Faktencheck Ist Covid-19 tödlicher als die Grippe?

Trauriger Rekord: Mit 952 Todesfällen hat das Robert-Koch-Institut am 16. Dezember die bisher höchste Todeszahl in der Corona-Pandemie gemeldet. Und dennoch gibt es noch immer Menschen, die die Gefährlichkeit des SARS-CoV-2-Virus anzweifeln und behaupten: An und mit Corona würden angeblich in etwa genau so viele Menschen sterben wie bei einer schweren Grippewelle. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie seien deshalb überzogen. Aber was stimmt wirklich? Ist Covid-19 tödlicher als die Grippe?

Grippeviren 4 min
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In Sachsen werden die Betten auf den Intensivstationen knapp, das Personal arbeitet über das Limit hinaus. Dass wir solche Schlagzeilen in dieser Form nicht von Grippe-Wellen kennen, dürfte schon ein Hinweis darauf sein, dass Covid-19 und die Influenza sich nur schwer vergleichen lassen. Aber woran sterben denn nun mehr Erkrankte? Fragen wir eine Frau, die es wissen muss: Thea Koch ist die Direktorin der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie am Universitätsklinikum Dresden und behandelt schwer erkrankte Menschen. Ist die Sterberate bei Corona-Infizierten nun höher?

Ja. Die ist definitiv höher. Wir haben noch nie einen solchen Anfall an so schwer erkrankten Patienten auf den Intensivstationen erlebt. Da spreche ich nicht nur für Dresden. Dass wir so viele Patienten mit schwerstem Lungenversagen auf den Stationen haben, ist für uns ein Novum, das war zu keiner Influenza-Epidemie der Fall. Das ist wirklich nicht vergleichbar.

Prof. Dr. Thea Koch, Uniklinik Dresden

Wagen wir trotzdem einen Versuch: Bei der besonders schlimmen Grippewelle in der Saison 2017/2018 gibt das Statistische Bundesamt eine Todeszahl von 25.100 Personen an. Diese Zahl ist allerdings nur eine Berechnung der Statistiker. Tatsächliche laborbestätigte Fälle hat es laut RKI knapp 1.700 gegeben. Bei Covid-19 sind das - Stand jetzt - rund 23.500.

Hier handelt es sich um keine Schätzung oder Berechnung. Eine wichtige Kennziffer ist die Case Fatality Rate oder Letalitätsrate. Die beziffert den Anteil der Personen mit einer bestimmten Erkrankung, die an eben dieser sterben. Bei der Grippewelle von 2017/2018 lag die dem RKI zufolge bei 0,5 Prozent. Und wie sieht es bei Covid-19 aus?

Die Gesamtletalität beträgt circa 1,8, 1,9 Prozent. Bei Patienten, die so schwer erkranken, dass sie beatmet werden müssen, liegt die Sterblichkeit deutlich höher. Die haben alle ein schweres Lungenversagen. Die Sterblichkeit liegt da zwischen 30 und 50 Prozent.

Prof. Dr. Thea Koch - Uniklinik Dresden

Die Daten sagen also: Etwa 1,8 Prozent der gemeldeten Covid-Erkrankten in Deutschland sterben - im Gegensatz zu 0,5 Prozent bei einer schweren Grippewelle. Allerdings: Da es noch keine Langzeitdaten gibt und wir uns mitten in einer Infektionswelle mit höheren Todeszahlen als im Frühjahr befinden, ist diese Zahl nicht endgültig.

Rückblick auf die erste Welle

Schauen wir also auf die erste Welle: Ein US-Forschungsteam hat eine internationale Metaanalyse zur Infektionstodesrate gemacht. Die beschreibt das Verhältnis von Todesfällen zu Infektionen und ist immer erst im Nachhinein zu ermitteln. Das Ergebnis: Covid-19 ist deutlich tödlicher als die Grippe. Und das Risiko zu sterben, steige mit dem Alter dramatisch, erklärte Charité-Virologe Christian Drosten die Studie in seinem Coronaupdate-Podcast. Ihm zufolge hat die Influenza über einen mehrjährigen Zeitraum eine Infektionssterblichkeit von 0,05 Prozent in den USA, einer Metaanalyse zufolge hat Covid-19 eine Infektionssterblichkeit von 0,8 Prozent.

Das ist 16 mal so viel wie die Influenza. Für jeden Influenza-Toten gibt es 16 Covid-19-Tote in den USA. Die amerikanische Bevölkerung ist aber jünger als die deutsche. Das heißt, wir müssten in Deutschland mit einer Infektionssterblichkeit rechnen, die nach dieser Auswertung an ein Prozent herangeht.

Christian Drosten, Virologe

Was wäre wenn - seriöse Zahlen zu ungebremster Ausbreitung gibt es nicht

Und dann gibt es da noch einen wichtigen Punkt: Wie hoch die Sterbezahlen wären, wenn sich das Virus ungebremst ausbreiten würde, kann niemand seriös sagen. Darauf weist auch der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Georg Thiel, immer wieder ausdrücklich hin:

Unsere aktuellen Sterbefallzahlen bilden die Entwicklung vor dem Hintergrund der ergriffenen Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie ab. Sie erlauben keine Aussagen über die Gefährlichkeit der Pandemie an sich.

Dr. Georg Thiel - Statistisches Bundesamt

75 Kommentare

MDR-Team vor 21 Wochen


@Test1234,
was genau möchten Sie mit Ihrem Kommentar belegen? Dass die von Ihnen zitierte Aussage falsch ist oder dass COVID-19 Ihrer Meinung nach nicht schlimmer ist als die Grippe?

Fakt ist: COVID-19 hat bei vielen Mensch einen weitaus dramatischeren Verlauf als die Grippe in der Vergangenheit. Von Multiorganversagen bis hin zu Langzeitfolgeschäden hält SARS-CoV-2 für Mediziner:innen Herausforderungen bereit, die es während keiner Grippewelle in diesem Ausmaß und Umfang gab. Das bestätigen auch die Artikel zu den Aussagen, die Sie ergoogelt haben. Zu "Notfälle: Intensivbetten werden knapp" schreibt der Kölner Stadt-Anzeiger z.B. "Grund ist neben der aktuellen Grippewelle ein weiterer aggressiver Virus, der Atemwegserkrankungen, Lungenentzündungen bis hin zu Lungenversagen verursacht."
Keine Grippewelle hat unser Gesundheitssystem bisher an seine Grenzen gebracht, so wie es COVID-19 seit Monaten und ohne Pause tut.

Test1234 vor 21 Wochen

Zitat aus dem Artikel: "Dass wir solche Schlagzeilen in dieser Form nicht von Grippe-Wellen kennen, dürfte schon ein Hinweis darauf sein, dass Covid-19 und die Influenza sich nur schwer vergleichen lassen." Eine schnelle google-Suche von mir liefert hier allerdings ein anderes Bild. Hier eine Auswahl von Schlagzeilen zwischen 2005 und 2018:
- Grippewelle: Krankenhäuser stoßen an Kapazitätsgrenzen (2018)
- Bei Grippe-Pandemie müssen viele Menschen beatmet werden (2005)
- Engpässe in Kliniken: Grippewelle hat Köln fest im Griff (2013)
- Grippewelle in Bayern bringt Kliniken an ihre Grenzen (2018)
- Notfälle: Intensivbetten werden knapp (2013)
- Grippewelle in Leipzig bringt Krankenhäuser an ihre Grenzen (2018)

Foreigner vor 21 Wochen

Zunächst einmal Gratulation zum Artikel, der ein Thema anspricht, das viele interessiert. Wer sich anderweitig informiert, glaubt auch zu wissen, dass viele „Grippetote“ nicht als solche in der Statistik erscheinen, da sie offiziell an einer Folgeerkrankung sterben (Lungenentzündung oder Ähnliches). Dennoch ist klar, dass Covid-19 gefährlicher als eine Grippe ist (Siehe Prof. Dr. Kochs Zitat). Ich würde jetzt mal schätzen 2-4 Mal gefährlicher, aber genauer kann das jetzt vermutlich nicht gesagt werden. Die Frage die sich nun stellt ist, ob diese höhere Sterblichkeit all die Maßnahmen rechtfertigt. Da kann man und frau natürlich unterschiedlicher Meinung sein. Ich selbst bin mir nicht völlig sicher.