Senckenberg Museum Kennen Sie den gerandeten Saftkugler? Neue Görlitzer Tierchen-App hat die Antwort

Smartphones helfen uns, die Natur zu entdecken. Mit Apps für Vögel oder Pflanzen. Nur für Bodentierchen gab es bisher noch nichts. Forscher aus Görlitz wollen das jetzt ändern. Die App für Asseln und Vielfüßer haben sie fertig. Sie soll der Forschung Daten darüber liefern, wo und wann welche Bodentiere vorkommen, und vielleicht auch das Image der Tierchen verbessern.

Pflanzen kann man mit einer Handy-App bestimmen, Vögel auch. Für kleine Krabbeltiere gab es bisher keine. Vermutlich liegt es an der schieren Menge: Allein bei den Insekten sind es 30.000 Arten in Deutschland, noch dazu mit all ihren Entwicklungsstadien und Erscheinungsformen. Wenn man auf den gesamten Stamm der Gliederfüßer schaut, mit Tausendfüßern, Spinnen oder Krebstieren, dann reden wir über 200.000 Arten. Was so eine App zur Mammutaufgabe macht. Das Senckenberg Naturkundemuseum in Görlitz wagt nun aber den ersten Schritt in Richtung kleine Tierchen, mit einer Bodentierbestimmungs-App. Sie konzentriert sich erst einmal nur auf 260 heimische Doppelfüßer, Hundertfüßer und Landasseln. Die sind das ganze Jahr über in fast allen Lebensräumen zu finden, man erkennt sie mit bloßem Auge.

Die wunderbare Welt der Füßer

Nahaufnahme eines sich aufrichtenden Tausendfüßers (Tachypodoiulus niger)
Tausendfüßer. Oft liefern Nahaufnahmen entscheidende Details für die Artenbestimmung. Bildrechte: IMAGO / alimdi

Die Menge der verschiedenen Asseln verdeutlicht die gewaltige Aufgabenstellung: Weltweit gibt es unglaubliche 3.600 Assel-Arten, in Deutschland immerhin nur 50. Aber selbst diese wenigen zu unterscheiden, ist extrem schwer. Nicht einmal Profis schaffen das mit bloßem Auge. Willi Xylander, Direktor des Naturkundemuseum Görlitz erläutert das im Gespräch mit MDR WISSEN: "Mitunter wird die Bezeichnung Tausendfüßer auf die Klasse der meist pflanzenfressenden Doppelfüßer beschränkt. Die stellen mit etwa zehntausend bekannten Arten den Großteil der Gruppe. Dreitausend bekannte Arten umfassen die fleischfressenden Hundertfüßer. Daneben gibt es noch die kleineren Gruppen der Zwergfüßer und der Wenigfüßer." Und sie alle sind extrem wichtig für unsere Böden. Sie buddeln, fressen, belüften.

Keine Knick-knack-fertig-App

Die App "BODENTIER hoch 4" liefert profundes Wissen über all diese Füßer. Allerdings geht das nicht so leicht wie bei einer Pflanzen- oder Vogelstimmenerkennungs-App, mit der man die Pflanze fotografiert, einen Vogelgesang aufnimmt und die App erkennt mittels künstlicher Intelligenz selbst die Art. Bei den Bodentierchen ist es schwieriger. Oft sind winzige Details entscheidend, wie ein Härchen oder Geschlechtsteile, um die Art eindeutig zu bestimmen. Das funktioniert erst durch die Vergrößerung.

Deshalb kann man auch mit der Senckenberg-Bodentier-App nicht einfach ein Foto machen und schwups steht das Ergebnis auf dem Display. Man muss genau hinschauen und einen interaktiven Bestimmungsschlüssel durchlaufen. Das funktioniert ein bisschen wie ein Lottozettel, sagt Museumsdirektor Willi Xylander: "Man tippt an, das ist da, das ist nicht da, und dann reduziert der Schlüssel automatisch die Anzahl der Arten." Wer die App nutzt, muss auf seinem Bild dann genau hinschauen, zum Beispiel Beine zählen, Fühler oder Antennen unterscheiden, Stechrüssel identifizieren, und dann selbst entscheiden, ist das ein Bandfüßer, ein Pinselfüßer oder ein Saftkugler. Die App bietet aber auch Artensteckbriefe, Informationen über die Lebensweise, Verbreitung und ihren Status in der Roten Liste Deutschlands. Die Daten, die Laien eingeben, werden weltweit nutzbar sein für alle, die Bodentiere erforschen.  

Das Image der Bodentiere ... will erst mal aufpoliert werden

Gerandeter Saftkugler
Ein gerandeter Saftkugler, der sich gerade zum Schutz eingerollt hat. Er gehört zu den Doppelfüßern. Bildrechte: IMAGO / imagebroker

Weil das nicht so einfach ist, bietet das Görlitzer Senckenberg-Museum Kurse an. Nutzen kann die jeder, der mag. Schulen, Universitäten, Kindergärten, Kleingartenvereine. Biologin Annika Neu wird dafür ganz Deutschland bereisen: "Viele Menschen haben sich bisher nicht wirklich mit dem Thema Bodentiere beschäftigt und Bodentiere haben auch kein so gutes Image in der breiten Bevölkerung. Es hapert an Vorwissen. Deswegen denken wir, dass diese Schulungen eine sehr gute Möglichkeit sind, das Interesse zu steigern und auch langfristig zu halten."

Die App ist das Poliertuch

Die App ist für Laien dazu ein gutes Instrument. Museumsdirektor Willi Xylander und sein Team gelten weltweit als Experten für Bodentiere. In einer Datenbank haben sie das Vorkommen von Bodentieren in Raum und Zeit in Beziehung zu den Umweltbedingungen erfasst. Bei den großen Exemplaren und ihrem Vorkommen gibt es wenige Daten und Dokumentationen, es gibt noch viele Beobachtungslücken. Kein Wunder, Asseln & Co sind keine "Rampensäue" die sich Beobachtern auf dem Silbertablett präsentieren, sie verstecken sich, wirken und wuseln eher im Verborgenen. Diese Beobachtungslücken soll mit Hilfe der neuen App "BODENTIER hoch 4" gefüllt werden. Ein Nebeneffekt: Museumsdirektor Willi Xylander ist sich sicher, dass man das, was man kennt, schützt.

Gemeiner dunkler Schnurfüßer
Gemeiner dunkler Schnurfüßer Bildrechte: dpa

(af/lfw)

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