Zum Muttertag am 10. Mai 2020 Wie die "Mutter des Muttertages" Frauen aus dem Lockdown holen wollte

Am Muttertag die Flagge zu hissen und einen Blumenstrauß zu verschenken, war ihr zu billig. Die kämpferische Methodistin Anna Jarvis wollte die Frauen schon vor 100 Jahren aus dem Lockdown befreien. Eine Erinnerung an die "Mutter des Muttertages, der in Deutschland seit 1949 traditionell am zweiten Sonntag im Mai gefeiert wird.

Eine jüngere und eine ältere Frau lächeln einander an
Die Mütter feiern! Bildrechte: Colourbox.de

Der Muttertag ist zwar kein gesetzlicher Feiertag, aber jeder kennt ihn. Und besonders Blumen- und Geschenkehandel sorgen dafür, dass er nicht in Vergessenheit gerät. Dabei wissen die wenigsten, dass sich die "Erfinderin" des Muttertages bis zu ihrem Tod nach Kräften gegen die Kommerzialisierung dieses Gedenktages gewehrt hatte. Sie hatte sogar dagegen geklagt, jedoch vor Gericht sämtliche Prozesse und auch ihr Vermögen deswegen verloren. Das ist das traurige Ende der Geschichte um die Muttertagsidee.

Denkmal für die eigene Mutter

Thomas Woodrow Wilson
Der amerikanische Präsident Thomas Woodrow Wilson erklärte 1914 per Gesetz den Muttertag am zweiten Sonntag im Mai zum offiziellen Staatsfeiertag. Bildrechte: IMAGO

Die "Mutter" des Muttertages ist Anna Marie Jarvis. Sie wurde vor am 1. Mai 1864 in einem Dorf im Bundesstaat Virginia geboren. Ihr Vater war ein methodistischer Pfarrer und Anna Marie das neunte Kind der frommen Großfamilie. Annas Vater stirbt früh und nun muss sich die Mutter plötzlich ganz allein um die Großfamilie und die blinde Schwester kümmern. Anna steht der Mutter bei. Sie heiratet nicht, wird Lehrerin und unterstützt die Mutter auch finanziell.

Doch die über alles geliebte Mutter stirbt überraschend am zweiten Sonntag im Mai 1905. Da sie Mittelpunkt und Herz der Familie war, will Anna Jarvis die Erinnerung an die stets hilfsbereite, beliebte und geschätzte Frau nicht einfach verblassen lassen. Sie beschließt, aus dem privaten Gedenken ein öffentliches zu machen und zwar für alle Mütter. Sind denn nicht alle Mütter so wie ihre? Sind es nicht die Mütter, von denen der Friede und die Versöhnung für die Welt ausgehen?

Die Idee des Muttertages trifft den Zeitgeist der Vereinigten Staaten

Am 10. Mai, dem zweiten Mai-Sonntag 1908, wird erstmals in einer Methodistenkirche in Grafton, in der Nähe von Philadelphia, ein Gottesdienst zum Muttertag gefeiert. Und Anna Marie Jarvis startet eine Kampagne: Sie wirbt mit Zeitungsartikeln und Briefen an Politiker, Frauenverbände und Kirchenführer für die Einführung eines "Freundschafts- und Danktages der Mütter". Am 8. Mai 1914 unterschreibt der amerikanische Präsident Thomas Woodrow Wilson einen vom amerikanischen Kongress einstimmig beschlossenen Erlass, dass künftig am zweiten Sonntag im Mai der Muttertag begangen werden soll. Anna Marie Jarvis hatte ihr Ziel erreicht, aber um welchen Preis?

Eine Blume: Das falsche Symbol

Blumenstrauß in Vase
Ein Blumenstrauß zum Muttertag Bildrechte: IMAGO

Am Muttertag die Flagge zu hissen und einen Blumenstrauß zu verschenken, war der kämpferischen Methodistin, die selbst nie Mutter war, zu wenig. Der Tag sollte helfen, die Rechte der Mütter – der Frauen – durchzusetzen. Beispielsweise das Frauenwahlrecht. Doch plötzlich wurde der Blumenstrauß zum Zeichen des Gedenktages.

Anna Jarvis hatte nach dem ersten Gedenkgottesdienst für ihre Mutter deren Lieblingsblume, die Nelke, verteilt: weiße Nelken für die verstorbenen Mütter, rote für die lebenden. Ein wunderbares Symbol, das zur Anregung für Blumenhändler wurde. Floristen, Juweliere, Süßwaren- und Grußkartenproduzenten witterten ihr Geschäft und vereinnahmten den Gedenktag schnell. Anna Marie Jarvis wehrte sich bis an ihr Lebensende gegen dies Vereinnahmung des Muttertages durch Handel und Industrie. Sie zieht deswegen vor Gericht. Doch die Lobby derjenigen, die an dem Tag verdienen, ist zu groß. Anna verliert alles. Schließlich kann sie noch nicht einmal das Altenheim bezahlen, in dem sie ihre letzten Lebensjahre verbringt. Die Kosten übernehmen schließlich Blumenhändler. Anna Maria Jarvis hat davon nie etwas erfahren. Sie stirbt am 24. November 1948.

Im Nazideutschland wird der Muttertag politisch besetzt

In Deutschland breitet sich der Muttertag seit 1922 aus und bekommt unter den Nazis einen bösen Beigeschmack. Sie bauen ihn in ihr rassistisches Gedankengut ein. Die kinderreiche Mutter garantiert den Fortbestand der Rasse. Die Mutter von Söhnen "produziert" die "Helden" des Deutschen Reiches. Es braucht Mütter für dringend benötigte Soldaten. Diese Instrumentalisierung der Nazis und die Kommerzialisierung des Muttertages lösen heute bei vielen Menschen zwiespältige Gefühle aus. Doch ursprünglich wollte Anna Marie Jarvis nicht mehr und nicht weniger als die Rechte der Mütter und Frauen zu stärken.

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