Meteorologie Bringt Corona mehr Sonnenschein?

Der Frühling 2020 war trockener und sonniger als gewöhnlich. Vermutungen liegen nahe, dass der erste Corona-Lockdown daran Schuld sein könnte. Kann das sein? Forschende aus Europa haben jetzt Ergebnisse vorgelegt.

Frau in rotem Kleid und längeren, blonden, gewellten Haaren steht mit erhobenen Armen und verschlossenen Augen inmitten eines blühenden Rapsfeldes. Im Vordergrung unscharf einige Rapsblüten vor der Kamera, im Hintergrund Bäume.
Frühlingssonne kommt den meisten sehr gelegen. 2020 war sie besonders aktiv - aber woran lag's? Bildrechte: imago images/Westend61

Wissen Sie noch, was sie vor einem Jahr gemacht haben? Jetzt beginnt die Zeit, in der die Erinnerungen wach werden, zum Beispiel daran, wie das alles so angefangen hat mit der Pandemie. Gut möglich, dass Sie sich auch noch ans Wetter erinnern: Nachdem es Mitte bis Ende März noch mal frisch geworden war, stiegen die Temperaturen kontinuierlich ins Frühlingshafte und die Sonne tat ihr Übriges. Die Ansage damals: Zuhause bleiben, aber auch spazieren gehen - das trockene, sonnige Wetter tut den Viren ohnehin nicht gut. Und schließlich ist Corona ja ein Wintervirus.

Und es war einfach mal so richtig sonnig. Extreme Sonnenscheindauer, tiefblauer Himmel, hach, ein Frühlingstraum zu Beginn einer Krise. Besonders in Großbritannien, Belgien, Deutschland und den Niederlanden. Letztere verzeichneten die höchste Sonneneinstrahlung seit 1928 und übertrafen den Extremwert aus dem Jahr 2011 um 13 Prozent. Könnte der Lockdown etwas damit zu tun haben?

Weniger Verkehr, weniger Emissionen

Die Vermutung liegt nahe, wenn man sich die Auswirkungen der Corona-Maßnahmen näher ansieht. Allein der Verkehr: Auf den Straßen war viel weniger los, aber vor allem auch im Luftraum. Außerdem gingen die Industrieaktivitäten zurück. Die Luft war plötzlich sauberer. Dieser veränderte Alltag führte zu einem Rückgang der Stickstoffoxid-, Schwefeldioxid- und Kohlendioxid-Emissionen im zweistelligen Prozentbereich - mit entsprechenden Veränderungen in der Zusammensetzung in der Atmosphäre und der Strahlungsbilanz. Kurz gesagt: In der Luft waren weniger Aerosole - wohlgemerkt nicht zu verwechseln mit den durch Menschen ausgeschiedenen Aerosolen, die bei der Übertragung von Covid-19 eine wichtige Rolle spielen.

Ein Forschungsteam aus Köln hat nun zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus den Niederlanden und der Schweiz das außergewöhnlich sonnige Wetter zur Zeit des ersten Lockdowns genauer untersucht. Sie wollten wissen, ob die geringere Menge der Aerosole oder schlichtweg das Wetter verantwortlich gewesen sind. Dazu führte das Team boden- und satellitengestützte Beobachtungen und Experimente mit einem Strahlentransfermodell durch.

Ergebnis: Die mittlere optische Aerosoldicke - das ist ein Maß zur Beschreibung der Luftbelastung durch Aerosole - war geringer, führte aber nur zu einem Anstieg der Sonneneinstrahlung um 1,3 Prozent. Ganz andere Auswirkungen hatten die außergewöhnlich trockenen, gering bewölkten Tage, die zu einem Anstieg der Sonnenscheindauer um 17,6 Prozent führten.

Es war die Wetterlage - zumindest in Europa

"Die Analysen zeigen, dass die reduzierten Aerosole und Kondensstreifen aufgrund der Covid-19-Maßnahmen im Sonneneinstrahlungsrekord weniger wichtig sind als das trockene und vor allem wolkenfreie Wetter", erklärt Stephanie Fiedler vom Institut für Geophysik und Meteorologie der Universität zu Köln. Also war einfach nur das außergewöhnlich trockene und sonnige Wetter Schuld? Wozu dann die Aufregung?

Ausschnitt Kirschbaum mit voller weißer Blüte vor tiefblauem Himmel
Kirschblüte vor tiefblaumen Himmel - gut möglich, dass es in diesem Jahr wieder so kommt. Wahrscheinlich aber nicht wegen Corona. Bildrechte: imago images/Westend61

Europa ist, was die Luftverschmutzung betrifft, kein Maßstab. Die menschengemachten Aerosolemissionen sind verhältnismäßig gering und die Luft vergleichsweise sauber. An anderen Orten auf Mutter Erde sieht das anders aus. Stephanie Fiedler: "Zurzeit sind viele Regionen der Welt stärker durch Aerosole belastet als Westeuropa und größere regionale Auswirkungen der Aerosolreduktion auf die Sonneneinstrahlung durch Covid-19-Lockdowns sind an diesen Orten bereits dokumentiert."

Dass sich ein Lockdown auf das Wetter auswirken kann, ist also nicht weit hergeholt. Weitere Forschung soll zeigen, wie genau sich Aerosolveränderungen auf Wetterlagen auswirken können. Bereits jetzt arbeiten Klimaforschende an einem internationalen Projekt, das beim Vergleich von Klimasimulationen an die Pandemie angepasste Emissionsdatensätze berücksichtigt. Währenddessen bleibt uns in Mitteleuropa erstmal die Hoffnung auf einen Frühling, der uns wie 2020 das Leben von drinnen nach draußen verlegen lässt - und die Natur trotzdem nicht ausdörren lässt.

flo

Link zur Studie

Die Studie Record high solar irradiance in Western Europe during first COVID-19 lockdown largely due to unusual weather erschien am 15. Februar 2021 im Fachjournal Nature Communications Earth & Environment.

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