Gebieten in der Ukraine alles herausholen wird, was da noch zu holen ist. Und dann werde man dem Stahl zum Beispiel in Russland neue Papiere verpassen oder ihn geringfügig weiterverarbeiten, damit er als russischer Stahl verkauft werden kann. Abnehmer könnten "befreundete" Länder im Nahen Osten sein - Syrien etwa. Dieses Schema habe man die vergangenen acht Jahre schon mit Blick auf die selbsternannten "Volksrepubliken" von Donezk und Luhansk beobachten können. Metallurgische Erzeugnisse von dort seien auch schon diesen Weg gegangen.

Oligarch gegen Russland

Rinat Achmetow, 2009
Er ist ein Siegertyp: Rinat Achmetow, der reichste Mann der Ukraine. Ihm "gehören" Stahlwerke, eine Mediaholding und ein Fussballclub. Wegen der Kriegsverluste will er nun gegen Russland klagen. Bildrechte: IMAGO / Sven Simon

Der größte ukrainische Stahlhersteller, Metinvest, hatte schon früher vor solch einem Szenario gewarnt: Noch vor dem Krieg hätten fünf Schiffe mit zehntausenden Tonnen Stahl im Hafen von Mariupol gelegen. Russland könne versuchen, diese mitsamt der Ladung zu beschlagnahmen und illegal aus dem Hafen herauszuholen. Zum Stahlkonzern Metinvest gehört auch das zerbombte Azovstal-Stahlwerk in Mariupol. Hinter Metinvest steht Rinat Achmetov, der Oligarch, der nach dem Zerfall der Sowjetunion mit Stahl und Kohle aus dem Donbass zum wohl reichsten Mann der Ukraine wurde. Und der will nun gegen Russland auf Schadensersatz klagen. Denn der überwiegende Teil des Stahls und Roheisens im Hafen von Mariupol gehört seinem Unternehmen. Milliardär Achmetow schätzt allein die Verluste seiner Werke Azovstal und Ilyich Steel in Mariupol durch Russlands Krieg auf mindestens 17-20 Mrd. US-Dollar.

Sieben Trolleybusse für die "Volksrepublik"

Ein Oberleitungsbus in Kiew
Trolleybusse, hier ein neueres Exemplar in Kiew, sind noch immer das Rückrat des ÖPNV in vielen Großtädten der einstigen Sowjetunion. Bildrechte: imago images/Ukrinform

Fast schon bizarr mutet da an, was die ukrainische staatliche Nachrichtenagentur Ukrinform Ende Mai meldete. Die russischen Besatzer sollen im ausgebombten Mariupol sieben noch fahrtüchtige Trolleybusse beschlagnahmt und nach Donezk gebracht haben. Die Oberleitungsbusse, die man fast überall im postsowjetischen Raum noch vorfindet, sollen nun den öffentlichen Nahverkehr in der Hauptstadt der selbsternannten "Volksrepublik" bedienen. Die Russen und unsere ehemaligen Landsleute aus der sogenannten "Volksrepublik Donezk", schrieb dazu der Berater des Bürgermeisters von Mariupol auf seinem Telegram-Kanal, seien in ihrer Rücksichtslosigkeit beim Plündern eine vereinte Nation.

Russland hatte die strategisch wichtige Hafen- und Industriestadt Mariupol im Donbass von Beginn des Krieges an Ende Februar bis weit in den Mai hinein belagert, beschossen und bombardiert – von Land, von See und aus der Luft. Bis zu 20.000 Zivilisten sollen dabei getötet worden sein, sagt der Bürgermeister Mariupols. Russland kontrolliert die Stadt nun, nachdem sich mehr als 2.400 ukrainische Kämpfer im Mai ergeben hatten.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL TV | 01. Juni 2022 | 19:30 Uhr

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