Mann mit Helm und Arbeitskleidung im Steinbruch des ehemaligen KZ Buchenwald.
Insgesamt drei bislang verborgene Stollen wurden in den vergangenen Tagen entdeckt. Bildrechte: MDR/Holger John

Wissenschaftliche Untersuchungen Dritter Stollen im ehemaligen Steinbruch an KZ-Gedenkstätte Buchenwald entdeckt

Auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald sollen Grabungen das Wissen um die Geschichte dieses Ortes vervollständigen. Donnerstag wurde ein weiterer bislang verborgener Stollen entdeckt.

von Conny Marouner

Mann mit Helm und Arbeitskleidung im Steinbruch des ehemaligen KZ Buchenwald.
Insgesamt drei bislang verborgene Stollen wurden in den vergangenen Tagen entdeckt. Bildrechte: MDR/Holger John

Mühelos, scheinbar ohne großen Kraftaufwand frisst sich der Baggerlöffel in den Abhang hinein. Nach einiger Zeit hat er die Steinbruchkante erreicht. Eine Felswand wird sichtbar.

Man kann nur erahnen, welche unmenschlichen Szenen sich hier vor über 70 Jahren abgespielt haben, als Häftlinge mit kleinem Werkzeug und bloßen Händen Gestein aus der Wand schlugen und sich bis zum Tode quälten. Sie mussten Stollen bauen. Am Donnerstagnachmittag wurde ein dritter Stollen auf dem Gelände des Steinbruchs an der KZ-Gedenkstätte Buchenwald gefunden.

Auf dem Weg dorthin legte der Bagger wieder Waffenteile frei. Sprengstoffexperte Michael Heinze barg Panzerfaustköpfe, Fragmente von Maschinengewehren, Granaten und Gewehrläufe. Vermutlich, so sagt Heinze, sollten die Teile gesprengt werden. Heinze ließ seine Kollegen kommen, die explosive Ladung wurde vorsichtig abtransportiert und unschädlich gemacht. Nach den Waffen traf die Baggerschaufel auf Schienen - und wie schon vor wenigen Tagen - auf Teile einer Lore.

Steinbruch ist nach den Grabungen wieder erkennbar

Als loses Gestein folgt, ist sich Bergbauexperte Ralf Haase sicher: Hinter dem aufgeschütteten Erdreich liegt ein Stolleneingang. Kurz vor halb fünf war es soweit: Unter dem Baggerlöffel kommt ein kleines Loch zum Vorschein. Dahinter ein Hohlraum. Es wurde weiter gebaggert, bis Bergbauingenieur Ralf Haase das Stopp-Kommando gibt, um in den Hohlraum einzusteigen.

Bagger wuchtet großes Metallteil aus Steinbruch des ehemaligen KZ Buchenwald.
Ein Bagger wuchtet einen Teil einer Lore aus dem einstigen Steinbruch. Bildrechte: MDR/Holger John

Haase entdeckt wieder einen dunklen, muffigen Gang, mehrere Meter lang, mit einer kleinen Kurve. Wie schon beim zweiten Stollen - statt Raubgut oder Akten - Leere. Ein bisschen loses Gestein, sagt Haase, eine verrostete Tonne. Und doch ist dieser Stollen für den Bergbauexperten besonders: Dieser Stollen ist an den Wänden dunkel verfärbt. Ein Indiz dafür, dass er gesprengt wurde, sagt der Haase, als er aus dem schwarzen Loch heraus klettert. Der Hohlraum sollte möglicherweise unentdeckt bleiben.

Nach den Grabungsarbeiten der vergangenen Tage ist der Steinbruch von Buchenwald wieder erkennbar. In den vergangenen Jahrzehnten war Gras darüber gewachsen. Nun sind die Stolleneingänge frei gelegt. "Wir haben hier nun ein Fenster in die Geschichte", sagt der Bergbauingenieur.

Wie es weitergeht, muss die Gedenkstätte Buchenwald entscheiden. Die Stollen könnten gesichert und vermessen werden. Oder sie werden zugeschüttet und verschlossen. Im Moment stellen sie ein Sicherheitsrisiko dar. Lose Gesteinsbrocken hängen überall. Das Projekt des MDR ist an dieser Stelle vermutlich beendet. Es werden drei Filme entstehen. 2020 werden sie auf arte und dem MDR zu sehen sein.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 10. Oktober 2019 | 19:00 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 10. Oktober 2019, 20:12 Uhr

3 Kommentare

hoehlenolm vor 5 Wochen

Ich freue mich, dass man nun den dritten Stollen genau da gefunden hat, wo ich ihn vor 25 Jahren skizziert hatte. Dass die Stollen 2 und 3 schon 1945 von der US Army beräumt wurden, ist allgemein bekannt und mehrfach schriftlich dokumentiert. Ich würde zur Öffnung der anderen 5 Stollen die Priorität nicht am Bernsteinzimmer festmachen, sondern an tausenden Häftlingsschicksalen. Es ist hinreichend bekannt, dass das verborgene Raubgut zu großen Teilen von osteuropäischen Juden oder jüdischen Gemeinden/Kirchen stammt und ein Anspruch auf Rückgabe besteht.

Rasselbock vor 5 Wochen

Wenn man Gerüchten den Boden entziehen will muss man alle noch verborgenen Stollen öffnen. Alles andere ist Schwachsinn. Man stelle sich vor, das Bernsteinzimmer... ;-)

Rumsdibums vor 5 Wochen

Drei von acht Stollen zu öffnen wird natürlich allen Gerüchten und Spekulationen jeglichen Boden entziehen.
Wenn man nur auf Lorensuche war dann empfehle ich die zu bergen die am Abhang in Richtung Weimar auf dem Waldboden liegt und so ziemlich vollständig erhalten ist.

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