Schlafforschung Vollmond sorgt tatsächlich für weniger Schlaf

Müde auf Arbeit? Der Vollmond war wieder Schuld. Und alle pflichten bei: Ja, diese Helligkeit nachts. Dass das keine Einbildung ist, haben Forschende jetzt bestätigt. Doch es steckt mehr dahinter als das Licht.

Skyline von Leipzig bei Nacht mit vielen beleuchteten Häusern und einigen Hochhäusern. Darüber Vollmond als Fotomontage.
Gegen lichtverschmutzte Großstädte wie Leipzig kommt auch der hellste Vollmond nicht an. Eigentlich. Bildrechte: (M) imago/Star-Media, Pixabay/rkarkowski

Immerhin: Wer erzählt, der Vollmond – gerade hat er als "Wolfsmond" hell geleuchtet – hätte in der vergangenen Nacht sein Übriges getan und der Hoffnung auf eine verdiente Mütze Schlaf entschieden entgegengestanden, wird nur noch selten abfälliges Gelächter ernten. Im Gegenteil, die Erklärung für dieses Phänomen ist fast schon zur Binsenweisheit geworden: Wenn der Vollmond am Firmament steht, ist es nachts beträchtlich heller auf der Erde. Und Helligkeit tut einem ausgewogenen Schlaf so gar nicht gut.

Das klingt plausibel, aber sind wir mal ehrlich: Das gilt vielleicht auf dem Land. Spätestens dann, wenn man in einer lichtverschmutzten Großstadt lebt, sollte dieser Effekt zu vernachlässigen sein. Dafür sorgt die unermüdlich helle Straßenlaterne vorm Schlafzimmerfenster. Und die ganzen anderen auch. Denkste! Die Änderung des Schlafverhaltens ist kein Phänomen des ländlichen Raums.

Landleben und urbaner Raum im Test

Das Team von Leandro Casiraghi von der University of Washington in Seattle wollte es genauer wissen und machte die Probe aufs Exempel. Dazu wurden insgesamt drei Testgruppen mit Armbändern ausgestattet, die das Schlafverhalten messen – also tracken – können. Drei der Gruppen leben in Argentinien und gehören zum Volk der Toba/Qom – teilweise auf dem Land mit begrenztem Zugang zu Strom, teils in der Stadt. Die vierte Gruppe waren Studierende aus der US-Metropole Seattle, in der es bekanntlich Elektrizität und Licht im Überfluss gibt. Das Schlafverhalten dieser Gruppen wurde würde zwei Mondzyklen lang beobachtet.

Seattle bei Nacht
Wird's in Seattle jemals dunkel? Wahrscheinlich nicht. Bildrechte: imago images/Imaginechina-Tuchong

Und da haben wir’s: Alle vier Gruppen reagierten nachweislich auf den Mond und schliefen in den drei bis fünf Nächsten vor dem Vollmond später ein, ihre Schlafdauer verkürzte sich insgesamt. So schliefen die Testpersonen dreißig bis achtzig Minuten später ein und hatten eine zwanzig bis neunzig Minuten kürzerer Schlafdauer.

Mondlicht hat – sofern man in und mit der Natur lebt – etwas Praktisches: Es reicht für Aktivitäten im Freien. Aber später in der Nacht auftretendes Mondlicht weckt niemanden, so wie es Sonnenlicht tun würde. Da gerade in den Nächten vor Vollmond der Mond bereits früh am Himmel steht, verlängert er den Zeitraum für mögliche Aktivitäten – zum Beispiel die Jagd. Unser spätes Einschlafen bei Vollmond ist also etwas, das wir evolutionär mitbekommen haben.

Eine Grafik mit Sinuskurve zeigt an, wie sich die Schlafdauer während der einzelnen Mondphasen bei 463 Studierenden aus Seattle an Wochentagen verändert hat. An den Tagen vor Vollmond ist die Schlafdauer immer besonders gering und die Kurve ganz unten.
An den Tagen vor Vollmond schläft es sich besonders kurz. Bildrechte: Casiraghi et al. (M)

Plausibel, wenn man tatsächlich noch etwas vom Mondschein sehen sollte. In vielen Teilen Seattles dürfte das nicht der Fall sein – und auch hierzulande dürfte die (Groß-)Stadt heller sein als jeder Vollmond. Unser synchronisiertes Schlafverhalten hat, so das Forschungsteam, demnach auch etwas mit der Schwerkraft des Mondes zu tun. Dass die nicht außer Acht zu lassen ist, wissen alle, die schon mal Ebbe und Flut am Nordseestrand bewundert haben. Und auch auf den weiblichen Menstruationszyklus hat der Mond aktueller Forschung zufolge einen Einfluss.

Macht's die Schwerkraft?

Der Gezeiteneffekt ist nicht nur bei Vollmond besonders ausgeprägt, sondern auch bei Neumond. Nun haben die Forschenden festgestellt, dass bei den im ländlichen Raum lebenden Teilnehmenden aus der Volksgruppe der Toba/Qom auch in Neumondnächten ein verzögertes Einschlafen und eine kürzere Schlafdauer festzustellen ist – wenn auch schwächer ausgeprägt. Ein klares Signal, dass nicht nur die Lichtkraft unser Schlafverhalten beeinfluss.

Wie genau das nun funktioniert, ist noch nicht geklärt. Aber beim nächsten Schmunzeln über die Mondkalender der Verwandtschaft oder die strengen Mondzyklen-getriebenen Anbaurichtlinien des Demeter-Bio-Verbands wissen wir zumindest, dass daran vielleicht mehr dran ist als es manchem Pragmatiker lieb ist.

flo

Link zur Studie

Die Studie Moonstruck sleep: Synchronization of human sleep with the moon cycle under field conditions erschien am 27. Januar 2021 im Fachjournal Science Advances.

DOI: 10.1126/sciadv.abe0465

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