Pläne für Wohnviertel Stadtrat in Magdeburg fällt Grundsatzentscheidung zu Stadtmarsch-Bebauung

Kalina Bunk
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Der Magdeburger Stadtrat entscheidet am Donnerstag, ob die Ideen für neue Wohnungen an der Elbe weiterverfolgt werden. Die Fraktion Gartenpartei/Tierschutzallianz will, dass die Pläne gekippt werden. Fragen und Antworten zum Bauvorhaben.

Der Alte Markt und das Rathaus in Magdeburg sind Teil einer Lichtinstallationen aus weihnachtlichen Motiven.
Im Rathaus entscheidet sich: Werden die Pläne für den "Grünen Stadtmarsch" weiter geprüft? Bildrechte: dpa

Der Magdeburger Stadtrat trifft sich am Donnerstag zu seiner ersten Sitzung im neuen Jahr. Dabei steht ein brisantes Thema auf dem Programm: die Pläne für ein neues Wohnviertel am Kleinen Stadtmarsch. Die kommunale Wohnungsbaugesellschaft Wobau und die Genossenschaft MWG wollen hier 300 bis 400 Wohnungen errichten – direkt an der Elbe mit Blick auf den Dom.

Im Februar 2018 hatte der Stadtrat grundsätzlich für die Möglichkeit gestimmt, das Gebiet zu bebauen. In einem sogenannten Satzungsverfahren solle geprüft werden, ob ein Bau tatsächlich möglich sei und wie er aussehen könne.

Doch die Pläne sind umstritten. Die Fraktion Gartenpartei/Tierschutzallianz hat beantragt, dass genau dieser Beschluss aufgehoben wird – dass also nicht länger geprüft wird, ob ein Wohnviertel an dieser Stelle umsetzbar ist. Die Begründung: Das Areal gehöre zum Stadtpark und solle als Grünfläche/Parkanlage ausgewiesen werden. Der Stadtpark habe eine wichtige stadtklimatische Bedeutung, müsse geschützt und aufgeforstet werden.

Details zum Bauvorhaben

Laut dem Stadtratsbeschluss aus dem Jahr 2018 soll es sich um ein sozial durchmischtes Wohngebiet mit hohem Grünanteil handeln. Zudem ist geplant, dass die Bürger frühzeitig in die Planungen einbezogen werden und dass es auf dem angrenzenden Messeplatz auch nach der Bebauung Veranstaltungen gibt.

Wobau und MWG wollen, dass das Viertel autofrei ist und ohne Energie von außen auskommt. Zudem sind Cafés und andere Treffpunkte für die Öffentlichkeit geplant.

Luftaufnahme von Magdeburg vom 11. März 1931
Diese Aufnahme von 1931 zeigt: Der Stadtmarsch (oben rechts) ist vor dem Zweiten Weltkrieg schon einmal bebaut gewesen. Bildrechte: Stadtarchiv Magdeburg, Fotos HBA, Nr. 7917

Gegner fürchten um Bäume

Eine im Juli 2019 gegründete Bürgerinitiative macht ebenfalls gegen die Pläne mobil. Auch ihrer Ansicht nach gehört die umstrittene Fläche zum Stadtpark. Vorhandenes Stadtgrün müsse erhalten bleiben, in dem Areal dürften keine Wohnungen gebaut werden, so die Argumente. Die Gegner hatten Anfang der Woche erneut gegen die Baupläne protestiert, für den Donnerstag ist eine weitere Demonstration geplant.

Einen konkreten Zeitplan, wann der Bau beginnen könnte, gibt es derzeit noch nicht. Man müsse zunächst die Stadtratssitzung abwarten, so MWG-Vorstand Thomas Fischbeck. Erst danach könnten vertiefende Planungen beginnen. Man wolle die Ideen – wie in der Vergangenheit bereits geschehen – der Öffentlichkeit präsentieren. Dafür müsse man sich auch Zeit nehmen.

Eine Visualisierung der Pläne für den Kleinen Stadtmarsch in Magdeburg.
So sehen die aktuellen Planungen für das neue Wohnviertel aus. Ein Parkhaus soll Lärm des Messegeländes abschirmen. Außerdem ist eine neue Brücke für Fußgänger und Radfahrer vorgesehen. Bildrechte: Wobau und MWG

Dieser Standort ist uns so wichtig und so einmalig in Magdeburg, dass es einfach wichtig ist, dass man sich dafür diese Zeit nimmt.

MWG-Vorstand Thomas Fischbeck

Fischbeck hofft, dass die Stadträte dem Projekt eine Chance geben. Es handele sich um eine wunderbare Möglichkeit, Stadtentwicklung an so einem prominenten Standort zu zeigen. Das habe Magdeburg verdient.

Antworten auf Nutzer-Fragen

Dass dies allerdings nicht jeder so sieht und dass die geplante Stadtmarschbebauung in Magdeburg für Diskussionen sorgt, zeigen auch die Kommentare, die wir unter unseren Artikeln zum Thema bekommen.

Wir haben Fragen unserer Nutzer an Wobau-Geschäftsführer Peter Lackner weitergegeben:

Wie soll das neue Wohnviertel genau aussehen?

Peter Lackner, Geschäftsführer Wobau: Es sollen 300 bis 400 Wohnungen entstehen auf fünf bis sechs Etagen. Im unteren Bereich sind gewerbliche Einheiten geplant. Etwa Cafés oder auch ein Fahrradshop, in dem man sein Fahrrad reparieren lassen kann. Das Viertel soll ein öffentlicher Bereich werden. Über dem gewerblichen Bereich sind dann Wohnungen die Wohnungen geplant, die auch zur Belebung des Quartiers beitragen.

Das Quartier ist autofrei geplant – wie soll das konkret funktionieren?

Peter Lackner, Geschäftsführer Wobau: Wer ein eigenes Auto hat, kann das generell natürlich nutzen. Wir wollen aber im Quartier keine Autos haben. Das heißt: Da ist dann ein Parkhaus, das am Messeplatz gebaut wird und da können Mieter ihre Autos hineinstellen.

Das Viertel soll sozial durchmischt sein. 20 Prozent der Wohnungen sollen für Haushalte mit geringerem Einkommen zur Verfügung stehen. Wie lange bleibt das so?

Peter Lackner, Geschäftsführer Wobau: Für immer, d.h. für die wirtschaftliche Abschreibungsdauer eines Gebäudes (40 bzw. 50 Jahre). Es werden einkommensschwache Haushalte an der Elbe wohnen können. Ihre Mieten entsprechen den KdU-Sätzen, den "Kosten der Unterkunft", die für Geringverdiener vom Amt übernommen werden. Diese Sätze passen sich im Laufe der Jahre natürlich auch an den Markt an. Aber wenn der KdU-Satz in Magdeburg beispielsweise sechs Euro beträgt, wird eine Etage im Wohnhaus zu sechs Euro pro Quadratmeter vermietet und die anderen vier Etagen für marktübliche Mieten. Im Durchschnitt können an dieser Stelle so neun bis zehn Euro erzielt werden. Wir halten das bei dieser Lage mit Blick auf den Dom für schaffbar. In Neu Olvenstedt oder Reform beispielsweise würde das dagegen nicht funktionieren.

Warum sollen am Kleinen Stadtmarsch überhaupt neue Wohnungen gebaut werden, obwohl es Leerstand in Magdeburg gibt?

Peter Lackner, Geschäftsführer Wobau: Wir haben relativ viel Leerstand in Plattenbaugebieten. Da möchten natürlich nicht alle wohnen. Das Grundsatzproblem ist, dass das Angebot nicht der Nachfrage entspricht. Viele Menschen wünschen sich ein anderes Zuhause als zu DDR-Zeiten. Die einfache Sanierung einer Platte reicht da nicht aus.

Kommt es zur Bebauung, soll es auf dem Messeplatz weiterhin Veranstaltungen geben. Das bedeutet Lärm. Wie wollen Sie sicherstellen, dass beide Seiten – Veranstalter und Mieter – zufrieden sind?

Peter Lackner, Geschäftsführer Wobau: Wir lösen das konstruktiv. Gegenüber des Messeplatzes soll ja ein Parkhaus mit etwa 400 Stellplätzen entstehen, das auch als Schallschutz dient. Bisher wird am Messeplatz oft "wild geparkt". Das Parkhaus könnte auch dieses Probleme lösen, indem wir auch für Besucher von Veranstaltungen oder des Stadtparkes Parkmöglichkeiten anbieten. 

Die neuen Wohngebäude sollen sich selbst mit Strom versorgen können. Wie kann man sich das vorstellen?

Peter Lackner, Geschäftsführer Wobau: Wir haben mit Professor Timo Leukefeld einen Spezialisten gefunden, der im Bereich alternative Energien und Energieautarkie führend ist. In der jetzigen Phase brauchen wir allerdings erstmal einen Bebauungsplan bzw. das "Go" zum Bauen. Wir haben aber einige Referenzobjekte in Erfurt und Cottbus. Wir haben jetzt die Chance, das erstmalig als Gesamtkonzept zu bauen und nicht als Einzelhaus.

Was wir wollen, ist ein Quartier, das den neuen Anforderungen entspricht. Also Null-Energie-Haus, und dass wir zum Beispiel auch Quartiers-Autos anbieten. Diese Autos sollen über regenerative Energien geladen werden und den Mietern zur Verfügung stehen.

Für die Fläche war früher einmal der Bau eines Medienzentrums vorgesehen. Dafür gibt es auch Baurecht, für den Bau von Wohngebäuden allerdings noch nicht. Wo genau liegt da der Unterschied?

Peter Lackner, Geschäftsführer Wobau: Eine Gewerbe-Einheit hat zum Beispiel andere Anforderungen an den Lärm-/Schallschutz. Gegenüber dem Messeplatz gewerbliche Einheiten zu bauen wäre relativ einfach, weil die Bedingungen geringer sind. Bei Wohngebieten ist das technisch schwieriger zu lösen – aber auch möglich, wir haben das ja untersucht.

Wie steht es um den Hochwasserschutz in dem Gebiet?

Peter Lackner, Geschäftsführer Wobau: An der Stelle gab es noch nie Hochwasser, weil das Areal höher liegt als die Fläche des Stadtparks – durch die Auffahrt zur Brücke, die es dort gibt. Wir würden sogenannte "Opfer-Geschosse" einbauen, die bei Hochwasser überflutet werden. Da könnte man regulär Fahrräder unterstellen. Und wenn es zu einer Überflutung kommen sollte – was ich nicht glaube – würde das Geschoss dazu führen, dass die Situation unproblematisch bleibt. Darüber hinaus ist das Areal durch seine höhere Lage hochwassersicher.

Was passiert mit verbliebenen alten Bäumen auf dem Gelände?

Peter Lackner, Geschäftsführer Wobau: Die Fläche war früher schon einmal bebaut, da standen in der Vergangenheit Häuser. Da kann ein Baum heute höchstens 70 Jahre alt sein, das sind an der Stelle keine 100 Jahre alten Bäume. Das sind Fehlinformationen. Es sind also sehr wenige alte Bäume vorhanden – und die kann und sollte man schützen und in das Gesamtkonzept einbauen.

Kalina Bunk
Bildrechte: MDR/Jörn Rettig

Über die Autorin Kalina Bunk arbeitet seit 2015 für MDR SACHSEN-ANHALT – in der Online- und in der Hörfunkredaktion. Sie schreibt für mdrsachsenanhalt.de, verfasst und spricht die Nachrichten im Radio und ist als Reporterin im Land unterwegs. Aufgewachsen ist sie in Bremen. Dort und in Madrid studierte sie Kulturwissenschaft und Germanistik. Danach war sie für mehrere private Radiosender in Bremen und Berlin tätig. An der Arbeit als Redakteurin fasziniert sie, dass jeder Arbeitstag anders aussieht und dass man täglich etwas Neues dazu lernt.

Quelle: MDR/kb

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT – Das Radio wie wir | 23. Januar 2020 | 07:30 Uhr

1 Kommentar

Altmagdeburger vor 45 Wochen

Es standen vor den 2 Weltkrieg schon immer dort Häuser und wer meint er muss nasse Füße bekommen, dann bitte schön.

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