Corona So schadet der Lockdown den Kindern

Einsamkeit, Sorgen und Lerndefizite: Welche seelischen und körperlichen Auswirkungen der corona-bedingte Lockdown auf Kinder hat, zeigen neue Studien aus Leipzig und München.

Ein Mädchen sitzt vor einem Laptop
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Schon das zweite Frühjahr mit Corona. Seit über einem Jahr prägt die Pandemie unseren Alltag. Noch immer infizieren sich die Menschen mit dem Virus. Um das Infektionsgeschehen unter Kontrolle zu bekommen, sind Kontaktbeschränkungen, Abstandsregeln und das Herunterfahren des öffentlichen und kulturellen Lebens die gängigen Maßnahmen. Auch davon betroffen: Kindergärten und Schulen. Welche Auswirkungen diese Ausnahmesituation auf die Kinder hat, haben nun zwei neue Studien beleuchtet.

Sorge und Einsamkeit

Während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 haben die Forschenden der Leipziger Universitätsmedizin in ihrer LIFE Child Studie 700 Familien aus der Region zu ihrem Wohlbefinden, der Freizeitgestaltung und der Umsetzung des Homeschoolings befragt. Dabei stellten die Expertinnen und Experten fest, dass sich im Zeitraum von Ende März bis Anfang April die Zahl der Kinder und Jugendlichen, die in ihrer Freizeit keinen Kontakt zu Gleichaltrigen hatten, vervierfachte. Angesichts des Lockdowns ist das nicht verwunderlich, doch die fehlende Interaktion mit Anderen hat Auswirkungen. 80 Prozent der Befragten gaben an, dass sie diesen persönlichen Kontakt vermissen. Außerdem sorgten sich die Kinder und Jugendlichen mehr um die Gesundheit der Familie. 16 Prozent gaben sogar an, dass sie glauben, dass es nach Corona nie wieder so sein wird wie zuvor. Die Studie stellte insgesamt fest, dass das psychische Wohlbefinden niedriger war als im Jahr vor der Pandemie.

Weniger Motivation, weniger Lernen

Doch nicht nur das seelische Befinden der Kinder hat sich durch den Lockdown verändert, sondern auch ihr Freizeitverhalten. Interaktive Tätigkeiten wie Gesellschaftsspiele oder Basteln nahmen signifikant ab. Dafür war die Mediennutzung sehr hoch. Vor allem in sozial schwächeren Familien konnte das festgestellt werden. Bei fast 50 Prozent der Vorschulkinder überschritt die Bildschirmzeit die empfohlene Dauer von maximal 30 Minuten pro Tag.

Besonders deutlich werden die Auswirkungen des Lockdowns auf die Kinder jedoch in Hinblick auf die Schule. Zwar gaben die meisten Eltern an, dass ihre Kinder im Homeschooling motiviert waren, sich auf die Aufgaben zu konzentrieren. Doch diese Motivation nahm im Laufe des ersten Lockdowns deutlich ab. Nur noch 34 Prozent der Befragten gaben an, motiviert zu sein. Darüber hinaus war die Zeitspanne, in der die Kinder ihre Zeit mit Schulaufgaben verbrachten, sehr verkürzt. Diese lag täglich durchschnittlich bei nur etwa 2,5 Stunden.

Die Studie zeigt, dass Homeschooling den Präsenzunterricht keinesfalls ersetzen kann. Für Dr. Tanja Poulain, Wissenschaftlerin am Leipziger Forschungszentrum für Zivilisationserkrankungen, macht dies eines ganz deutlich:

Maßnahmen gegen eine Pandemie müssen gegen potenziell negative Auswirkungen auf die Gesundheit und Bildung von Kindern und Jugendlichen abgewogen werden. Es werden also Konzepte benötigt, die die Infektionsgefahr minimieren, ohne gleichzeitig Bildungschancen und Wohlbefinden zu gefährden.

Dr. Tanja Poulain, Universität Leipzig

Seit dem Frühjahr 2020 ist nun ein Jahr vergangen, doch Corona ist immer noch da. Damit einher gehen auch weiterhin Kontaktbeschränkungen, Lockdownsituationen und Schulschließungen. Wie geht es den Kindern heute damit? Das Leibnitz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München hat sich diese Frage gestellt und Anfang 2021 in einer deutschlandweiten Studie 2000 Eltern befragt, wie ihre Kinder die Zeit der erneuten Schulschließung verbracht haben.

Die Ausbildung leidet

Die Münchner Studie zeigt, dass die Situation auch ein Jahr nach Beginn der Pandemie noch immer belastend für die Schülerinnen und Schüler ist. 76 Prozent der Kinder leiden darunter, nicht wie gewohnt ihre Freunde und Freundinnen sehen zu können. Und auch die schulische Ausbildung hat gelitten. 4,3 Stunden pro Tag verbrachten die Kinder mit schulischen Tätigkeiten. Das sind drei Stunden weniger als an einem üblichen Schultag vor Corona. Fast jedes vierte Kind hat sich sogar weniger als zwei Stunden täglich mit der Schule beschäftigt.

Das große Problem der Schulschließungen ist, dass die Kinder nicht die gleiche Unterstützung der Lehrkräfte erhalten können wie im regulären Präsenzunterricht. Es fehlt an lernstimulierenden Rückmeldungen und Anregungen. Das bedeutet, dass das Lernen auf Distanz den Kindern ein hohes Maß an Eigenständigkeit abverlangt. Sie müssen sich die Lerninhalte oft selbständig und ohne Unterstützung der Pädagoginnen und Pädagogen erarbeiten.

Um diese Distanz zu überbrücken, wäre Videounterricht ein Mittel. Doch 39 Prozent der Befragten gaben an, dass sie diesen nur maximal einmal pro Woche wahrnehmen konnten. Der Großteil des Lernens erfolgte also während der Schulschließungen über das eigenständige Erschließen des Lehrmaterials durch die Kinder selbst.

Lehrer unterrichtet per Videoanruf an Schüler während Quarantäne.
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Doch wie effektiv kann diese Form des Lernens sein? 56 Prozent der befragten Eltern gaben an, dass sie glauben, dass ihre Kinder pro Stunde zu Hause weniger lernen als im regulären Unterricht. Die Autorinnen und Autoren der Studie nehmen an, dass die Schülerinnen und Schüler also nicht nur einen Verlust an Lernzeit erleiden, sondern auch einen Wissensverlust, der nicht zu unterschätzen ist.

Kaum Fortschritte nach einem Jahr Pandemie

Die Ergebnisse der Münchner Studie sind ernüchternd. Der erste Lockdown 2020 und die damit verbundenen Schließungen haben das Schulwesen quasi kalt erwischt. Auf eine derartige Situation schnell zu reagieren ist schwer. Doch auch nach relativ langer Vorlaufzeit während der Sommer- und Herbstmonate konnte das Schulsystem die absehbare zweite Schulschließung nicht abfedern. Die Folgen für die Kinder sind groß.

Wenn keine Distanzunterrichtskonzepte etabliert werden, die sicherstellen, dass die Kinder und Jugendlichen angemessen ausgebildet werden, können die bisher entstanden Lernverluste nicht nur nicht ausgeglichen werden, sondern sogar noch zunehmen. Die Forderungen der Forschenden ist daher sehr deutlich: Es ist von großer Bedeutung, dass die Anstrengungen ausgeweitet werden, Kindern und Jugendlichen auch unter Pandemiebedingungen eine gute Bildung zu ermöglichen.

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4 Kommentare

MDR-Team vor 31 Wochen

Hallo @Reuter, die Regierung kann nur soweit handeln, wie ihnen der Bundestag Rechte einräumt. Im Bundestag sitzen von allen Bürger*innen gewählte Vertreter*innen. Somit geht ihre Aussage nicht ganz auf. Zudem ist nicht eine Partei regierend, sondern ein Kabinett, dies besteht aus mehreren Parteien und wird von Ausschüssen (bestehend aus allen Parteien, die im Bundestag sitzen) überwacht. Liebe Grüße

Reuter4774 vor 31 Wochen

Alles um ja nicht die CDU Wähler (65+) zu behelligen, die ja eigentlich schon lange geimpft sind??? Hauptsache Religion und 2x täglich eine Scheibe Brot kaufen können, 3x wöchentlich Wochenmarkt mitnehmen, ÖPNV morgens im größten Schüler- und Berufsverkehr fahren und den Impfverkehr mit aufhalten (mit Sonderwunsch- Impfstoff). Geht ja so auch nicht, also muss der Rest wieder weg gesperrt werden! Deutschland wird von Rentnern ausschließlich für Rentner regiert. Kein anderes Land regiert so rückwärts gewandt und zerstört die zukünftigen Generationen. Aber Bildung bedeutet eigenständiges Denken, Widerrede, also wegen damit.
Trauriges Rentnerland Deutschland!!!

MDR-Team vor 32 Wochen

Hallo Freiheit,
alle Maßnahmen dienen der Eindämmung des Pandemiegeschehens, einer gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite, wie auch heißt, und dem Gesundheitsschutz der Allgemeinheit, sowie der Verhinderung von Toten. Absichtlich oder leichtfertig, ohne Grund wurden die Maßnahmen nicht erlassen und alle negativen Folgen dieser in Kauf genommen. Und dennoch sollte die Entwicklung und neueste wissenschaftliche Erkenntnisse, wie aus den beiden erwähnten Studien, natürlich genau beobachtet werden und negative Auswirkungen und Folgeschäden gilt es im Gesamten zu beachten.
Nicht ohne Grund sagte Dr. Tanja Poulain von derUniversität Leipzig dazu: "Maßnahmen gegen eine Pandemie müssen gegen potenziell negative Auswirkungen auf die Gesundheit und Bildung von Kindern und Jugendlichen abgewogen werden. Es werden also Konzepte benötigt, die die Infektionsgefahr minimieren, ohne gleichzeitig Bildungschancen und Wohlbefinden zu gefährden."

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