Forschungsschiff Sonne auf Expedition "AleutBio" Nordpazifik: Verändert der Klimawandel auch die Tiefsee?

Die Tiefsee ist einer der letzten geheimnisvollen Orte auf dieser Welt: Tausende Meter unter dem Meeresspiegel mitten im Dunkel gibt es etwa noch immer zahlreiche unentdeckte Lebewesen. Doch auch die Tiefsee bleibt von den Klimaveränderungen nicht verschont. Deshalb untersucht derzeit ein Forschungsteam auf dem deutschen Forschungsschiff Sonne, welchen Einfluss der Klimawandel auf das Ökosystem Tiefsee hat und wie die Fauna sich dort verändert.

Das Forschungsschiff Sonne - ein größeres Schiff mit Geräten wie Kränen an Bord - liegt an einer Anlegestelle vor einem grünen Hügel im Hintergrund.
Das Forschungsschiff Sonne wird noch bis Anfang September für die "AleutBio"-Expedition im Einsatz sein. Bildrechte: Thomas Walter

Dokumentation lautet das oberste Anliegen der internationalen Forschungsexpedition "AleutBio Expedition SO293" unter Fahrtleitung der Senckenberg-Forscherin Angelika Brandt. Denn die rasante Klimaerwärmung wirbelt auch tief unter der Meeresoberfläche vieles durcheinander und das, obwohl wir das Leben in der Tiefsee noch gar nicht komplett verstehen.

Wir möchten die Veränderungen der Artenvielfalt dokumentieren – insbesondere vor dem Hintergrund des globalen Klimawandels.

Prof. Dr. Angelika Brandt, Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum Frankfurt

Deshalb sammelt das internationale, 38-köpfige Forschungsteam nun im Nordpazifik so viele Daten und Proben wie möglich. Sie waren dafür bereits seit Ende Juli mit dem Forschungsschiff Sonne im östlichen Beringmeer unterwegs und untersuchen nun das Leben am Meeresboden in allen Größenklassen im Aleutengraben vor Alaska. Der Aleutengraben ist eine bis zu 7.822 Meter tiefe und 3.200 Kilometer lange Tiefseerinne im nördlichen Teil des Pazifischen Ozeans.

Hunderte Einzeller und eine neu entdeckte Art

Die Forschenden aus insgesamt zwölf Ländern untersuchen, wie sich die Artenvielfalt im Nordpazifik – dem "Tor zur Arktis" – verändert und wie die Meeresorganismen hier verbreitet sind. Dazu haben sie bereits im Beringmeer Proben genommen und den Meeresboden vermessen. Und nicht nur das: Auch drei Stürme hat das Team schon überstanden.

Nun sind die Forschenden im westlichsten Teil ihres Untersuchungsgebiets angekommen. Hier haben sie eine "enorme Fülle" von kalkschaligen Einzellern (Foraminiferen) an der tiefsten Stelle des Meeresbodens gefunden, von der sie eine Probe des Bodens entnehmen konnten. "Innerhalb weniger Minuten konnten wir Hunderte von Exemplaren einsammeln", sagt Fahrtleiterin Brandt. Dabei handle es sich um Lebewesen, die zur Gattung Bathyallogromia gehörten und die wiederum sind zuerst im Weddellmeer entdeckt worden – also am anderen Ende des Planeten am Rande der Antarktis. Zwar sei die Art auch schon in anderen Gebieten gefunden worden, aber noch nie in so großer Zahl, so die Forschenden.

Vier Menschen in neon-farbiger Arbeitskleidung und mit Gummistiefeln, begutachten ein Netz voller schlammigem Meeresboden, das gerade von einem Kran auf das Deck eines Schiffes geladen wird.
Knochenjob auf dem Forschungsschiff: Auf der Sonne wird auch bei Dunkelheit gearbeitet. Bildrechte: Thomas Walter

Und dann hat das Forschungsteam wohl noch eine ganz neue Art entdeckt: "Bei den Isopoden, den Meeresasseln, konnten wir die bisher größte Art der Gattung Paropsurus nachweisen. Es handelt sich um zwei Weibchen – das größte Tier ist 65 Millimeter lang", erläutert Brandt. Die Untersuchungen im Labor würden vermutlich zeigen, dass es sich bei ihnen um eine neue Art handle. Vielleicht wird die dann ja auch nach der Senckenberg-Forscherin benannt – so wie eine Art, die das Forschungsteam im östlichen Aleutengraben gefunden hat: Rhachotropis saskia ist ein Flohkrebs, der nach Senckenberg-Forscherin Saskia Brix benannt wurde. Das transparente Lebewesen lebt in Wassertiefen von 3.000 bis 8.000 Metern und sei bereits auf beiden Seiten und im Kurilen-Kamtschatka-Graben selbst nachgewiesen worden.

Aber warum ist es spannend für das Forschungsteam, diese Arten zu finden und ihr Vorkommen zu dokumentieren? Der Fund werfe ein neues Licht auf die Verbreitung von Tiefseearten, erläutert Fahrtleiterin Brandt. Und er bestätige die Hypothese, dass zumindest einige dieser Arten auch eine weite geografische Verbreitung aufweisen können. "Ausgewählte Individuen der Arten wurden von uns so fixiert, dass sie für weitere Analysen und molekulare Untersuchungen nach unserer Rückkehr zur Verfügung stehen", erläutert Brandt.

Krieg wirbelt Expeditions-Planung durcheinander

So erfreulich die ersten Ergebnisse der "AleutBio"-Expedition für die Forschenden sind, so nervenaufreibend war die Fahrt mit dem Forschungsschiff Sonne im Vorhinein. Denn das ursprüngliche Ziel der Expedition war es, ein Gebiet des Nordwest-Pazifiks sowie des westlichen Beringmeeres zu untersuchen, aus dem nur wenige Daten von früheren russischen Expeditionen veröffentlicht wurden. Für die Arbeit in diesen Gewässern lag auch bereits eine russische Arbeitsgenehmigung vor, doch dann begann die Invasion Russlands in der Ukraine. Damit musste die jahrelang geplante "AleutBio"-Expedition ihre Route anpassen – ein echter Kraftakt, bilanziert Meeresforscherin Brandt.

Nun wird die Expedition mit dem deutschen Forschungsschiff Anfang September im kanadischen Vancouver enden. Und an Land beginnt dann der Hauptteil der Arbeit für die Mitglieder des Forschungsteams. Sie wollen unter anderem ihre neuen biologischen Proben mit denen aus vorhergehenden Expeditionen sowie aus früheren russischen Expeditionen vergleichen. Außerdem sollen sie umfangreichen Analysen unterzogen werden. So könne unter anderem geklärt werden, welche verwandtschaftlichen Beziehungen von entscheidender Bedeutung sind. Und dann werde auch noch die Verbreitung der Lebewesen untersucht, so Brandt, "um zu verstehen welche Arten nach Norden wandern und den Arktischen Ozean vermutlich in den nächsten Dekaden erreichen werden und welche arktischen Arten bereits heute im Beringmeer oder Aleutengraben zu finden sind".

Die Reise der Valdivia. Die erste deutsche Tiefsee-Expedition 45 min
Bildrechte: MDR Fernsehen
45 min

Vor über 120 Jahren startet der Ozeandampfer "Valdivia" in Hamburg. Die Forschungsreise führt sie um die halbe Welt: es ist die erste deutsche Tiefsee-Expedition. Der Film erzählt vom Alltag der Forscher.

MDR Wissen So 19.09.2021 22:20Uhr 44:30 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Der Expeditionsblog des Forschungsteams

Auf ihrem Expeditionsblog berichten die Forschenden über ihre Arbeit und den Alltag an Bord des Forschungsschiffs Sonne. Interessierte können die "AleutBio"-Expedition mitverfolgen und viel Wissenswertes über die Tiefsee lernen. Und wenn Sie wissen wollen, wo das Forschungsteam gerade ist, können Sie hier die aktuelle Position des Forschungsschiffs Sonne verfolgen.

(kie)

2 Kommentare

Eulenspiegel vor 5 Wochen

Hallo Hans
Ich muss ihnen Recht geben.
Das ganze ist doch total unwichtig.
Es ist unwichtig wie es um unserer Biosphäre bestellt ist. Es ist unwichtig ob ihre Kinder, Enkelkinder noch eine Überlebenschance haben. Es ist unwichtig ob die Menschheit als ganzes eine Überlebenschance hat.
Es ist auch die Frage unwichtig unwichtig wenn der Mensch eine Überlebenschance hat wie kann er sie nutzen.
Ja das ist alles unwichtig für sie weil sonst müssten sie ja mal das Denken anfangen.
Für alle anderen Menschen ist das sehr wichtig.

Hans Sturm vor 5 Wochen

Jetzt erforscht also ein Forschungsteam für Millionen von Euro, ob die Meeresasseln in der Tiefsee unter dem Klimawandel leiden. Und wenn ja, was machen wir dann und wenn nicht was ist dann ?
Ich bin schon total gespannt, auf die Ergebnisse. Bestimmt so interessant wie die Ergebnisse von der ISS, die z.B. an hochreaktiven Sauerstoffatomen und anderen überlebenswichtigen Dingen forschen.