Covid-19 Geimpft und trotzdem infiziert: Kann ich andere anstecken?

Können Geimpfte, die sich trotzdem mit Corona infizieren, das Virus vermehren und verbreiten? Erste Daten aus Israel deuten an: Geimpfte Infizierte haben weniger Viren in den Proben als nichtgeimpfte.

Grafik - mehrere Coronaviren
Künstlerische Darstellung von Sars-CoV-2 Bildrechte: imago images/Panthermedia

Können geimpfte Menschen Coronaviren verbreiten, wenn sie sich trotz Impfung anstecken? Diese Frage stand im Zentrum der Debatte, ob Freiheitsrechte weiter eingeschränkt bleiben dürfen, wenn Menschen geimpft sind. Nein, argumentierten Befürworter sogenannter Impfprivilegien. Wenn Geimpfte kein Virus verbreiten, sind sie auch keine Gefahr mehr für andere, die Einschränkungen für sie müssen also aufgehoben werden. Da aber bislang keine Daten vorlagen, entschieden verschiedene Gremien dagegen. Nun aber bringt eine Studie aus Israel erste Erkenntnisse. Geimpfte replizieren demnach bei einer Ansteckung das Virus, allerdings in viel geringerem Maß als Nichtgeimpfte.

Ab Tag 12 deutlich weniger Virenmaterial in Proben

In der noch nicht begutachteten Studie untersuchten die Forscher die positiven PCR-Ergebnisse von 5.794 Personen, die drei Gruppen entstammten: Nicht-Geimpfte, Menschen deren erste Impfung ein bis elf Tage zurücklag und solche, deren erste Impfung zwölf bis 28 Tage her war. Für ihre Frage konzentrierten sich die Wissenschaftler auf den sogenannten Ct-Wert, der angibt, wie viel Virus-Erbmaterial in einer Probe vorhanden ist. Je höher der Ct-Wert, desto weniger Viren-RNA wurde gefunden.

Kernergebnis ist, dass ab Tag 12 nach der Impfung mit dem Biontech/Pfizer mRNA-Impfstoff die Ct-Werte bei infizierten Geimpften deutlich anstiegen. Das bedeutet, dass bei ihnen vier Mal weniger Virenpartikel gefunden wurden, als bei den Nichtgeimpften. Die Forscher vermuten, dass das auch bedeutet, dass Geimpfte ab Einsetzen des Impfschutzes weniger ansteckend sind, wenn sie sich infizieren.

Bei ihrer Studie handele es sich allerdings nur um Beobachtungsdaten, außerdem wurden die tatsächlich ausgeschiedenen Virenmengen nicht erfasst, schreiben die Forscher. Auch wurde nicht überprüft, mit welchen Virusvarianten sich die positiv getesteten infiziert hatten. Daher können die Forscher keine Aussage über den Einfluss von Mutationen auf ihr Ergebnis treffen.

Was bedeuten die Virenmengen für die Infektiosität?

Clemens Wendtner, Chefarzt an der München-Klinik Schwabing, sieht in den Ergebnissen dennoch einen Anlass zur Hoffnung. "Der Impfstoff BNT162b2 führt nicht nur zu einem Individualschutz des Geimpften hinsichtlich einer COVID-19-Erkrankung, sondern es ist davon auszugehen, dass bei einer ausreichenden Durchimpfung der Bevölkerung auch ein gewisser Bevölkerungsschutz im Sinne einer Vakzin-basierten Herdenimmunität realistisch entstehen kann", sagte er in einem Statement für das Science Media Center. Er hält es zugleich für möglich, dass die von den Geimpften ausgeschiedenen Virenmengen nicht mehr für eine Infektion anderer Menschen ausreichen.

Marco Binder, Forschungsgruppenleiter am Deutschen Krebsforschungszentrum, warnt allerdings davor, die Reduktion der gefundenen Virenmengen mit weniger Ansteckungspotenzial gleichzusetzen. "Diese Zahl muss aber ins Verhältnis zu den typischerweise nachgewiesenen RNA-Mengen gesetzt werden, die sich häufig im Bereich von Hunderttausenden oder Millionen von RNA-Molekülen bewegen. Inwiefern sich Anbetracht dieser allgemein sehr hohen Virusmengen eine vierfache Verringerung tatsächlich auf die Infektiosität der betroffenen Personen auswirkt, bleibt fraglich."

Viele Fragen offen

Susanne Pfefferle vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ergänzt, dass die Studie noch viele Fragen offen lasse: "Es wäre zum Beispiel interessant zu wissen, ob die geimpften Personen bereits mit Antikörpern auf die Impfung reagiert haben. Darüber hinaus müsste man in Zellkulturexperimenten die Infektiosität der Virusproben von Geimpften im Vergleich zu Ungeimpften untersuchen und idealerweise die Probe auch sequenzieren. Auch wären Angaben zur klinischen Symptomatik der Probanden sehr interessant."

(ens/smc)

Zur Studie

Levine-Tiefenbrun M et al. (2021): Decreased SARS-CoV-2 viral load following vaccination, Preprint

9 Kommentare

Ritter Runkel vor 2 Wochen

Gute Studien zeichnen sich ja dadurch aus, dass Sie ihre eigenen Grenzen benennen, eigene Fehlerquellen analysieren und auch auf mögliche andere Einwirkungen hinweisen. Das ist seriöse Wissenschaft.
Das ändert nichts an der Schlussfolgerung der Wissenschaftler.
Unseriös sind irgendwelche absolutistischen Wahrheitsansprüche, die mit nichts, aber auch gar nichts belegt werden.

adler123 vor 2 Wochen

Die Grippeimpfung ist ja nicht gegen die einfache "Erkältungsgrippe"
Erkältungen kenne ich auch kaum. Aber diese jährliche Impfung mach ich meistens...wenn ich daran denke...Impfungen nehm ich meistens mit, die mir mein Hausarzt empfiehlt. Letztens war Gürtelrose und Lungenentzündung dran.:-))

MDR-Team vor 2 Wochen

Hallo Lotrecht,
wir berichten regelmäßig über neue Entwicklungen bei den Corona-Medikamenten (https://www.mdr.de/wissen/welche-medikamente-gibt-es-gegen-corona-100.html). Es ist gut möglich, dass das genannte potenzielle Medikament auch in einem folgenden Artikel Erwähnung findet. LG, das MDR-Wissen-Team