Prof. Dr. Christoph Lübbert und Prof. Dr. Uwe G.Liebert 7 min
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Während der vergangenen Herbst- und Wintermonate haben sich mehr Menschen mit Covid-19 angesteckt als je zuvor. Welche Folgen hatte die Ansteckungswelle und was lernen wir für andere Viren?

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Covid-19 Infektionsforscher Christoph Lübbert: "Die Coronawelle ist durch"

21. März 2024, 11:00 Uhr

Während der vergangenen Herbst- und Wintermonate haben sich mehr Menschen mit Covid-19 angesteckt als je zuvor. Welche Folgen hatte die Ansteckungswelle und was lernen wir für andere Viren?

Daten aus dem Abwassermonitoring zeigen: Hinter und liegt eine Welle von Corona-Infektionen, bei der sich mehr Menschen denn je zuvor mit dem Virus angesteckt haben. Doch das hat nicht die gleichen Sorgen ausgelöst wie bei den Infektionswellen in den Jahren 2020 bis 2022. Aber gab es trotzdem medizinische Folgen? Das weiß Professor Christoph Lübbert, Leiter des Bereichs Infektiologie und Tropenmedizin am Uniklinikum in Leipzig.

Frage: Was war denn das jetzt für eine Coronawelle? War sie außergewöhnlich und haben wir das kaum bemerkt?

Christoph Lübbert: Viele haben es ja schon gemerkt, weil sie ein paar Tage krank waren. Es gab auch Menschen, vor allem hochbetagte, die deswegen auch wieder ins Krankenhaus mussten. Und wenn Sie die Daten aus dem Abwassermonitoring anschauen, war die Welle in der Spitze ungefähr so hoch wie im Winter 2021/22, zum Höhepunkt der Pandemie. Aber dieses Jahr gab große Unterschiede: Dieses Mal hatten wir eine wirklich sehr gute Bevölkerungsimmunität. Fast 100 Prozent der Bevölkerung haben in irgendeiner Form Immunität gegen Corona erworben und das macht sich natürlich in milderen Verläufen bemerkbar. Und wir haben es immer noch mit der Omikron-Variante und mit neuen Sublinien zu tun. Das Virus mutiert weiter und seine Ansteckungsfähigkeit nimmt phasenweise wieder zu. Dann gibt es eine neue Welle. Aber die Fähigkeit, den Menschen schwer krankzumachen und vor allen Dingen in die tiefen Atemwege vorzudringen, die ist bei diesen neuen Omikron-Sublinien deutlich abgeschwächt.

Für wen kann denn eine Erkrankung noch gefährlich werden?

Wir sehen immer noch eine starke Altersabhängigkeit. Wenn man über 60 Jahre alt ist, sollte man deshalb der Impfempfehlung folgen: Einmal im Jahr, so ist ja der Stand derzeit, eine Auffrischimpfung machen und sich damit vor möglicherweise schweren Verläufen schützen. Das gilt besonders für Menschen über 80 Jahre, die mit guter Lebensqualität unterwegs sind. Die müssen besonders aufpassen, dass sie keinen schweren Corona-Verlauf bekommen. Das gilt auch für Menschen mit einem schlecht funktionierenden Immunsystem. Alle anderen, die Corona als Erkältung durchleben, können zunehmend entspannen.

Sollte ich eigentlich – wenn ich erkältet bin und Schnupfen habe – wieder zur FFP2-Maske greifen, um Rücksicht auf andere zu nehmen?

Ich glaube schon. Wenn Sie zum Beispiel symptomatisch krank sind, aber arbeitsfähig und dann gehen Sie unter Leute, etwa zum Einkaufen, dann können Sie andere anstecken. Da wäre es ein Gebot der Nächstenliebe, dass man andere schützt durch diese Maske. Das finde ich schon gut, dass man phasenweise Masken nutzt. Aber es gibt keinen Grund, dass alle Menschen im Winter nur noch mit Maske rumrennen.

Es gab ja Menschen, die nicht zufrieden waren mit den Coronaschutzmaßnahmen, die schon früher gesagt haben: Corona ist eine normale Grippe, da werden wir nicht mehr Tote haben als bei einer schweren Influenza. Sind wir da an diesem Punkt?

Da muss ja wirklich die Medizinstatistik bemühen. Und da lässt sich ganz klar sagen: Als Corona anfing, war es 10- bis 20-mal so gefährlich und tödlich wie die saisonale Influenza. Jetzt haben wir bei Corona eine hohe Immunität in der Bevölkerung, auch wenn sie relativ und nicht absolut ist. Das heißt, man kann krank werden, aber eben nicht schwer. Und es gibt eine Abschwächung des Virus. Durch diese beiden Entwicklungen sind wir ungefähr auf das Level der Influenza gekommen, mit einer Sterblichkeit von 0,1 bis 0,2 Prozent der Fälle. Das war in der Vergangenheit anders und darum gab es Corona-Maßnahmen.

Sollte man beim Abwassermonitoring künftig auch Influenza und RS-Viren erfassen?

Das haben wir erst durch Corona gelernt, dass man im Abwasser die Viruslast messen kann, um zu erkennen, was gerade los ist. Man kann zumindest Trends erkennen. Für Sars-CoV-2, also für den Erreger von Covid-19, funktioniert das sehr gut. Das kann ausweiten für RS-Viren und für Influenza, was im Moment die bestimmenden Viren sind.

Die Coronawelle, die wir nicht als schwer erlebt haben, ist durch. Wir haben jetzt viel Influenza, was wir auch bei uns im Krankenhaus sehen, genau wie viele RS-Virusinfektionen. Und da wäre eine Überwachung im Abwasser eine elegante Technik, um zu sehen, welche Viren gerade zirkulieren. Das wäre nicht nur wissenschaftlich spannend, sondern hätte auch einen praktischen Nutzen. Man kann auch versuchen, bestimmte Antibiotikaresistenzen bei Bakterien zu erfassen, damit man noch besser erkennt: Worauf müssen wir uns vorbereiten?

17 Kommentare

MDR-Team vor 7 Wochen

Hallo Dermbacher,

die Letalität und die Sieben-Tages-Inzidenz sind verschiedene epidemiologische Maßzahlen und erfassen unterschiedliche Aspekte der Verbreitung und Schwere einer Krankheit. Die Sieben-Tages-Inzidenz misst die Anzahl der neu gemeldeten Fälle pro 100.000 Einwohner*innen in den letzten sieben Tagen und gibt Aufschluss über die aktuelle Ausbreitung der Infektion. Die Letalität hingegen bezieht sich auf den Prozentsatz der Todesfälle im Verhältnis zur Gesamtzahl der Infektionen.

Es ist möglich, dass höhere Inzidenzwerte zu einer geringeren Letalität führen können, insbesondere wenn eine größere Anzahl von milden oder asymptomatischen Fällen erkannt wird. Dennoch sind diese beiden Kennzahlen nicht direkt proportional, und eine genaue Bewertung erfordert eine umfassende Analyse unter Berücksichtigung verschiedener Faktoren.

- Das MDR WISSEN Team

MDR-Team vor 7 Wochen

Hallo Dermbacher,

die Letalität wird in der Regel als Prozentsatz der Todesfälle im Verhältnis zur Gesamtzahl der Infektionen berechnet. Dieser Wert kann variieren und hängt von verschiedenen Faktoren ab, darunter die Verfügbarkeit von medizinischer Versorgung, Altersstruktur der betroffenen Bevölkerung und die Fähigkeit des Gesundheitssystems, mit der Krankheit umzugehen. Es ist wichtig, diese Faktoren zu berücksichtigen, um eine fundierte Beurteilung der Schwere einer Infektion zu ermöglichen.

Oder was meinen Sie jetzt genau?

- Das MDR WISSEN Team

Dermbacher vor 7 Wochen

Ihre Aussage ist falsch! Denn auf MDR Wissen online geistert die Mainz Studie, bei der behauptet wird dass die Sieben-Tages-Inzidenz um das Hundertfache höher ist, deshalb müsste auch entsprechend die Letalität sehr viel geringer sein!

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