Nah dran | 25.02.2021 | MDR FERNSEHEN | 22:40 Uhr Moderne Zeiten, alte Rollenbilder?

Männer und Frauen sind nach dem deutschen Grundgesetz gleichgestellt. Das heißt aber nicht automatisch, dass sie im Alltag auch gleichberechtigt sind. Meistens bringen die Väter das Haupteinkommen nach Hause, während Mütter Kinderbetreuung und Haushalt übernehmen. Gleichzeitig wünschen sich immer mehr Väter mehr Zeit für Familie und wollen sich einbringen.

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Aufgaben im Alltag verteilen die Rumbergers immer wieder neu. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Franziska und Sebastian Rumberg leben auf einem Hof in Dessau. Am Esstisch haben sie schon oft darüber gesprochen, wer im Alltag welche Aufgaben übernimmt. "Gleichberechtigung bedeutet für mich, sich auf Augenhöhe zu begegnen", sagt Franziska Rumberg. "Für mich bedeutet Gleichberechtigung, Balance zu finden", sagt Sebastian Rumberg.

Sie ist Ärztin, er arbeitet selbstständig in der IT-Branche. In den letzten vier Jahren habe die Familie so gut wie alle Familienmodelle durchprobiert, erzählt Sebastian Rumberg: "Also sowohl, dass ich Alleinverdiener war als auch, dass Franzi 60-Stunden-Wochen als Ärztin hatte bis hin zu dem Modell, dass wir beide uns austarieren."

Nicht von Rollenfragen bestimmen lassen

Gerade ist Baby Nummer drei unterwegs. Franziska, die bis Dezember als Kinder- und Jugendpsychologin im Schichtdienst gearbeitet hat, übernimmt wieder Kinder, Haus und Hof: "Ich für mich habe kein Problem damit, Pizza zu machen und mich um Haus und Hof zu kümmern. Aber ich glaube, gerade gegenüber unserer Elterngeneration muss man sich dafür rechtfertigen. Das finde ich anstrengend."

Sich von solchen Rollenfragen nicht bestimmen zu lassen, ist für Franziska und Sebastian wichtig. Sie wollen ihren eigenen Weg finden. Sebastian Rumberg erklärt: "Wir richten fast jedes Jahr neu aus, wer wie viel für die Kinder da und für den Hof verantwortlich ist oder beruflich zu tun hat. Es geht eben nicht darum, dass einer von uns beiden Karriere macht. Sonden das ändert sich immer wieder."

Corona als Beschleuniger

Die Corona-Krise beeinflusst, wie sich Familien abstimmen. Nach einer Studie des Ministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend haben 43 Prozent der Väter nach den Erfahrungen der Corona-Zeit mit ihren Arbeitgebenden gesprochen, um flexiblere Arbeitszeiten zu diskutieren und Stunden zu reduzieren.

Väter sind durch Home-Office Wochen deutlich mehr zu Hause und investieren mehr Zeit in Haushalt und Kinderbetreuung. Am miteinander reden, am Verhandeln und Erkämpfen kommen Paare nicht vorbei.

Arbeitszeit teilen

Friederike Singer ist Lehmbauerin und restauriert den Hof der Rumbergs. Sie hat sich nach zwei Jahren Elternzeit gerade selbständig gemacht. Ihr Mann arbeitet Vollzeit im öffentlichen Dienst und ist der Hauptverdiener. Gleichberechtigung sei für sie, dass in einer Beziehung jeder die Möglichkeit habe, sein Leben so zu gestalten, wie er es gerne hätte. "Wobei dann muss ich sagen, dass es bei uns nicht ganz gleichberechtigt ist, weil ich deutlich mehr Freiheit habe als mein Mann", sagt Friedrike Singer.

Ihrer Ansicht nach ist Gleichberechtigung vor allem eine Zeit-Frage: "Tatsächliche Gleichberechtigung wäre, wenn jeder 20 Stunden arbeitet, man sich das also wirklich teilen kann."

Den Schritt, mehr Zeit bei der Familie zu verbringen, ist Sebastian Rumberg mit der Selbständigkeit vor einigen Jahren bewusst gegangen. "Ich denke, erst wenn man die Rollen mal wechselt, versteht man, was auf den Schultern des jeweils anderen lastet. Für uns sind Konflikte ein großer Teil davon, Freude ist ein großer Teil davon und ganz viel ‚Können wir uns gerade nicht leisten‘ ist auch Teil davon."

Die Zeiten, um als Familie etwas zu verändern, sind momentan vielleicht nicht die schlechtesten.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 25. Februar 2021 | 22:40 Uhr