Ernährung Was bedeuten Bio-Siegel wirklich?

Ist bio auch öko? Wie viel Tierwohl steht hinter einem Bio-Siegel? Was muss passieren, damit sich jeder bio leisten kann? Wir haben die Umwelt-Journalistin Kathrin Hartmann dazu befragt..

Obst, Gemüse und Nüsse mit BIO-Siegel
Nur wo bio drauf steht, ist auch bio drin. Bildrechte: IMAGO / blickwinkel

Bio liegt im Trend. Mit welchen Tricks arbeiten Lebensmittelhersteller, um Kunden zu suggerieren, ihre Produkte seien bio, obwohl sie es nicht sind? 

Kathrin Hartmann: Indem sie Versprechen machen, die nicht greifbar sind: klimaneutral, klimafreundlich, tierfreundlich, nachhaltig. Begriffe, die nicht überprüft werden können. Es sind schöne Bilder von schönen Landschaften, so dass man den Eindruck hat, dass alles von glücklichen Hühnern, Kühen und Schweinen kommt. Das ist der Versuch, ein eigenes Label zu machen, was aber natürlich kein Bio-Label ist.

Wir haben ja alle ein schlechtes Gewissen und denken: "as ist bestimmt alles Mist – aber hier, das ist grün. Hoffentlich ist es besser." Wir haben nicht die Kapazitäten, das nachzuverfolgen. Damit rechnen natürlich die Hersteller. Deswegen funktioniert diese Art von Greenwashing so gut.

Woran erkenne ich echte Bio-Produkte? 

Kathrin Hartmann: Jedes echte Bio-Produkt muss das EU-Bio-Siegel haben oder das deutsche Bio-Siegel. Dies ist ein staatliches Siegel und der gesetzliche Mindeststandard.   

Bio-Siegel der EU
Das ist das Bio-Siegel der EU. Bildrechte: Europäische Union

Inwiefern steht ein Bio-Siegel auch für ökologisch?

Kathrin Hartmann: Wo bio draufsteht, muss auch bio drin sein und damit gewissen Standards folgen. Da gehört dazu, dass keine chemischen Dünger oder Pestizide verwendet werden und dass Antibiotika bei Tieren soweit wie möglich reduziert oder gar nicht eingesetzt wird. Ob Produkte mit Bio-Siegel immer ökologisch sind, ist die große Frage. Da kommen zum Beispiel Shrimps mit Bio-Siegel aus Bangladesch. Man weiß, da sind die Zuchtbecken leider da, wo vorher mal Reis für die Menschen angebaut wurde. Und müssen es Bio-Erdbeeren im Winter sein? Bio muss also nicht immer ökologisch verträglich sein.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit Fleisch ein Bio-Siegel bekommt und was sagt das Siegel in Bezug auf das Tierwohl aus?

Kathrin Hartmann: Es darf kein gentechnisch verändertes Futter gefüttert werden. Die Tiere leben länger und es stehen weniger Tiere im Stall. Aber man darf nicht vergessen, dass auch in der ökologischen Landwirtschaft Tiere leben, die für die konventionelle Landwirtschaft und für den hohen Fleisch-, Milch- und Eier- Ertrag gezüchtet werden. Das heißt, die leiden schon auch.

Aber es kommt auch auf den Betrieb an. Da gibt es Betriebe, die machen das am Rande der Massentierhaltung, aber auch einzelne, die machen das wirklich richtig gut. Es ist teilweise schon ein Unterschied zu der konventionellen Tierzucht. Aber man kann nicht sagen, bio ist gleich tierfreundlich.

Inwiefern kann man sich denn sicher sein, dass ich was Gutes kaufe? Ist der Aufpreis für bio gerechtfertigt?

Kathrin Hartmann: Der Preis ist schon gerechtfertigt. Die anderen konventionellen Lebensmittel sind zwar billiger, aber das ist nur eine Illusion, denn wir bezahlen diese Billiglebensmittel mit Subventionen. Wir zahlen mit unseren Steuergeldern auch noch für den Schaden, den diese Landwirtschaft verursacht mit ihrem hohen Pestizid- und Düngerverbrauch und mit der Grundwasserverschmutzung.

Wenn wir bedenken, wie die Böden ausgelaugt werden und das Klima belastet wird durch eine solche Landwirtschaft, dann ist der Preis viel höher. Wir sehen ihn nur nicht auf dem Produkt. Bio lohnt, wenn es gut gemacht ist. Es schont die Böden, das Wasser und das Klima. Und für einen selbst muss man schon sagen, es sind keine Pestizide drin, es ist kein gentechnisch verändertes Saatgut und auch kein Hybridsaatgut im Spiel. Ich denke schon, dass es einen Mehrwert hat.

Die Umwelt schonen, mehr Geschmack und Vitamine, das wollen viele. Aber nicht jeder kann sich bio leisten. Was müsste sich landwirtschaftspolitisch ändern, damit bio bezahlbarer wird?

Kathrin Hartmann: Ich finde, dass es politisch so organisiert sein muss, dass gesunde, umwelt- und klimafreundliche Lebensmittel zu verwenden keine Frage des Geldbeutels mehr sein darf. Es sollte selbstverständlich sein. 

Ich würde mir wünschen, dass alle umweltschädlichen Subventionen abgeschafft würden. Das Bündnis gegen Tierfabriken hat herausgefunden, dass 13,2 Milliarden Euro Subventionen jährlich in die Fleischproduktion gehen. Diese Subventionen kann man anderswo sehr viel besser einsetzen. Das wünschen sich viele. Leider ist der Einfluss der Landwirtschaftslobby sehr groß.

Die Umstellung auf bio müsste den Bauern leichter gemacht werden. Großmastbetriebe sind oft verschuldet – für sie und alle anderen müsste es die Möglichkeit geben, zu sagen: "Wir steigen aus der Massenproduktion aus." Die Niederlande wären da ein Beispiel. Sie helfen den Bäuerinnen und Bauern beim Umstieg. Dafür könnte man das ganze Geld, was jetzt in die konventionelle Landwirtschaft fließt, wunderbar verwenden. Ich glaube, es wäre wirklich nicht so schwer, die ganze Landwirtschaft umzubauen.

Infos zur Expertin Die Umwelt-Journalistin und Autorin Kathrin Hartmann ist Expertin zum Thema Nachhaltigkeit und Greenwashing. Seit Jahren recherchiert sie auf diesem Gebiet. 2018 erschien ihr Buch "Die Grüne Lüge: Weltrettung als profitables Geschäftsmodell" und 2020 folgte "Grüner wird’s nicht: Warum wir mit der ökologischen Krise völlig falsch umgehen".

MDR Wirtschaftsredaktion

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 22. August 2022 | 17:30 Uhr

Mehr Gesundheit

Weitere Ratgeber-Themen