13.07.2020 | 16:25 Uhr Rätselhafter Festschmuck: Eine tropische Meeresschnecke und ihr Weg zu den Osterreitern

Seit Jahrhunderten finden zu Ostern in der sorbischen Lausitz Prozessionen zu Pferd statt. Den traditionellen Pferdeschmuck der Osterreiter zieren kleine, weiße Schalen, über die bislang kaum etwas bekannt ist. Die Künstlerin Karoline Schneider hat sich auf die Suche gemacht und forscht, wie tropische Meeresschnecken aus dem indopazifischen Raum in die Lausitz gekommen sind. Erste Ergebnisse zeigt sie in einer Ausstellung in der Leipziger Baumwollspinnerei.

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Sorbische Osterreiter mit traditionellem Festschmuck. Bildrechte: MDR/Andreas Spittank

Eine kleine weiße Schnecke springt Karoline Schneider vor etwa drei Jahren plötzlich ins Auge. Auf einem Osterbesuch in der Lausitz erkennt sie die Schalentiere auf den Geschirren der Osterreiter wieder. Karoline Schneider hatte nach ihrem Kunststudium an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig im Grassi Museum für Völkerkunde gearbeitet. Dort waren ihr die markanten weißen Schalen mit dem Schlitz in der Mitte bereits in den ethnologischen Sammlungen aufgefallen. Nun wollte sie unbedingt herausfinden, wie es die sogenannten Kaurischnecken auf die Geschirre der sorbischen Osterpferde gebracht haben. Dabei merkte sie jedoch schnell, dass bislang kaum etwas über die alte Tradition bekannt ist.

Die Kaurischnecken tauchen weltweit auf und bekommen eine Bedeutung zugeschrieben. Es kann helfen, die sorbische Tradition als Teil der Weltgeschichte neu zu entdecken.

Karoline Schneider | Künstlerin
Keramiken von Karoline Schneider zeigen Palmenblätter, mit denen die Kaurischnecken gefischt wurden.
Keramiken von Karoline Schneider zeigen Palmenblätter, mit denen die Kaurischnecken gefischt wurden. Bildrechte: MDR/Franziska Hentsch

Die Kaurischnecken stammen ursprünglich aus dem indopazifischen Raum. Dort müssen die auf dem Meeresboden lebenden Tiere gefischt werden. Als alte Fangmethode auf den Malediven dienten beispielsweise Palmenblätter, die in die in Lagunen gelegt wurden. Die Schnecke kletterte an die Blattunterseite, um Nahrung zu finden. Die vollen Palmenwedel wurden dann an Land gezogen und am Strand getrocknet. Erst wenn das Fleisch des Tieres verschwindet, wird die typisch glänzendende Schale erkennbar.

Wie kamen die Kauris vor Jahrhunderten in die Lausitz?

Die Kuratorin des Sorbischen Museums in Bautzen, Andrea Paulik, schmückt eine Pferdefigur passend für das Osterreiten. Das traditionelle Osterreiten war in diesem Jahr coronabedingt abgesagt worden.
Mit der Kamera begleitete Karoline Schneider den Aufbau der Oster-Ausstellung im Sorbischen Museum. Der Film zeigt Kuratorin Andrea Paulik beim Schmücken einer Pferdefigur. Das traditionelle Osterreiten war in diesem Jahr coronabedingt abgesagt worden. Bildrechte: MDR/Franziska Hentsch

"Es gibt mehrere Zeiten und mehrere Wege, wie die Kauris in der Welt verbreitet wurden“, weiß Karoline Schneider. "Von den Malediven wurden die leeren Schneckenhäuser nach Indien gebracht. Dort waren sie eine Art Währung, wie ein Groschen. Der Name Kauri ist auch die Hindi-Bezeichnung für 'kleine Münze'. In China war es sogar die allererste und dauerhafteste Währung, ab dem Jahr 2000 vor unserer Zeitrechnung. Wir nehmen an, dass sie über die Seidenstraße zusammen mit anderen Gütern relativ früh den Weg nach Europa gefunden hat", erklärt die Künstlerin.

Mehr als Schmuck oder Geld

Ihre Recherchen führten Karoline Schneider auch zum Sorbischen Museum in Bautzen, das die Künstlerin bei ihrer Arbeit unterstützt. Auch hier weiß man bislang sehr wenig darüber, wie die Schneckengehäuse den Weg in die Lausitz zu den Sorben gefunden haben. Karoline Schneider hat mehrere mögliche Bedeutungen weltweit ausgemacht, die über die Funktion als Schmuckstück oder eines der ältesten nicht-münzlichen Zahlungsmittel hinausgehen. So werden die Schnecken in Westafrika beispielweise auch als Orakel für Zukunftsfragen genutzt - eine Tradition, die durch den transatlantischen Sklavenhandel auch auf den amerikanischen Kontinenten populär geworden ist.

Schnecke als Fruchtbarkeitssymbol?

Ein Hersteller der sorbischen Ostergeschirre aus Radibor berichtete Schneider, es sei eine Art militärische Panzerung, der auch schon auf Husarenpferden zu finden war. Andere wiederum sehen in der ovalen Schnecke ein menschliches Auge, das als Schutzauber gegen den sogenannten Bösen Blick dienen könnte. Karoline Schneider sieht derzeit eher einen Zusammenhang mit der Ähnlichkeit zum weiblichen Geschlechtsorgan. Viele Kulturen haben das zum Anlass genommen, um die Schnecken als Fruchtbarkeitssymbol zu deuten. Die Deutung der Kauri als Vulva könnte wiederum mit dem Brauch der Segnung der Felder durch die Osterreiter zusammenpassen.

Forschung soll weitergehen

Noch gibt es mehr Rätsel als Antworten. Die Medienkünstlerin Karoline Schneider zeigt die ersten Ergebnisse ihrer Recherchen in einer Ausstellung in der "Galerie b2_" in der Leipziger Baumwollspinnerei noch bis zum 18. Juli. Danach will sie ihre Arbeit fortsetzen. Soeben hat sie die Zusage für einen Doktorarbeit an der Bauhaus Universität Weimar erhalten und kann in den nächsten drei Jahren weitere Feldforschungen zur Spurensuche der geheimnisvollen Kaurischnecken auf dem sorbischen Pferdegeschirr durchführen.

Bildergalerie Ausstellung "kóstkaty slěd" von Karoline Schneider in Leipzig

Der sorbische Titel "kóstkaty slěd" bedeutet knöcherne Fährte. Zu sehen sind in der Galerie b2_ der Leipziger Baumwollspinnerei Keramiken, Videoinstallationen und sorbische Traditions-Objekte.

Die Künstlerin Karoline Schneider erklärt Besuchern einen von ihr handgeknüpften Teppich
Die Künstlerin Karoline Schneider erklärt den von ihr handgeknüpften Teppich, der die Handelsrouten der Kauri von den Malediven über Süd- und Westafrika nach Westeuropa und nach Westafrika zurück zeigt. Bildrechte: MDR/Franziska Hentsch
Die Künstlerin Karoline Schneider erklärt Besuchern einen von ihr handgeknüpften Teppich
Die Künstlerin Karoline Schneider erklärt den von ihr handgeknüpften Teppich, der die Handelsrouten der Kauri von den Malediven über Süd- und Westafrika nach Westeuropa und nach Westafrika zurück zeigt. Bildrechte: MDR/Franziska Hentsch
Ergebnisse einer Forschungsarbeit über Kaurischnecken
Die Ausstellung "kóstkaty slěd" von Karoline Schneider in der Galerie b2_ der Leipziger Baumwollspinnerei: Der sorbische Titel bedeutet knöcherne Fährte. Bildrechte: MDR/ Franziska Hentsch
Bücher
Bei ihren Recherchen stieß Karoline Schneider auf Hinweise in der Literatur unterschiedlicher Bereiche - etwa aus Kulturwissenschaft, Ethnologie, Sorabistik und Geschlechterforschung. Bildrechte: MDR/Franziska Hentsch
Ein traditionelles Pferdegeschirr eines Osterreiters verziert mit Kaurischnecken.
Ein traditionelles Pferdegeschirr eines Osterreiters verziert mit Kaurischnecken. Das Exponat hat ein Osterreiter ausgeliehen. Bildrechte: MDR/Franziska Hentsch
Andrea Paulik beim schmücken einer Pferdefigur
Karoline Schneider hat den Aufbau der Oster-Ausstellung im Sorbischen Museum mit der Kamera begleitet. Der Film zeigt Kuratorin Andrea Paulik beim Schmücken einer Pferdefigur. Das traditionelle Osterreiten war in diesem Jahr coronabedingt abgesagt worden. Bildrechte: MDR/Franziska Hentsch
Zwei Bildschirme zeigen Osterreiter-Motive
Die Filme von der Oster-Ausstellung sind Teil der Arbeiten von Karoline Schneider. Sie dokumentieren, wie Bräuche immer wieder neuinterpretiert werden und sich so exotische Objekte einschleichen konnten. Bildrechte: MDR/Franziska Hentsch
Keramiken von Karoline Schneider in Form von Palmenblättern
Keramiken von Karoline Schneider zeigen Palmenblätter, mit denen die Kaurischnecken gefischt wurden. Darstellungen von Palmenwedeln gehören zu den ältesten bekannten Pflanzensymbolen der Menschheit und sind wie die Kaurischnecke ein lange verwendetes kulturelles Zeichen. Bildrechte: MDR/Franziska Hentsch
3 sogenannte Ostersemmeln in Form tropischer Palmblätter
Zu sehen sind auch drei sogenannte Ostersemmeln. Sie werden traditionell in der wendischen Niederlausitz zu Ostern gebacken und von Paten an ihre Patenkinder verschenkt. Zu Palmsonntag gebacken stellen die Brote Palmblätter dar. Karoline Schneider geht auch der Frage nach, wie tropische Palmenblätter Eingang in sorbische Bräuche fanden. Bildrechte: MDR/Franziska Hentsch
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