Hirnforschung aus Magdeburg Ignorieren unmöglich: Warum wir beim Einkaufen erst Dinge wahrnehmen, die wir gar nicht suchen

Ich suche Limetten und nicht Zitronen! Wer so im Supermarkt vor dem Obstregal steht, findet was zuerst? Zitronen! Eine Magdeburger Forscherin hat das Phänomen untersucht und machte verblüffende Erkenntnisse.

Obst und Gemüse in einem Supermarkt
Gezielt nach einer Farbe suchen hilft. Trotzdem nimmt das Gehirn auch die anderen wahr, um sie ignorieren zu können. Bildrechte: imago images/Rüdiger Wölk

Egal, ob in der Schule, im Straßenverkehr oder beim Einkaufen: Ständig umwogt uns eine Flut aus Informationen und Sinneseindrücken. Unser Gehirn ist permanent damit beschäftigt, die für uns relevanten Dinge herauszufiltern. Nur wie macht es das?

Genau das ist das Spezialgebiet von Neurowissenschaftlerin Dr. Mandy Bartsch: die visuelle Aufmerksamkeit. In ihrer jüngsten Veröffentlichung hat sich die Forscherin am Leibniz-Institut für Neurobiologie Magdeburg damit beschäftigt. Was passiert im Gehirn, wenn wir zum Beispiel rote Tomaten oder grüne Avocados im Supermarktregal suchen? Da die Forscherin (noch) nicht in die Gehirne der Probanden schauen kann, während sie einkaufen, musste sie sich dafür eine andere Versuchsanordnung ausdenken. Für ihre Studie hat sie die Hirnströme von Versuchspersonen gemessen und das elektrische und magnetische Feld an der Kopfoberfläche erfasst, während die Probanden auf einem Bildschirm Aufgaben lösten und sich dabei auf bestimmte Farben konzentrieren mussten.

Verblüffend: Ignorieren geht erst nach dem Wahrnehmen

Frau mit Zopf
Dr. Mandy Bartsch Bildrechte: Leibniz-Institut für Neurobiologie Magdeburg

Das erste Ergebnis war erwartbar, sagt die Forscherin, das Gehirn liefert eine starke Antwort auf die Farbe, mit der sich die Versuchsperson befasste - in unserem Beispiel die rote Tomate. Verblüffend aber waren andere Ergebnisse, mit denen niemand gerechnet hatte. Zum einen: Zuerst beschäftigt sich das Gehirn mit der Farbe, mit der es sich nicht befassen soll, in diesem Beispiel die grüne Avocado, erzählt Dr. Mandy Bartsch: "Die Ergebnisse zeigen, dass man Dinge nicht so einfach ignorieren kann. Wenn man sagt, 'achte nicht auf den rosa Elefanten': Das wird nicht funktionieren. Dann beschäftigt sich das Gehirn erst mal mit dem rosa Elefanten." Zum anderen zeigte sich: Gerade dann, wenn sich die Versuchsperson zunächst stärker mit der Farbe befasste, die sie ignorieren sollte, war sie bei der eigentlichen Aufgabe schneller. In der Forschung wird das "selection for rejection" genannt. Es gibt kein Ignorieren ohne voriges Wahrnehmen, so Bartsch.

Schneller Einkaufen dank Farben suchen

Aber was bedeuten solche Forschungsergebnisse für unseren Alltag, zum Beispiel beim Einkaufen? "Wenn man weiß, wie das Gehirn vorgeht, Dinge zu selektieren, könnte man im Supermarkt auch farblich sortieren, das Obst zum Beispiel," sagt Dr. Bartsch. Das wäre aus Sicht der Marketing- und Verkaufspsychologie Abteilung gedacht. Und aus Sicht der Kundschaft? "Wenn ich einkaufen gehe, überlege ich am besten vorher, welche Farbe die Dinge haben, die ich suche. Dann bin ich viel schneller, wenn ich weiß, okay, die Cornflakes-Packung ist rosa, dann finde ich sie auch schnell." Eine Fähigkeit, die wir schließlich evolutionär entwickelt haben, nämlich Reife von Früchten anhand ihrer Farbe zu unterscheiden, weist Dr. Bartsch weit in die Geschichte zurück. Und darin ist das Gehirn auch heute noch gut.

Aufgeräumter Schreibtisch erleichtert dem Gehirn die Arbeit

Dieser wissenschaftliche Beleg dafür, dass das Gehirn aktiv Störendes beiseiteschiebt, bevor es sich um das Gewünschte kümmert, untermauert viele Dinge, die wir schon geahnt haben, sagt die Wissenschaftlerin, die wir aus dem Alltag kennen. Der Klassiker: Man findet Dinge schneller, die man vorher aufgeräumt hat. Und konkret fürs Leben mit Homeoffice zum Beispiel sagt die Forscherin: "Wer sich da konzentrieren will, räumt erst alle Dinge aus dem Blickfeld, die im Moment unwichtig sind, die ablenken könnten, weil es dem Gehirn deutlich erleichtert, sich auf die eigentliche Aufgabe zu konzentrieren."

An der Stelle sprechen Wissenschaft und Eltern mit schulpflichtigen Kinder verblüffend synchron. Schade eigentlich, dass Kinder sich in der Pubertät nicht mehr von Forschungen aus der Wissenschaft beeindrucken lassen.

Latop auf einem unaufgeräumten Schreibtisch
Hier könnte man es dem Gehirn leichter machen Bildrechte: imago images / Panthermedia

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