Anschlag in Halle Dreizehnter Prozesstag: Besucher der Synagoge und Polizisten sprechen über Terroreinsatz

Im Prozess zum rechtsextremen Terroranschlag in Halle werden weitere Besucher der Synagoge als Zeugen gehört. Außerdem schildern Polizisten ihren Einsatz. Ein Protokoll des dreizehnten Verhandlungstages am Landgericht in Magdeburg.

Polizisten stehen vor dem Gelände einer Synagoge.
Am Tag des rechtsextremistischen Anschlages, am 9. Oktober 2019, stehen Polizisten vor der Synagoge in Halle. (Archivbild) Bildrechte: dpa

Die Verhandlungen zu dem rechtsextremen Anschlag vom 9. Oktober 2019 ist am Mittwoch mit dem dreizehnten Prozesstag in den Räumen des Landgerichts Magdeburg fortgesetzt worden. Sowohl Gäste der Jom-Kippur-Feier in der halleschen Synagoge als auch Polizisten, die über den Einsatz berichten, werden vor Gericht gehört.

Zu Beginn sprechen die Zeugen Jacqueline Lauren F. und Sabrina S. Beide treten in dem Prozess auch als Nebenklägerin auf, waren zur Tatzeit mit in der Synagoge. Und sie berichten, dass sich durch die Tat viel in ihrem Leben verändert habe.

Zeugin Jaquelin Lauren F.: Täter nicht als einsamen Wolf sehen

So beschreibt die aus den USA stammende Jaquelin Lauren F. wie der 9/11-Anschlag im Jahr 2001 in New York ihren Vater verändert habe. Ihr Vater sei damals jeden Tag mit dem Zug nach Manhattan gefahren und habe dort im World Trade Center gearbeitet. Sie selbst lebe seit drei Jahren in Deutschland. "Und als im letzten Oktober im Rahmen des Terroranschlages ich mein eigenes Trauma widerfuhr, nicht auf Grund meiner amerikanischen Identität, sondern wegen meines jüdischen Glaubens, wusste ich, dass mich das für immer verändern würde", so F.

Sie selbst habe sechs Monate gebraucht, bis sie therapeutische Unterstützung gefunden hat. Sie liebe Deutschland, sehe aber ein Problem, wie die Polizei mit dem Trauma und mit Minderheiten umgegangen sei. So kritisiert sie, dass das Bundeskriminalamt die Theorie der Vernetzung innerhalb der White Supremacy-Bewegungen nicht "auf dem Schirm hat, dass keine Verbindung zwischen Christchurch und Halle gemacht wurde."

Für F. sei klar, "wenn wir den Täter als einsamen Wolf erachten, dann können wir die globale Dimension seiner Taten nicht einschätzen. Die Onlinewelt ist zu einem Hafen dieser Theorien geworden. Die Täter müssen sich nicht mehr treffen, um sich darüber auszutauschen.”

Daher bitte sie das Gericht, diese Online-Communities genauer zu untersuchten und zu verstehen, dass der Angriff von Halle eine Vorbereitung für weitere Angriffe sei.

Zeugin Sabrina S.: Jeder hätte Opfer sein können

Auch für die zweite Zeugin des Tages Sabrina S. geht der Anschlag von Halle über diese konkrete Tat hinaus. "Jeder von uns hätte ein Opfer sein können", betont sie in ihrer Aussage vor Gericht. Ihre Eltern seien in den neunziger Jahren von der Ukraine in die USA eingewandert. Ihre Mutter sei Jüdin, ihr Vater nicht. Aber jüdisch sein habe viele Bedeutungen. "Wir sind in erster Linie Menschen, die auch Jüdinnen und Juden sind", so S.

Aufgrund ihrer eigenen Lebenserfahrungen weiß sie: "Jeder hier im Gerichtssaal kann potenziell ein Opfer des Rechtsextremismus sein. Man muss sich nicht in einer Synagoge befinden. Jeder sieht hier aus wie Kevin, wie Jana, wie Ismet, wie ich. Es ist eine Gefahr für uns alle. Das Problem wird nicht damit enden und gelöst sein, dass der Angeklagte im Gefängnis sitzt."

Die Tat sei keine Überraschung für sie gewesen. Man radikalisiere sich auch nicht über Nacht, so S. Die Gesellschaft gehe einige Schritte und dann setze man, wie hier der Angeklagte, den Rest des Weges im Internet fort.

Nach einer Unterbrechung wird der Prozesstag mit der Anhörung der Polizisten fortgesetzt.

Anhörung der Polizeibeamten

Als erstes wird in der Fortsetzung des Verhandlungstages der Polizeibeamte Dirk F. gehört. Er war am Tattag in Richtung Ludwig-Wucherer-Straße unterwegs und schildert, wie er den Funkspruch gehört, seine zwei Kollegen Sonderausrüstungen angelegt hätten und wie am Einsatzort nach dem Aussteigen direkt auf sie geschossen worden sei. Sie seien sofort hinter dem Funkwagen in Deckung gegangen, er habe den Täter durch die Scheiben sehen können.

Nach dem Einsatz habe er sich Hilfe gesucht und leide an den Folgen des Erlebten.

Ein weiterer Polizeibeamter wird in den Zeugenstand gebeten, Daniel L. Auch er berichtet, wie sie von dem Einsatz und dem Schusswechsel gehört haben, sich in der Folge Spezialausrüstung angezogen und die Maschinenpistole geladen hatten.

Der Schusswechsel in der Ludwig-Wucherer-Straße

L. beschreibt, wie er am Einsatzort eine Person mit Helm und Schussweste sowie Langwaffe gesehen habe und eine Kugel ihr Auto traf. Er habe hinter dem Auto Schutz gesucht und die Schüsse erwidert. L. musste das Feuer jedoch einstellen, da sich ein Auto näherte und er Zivilpersonen am Weg wahrgenommen habe.

Als der Täter ins Auto stieg, seien sie ihm hinterher gefahren. Ein Passant habe ihnen gedeutet, dass das Auto abgebogen sei. Dort hätten sie das Auto nicht mehr gesehen.

Auch bei ihm hätten sich die Folgen des Tattages bemerkbar gemacht. Er sei krankgeschrieben gewesen und habe sich Hilfe gesucht. Problematisch am Einsatz sei gewesen, dass nicht genug Beamte zur Verfügung gestanden hätten und viele Passanten vor Ort gewesen seien.

Zwischendurch richtet er als Zeuge auch eine Frage an den Angeklagten, ob das emotionale Schildern der Aussage des Vaters von Kevin S. am zwölften Verhandlungstag etwas ausgelöst habe. Der Angeklagte antworte: "Man sieht die Folgen des eigenen Scheiterns." Auch dass der Vater sehr aufgelöst gewesen sei, habe ihn tief getroffen.

Andere Regeln bei solchen Einsatzlagen

Auf die Kritik an der Polizei angesprochen – insbesondere am Verhalten der Beamten vor der Synagoge, erklärt er, er habe Kritik gehört, aber auch viel Lob. In solchen Lagen würden andere Regeln gelten. Die oberste Regel sei, den Tatort abzusperren und zu sichern. Wenn das getan sei, könne mit der medizinischen Versorgung begonnen werden. Auch sie hätten die Aufgabe, jeden Abend sicher nach Hause zu kommen.

Eine Situation auf Leben und Tod

Später im Verlauf der Zeugenaussagen wird Polizeikommissarin Sarah B. gehört. Auch bei ihr habe der Tag deutliche Spuren hinterlassen schildert sie. Zunächst erklärt sie detailliert, was sie auf der Ludwig-Wucherer-Straße gesehen und erlebt hat, die Passanten, das Fahrzeug, den Schützen und unter welchem situativen Entscheidungsdruck sie Entscheidungen treffen musste.

Angesprochen darauf, ob auch sie es so wahrgenommen habe, dass es um Leben und Tod gehe, so wie der Angeklagte es im Video sagte, sagt B.: "Absolut. In dem Moment, wo jemand mit der Langwaffe auf sie zielt, denken sie auch, es ist vorbei."

Halle sei zwar eine Stadt, wo man "Einsätze mit hohem Gewaltpotential erlebt", erklärt B. Aber nicht in diesem Maß. Die Einsatzstrategie liege auf Kommunikation und Deeskalation und nicht auf Schusswechsel. Trotzdem sei sie durch ihre Ausbildung auf eine solche Situation vorbereitet gewesen. "Das sind Situationen, die man durchspielt", führt Sarah B. aus.

Als letzter Zeuge wird ein 29-Jähriger Polizeibeamter befragt, der zur Tatzeit mit einem Kollegen in einem zivilen Fahrzeug unterwegs gewesen sein soll. Der Beamte schildert die Situation in der Ludwig-Wucherer-Straße und dass sie Schüsse wahrgenommen hätten. Sie seien dem flüchtenden Angeklagten mit dem Auto gefolgt und hätten nach Absprache mit dem Lagezentrum die Fahndung Richtung Riebeckplatz fortgesetzt. Später sei er auch über die A9 gefahren und mit Zeitverzug auf der B91 bei Zeitz angekommen, wo der Angeklagte schon festgenommen gewesen sei.

Hintergrund des Gerichtsverfahrens

Seit Juli läuft vor dem Oberlandesgericht Naumburg der Prozess um den Anschlag auf die Synagoge von Halle. Aus Platzgründen wird der Prozess aber in den Räumen des Landgerichts in Magdeburg geführt. Dort steht der größte Gerichtssaal Sachsen-Anhalts zur Verfügung.

Der 28-jährige Stephan B. hatte gestanden, am 9. Oktober 2019 schwer bewaffnet versucht zu haben, die Synagoge von Halle zu stürmen und ein Massaker anzurichten. Darin feierten gerade 52 Menschen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. Der Attentäter scheiterte jedoch an der Tür, erschoss daraufhin eine Passantin, die zufällig an der Synagoge vorbei kam, und später einen jungen Mann in einem Dönerimbiss.

Stephan B. ist wegen zweifachen Mordes, versuchten Mordes in 68 Fällen, versuchter räuberische Erpressung mit Todesfolge, gefährlicher Körperverletzung, fahrlässiger Körperverletzung und Volksverhetzung ageklagt.

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Bildrechte: Tom Wunderlich/Max Schörm

Quelle: MDR/mp

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT HEUTE | 16. September 2020 | 19:00 Uhr

2 Kommentare

Gerd Mueller vor 4 Wochen

sehe ich auch so @Simone und die "Schande" für Polizei eskaliert weil Vertrauen missbraucht oder sich vorsätzlich bei Sicherheitsinstitutionen beworben wurde. Problematisch ist das es scheinbar keine Überprüfung gibt und sich Nazis so Zugang zu Waffen und Ausbildung verschaffen.

Simone vor 5 Wochen

Auch ich sehe das Problem der Vernetzung bei rechtsextremistischen Terroranschlägen. Ähnlich wie bei islamistischem Terror gibt es da die dummen Täter, die letztendlich die Straftaten begehen und die Hassprediger auf verschiedensten Ebenen, die ihnen ihre Ideologien in die Köpfe setzen.

So mancher der sich an rechten Gewaltphantasien im Internet aufgeilt und radikalisiert wird erst so richtig gefährlich, wenn seine Thesen und Ideologien nicht nur von unpersönlichen Chatnamen geteilt werden, sondern wenn man diese jede Woche in Dresden bei bestimmten Demonstrationen hört und selbst Parlamentarier im Bundestag diese Ideologien bedienen.

Letztendlich gibt es in unserer Gesellschaft viele Bindeglieder zwischen Rechtsterrorismus, Rechtsextremisten, dessen Sympathisanten und deren parlamentarischer Vertretung. All diese kleinen Bausteine erzeugen dann Rechtsterroristen.

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