Gemeiner Holzbock (Ixodes ricinus), Zecke auf menschlicher Haut
Der gemeine Holzbock kann das FSME-Virus übertragen, wenn er länger saugt. Bildrechte: IMAGO / imagebroker

Frühsommer Meningoenzephalitis Zecken: FSME gibt es überall in Deutschland

21. Juni 2023, 15:54 Uhr

Das FSME-Virus kommt in Deutschland in immer mehr Gegenden vor. Forschende finden Zecken mit dem Erreger auch außerhalb der offiziellen Risikogebiete. Wer Outdoor-Urlaub machen will, sollte über eine Impfung nachdenken.

Die Karte der FSME-Risikogebiete vom Robert Koch-Institut scheint Entwarnung zu geben. Der Norden Deutschlands inklusive Sachsen-Anhalt ist weiß markiert: Kein Risikogebiet. Doch der Schluss, hier könne man sich bei einem Zeckenstich nicht mit FSME anstecken, ist falsch. Denn die Karte zeigt lediglich, wo sich mehr als eine Person pro 100.000 Einwohner und Jahr mit FSME infiziert (blau) und wo es weniger ist (weiß). Tatsächlich finden Forscher aber auch in den weißen Gebieten Zecken mit dem Virus – allerdings deutlich seltener.

Erklärung: Zeckenstich versus Zeckenbiss Im Volksmund ist häufig vom Zeckenbiss die Rede, Wissenschaftler sprechen allerdings vom Zeckenstich. Tatsächlich beißt die Zecke zwar die Haut auf, sticht dann allerdings mit einem Stechrüssel zu, um Blut zu saugen. Daher ist der Vorgang, bei dem Krankheiten übertragen werden, tatsächlich der Zeckenstich.

FSME: Verdopplung der Fallzahlen seit 2015

Eine Karte von Deutschland mit blau eingefärbten Landkreisen vor allem im Süden und im Südosten Deutschlanfds und größtenteils weißen Flächen im Norden und Nordwesten.
Bildrechte: Robert Koch-Institut

Gerhard Dobler leitet das deutsche Konsiliarlabor für FSME, also die zentrale staatliche Einrichtung, die alle Daten zur Frühsommer Meningoenzephalitis sammelt und verschiedene Virusvarianten nachweisen kann. "Inzwischen ist ganz Deutschland FSME-Risikogebiet, allerdings mit unterschiedlich großem Risiko je nach Region", sagt er.

Seit 2015 registriert sein Labor einen deutlichen Anstieg der jährlichen Meldungen. Waren es anfänglich weniger als 200 Erkrankte pro Jahr, steckten sich im Coronajahr 2020 erstmals mehr als 700 Personen mit dem Virus an. Auch 2022 waren es noch über 500 Fälle. Warum die Zahl der Infektionen von Jahr zu Jahr leicht schwankt und für wen eine Ansteckung besonders risikoreich ist, ist wissenschaftlich bislang nicht gesichert.

Risiko: Schwere Verläufe können auch junge Sportler treffen

Viele Menschen bekommen von einer Infektion nichts mit, haben vielleicht nur etwas Kopfschmerzen oder leichtes Fieber und denken vielleicht an einen sommerlichen Infekt. Bei einigen wenigen Infizierten folgt dann aber nach einer Woche ohne Symptome und Beschwerden plötzlich eine Entzündung des zentralen Nervensystems oder der Hirnhaut. Die kann zu schweren und manchmal sogar dauerhaften Lähmungen führen, etwa von Fingern, Zehen oder auch ganzen Armen oder Beinen oder der Gesichtsmuskulatur.

Ob jemand so schwer erkrankt, hängt nach bisherigen Erkenntnissen nicht mit den üblichen Risikofaktoren wie Alter oder Vorerkrankungen zusammen. Auch junge, gesunde, sportliche Menschen können schwere Schäden an den Nerven erleiden. "Häufig verlaufen solche FSME-Infektionen mild, aber in seltenen Fällen kann eine Ansteckung sehr dramatisch werden", sagt Björn Falkenburger, leitender Oberarzt an der Klinik für Neurologie des Universitätsklinikums in Dresden.

FSME-Impfung Die FSME-Impfung wird für Menschen Erwachsene empfohlen, die innerhalb der Gebiete leben, die eine Inzidenz von mehr als einer Infektion pro Jahr und 100.000 Einwohnern haben. In diesem Fall übernehmen die Krankenkassen die Kosten.

Außerhalb dieser Gebiete kostet die Impfung etwa 50 Euro. Sie kann über die Hausarztpraxis bestellt werden.

Für die Basis Immunisierung werden drei Impfdosen innerhalb eines Gesamtzeitraums von rund einem halben Jahr benötigt. Daher lohnt es sich, bereits im Winter mit der Impfung zu beginnen.

Hotspot Ravensburg: 15 verschiedene Virusvarianten auf kleinstem Gebiet

Allerdings ist das Risiko einer Erkrankung geographisch stark unterschiedlich verteilt. Entlang der Elbe haben Forschende das Virus in wenigen Zecken nachgewiesen, dabei immer die gleiche Virusvariante, die vermutlich zur gleichen Zeit wie die Auwaldzecke aus Polen eingewandert ist. (Ob diese Zecke auch für die Einschleppung verantwortlich ist, ist allerdings nicht nachgewiesen.)

In Süddeutschland, am Alpenrand und entlang des Bodensees dagegen finden die Wissenschaftler auf kleinstem Gebiet bis zu 15 verschiedene Varianten des Erregers, die aus unterschiedlichen Regionen eingeschleppt worden sind – meist von Zugvögeln, die in ihrem Gefieder Zecken mit sich tragen. Einer dieser Hotspots ist der Landkreis Ravensburg in Baden-Württemberg. Gehrad Dobler beschreibt das Muster dahinter als: "Wir sehen eine Einschleppung von verschiedenen FSME Viren und wir sehen, dass sie an den Nordhängen der Gebirge heimisch werden."

95 Prozent der Erkrankten waren nicht geimpft

Sachsen verzeichnet in den vergangenen 20 Jahren nahezu eine Verzehnfachung der Fallzahlen. Wurden Anfang der 2000er jährlich nur rund drei Infektionen gemeldet, waren es seit 2021 über 30 Fälle pro Jahr. Auch hier liegt der Schwerpunkt in wenigen Gebieten und zwar vor allem an den Nordhängen des Erzgebirges, also vom Vogtland bis in die sächsische Schweiz. Auch andere Hotspot-Regionen liegen in mittleren Höhengraden, etwa im bayrischen Wald oder im Landkreis Berchtesgaden. "Wer dort Urlaub macht, dem würde ich die Impfung sehr dringend empfehlen", sagt Dobler.

Die Schweiz und Österreich haben Dank hoher Impfquoten von bis zu 85 Prozent insgesamt weniger Fälle. Doch auch hier nimmt deren absolute Menge zu. In den Schwerpunktgebieten erkranke etwa einer von insgesamt 20 Ungeimpften einmal im Leben an FSME. Impfdurchbrüche seien selten, sagt Dobler, 95 Prozent der Ansteckungen beträfen die Ungeimpften.

FSME: Ist die Infektion im Gang, sind die Ärzte weitgehend machtlos

Das Problem: Ist die Infektion einmal im Gang, können Ärzte nicht viel tun für die Patienten. "Im Krankenhaus kann man das Fieber senken und die Komplikationen beherrschen. Aber den Schaden, den das Virus in seltenen Fällen am Nervensystem anrichtet, den kann man nicht stoppen", sagt Neurologe Björn Falkenburger. Oftmals heilten die Infektionen trotzdem einfach aus, aber in seltenen Fällen können diese Schäden auch dauerhaft bleiben.

Die Zunahme der Fälle in Sachsen sieht der Mediziner in seiner Universitätsklinik in den vergangenen Jahren deutlich. Warum sich das Virus immer weiter nach Norden ausbreitet, ist nicht eindeutig geklärt. Aber das immer wärmere Klima dürfte eine Rolle spielen, es macht den Zecken das Überleben im Winter leichter.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | Der schönste Morgen | 16. Juni 2023 | 08:15 Uhr

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