Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte Was denkt mein Hund über mich?

Der Hund, der beste Freund des Menschen. Der Hund, seit Jahrtausenden an unsere Seite. Aber wissen wir inzwischen, was er über uns denkt? Wie er uns sieht, als Kumpel, Schwester, Bruder, Alphatier?

Große Fragen in zehn Minuten

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Was denkt Hund über mich
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Ein stilisiertes Auge in Nahaufnahme, ergänzt durch technisch anmutende grafische Elemente. Text: Wie wird die Zukunft?
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Was denkt mein Hund über mich? Eine durchaus ambitionierte Frage, die man aber heutzutage genauso stellen darf, sagt nickend Dr. Juliane Bräuer vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena: Ihr Spezialgebiet ist das Verhalten von Hunden:  

Also als ich angefangen habe, hätte man das nie so gesagt. Man hätte nie so gesagt: Der denkt!

Dr. Juliane Bräuer, MPI Jena

Doch inzwischen sei das völlig überholt. „Wenn das vielleicht auch nicht genauso aussieht wie bei uns. Aber wir wissen inzwischen, dass bestimmte Neuronen feuern an bestimmten Stellen, die vergleichbar sind wie wenn Neuronen feuern, wenn wir was Bestimmtes sehen. Es gab jetzt eine Studie, wo es darum ging wie sie auf Lob reagieren. Also ich halte es quasi für unwissenschaftlich zu sagen: Der Hund denkt nicht. Für mich ist das eine ganz normale Frage.“

Freuen wir uns über die Antwort?

Aber auch eine Frage, auf die es möglicherweise nicht die Antwort gibt, die wir uns wünschen. Wir wissen ja nicht mal, wie unser Nachbar wirklich über uns denkt. Wie Hundegedanken aussehen, sich anfühlen, werden wir also vermutlich nie wissen – sie haben ein anderes Oberstübchen als wir und sind anderes verdrahtet.

Was unser Hund wirklich denkt, wenn er leise atmend und tiefenentspannt neben uns auf der Couch liegt, wenn wir fünf Mal entnervt schreien "Komm endlich her", oder wir ihm das Trockenfutter servieren aber die Gerüche vom Tisch ganz anderes erahnen lassen. Darauf wird es hier leider keine befriedigende Antwort geben. Womit man aber möglicherweise gleich zu Anfang aufräumen kann, ist eine alte Vermutung, dass nämlich Hunde denken wir wären auch so etwas wie ein Hund, der Chef des Rudels sozusagen.

Eine Frau mit kurzen Haaren in einem lila Pulluver und einer schwarzen Hose. An ihrer Seite ein schwarzer Hund mit weißer Zeichnung.
Juliane Bräuer Bildrechte: MPI SSH

Also der Hund ist nicht blöd, der sieht, dass wir anders sind und der weiß auch an bestimmten Stellen, dass, wenn man mal neben einem Hund gerannt ist, dass er viel schneller ist als wir.

Dr. Juliane Bräuer

Wir werden also versuchen so weit wie möglich in die Welt der Hunde einzutauchen – denn die Neugierde auch von Wissenschaftlern ist riesengroß. Auch sie wollen erfahren: wie tickt dieses Wesen, das uns mit so treuen Augen scheinbar tief in unsere Seele blickt. 

Achtung, Hundeblick!

Der Hundeblick ist legendär. Es soll tatsächlich Menschen geben, die diesen hochgezogenen Brauen, diesen offenen weiten Augen, die uns so erwartungsvoll anschauen, widerstehen können. 

Die meisten Menschen haben aber keine Chance – sie erliegen diesem Blick gerade von Welpen hoffnungslos. Ein Blick, den tatsächlich nur Hunde können – eine Fähigkeit, die sich erst im Zusammenleben mit dem Menschen entwickelt hat. Denn Wölfe können nicht so gucken, sie besitzen diesen Muskel im oberen Augenlid nicht.

Also das ist ein Muskel, der sich explizit bei Hunden entwickelt hat - der 'Ich Gucke-Süß-Muskel'

Dr. Juliane Bräuer
Kleiner Hund macht Hundeblick
Der Hundeblick ist exklusiv für den Menschen gedacht. Bildrechte: Colourbox.de

„Und dann hat man auch noch geschaut, ob die das nur machen, wenn sie uns anschauen“, so Bräuer weiter. „Und da hat sich gezeigt, die haben nur süß geguckt, wenn der Mensch geguckt hat. Also es hatte nur etwas damit zu tun: Wenn er guckt, mach ich die Augenbraue hoch und wenn er nicht guckt, dann nicht.“ Es ist nicht klar, ob Hunde sich der Wirkung dieses Blickes bewusst sind. Ob sie diese – ihre wahrscheinlich wirkungsvollste Waffe – mit Kalkül einsetzen. Fest steht erstmal nur, dass dieser Blick funktioniert.

Eine britische Tierheimstudie hat genau das bewiesen, indem man die Begegnungen von Hunden und Besuchern in einem Tierheim beobachtet hat, so Bräuer: „Und man hat sich alles angeschaut, wie oft haben sie gebellt usw. Und dann haben sie auch geschaut, was machen die mit Ihrem Gesicht und dann haben sie festgestellt: Der einzige Effekt war, ob die Hunde süß geguckt haben. Und die Hunde, die das besonders oft gemacht haben, sind eher adoptiert worden.“

Entwicklungsvorteil Hundefreundschaft

Dieser Muskel muss innerhalb der letzten 15- bis 30-tausend Jahre entstanden sein. So lange glaubt man, führen Mensch und Hund schon eine gemeinsame Beziehung. Es gibt auch Hinweise, dass wir schon viel länger zusammen sind. Manche Genetiker gehen sogar von 100-tausend Jahren aus.

Es gibt sogar Theorien, dass wir dem Neandertaler deshalb überlegen waren, weil wir schon Hunde hatten.

Dr. Juliane Bräuer

Viele Tausend Jahre mit dem Menschen durch die Gegend ziehen, das bleibt nicht ohne Folgen, das hinterlässt Spuren. Zumal wir durch Züchtung kräftig mitmischen. Die Hunde, die besonders zahm sind oder wachsam, die uns verstehen, die besonders gut riechen können, die motiviert sind zu lernen, die nehmen wir und züchten sie weiter. Diese Eigenschaften verankern sich in der DNA, im Wesen der Hunde. Es scheint fast so als würden sie von Anfang an wissen, dass sie zu uns gehören, zu uns Menschen.

Also es gibt lustige Studien zu kleinen Welpen und die haben dann eben die Wahl zwischen einem Hund und einem Menschen und die können kaum krabbeln und die krabbeln eher zum Menschen.

Dr. Juliane Bräuer

Auch hier wissen wir nicht, was Hunde denken. Wir sehen nur, was sie tun. Sie wollen vor allem zu uns. Wir scheinen für sie vertrauter und anziehender zu sein als ihre eigenen Artgenossen. Und es gibt noch einen anderen Test, der zeigt wie eng unser Verhältnis in dieser langen gemeinsamen Zeit geworden ist. Der Test nennt sich: Das unlösbare Problem. Wölfe und Hunde bekommen einen Kasten vorgesetzt, in dem Fleisch ist. Sie haben keine Chance, den Kasten zu öffnen, egal was sie auch versuchen. Und hinter Ihnen steht ihre Bezugsperson.

Die Wölfe versuchen alles, um diesen Kasten zu zerlegen, um an das Fleisch zu kommen. Und die Hunde versuchen das relativ kurz und dann drehen sie sich um und schauen zum Menschen.

Dr. Juliane Bräuer

Denn der Wolf, erklärt Bräuer, „hat nicht dieses enge Verhältnis, der erwartet auch nicht, dass der Mensch ihm da hilft und der Hund, der schaut zum Menschen und der Mensch kann ja diesen Blick extrem gut interpretieren. Also man könnte sagen: er ist faul oder er ist wahnsinnig clever.“

Hunde können in uns lesen

Hunde verstehen uns, sie können uns lesen, wie man so schön sagt. Sie ahnen voraus, was wir tun wollen, nicht nur wenn wir die Leine nehmen, um die Gassirunde zu beginnen. Denn sie beobachten uns unentwegt und ziehen ihre Rückschlüsse. Sie wissen sogar, was wir sehen, was sich in unserem Blickfeld befindet und sie wissen auch, dass wir, wenn wir die Augen schließen, nichts sehen. Sie können Begriffe zuordnen und wissen von Geburt an – anders als Wölfe – was unsere Zeigegeste zu bedeuten hat. Dort unter diesem Becher ist das Futter oder dort ist etwas Interessantes. Damit können sie etwas, was nicht mal unsere nächsten Verwandten, die Menschenaffen können. Dagegen haben Hunde beim Hütchenspiel, wenn das Futter unter den Bechern hin und hergeschoben wird, nicht den Hauch einer Chance.


Sie sind uns so nahe, dass wir sogar menschliche Eigenschaften in sie hineininterpretieren. Z.B. das schlechte Gewissen. Wir glauben, sie sind sich bewusst, wenn sie Verbotenes getan haben, wenn sie das Kissen zerfetzt haben oder verbotener Weise ans Futter gegangen sind und uns dann nicht mehr in die Augen schauen können. Das ist Quatsch, das stimmt ausnahmsweise mal nicht. Das haben die Forscher in Jena getestet.

Der Hund hat kein Schuldbewusstsein, der hat auch keine Moral.

Dr. Juliane Bräuer

„Wir haben ja selbst einen Versuch gemacht, wo wir eben verbotenes Futter auf die Erde gelegt haben und ‚Aus‘ gesagt haben. Und den Hund angeguckt haben, oder die Augen zugemacht oder uns umgedreht haben. Und sobald die Hunde das Futter gefressen haben oder auch währenddessen haben die keinerlei Schuldbewusstsein gezeigt, obwohl sie dann offensichtlich ein Verbot übertreten hatten. Das lässt uns ganz eindeutig sagen: Nein, der Hund hat kein Schuldbewusstsein, der hat auch keine Moral.“

Ist es wahre Liebe?

Lustig aussehender Chihuahua
Ein Chihuahua erinnert nur noch bedingt an seine Vorfahren. Bildrechte: Colourbox.de

Was Hunde mit uns Menschen gemeinsam haben: wir mögen uns gegenseitig so sehr – mit einigen Ausnahmen selbstverständlich. Extremer Ausdruck ist die Wiedersehensfreude, wenn Hundebesitzer nach Hause zurückkehren. Hier scheint tatsächlich genau das stattzufinden, was Hundebesitzer vermuten – pure Emotion. Wenn Mensch und Hund kuscheln geht dasselbe in den Organismen zweier verschiedener Spezies vor, wie wenn Verliebte sich berühren, Mütter ihre Kinder im Arm halten. Das Kuschelhormon Oxytocin wird nicht nur beim Besitzer freigesetzt, sondern auch beim Hund.    

Was man so nachweisen kann, was da passiert sowohl beim Hund als auch beim Menschen, was man so ganz profan als Zuneigung oder als Liebe bezeichnen würde – dasselbe, was da halt passiert.

Dr. Juliane Bräuer

Über diese Zuneigung vergessen viele, die mit Hunden zu tun haben, dass Hunde – trotz aller Anpassungen – in einer für sie fremden Welt leben, nämlich in unserer und wir müssen ihnen zeigen, wie sie funktioniert. Dazu brauchen sie nicht nur jemanden, der sie mag, sondern der zeigt wo es langgeht und zwar eindeutig und unmissverständlich. Autorität hat also nicht nur mit sozialer Rangfolge, sondern auch mit einer Hilfestellung zu tun.

Wir sollten natürlich eine Autorität haben zu dem Hund.  Also wir geben ihm ja auch Sicherheit, wenn wir ihm Sachen vorgeben. Er lebt ja in unserer Welt und deshalb kann der Hund nicht der Chef sein in dem Sinne.

Dr. Juliane Bräuer

Nach all den Dingen, die wir über Hunde bis jetzt wissen. Wie lässt sich also die Frage „Was denkt mein Hund über mich?“ oder besser „Was hält er von uns, wie sieht er uns?“, wie lassen sich diese Fragen am besten beantworten? Die Antwort, die Verhaltensforscherin Juliane Bräuer dazu liefert, ist nicht wirklich eine Überraschung aber sie bestätigt das, was Hundebesitzer jeden Tag spüren, was sie an ihrem Gefährten schätzen und in der Regel um keinen Preis der Welt hergeben würden. Also, was denkt mein Hund über mich?

Ein Frau und ein Hund spielen auf einer Wiese.
Eine echte Bindung: Mensch und Tier sind auch für den Hund eine Familie. Bildrechte: IMAGO

Wir sind Teil seiner Familie. Wir sind Teil seiner Gruppe und wir sehen halt anders aus als er und ich glaub, das versteht er schon auch.

Dr. Juliane Bräuer

Und dabei geht es nicht nur darum, dass der Hund weiß, dass er nett zu uns sein sollte, weil wir ihn abends füttern. „Der Hund ist eben auch bei uns, weil er mit uns eine Beziehung eingehen möchte. Der will von uns mehr als Futter.“

2 Kommentare

MDR-Team vor 12 Wochen

@part,
Sie sprechen ohne Frage einen wichtigen Aspekt bei der Hundehaltung an. Aber dieser Beitrag macht den Hund nicht zum "Lebensmittelpunkt der Gesellschaft". Zudem haben Hunde auch viel positiven Einfluss, als Hüte-, Rettungs- oder Blindenhunde zum Beispiel.

part vor 12 Wochen

Die Fleischproduktion weltweit vernichtet Regenwälder, schafft Monokulturen und Globalisierung und Umweltzerstörung.
Umweltschützer und Politiker appellieren an uns alle den Fleischkonsum auf ein Minimum zu reduzieren oder einzustellen. In der westlichen Welt werden dagegen immer mehr Fleischfresser aus Spaß an der Freud gehalten, währen weltweit immer mehr Menschen hungern müssen. Daher finde ich dieses Thema vom MDR total deplatziert, denn fleischfressende Tiere und besonders Hunde sind und dürfen nicht der Lebensmittelpunkt in unserer Gesellschaft werden.

Junger Mann, der mit seinem Hund in den Dünen sitzt 5 min
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