Influenza Die Vogelgrippe könnte die nächste Pandemie auslösen

Die unter Wildvögeln grassierende Geflügelpest H5N1 betrifft zunehmend mitteldeutsche Tierparks und Betriebe. Sorgen vor einer Übertragung auf Menschen weckt aber vor allem der Ausbruch in einer spanischen Nerzfarm.

Feuerwehreinsatz auf einer Entenfarm
Tschechien im Januar 2023: Feuerwehrleute in Schutzanzügen müssen Enten töten, die mit dem Vogelgrippe-Virus infiziert sind. Bildrechte: IMAGO / CTK Photo

Wieder einmal mussten tausende Tiere sterben: Vergangene Woche bestätigte die Kreisverwaltung im Landkreis Börde, dass in einer Putenzuchtanlage die Geflügelpest ausgebrochen war. 10.000 Puten und ebenso viele Küken mussten sicherheitshalber getötet werden. Im Eichsfeld in Thüringen hatten sich Stockenten mit dem Virus infiziert. Zuvor war der Erreger, das Influenzavirus H5N1 auch bei Vögeln im Tierpark in Bad Kösen und im Bergzoo in Halle nachgewiesen worden.

Es ist bereits das dritte Jahr, in dem der Erreger unter Wildvögeln in Europa grassiert. Immer sind auch Massentierhaltungen betroffen. Allein in der Saison 2020/21 wurden laut einem Bericht der Mitteldeutschen Zeitung 1,8 Millionen Tiere in deutschen Ställen in Folge von Ausbrüchen getötet. Geflügelpest werden diese Infektionen mit dem H5N1-Erreger genannt, weil sie bei den Tieren sehr häufig schwer verlaufen. Viele Vögel sterben daran, auch ohne vorbeugende Tötung durch den Menschen.

Spanische Grippe ging möglicherweise auf ein Vogelgrippe-Virus zurück

Bislang sind zwar nur sehr wenige Fälle bekannt, in denen sich Menschen mit dem H5N1-Virus bei gehaltenen Tieren angesteckt hatten. Die in Asien registrierten Infektionen verliefen meist mild, eine Übertragung von Mensch zu Mensch wurde bislang nicht beobachtet. Doch es gibt keine Garantie, dass das so bleibt. Die aviäre Influenza, so der Fachausdruck für die Vogelgrippe, könnte durchaus zu einer neuen Grippe-Pandemie führen, die für Menschen sehr gefährlich werden könnte.

"Grundsätzlich haben aviäre Influenzaviren pandemisches Potenzial. Die sogenannte Spanische Grippe von 1918 geht vermutlich auf ein aviäres Influenzavirus (H1N1) zurück", sagt Elke Reinking, Sprecherin des Friedrich-Löffler-Instituts, dass als zentrale staatliche Einrichtung für die Gesundheit von Tieren in Deutschland zuständig ist.

Genetische Hürden verhindern bislang eine Übertragung der Geflügelpest auf Menschen

Bislang gebe es aber offenbar noch genetische Hürden, die einem Übersprung auf den Menschen, einer sogenannten Zoonose, im Weg stehen. Reinking beruhigt daher: "Bisher hat kein Erreger durch hochpathogene Formen der von den Virus-Subtypen H5 und H7 hervorgerufenen Geflügelpest eine Pandemie induziert. Es ist daher unklar, unter welchen Umständen das möglich wäre und ob es überhaupt für diese Subtypen möglich ist."

Würde sich das Virus an den Menschen anpassen, muss das aber nicht bedeuten, dass sich der Erreger sofort ungehindert verbreiten kann. "Bei Grippeviren ist das Hämagglutinin besonders wichtig für die Erkennung durch das Immunsystem", erklärt eine Sprecherin des Robert Koch-Instituts auf Nachfrage von MDR Wissen. "Influenza A(H5N1)-Viren und saisonale Influenza A(H1N1)pdm09-Viren gehören zur gleichen Hämagglutinin Gruppe, daher wird von einer gewissen Kreuzimmunität zwischen diesen Stämmen ausgegangen", so das RKI mit Blick auf eine Veröffentlichung der WHO. Allerdings: Wie das menschliche Immunsystem auf den neuen Erreger tatsächlich reagiert, lässt sich im Voraus kaum abschätzen. Ein Ausbruch könnte daher unvorhergesehene Folgen haben.

Wissenschaftler besorgt über Geflügelpestausbruch in spanischer Nerzfarm

Große Sorgen bereitet verschiedenen Wissenschaftlern deshalb ein Ausbruch der Geflügelpest in einer Nerzfarm in Spanien. Bereits im vergangenen Oktober hatten sich die Nerze wahrscheinlich bei wilden Vögel mit dem Erreger infiziert und dann das Virus untereinander übertragen. Ein kürzlich im Fachjournal Eurosurveillance erschienener wissenschaftlicher Bericht fasst nun das Geschehen zusammen.

Zu dem Betrieb gehören über 30 zu den Seiten hin offene Ställe. Mitarbeiter stellten zunächst fest, dass ungewöhnlich viele Tiere starben. Ein Test auf Corona und Influenza offenbarte, dass der Verursacher ein H5N1 Virus war. Das Virus schien sich von Hotspots in einzelnen Ställen auf weitere Ställe auszudehnen. Viele Tiere starben innerhalb von zwei Tagen an der Infektion.

Schließlich wurden aus Sicherheitsgründen alle 52.000 Tiere des Betriebs gekeult. Elf Mitarbeiter, die engen Kontakt zu den Nerzen hatten, wurden auf das Virus getestet. Alle Tests blieben aber negativ.

Forscher finden gleiche Mutationen wie bei Schweinepest von 2009

Bei genetischen Analysen fanden Forscher allerdings eine Mutation im PB2-Gen, die den Viren ermöglicht haben könnte, von Nerz zu Nerz zu springen. Diese PB2-Mutation war laut dem Bericht auch schon in der ursprünglich von Vögeln stammenden Schweinepest 2009 präsent, die zu einer Influenza-Pandemie bei Menschen geführt hatte.

Außerdem waren in dänischen Nerzfarmen im Herbst 2020 zahlreiche Übertragungen von Corona zwischen Mitarbeitern und Tieren festgestellt worden. Nun fürchten die Wissenschaftler, dass Nerze für die H5N1-Influenza zum Zwischenwirt werden und die Übertragungen zwischen Vögeln, Säugetieren und Menschen ermöglichen könnten.

Massentierhaltung auf Nerzfarmen schafft gefährliche Bedingungen

Elke Reinking sieht in den jetzt festgestellten Mutationen zunächst nur einen Hinweis auf eine Anpassung des Virus an Nerze. Die Bedingungen in dem Betrieb seien zudem förderlich gewesen. "In Nerzfarmen werden die Tiere in hoher Zahl auf engem Raum gehalten, was Infektionsgeschehen bei diesen empfänglichen Säugetieren begünstigt."

Auch Thijs Kuiken, ein niederländischer Tierpathologe, hält Nerzfarmen für eine Bedrohung. In freier Wildbahn seien nie so viele Tiere auf einem Fleck versammelt, die meisten Nerze seien Einzelgänger oder lebten in kleinen Gruppen. "Das ist ein rein menschliches Konstrukt", sagte er im Magazin Science. Tom Peacock, Virologe vom Imperial College in London, zeigte sich im gleichen Beitrag extrem beunruhigt. "Dass das nach der Covid-19-Pandemie in Europa passiert, macht mir echt Kopfzerbrechen."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 02. Februar 2023 | 21:45 Uhr

10 Kommentare

MDR-Team vor 7 Wochen

Hallo @BernhardC,

unbestritten und mehrfach bewiesen ist, dass die Membranen von FFP2- oder KN95-Masken, aber auch von manchen medizinischen Masken extrem effektiv filtern. Natürlich wird ein Ansteckungsrisiko meist von der Luft, die an den Rändern der Maske aus- und einströmt, dominiert - besonders, wenn die Maske nicht richtig sitzt und nicht am Gesicht eng anliegt. Wichtig ist also nicht nur, dass alle im selben Raum Masken tragen, sondern auch, dass diese möglichst gut sitzen. So auch das Ergebnis des Sachverständigenausschuss nach § 5 Absatz 9 Infektionsschutzgesetz. Dieser hat keinesfalls die Wirkung negiert. Die Kritik zur Datenlage bezog sich indes auf allgemeine Maßnahmen. In Bezug auf den immer wiederkehrenden Vergleich zu Schweden, empfehlen wir den Artikel der Kolleg*innen von QUARKS: https://www.quarks.de/gesundheit/medizin/wie-sinnvoll-ist-der-schwedische-corona-sonderweg/

Liebe Grüße

BernhardC vor 7 Wochen

Welche Sprünge hat die Pandemie-Wissenschaft gemacht? Nach Cochrane wissen wir immer noch nicht, ob und wo Masken etwas bringen. Die gestern im „Journal of Hospital Infection“ erschiene Analyse von (FFP 2-)Masken kommt zu dem Schluss, dass diese außerhalb spezifischer Settings nicht und auch in spezifischen Settings nur vorübergehend unter Einhaltung hoher Qualitätsstandards (u.a. Fit-Tests, Befestigung über Hinterkopf) etwas bringen. Die 2022 veröffentlichten Ergebnisse des Sachverständigenausschusses nach Paragraf 5 Abs. 9 IfSG blieben wegen eines Mangels an belastbaren Daten bescheiden. Blickt man auf Sterblichkeit und Lebenserwartung so überrascht das maßnahmenarme Schweden, das mit Norwegen am Besten in Europa abschneidet. Und nein, die Schweden wohnen nicht gleichverteilt über das Land, der Urbanisierungsgrad ist gar höher als in Deutschland. Schüler, die bis zur Sek 1 durchgängig in der Schule waren, wurden auch nicht in Messehallen unterrichtet, sondern in Klassenzimmern.

MDR-Team vor 7 Wochen

Hallo ALF229,
was wird denn angeblich "jetzt immer mehr bekannt"? Der vor allem zu Beginn der Pandemie geäußerte Verdacht, dass SARS-CoV-2 möglicherweise im Virenlabor von Wuhan erzeugt und dann durch einen Laborunfall freigesetzt wurde, konnte bisher nicht bestätigt werden. Weder US-Geheimdienste noch genetische Vergleichsanalysen des Virus fanden dafür Indizien. Die Labor-These kann zwar weiterhin nicht ausgeschlossen werden, ist aber laut überwiegender Experten-Meinung unwahrscheinlich. https://www.br.de/nachrichten/wissen/studie-um-labor-theorie-des-coronavirus-sorgt-fuer-diskussionen,TLMudsE
Freundliche Grüße vom MDR-Wissen-Team