Covid-19 Biontech-Chef empfiehlt Booster-Impfung gegen Corona-Mutationen

Theoretisch sollen Corona-Impfstoffe rasch an die neuen Mutationen anpassbar sein, doch wie sieht es in der Praxis aus? Die Verfahren dazu werden gerade vorbereitet, es soll ähnlich laufen wie bei der Grippe-Impfung.

Zwei Impfdosen, Impfspritze und der Eintrag der ersten und zweiten Corona-Impfung in einem Impfpass
Impfstoff von Biontech: Forscher in mehreren Ländern planen Studien zur Frage, ob die verschiedenen Corona-Impfstoffe miteinander kombiniert werden können. (Symbolfoto) Bildrechte: imago images/Friedrich Stark

Deutschlandweit steigen die Fallzahlen der sogenannten Großbritannien-Mutation B.1.1.7. Das bedroht die ersehnten Lockerungen des aktuellen Lockdowns, besorgt aber nicht die Impfexperten. Bislang zeigen die zugelassenen Impfstoffe gegen diese Variante des Sars-Coronavirus-2 die gleiche Effektivität, wie gegen den Wildtyp. B.1.1.7 ist zwar ansteckender, aber nicht resistenter. Anders sieht es bei der Südafrika-Mutation B.1.351 aus. Sie kann dem Impfschutz dank der Veränderung E484K teilweise entkommen. Müssen die Impfstoffe angepasst werden und wie lange würde das dauern?

Impfstoff-Zulassung: Laborwerte sollen ausreichen

Bei einem Pressegespräch des Science Media Center beruhigen die geladenen Experten. Im Fall der mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna würde eine Anpassung etwa sechs Wochen dauern. Sechs weitere Wochen würde die Umstellung der Produktion benötigen. Und das dafür in Planung befindliche Typ-2-Zulassungsverfahren soll sich an dem der jährlich angepassten Grippeimpfstoffe orientieren, sagt Klaus Cichutek, Präsident des in Deutschland für die Arzneimittelsicherheit zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts.

Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek bei einer Pressekonferenz
Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek: "Wir haben einen sehr wirksamen Impfstoff" Bildrechte: Phoenix

"Voraussetzung ist, dass die Herstellung gleich läuft und es eine Konsistenz zum herkömmlichen Impfstoff gibt. Dann sind keine weiteren präklinischen Versuche mit Tiermodellen mehr notwendig sondern nur eine kleine Studie mit Menschen, die nachweisen muss, dass der veränderter Wirkstoff genauso wirksam ist, wie der ursprüngliche", erklärt er. Die Wirksamkeit werde aber nicht so aufwendig gemessen, wie in den klinischen Phase-3 Studien, wo die Forscher über Monate auf zufällige Erkrankungen an Covid-19 warten müssen. Sondern es soll ausreichen, in Blutproben ausreichend hohe Mengen (medizinische Maßangabe dafür ist der sogenannte Titer) von neutralisierenden Antikörpern nachzuweisen. Das gesamte Verfahren, das aktuell mit der Europäischen Arzneimittelagentur EMA diskutiert werde, soll wenige Monate dauern.

Anpassung noch nicht sinnvoll

Wann diese Umstellung allerdings praktisch erfolgt und wie die Entscheidung dafür getroffen wird, kann der PEI-Präsident noch nicht sagen. "Das geht zu einem bestimmten Zeitpunkt sehr schnell. Bis dahin müssen wir weiter impfen mit vorhandenen Impfstoffen." Selbst wenn die es durch die Südafrika-Mutation häufiger zu Infektionen bei Geimpften komme, gelte dennoch: "Impfen mit den bisher zugelassenen Impfstoffen ist auf jeden Fall besser als keine Impfung."

Uğur Şahin, Chef von Biontech, hält das angestrebte Verfahren für angemessen. Wann es zur Anpassung komme, könne er aber noch nicht sagen. "Zunächst müssen wir im Labor klären, wie ein veränderter Impfstoff wirkt. Und aktuell zirkulieren ja noch verschiedene Virustypen, da hilft es uns nicht, wenn ein Impfstoff gegen die Mutation wirkt, aber der bisherige Wildtyp nicht mehr ausreichend neutralisiert wird."

Impfung gegen Mutanten als Auffrischung

Prof. Dr. med. Ugur Sahin, 2018
Biontech-Chef Uğur Şahin: Bis Ende Sommer sollten alle, die wollen, eine Impfung bekommen. Bildrechte: imago images / Sämmer

Eine Methode, wie gegen die Mutation immunisiert werden könnte, wird voraussichtlich eine weitere Booster-Impfung sein. Das bedeutet, dass bereits Geimpfte eine weitere Spritze mit dem veränderten Impfstoff erhalten würden. Das hätte verschiedene Vorteile. "Im Labor sehen wir bei Blutproben, je höher der Titer neutralisierender Antikörper nach einer Impfung ist, desto geringer fällt der Wirkungsabfall gegenüber den Mutanten aus", sagt Şahin. Ein weiterer Boost, eine Auffrischungsimpfung, würde also auf jeden Fall die Schutzwirkung steigern.

Für die mRNA-Impfstoffe werde die bereits aufgebaute Immunität auch nicht zum Problem. Die Antikörper richten sich ja gegen das Corona-Stachelprotein, nicht gegen den Impfstoff und seine Lipidhülle. Deshalb können auch weitere Boosterimpfungen ihren Weg in die richtigen Körperzellen finden.

Kombination verschiedener Impfstoffe auf der Forschungsagenda

Wer mit anderen Impfstoffen geimpft worden ist – etwa mit dem Vektorvirus von Astrazeneca – kann aller Voraussicht nach trotzdem mit den angepassten mRNA-Impfungen aufgefrischt werden. Überhaupt soll die Forschung unter der Überschrift "Mix and Match" demnächst klären, wie verschiedene Impfstoffe miteinander kombiniert werden könnten. Im Vereinten Königreich seien dazu bereits Studien angestoßen worden, in Europa könnten bald weitere folgen, sagt Cichutek.

Prof. Dr. Merylyn Addo, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
Immunologin Merylyn Addo. Bildrechte: Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Grundsätzlich gebe es erst einmal keine Hinweise darauf, dass ein Mix aus verschiedenen Impfstoffen grundsätzlich zum Problem werden könne, sagt Marylyn Addo, Infektiologin und Studienleiterin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Aber natürlich müsste die Wirkung in Studien abgeklärt werden. "Das ist fest eingeplant im klinischen Entwicklungsprogramm", sagt sie. Das wäre ein Vorteil für viele, die aktuell etwa Bedenken hätten, sich mit dem Impfstoff von Astrazeneca impfen zu lassen, weil dieser in den Studien eine etwas geringere Wirksamkeit zeigte, als die mRNA-Vakzine. "Es ist nicht so, wenn man jetzt mit einem eine Impfreise mit einem Impfstoff beginnt, dass dann automatisch andere Impfstoffe ausgeschlossen sind."

Impfung für Schwangere und Kinder

Für den Biontech-Chef Şahin liegt die oberste Priorität aktuell aber darin, genügend Impfstoff zu liefern, so dass bis Ende des Sommers alle Menschen geimpft werden könnten. Zudem solle die Impfungen auch für Kinder verfügbar gemacht werden. Eine Studie mit schwangeren Frauen sei gerade angelaufen und auch für Patienten mit geschwächten Immunsystemen seien noch ein Thema. "Da müssen wir verstehen, wie dort die Immunantworten aussehen", sagt er.

2 Kommentare

MDR-Team vor 22 Wochen

@Ritter Runkel
Ja, und die Zahl der täglichen an und mit Covid-19-Verstorbenen ist gerade erst unter die 400er Marke gefallen. Die Welle klingt nun im besten Falle ab. Doch das ist trotz der Maßnahmen noch unsicher, da die Auswirkungen der sich ausbreitenden Mutationen des Coronavirus noch nicht klar sind.

Ritter Runkel vor 22 Wochen

Viel interessanter als ein paar Impfdosen, die vielleicht eine Woche länger im Kühlschrank liegen, ist die Frage, wie gut eigentlich die Risikogruppen schon geschützt sind.
Aktuell scheint es nur noch darum zu gehen, ob Polizistenpräsidenten, Schuldirektoren oder Bürgermeister zuerst geimpft werden. Oder Beamte, die sind ja "systemkritisch".
Hatten wir nicht gerade noch über 1000 Todesfälle pro Tag? Haben wir nicht einen Lockdown, weil wir eine Überlastung des Gesundheitssystems verhindern müssen?
Wie ist das jetzt gedacht mit den Lehrern? Werden die geimpft, weil irgendwelche die Schulen mit dem Argument öffnen wollen, da stecke sich eh niemand an - und gleichzeitig halten wir das Land im Lockdown, "weil es ja leider keine Möglichkeit gibt, die alten Menschen zu schützen?"