Was lernen wir aus der Krise? Corona: Ein Hinweis aus der Zukunft

Was kommt nach Corona? Was lernen wir aus dieser völlig neuen Erfahrung? Der Zukunftsforscher Matthias Horx hat einen flammenden Text darüber geschrieben und beschwört eine Gesellschaft, in der vieles besser sein soll als heute. Die Menschen leben dann bewusster, halten mehr zusammen, Freundschaften wären intensiver, auch das Klima würde davon profitieren. Corona sei eine Art Probelauf für das, was sowieso kommen wird. Ist das so?

Mann in einem Schutzanzug
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Endlich mal Ruhe, nicht einem Termin nach dem anderen nachhecheln - sagte eine Freundin letztens am Telefon zu mir. Sie ist, wie viele, im Home-Office und genießt die Zeit. Der Druck sei weg - Veranstaltungen bis in den Sommer - abgesagt. Ruhe, plötzlich.

Doch was davon wird bleiben? Der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Thomas Lenk von der Universität Leipzig hat über Home-Office seine Doktorarbeit geschrieben.

Sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer merken jetzt, dass Home-Office eine sinnvolle Ergänzung zur Präsenzarbeit sein kann und künftig stärker zum Einsatz kommen könnte.

Prof. Thomas Lenk, Wirtschaftsforscher der Uni Leipzig

Thomas Lenk
Der Wirtschaftswissenschaftler Thomas Lenk von der Uni Leipzig Bildrechte: MDR/ Universität Leipzig/Prof. Dr. Thomas Lenk, Foto: Christian Hüller

Corona: Probelauf für den Klimaschutz

Um gute Arbeit zu leisten, müsse man nicht immer in der Firma präsent sein. Er nennt Stichpunkte wie zeitliche und örtliche Flexibilität der Arbeitnehmer, Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das sei jetzt schon mal so eine Art Probelauf - auch für Zukunftsforscher Matthias Horx. Allerdings meint er damit den Klimaschutz.

Ich glaube schon, dass es nach dem Sieg über das Virus eine Zeit geben wird, wo die Wirtschaft wieder heiß läuft, vielleicht sogar wieder mehr fossile Energien genutzt werden. Aber es wird die Frage im Raum bleiben, warum wir das, was wir als Weltgesellschaft bei Corona konnten, nämlich die Kurve abflachen, nicht auch für das riesige Problem der Erderhitzung stimmen könnte.

Matthias Horx, Zukunftsforscher

Matthias Horx
Der Zukunftsforscher Matthias Horx. Bildrechte: Klaus Vyhnalek (www.vyhnalek.com)

Corona zeige uns: Wir können "Stopp" sagen und vieles anders machen. Andere Verhaltensweisen lernen, andere Technologien nutzen, all das passiere gerade.

Ich glaube, dass uns die Corona-Krise eine Art Zuversicht geben könnte. Oder vielleicht auch diejenigen stärkt, die daran interessiert sind, dass es weitergeht auf eine Umstellung auf eine grünere, oder wie wir das auch nennen, blauere Technologie.

Matthias Horx

"Egoismus der Seuchen" blüht uns

Portrait - Dr. Björn Vedder, Philosoph, Autor, Publizist, Herrsching am Ammersee
Dr. Björn Vedder, Philosoph Bildrechte: Jens Schwarz

Doch Studien besagen, der Mensch wird selten schlau aus dem, was er erfährt. In der Regel macht er kurze Zeit später dieselben Fehler. Der Philosoph Björn Vedder jedenfalls ist von der momentanen Situation alles andere als begeistert. Der Stillstand und Rückzug sei ein Vorgeschmack auf den, wie er sagt, "rigorosen Egoismus der Seuchen, der uns blühen kann" und es sei am besten mit dem Schlimmsten zu rechnen.

Wir sehen, dass die Krise die Vorteile der Vermögenden deutlich heraus stellt. Wenn Sie sich das Gebot zu Hause zu bleiben anschauen: Da macht es einen Unterschied, ob Sie zu fünft in einer Drei-Zimmer-Wohnung sitzen oder mit ihrer Familie in einem großen Haus mit Garten und Seeblick haben.

Björn Vedder, Philosoph

Die Regeln des Marktes würden nach wie vor greifen. Nur jeder sei zurück geworfen auf sich selbst. Was jetzt aber gut sichtbar werde, sei, "welche Arbeitskräfte den Laden tatsächlich am Laufen halten", sagt Vedder.

Spaziergänger in berlin 4 min
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MDR AKTUELL Fr 03.04.2020 08:35Uhr 04:22 min

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Gefeierte Solidarität nur ein Schaufenster-Effekt

Verkäufer, Ärzte, Schwestern. Die bekämen nun endlich die Anerkennung, die ihnen zusteht. Wird das anhalten, auch nach Corona? Björn Vedder jedenfalls nennt die momentan gefeierte Solidarität "Balkon-" oder "Schaufenster-Effekt" - wir zeigen, stellen aus, wie toll wir alle sind. Tatsächlich machen die Länder ihre Grenzen zu. Die Menschen ihre Türen - egal, wie es dem anderen geht.

Doch können wir es uns überhaupt leisten, die Türen zu schließen und so lange zu Hause zu bleiben? Oder wäre der Schaden größer, wenn wir es nicht tun? Rein wirtschaftlich betrachtet, nach Kassenlage, sei das möglich, sagt Thomas Lenk. Die Politik der schwarzen Null im letzten Jahrzehnt hätte die Kassen gut gefüllt.

Deutschland könnte bis zu einer Billion Schulden verkraften, also 1.000 Milliarden Euro. Wenn Sie das mit den amerikanischen Zahlen vergleichen, also zwei Billionen, dann ist bis zu einer Billion für Deutschland eine Zahl, die uns in der Hinsicht gut schlafen lassen sollte.

Thomas Lenk

Virus gibt uns eine Lehrstunde

Doch können das auch kleine Unternehmen? Mitteldeutschland ist voll davon. Hier sieht Lenk eine große Herausforderung. Die Firmen brauchen dringend Hilfe, sagt er. Werden sie die bekommen? Letztlich gebe uns das Virus eine wichtige Lehrstunde, die da heißt: wichtige Dinge nicht auf die lange Bank schieben.

In einem Bericht des Robert Koch-Instituts zur "Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz" wurde schon 2013 genau das Szenario beschrieben, was jetzt eingetreten ist. Die weltweite Verbreitung eines "von Asien ausgehenden neuen Virus". Die Forscher nannten ihn damals Modi-SARS.

Zum Höhepunkt der ersten Erkrankungswelle nach ca. 300 Tagen sind ca. sechs Millionen Menschen in Deutschland an Modi-SARS erkrankt. Das Gesundheitssystem wird vor immense Herausforderungen gestellt, die nicht bewältigt werden können.

Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz

Krise wirkt wie eine Lupe

Der Bericht wurde bei Seite gelegt und nicht mehr beachtet. Der Publizist und Karriereberater Martin Wehrle hat weniger die Wirtschaft im Blick, sondern viel mehr das Miteinander. Auch er reitet auf der euphorischen Welle, die Zukunftsforscher Matthias Horx schon erklommen hat. Er sagt: Endlich kommen die Menschen zusammen. Aber er sagt auch:

Corona ist gut für uns, weil die Krise wie eine Lupe wirkt und wir sehen jetzt, was in unserem System, auch in anderen Zeiten, verkehrt läuft.

Martin Wehrle, Publizist und Karriereberater

Hamsterkäufe seien unsozial und würden uns zeigen, dass die Menschen verlernt hätten, an andere zu denken. Wehrle hofft, dass das nach Corona wieder mehr thematisiert wird. Und der Philosoph Björn Vedder wünscht sich, dass wir uns mehr mit dem Tod und der Endlichkeit des Lebens befassen, statt Türen und Grenzen zu schließen.

Corona zeigt uns, dass es geht, sagt Zukunftsforscher Matthias Horx. Wir müssten es nur wollen und verstehen, dass Corona ein Hinweis aus der Zukunft sei.

Aus einer Zukunft, in der wir auch handlungsfähiger werden als Weltgesellschaft. Das Verblüffende an der Erfahrung dieser Krise könnte sein, dass wir gewissermaßen geübt haben für die Veränderungen, die in Zukunft sowieso vor uns liegen.