Seevögel Auf Angriff gebürstet: Sturmtaucher fliegen in Wirbelstürme

Besser einer kontrollierten Gefahr begegnen, als möglicherweise von einer unkontrollierten überrascht zu werden. Das scheint die Taktik bei Weißkopf-Sturmtauchern zu sein, die manchmal eine Zeitlang in Wirbelstürmen fliegen, statt ihnen auszuweichen.

Möwen-ähnlicher Seevogel gleitet stromlinienförmig mit ausgebreiteten Flügeln und langem dünnen Schnabel über Meeresoberfläche. Vogeloberseite braun, Unterseite weiß.
Weißkopf-Sturmtaucher, ein recht eleganter Seevogel. Bildrechte: imago/agefotostock

Der Weißkopf-Sturmtaucher hat ganz gute Karten, bei dem ein oder anderen Menschen Aufmerksamkeit zu erhaschen. Sein Name ist passabel und sein Auftreten einigermaßen elegant. Wenn Tiere Aufmerksamkeit erlangen, ist das meistens eine gute Sache. Auch für den Weißkopf-Sturmtaucher: Sein Gefährdungsstatus auf der Roten Liste löst zwar keine Sorgen, aber auch kein Zurücklehnen aus, er gilt als "potenziell gefährdet". Das heißt: nicht gefährdet, aber das könnte durchaus passieren.

Dabei ist der Weißkopf-Sturmtaucher clever genug, einer Gefährdung durch Mutter Natur zu entgehen. Das macht er, so sieht es zumindest aus, nach der Devise, dass Angriff unter Umständen die beste Verteidigung ist. Dazu schauen wir auf eines der Gebiete, in dem besonders oft tropische Wirbelstürme (Zyklone) entstehen: den Nordwestpazifik, genauer gesagt das Japanische Meer. Sind die Ozeanvögel mit einem Wirbelsturm konfrontiert, dann ergreifen sie nicht die Flucht, sondern fliegen dem Sturm entgegen.

Angesichts der verheerenden Zerstörung, die Wirbelstürme anrichten können – einschließlich Massensterben bei Seevögeln – löst diese Strategie Verwunderung aus und stellt die Frage, ob die Tiere möglicherweise lebensmüde sind. Wie Forschende aus Großbritannien und Japan jetzt berichten, ist diese Taktik aber schlichtweg das geringere Übel im Falle eines Sturms. "Wir haben ausgewachsene Sturmtaucher im Japanischen Meer über elf Jahre hinweg verfolgt und festgestellt, dass die Reaktion auf Wirbelstürme je nach Windgeschwindigkeit und -richtung variiert", schreibt das Forschungsteam. "Bei starken Winden flogen die Vögel, die sich zwischen dem Sturm und dem japanischen Festland befanden, vom Land weg und in Richtung des Sturmauges."

Der Name ist Programm

Dazu verfolgten sie bis zu acht Stunden lang das Auge in einem Umkreis bis zu dreißig Kilometern. Damit waren sie extremen Windgeschwindigkeiten ausgesetzt. Die sind für die Vögel aber absehbar, im Gegensatz zu zu starken Winden Richtung Küste. "Extreme Winde können zu einer Bedrohung werden, wenn die Unfähigkeit, die Abdrift zu kompensieren, zu Zwangslandungen und Kollisionen führen kann", so die Forschenden.

Um zu verhindern, an Land getrieben zu werden, müssen Weißkopf-Sturmtaucher – der Name scheint hier Programm – allerdings auch wissen, wo das Land ist. Bei jüngeren Tieren ist das ein Problem: Die haben zwar einen eingebauten Kompass, das Kartenupdate fehlt ihnen aber noch. Sie sind deshalb besonders anfällig für Abstürze. "Wir vermuten, dass die Fähigkeit, auf Stürme zu reagieren, sowohl von den Flug- als auch den Navigationsfähigkeiten beeinflusst wird", schreibt das Forschungsteam. "Dies könnte aufgrund von Veränderungen bei extremen Wettermustern zunehmend an Bedeutung gewinnen."

Hohe Gefährdungslage bei Gattungs-Genossen

Die beeinflusst derzeit vor allem die Menschheit. Gerade in Hinblick auf die potenzielle Gefährdungslage der Sturmtaucher ist es beeindruckend festzustellen, in welchen Details sich eine Gefährdung durch Klimawandel und dadurch ausgelöste Wetterveränderungen wiederfindet. Während einige Sturmtaucher der beiden Gattungen Calonectris und Puffinus derzeit nicht gefährdet sind, sind andere Arten noch deutlich schlechter dran als der Weißkopf-Sturmtaucher: Allein fünf der insgesamt dreißig von der Roten Liste geführten Arten sind als vom Aussterben bedroht deklariert. Beim Balearensturmtaucher im Mittelmeer zeigt sich neben dem Rückgang lokaler Bestände auch ein ungewöhnliches Wanderungsverhalten: Auf Grund der Erwärmung schiebt sich ihr Lebensraum in Richtung Norden. Dort könnten sie wiederum regionale Ökosysteme stören. Gegen menschgemachte Bedrohungslagen hilft eben auch keine Angriffstaktik.

flo

Links/Studien

Die Studie Pelagic seabirds reduce risk by flying into the eye of the storm erschien am 4. Oktober 2022 in PNAS.

DOI: 10.1073/pnas.2212925119

Wissen

Bodenstück mit bedrohten Tierarten, darunter Feldhamster, Schmetterlinge, Regenwurm, Maulwurf und Maikäfer. Im Hintergrund zeichnet sich ein Baum vor blauem Himmel ab.
Im Dezember findet der Artenschutzgipfel COP 15 in Montréal/ Kanada statt. Die internationale Politik möchte sich dort auf einen neuen Gesetzerahmen zum weltweiten Artenschutz verständigen. MDR WISSEN begleitet die Konferenz mit aktuellen Informationen zum Artenschutz. Bildrechte: MDR

0 Kommentare