Großbaustelle für neuen Firmensitz in Jena Zeiss-Investition in Jena - Herausforderung für die Stadt

Am Westbahnhof baut die ZEISS AG ihren neuen Jenaer Firmensitz. Architektonisch sucht er in Deutschland seinesgleichen. Mit der 300-Millionen-Euro-Investition bekennt sich das Unternehmen unmissverständlich zu seinem Gründungsstandort. Gleichwohl stellt der futuristische Bau die Stadt vor große langfristige Herausforderungen.

Computeranimation eines Panoramablicks auf Stadtlandschaft mit neuem Gebäudekomplex
Die Computeranimation zeigt, wie es einmal aussehen soll Bildrechte: MDR/Carl Zeiss AG

Früher hat hier die Firma Schott in gut einem Dutzend Hallen Glas produziert - jetzt gleicht das Gelände einer Mondlandschaft. In wenigen Jahren soll hier das architektonisch spannendste Firmengebäude Deutschlands stehen.

Bagger reisst mehrstöckiges Gebäude ab
"Baufeldfreimachung" Bildrechte: MDR/Carl Zeiss AG

Die ZEISS AG baut westlich des Jenaer Westbahnhofs einen Hochtechnologie-Campus, der seinesgleichen sucht. Vor ein paar Monaten rollten die ersten Bagger auf den kleineren Teil des traditionsreichen SCHOTT-Geländes. Gebäude um Gebäude knabbern die Baumaschinen derzeit weg. Baufeldfreimachung heißt das hier. Dadurch verschwindet auch viel Industriegeschichte. Aber in Jena herrscht ein pragmatischer Geist, nachzulesen in großen Lettern an einer Fassade in der Innenstadt: "Nur was sich ändert, bleibt bestehen."

Gigantische Dimensionen

Von den Bahnsteigen des Westbahnhofs hat man einen guten Blick auf die ZEISS-Baustelle. Schnell wird klar, in welch gigantischen Dimensionen das Unternehmen baut. 220 Meter lang und 150 Meter breit wird das neue Gebäude in Form eines gewaltigen Prismas aus weißem Beton und viel Glas. 2500 Zeissianer sollen dann dort arbeiten. In die beiden unteren Geschosse, tief eingebettet in den Hang, haben die Architekten des Büros Nething Labore, Fertigungsabteilungen und die Gebäudeinfrastruktur eingeplant. Darüber stapeln sich vier weitere für sich stehende mehretagige Komplexe: die Bürowelten der Zukunft. Dazwischen sollen überdachte Atrien viel Licht in die unteren Gebäudesegmente lenken.

Vernetzung lautet das Zauberwort. Zum einen durch Licht, zum anderen durch offene und flexible Räume, die die firmeninterne Kommunikation verbessern sollen. Geplant ist ebenfalls ein Kongresszentrum, dass sich in Richtung Otto-Schott-Straße über einen weiten Platz zur Stadt hin öffnet. Dadurch haben die Planer auch an die Vernetzung mit den Jenaern und Nicht-Zeissianern gedacht und ein wichtiges Signal für die Quartiersentwicklung der westlichen Innenstadt gesetzt. Energetisch versorgt werden soll das Gebäude zu Teilen durch Photovoltaik und Erdwärme. Alles ganz zeitgemäß und nachhaltig.

Computeranimation eines großen Gebäudes mit vier vorspringenden Flügeln
Das ist das Ziel Bildrechte: Carl Zeiss AG

Eigenes Kongresszentrum

Allerdings sorgte die Ankündigung eines Kongresszentrums im ZEISS-Campus auch für Irritationen bei den Stadtoberen. Schließlich baut Jena gerade selber für gut 20 Millionen Euro das Volkshaus zu einem modernen Kongresszentrum um. Angst vor Doppelstrukturen machte sich breit. Doch das Unternehmen konnte beruhigen: Das eigene Kongresszentrum soll größtenteils für konzerninterne Veranstaltungen genutzt werden. Da käme man sich nicht ins Gehege. Dennoch: die dicken Veranstaltungsfische aus dem ZEISS-Umfeld entgehen der Stadt dennoch. Aber die Vorteile für Jena überwiegen.

Erwartet werden hunderte neuer Spezialisten

Der neue Hochtechnologie-Campus auf dem ehemaligen SCHOTT-Gelände ist nicht nur ein ästhetischer Gewinn für das Quartier und die gesamte Stadt. Er zieht auch hunderte neue Spezialisten nach Jena. Mit den ZEISS-Mitarbeitern aus dem alten Firmensitz an der Promenade allein kann das Unternehmen den neuen Campus nicht mit Leben und Arbeit füllen. Die Zentrale in Oberkochen setzt mit dem 300-Millionen-Euro-Bau ein klares Bekenntnis zu seinem Gründungsstandort - und auf Wachstum in Jena. Das ist genau das, was die Stadt braucht. Schließlich hat sie mit ihrem Wachstumsszenario eine Wette mit der Zukunft abgeschlossen. Jena kann seinen Finanzhaushalt langfristig nur stabil halten, wenn sowohl Wirtschaft als auch Einwohnerzahl wachsen.

Stadt unter Druck

So setzt der Hochtechnologie-Campus die Stadt auch unter Druck. Die neuen gutverdienenden Mitarbeiter brauchen ein langfristige Perspektive, wenn sie in der Stadt gehalten werden wollen. Dazu gehört nicht nur das viel zitierte kulturelle Angebot und Shopping-Möglichkeiten, sondern in erster Linie attraktiven Wohnraum, Kindergärten und Schulen. ZEISS-Finanzchef Christian Müller sieht Jena diesbezüglich auf einem guten Weg. Er bringt im Gespräch mit MDR THÜRINGERN aber auch gut zum Ausdruck, dass er sich das Wachstumsprojekt Campus nicht von der öffentlichen Verwaltung vermasseln lassen wird. Denn in Sachen Schulen und Kitas ist die Stadt gut aufgestellt. Einzig Wohnraum fehlt - egal in welcher Preislage. Das ist die Achilles-Ferse im Projekt Hochtechnologie-Campus.

Webcam-Bild einer Baustelle mit großflächigem Gebäudeabriss
Noch sind es nur zehn bis zwanzig LKW, die hier täglich unterwegs sind. Ab Frühsommer soll sich die Zahl verdoppeln. Bildrechte: Carl Zeiss AG

Bauarbeiten bisher weitgehend geräuschlos

Bis zum Geschäftsjahr 2023/2024 muss die Stadt liefern, denn dann ist der Umzug in das neue Gebäude geplant und die Rekrutierung neuer Mitarbeiter voll im Gange. Ein enger Zeitplan. Derweil verlassen zehn bis zwanzig LKW am Tag die Großbaustelle im Westbahnhof. Wenn der Erdaushub im Frühsommer kommenden Jahres beginnt, wird sich die Zahl der täglichen LKW-Ladungen mindestens verdoppeln. Bis jetzt verläuft das Projekt nach Einschätzung aller Beobachter recht geräuschlos. Ob das so bleibt, wird sich zeigen. Zu wünschen wäre es der Stadt, die ihren wirtschaftlichen Aufstieg nicht nur ZEISS zu verdanken hat, sondern ohne das Unternehmen gar nicht zu denken ist.

Quelle: MDR THÜRINGEN

4 Kommentare

Uborner vor 48 Wochen

Was für ein Unsinn. Was wäre Thüringen ohne Jena? "Das München des Ostens" hat vor kurzen die Süddeutsche geschrieben. Eine großartige Stadt - und das wäre sie mit schlechten Politikern nicht geworden. Ich habe ehr den Eindruck sie fühlen sich abgehängt und können nicht vom Boom der Stadt profitieren. Das liegt aber nicht an der Stadt oder den Politikern sondern einzig und allein an ihnen - und wenn sie wollen das es besser wird, ist der erste Schritt ein Blick in den Spiegel. Die Politik wird ihre Situation nicht verbessern, keine der Parteien.

Uborner vor 48 Wochen

Ich komme von einem Dorf, eine knappe Stunde entfernt und bin gelegentlich, alle paar Wochen in Jena - und ich bin bisher immer durch gekommen und habe immer ohne Probleme einen Parkplatz gekriegt. Da gibt es schlimmere Städte.

Grosser Klaus vor 48 Wochen

Das kommt davon, wenn man in Jena, einen Oberbürgermeister Dr. Thomas Nitzsche (FDP), einen Finanzdezernenten Benjamin Koppe (CDU) und einen Dezernenten für Stadtentwicklung und Umwelt Christian Gerlitz (SPD) hat, die keine Grundsätze für Stadtentwicklung haben und nicht haushalten können.
Finanzpolitik und Stadtentwicklungspolitik macht man eben nicht, mit den drei großen Jenaer Grundsätzen:
1. Größenwahn,
2. Überheblichkeit,
3. Größe Klappe und nichts dahinter.
Außer Potemkinsche Dörfer aufzubauen hat die Jenaer Stadtregierung noch nichts geleistet!

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