Kriegsende 1945 Selbstmord im Führerbunker: Wie Adolf Hitler starb

Zum Selbstmord von Adolf Hitler vor 75 Jahren gibt es viele Theorien – und vor allem wilde Spekulationen. Wohin führen die Aussagen der Hitler-Vertrauten? Eine Spurensuche.

Nahaufnahme der Pistole Modell pp Walther aus dem Nachlass des Nazi-Führers Adolf Hitler.
Diese Pistole wurde 1987 in Utica (New York) versteigert. Sie stammt aus dem Nachlass von Adolf Hitler. Blutspuren am Griff der Waffe nähren Spekulationen, dass sich Hitler am 30. April 1945 mit dieser Waffe das Leben genommen haben könnte. Das ist allerdings nur eine Theorie unter vielen. Bildrechte: dpa

Berlin, 30. April 1945, 15.30 Uhr: In Adolf Hitlers Privatzimmer fällt ein Schuss. Pulvergeruch. Dem Kammerdiener des "Führers" Heinz Linge bietet sich ein grausamer Anblick: Zwei Pistolen liegen auf dem Boden, vor dem Sofa eine Blutlache. Adolf Hitler und seine frisch angetraute Frau Eva sitzen leblos nebeneinander auf dem Sofa. Sie sind tot. So zumindest schildert es Linge. Zusammen mit SS-Sturmbannführer Otto Günsche und Reichsjugendführer Artur Axmann gehört er zu den ersten, die den toten Diktator finden.

Dass Hitler damals im bombensicheren Führerbunker gestorben ist, darüber sind sich die Experten einig. Theorien, dass er den Krieg womöglich überlebt haben könnte, hielten sich lange und gehören auch heute noch in die Ecke der Legenden und Verschwörungen. Widersprüchliche Aussagen gibt es jedoch über die Art und Weise, wie Hitler starb. Schoss er sich in den Kopf? Hat er Gift genommen? Oder tat er sogar beides? Keiner seiner Vertrauten ist damals mit im Raum gewesen. So kann auch niemand genau sagen, was wirklich passiert ist. Die Todesumstände waren lange umstritten und bieten auch heute noch Raum für Spekulationen.

Eine der letzten Aufnahmen von Adolf Hitler vom 20. April 1945, seinem Geburtstag, zeigt ihn bei der Auszeichnung von Mitgliedern der Berliner Hitler-Jugend, die zum Ende des Zweiten Weltkrieges in Volkssturmeinheiten zusammengefaߟt wurden.
Eines der letzten Fotos zeigt Hitler bei der Auszeichnung von Mitgliedern der Hitlerjugend, aufgenommen vermutlich am 20. März 1945. Bildrechte: dpa

"Schlacht um Berlin"

An Hitlers letzten Tagen, Ende April 1945, liegt Berlin in Trümmern. Die Schlacht um die Reichshauptstadt ist entschieden. Auf der Ruine des Reichstages weht schon die Sowjet-Flagge. Die Front zwischen Wehrmacht und Roter Armee liegt nur wenige hundert Meter südlich des Führerbunkers. Bomben schlagen im Garten der Alten Reichskanzlei ein, acht Meter darunter liegt Hitlers Quartier.

Zusammen mit seiner langjährigen Lebensgefährtin Eva Braun bewohnt er hier mehrere Zimmer. Am 29. April 1945, kurz vor Mitternacht, heiraten beide im Führerbunker. Anschließend diktiert Hitler seiner Sekretärin Traudl Junge sein Testament. In der Nacht verabschiedet er sich von seinen Mitarbeitern und Vertrauten.

Selbstmord im Führerbunker

Sowjetischer Dauerbeschuss und Bomben wecken den "Führer" am 30. April nach nur wenigen Stunden Schlaf. Gegen Mittag weiht er seinen persönlichen Sekretär Martin Bormann, der am Tag zuvor noch als Trauzeuge fungierte, sowie Adjutant Otto Günsche in seine Pläne ein:

Der letzte persönliche Adjutant des Nazi-Diktators Hitler, Otto Günsche
Der letzte persönliche Adjutant des Diktators, SS-Sturmbannführer Otto Günsche Bildrechte: dpa

"Er [Hitler] eröffnete mir dann auch persönlich, dass er sich nun erschießen und, dass auch Fräulein Braun aus dem Leben scheiden werde. Er wolle weder lebend noch tot in die Hände der Russen fallen und nicht in einem Panoptikum ausgestellt werden, wobei er von Moskau sprach. Die Leichen sollten verbrannt werden. Die erforderlichen Vorkehrungen übertrage er mir", so Otto Günsche bei einer Vernehmung am 20. Juni 1956.

Nach dem Mittagessen, serviert von Diener Linge, ziehen sich Adolf Hitler und Eva Braun-Hitler schließlich zurück. Beide nehmen sich das Leben – während die SS auf den Straßen noch immer Deserteure jagt, die sich dem längst verlorenen Endkampf entziehen wollen. Auch Reichspropagandaminister Joseph Goebbels und seine Frau Magda entscheiden sich am Abend für Selbstmord. Mit in den Tod nehmen sie ihre Kinder. Sie vergiften die fünf kleinen Mädchen und ihren neunjährigen Jungen.

Was mit Hitlers Leiche geschah

Die Getreuen des "Führers" – Günsche, Linge und Bormann – verbrennen die Leichen von Adolf Hitler und seiner Frau gegen 16.00 Uhr im Garten der Alten Reichskanzlei. "Neun oder zehn" Kanister Benzin brauchen sie dafür, so gibt es Günsche an. Wie angeordnet, soll vom "größten Führer aller Zeiten" nichts mehr übrig bleiben. Doch das misslingt.

Fundort der Leichen
Vermeintlicher Fundort der Leichen von Adolf Hitler und Eva Braun-Hitler in Berlin im Garten der Alten Reichskanzlei Bildrechte: dpa

Wenige Tage später entdecken die Sowjets nach eigenen Angaben die vergrabenen und verkohlten Überreste. Hitler wird später anhand seiner Zähne identifiziert. Die Öffentlichkeit erfährt davon jedoch nichts, Verschwörungstheorien nehmen ihren Lauf. Sein Gebiss landet schließlich, zusammen mit dem Kieferknochen und einem Schädelstück, beim sowjetischen Geheimdienst in Moskau. Dort liegen sie laut russischen Behörden noch heute.

Hitlers Überreste bei Magdeburg verstreut?

Doch was geschieht damals mit der verkohlten Leiche von Hitler? Über ihren Verbleib sollen vermeintliche sowjetische Geheimdienstdokumente Aufschluss geben. Sie tragen den Namen "Operation Mythos" und tauchen Anfang der 1990er-Jahre auf.

Den Aufzeichnungen zufolge wird die Leiche von Adolf Hitler mehrmals umgebettet und im Februar 1946 auf einem Militärgelände in Magdeburg bestattet. Mehr als 24 Jahre später, am 5. April 1970, ordnet KGB-Chef Juri Andropow an, die Überreste unter höchster Geheimhaltung zu exhuminieren und nun vollständig zu verbrennen. Eine KGB-Spezialeinheit ist für diese Aktion zuständig und fährt die Asche des Diktators anschließend in einer Plastiktüte einige Kilometer weit weg. Von der sogenannten Schweinebrücke bei Biederitz streuen sie die Asche, die von Hitler übrig ist, schließlich in die Ehle, einen Nebenfluss der Elbe.

Ob diese Ereignisse jedoch tatsächlich so stattgefunden haben und die sowjetischen Nachforschungen überhaupt echt sind, darüber wird gestritten. Ebenso schwierig gestalten sich in den 1950er-Jahren die Ermittlungen zu Hitlers Selbstmord.

Hitlers Tod: Eine Geschichte mit vielen Wahrheiten

Am 8. Mai 1945 ist der Zweite Weltkrieg zu Ende. Deutschland kapituliert. Aber erst elf Jahre später, am 25. Oktober 1956, erklärt das Amtsgericht Berchtesgaden Adolf Hitler offiziell für tot.

Der Wortlaut des Beschlusses des Amtsgerichtes Berchtesgaden. Im Amtsgericht Berchtesgaden wurde Adolf Hitler am 25. Oktober 1956 amtlich für tot erklärt.
Im Amtsgericht Berchtesgaden wird Adolf Hitler am 25. Oktober 1956 amtlich für tot erklärt. Bildrechte: dpa

Warum so spät? Weil nach Kriegsende wichtige Zeugen zur Aufklärung der genauen Todesumstände von Hitler zunächst fehlen. Sie befinden sich in sowjetischem Gewahrsam. Unter den Kronzeugen ist auch Kammerdiener Heinz Linge. Erst 1956 können ihn Ermittler im Münchner Justizpalast endlich verhören. Was ist in Hitlers winzigem Privatzimmer im Führerbunker wirklich geschehen? Die Vernehmung Linges wird unter Eid auf Tonband aufgezeichnet:

Als ich eintrat, saß links, von mir aus gesehen links, Hitler, und zwar in der rechten Sofaecke. Und hatte den Kopf etwas leicht nach vorne geneigt und es war an der rechten Schläfe eine Einschussstelle zu sehen, die ungefähr die Größe eines Groschenstückes hatte.

Heinz Linge Hitlers Kammerdiener

Insgesamt vernehmen die deutschen Ermittler damals 42 Zeugen, der Tatort wird mit Kriminalbeamten rekonstruiert. Doch die Aussagen der unmittelbaren Augenzeugen widersprechen sich.

Das nachgebaute Arbeitszimmer von Adolf Hitler im Bunker am 27.10.2016 in Berlin, während einer Ausstellungseröffnung der Dokumentation Führerbunker der Vereins Historiale.
Das nachgebaute Arbeitszimmer von Adolf Hitler im Bunker, Berlin 2016 Bildrechte: dpa

Nimmt man ihre Erzählungen zusammen, dann ergeben sich viele Versionen des Geschehens: Mal sitzt Adolf Hitler leblos neben Eva auf dem Sofa, mal sitzen sie getrennt voneinander – er auf einem Sessel. Mal fällt ein Schuss, mal nicht. Mal liegt neben Eva eine Waffe, mal nicht. Mal schießt sich Hitler in die Schläfe, mal in den Mund. Nicht einmal der Selbstmord scheint gewiss: Geht vielleicht Hitlers Diener Linge mit einem Gnadenschuss auf Nummer sicher?

Fundierte Antworten gibt das Buch "Hitlers Ende" von Anton Joachimsthaler. Darin beschreibt der Historiker die vielen "Legenden, Lügen und Halbwahrheiten" über Hitlers Tod. Akribisch rekonstruiert er die Ereignisse und untersucht auch die hoch brisante Frage, ob Hitler am 30. April 1945 Gift nahm, bevor er sich erschoss?

Die Gift-These: Ein sowjetischer Fake

Sowjetische Gerichtsmediziner wollen bei der Identifizierung Hitlers, einen Monat nach seinem Tod, Glassplitter einer Ampulle im Mund der verkohlten Leiche gefunden haben. Diese Gift-These ist ganz in sowjetischem Interesse und wird von Lew Besymenski verbreitet. Er ist damals Mitglied des militärischen Aufklärungsdienstes der Roten Armee.

Joachimsthaler widerspricht allerdings dem sowjetischen Befund: "Natürlich musste sich Hitler darin [im Obduktionsbericht] nach der 'russischen Vorgabe und Lesart' vergiftet haben, koste es, was es wolle!" Der Historiker stützt seine Ergebnisse auf zahlreiche Dokumente und Aussagen von mehr als 50 Zeugen. Demnach stellt SS-Adjutant Günsche bei Eva Braun-Hitler keine Schussverletzungen fest, dafür jedoch einen Bittermandelgeruch. Dieser ist typisch bei einer Blausäurevergiftung. Bei Adolf Hitler bemerkt Günsche hingegen keinen Geruch. Das Gleiche sagen die Augenzeugen Linge und Axmann aus. Im Laufe der Jahre rudert schließlich auch Besymenski zurück und revidiert seine Aussagen als von oben vorgegebene "Propaganda".

Zerbrochene Büste von Adolf Hitler in Prag.
Bildrechte: dpa

Die sowjetischen Behörden haben die Umstände mehr vertuscht als untersucht. Ermittlungen konnten nur die Russen anstellen, doch was sie wirklich ermittelt haben, das wurde bis heute nicht bekannt.

Anton Joachimsthaler, Historiker "Hitlers Ende"

Hitlers Tod: Ein (un)geklärter Mythos?

Zusammenfassend beschreibt Joachimsthaler den Selbstmord in seinem Buch wie folgt: Adolf Hitler und seine Frau sitzen im Arbeitszimmer auf dem Sofa. Zuerst beißt Eva auf eine Blausäureampulle und kippt dann seitlich auf Hitler. Anschließend schießt sich Hitler mit einer Pistole Kaliber 7,65 mm, die er in der rechten Hand hält, in den Kopf. Eine Vergiftung schließt Joachimsthaler aus. Die Waffe fällt auf den Boden. Auf dem Teppich vor der Sofalehne bildet sich eine tellergroße Blutlache.

Das zeitgenössische Porträt zeigt den Reichskanzler und Diktator Adolf Hitler (1889-1945) beim Parteitag in Nürnberg.
Zeitgenössisches Porträt von Adolf Hitler Bildrechte: dpa

Dieses Szenario bestätigt auch die Ergebnisse von Richter Dr. Stephanus, der 1956 mit der Todesfeststellung Hitlers betraut ist: "Es kann nicht mehr der geringste Zweifel darüber bestehen, dass Adolf Hitler sich am 30. April 1945 im Führerbunker der Reichskanzler in Berlin mit eigener Hand, und zwar durch einen Schuss in die rechte Schläfe, das Leben genommen hat", wie es in der Presseerklärung heißt (zitiert nach "Bayerische Staatszeitung", Nr. 43 vom 27. Oktober 1956).

Am Ende dieser Spurensuche gibt es viel Gewissheit – aber auch genügend Raum für Mutmaßungen: Noch immer wollen einige Wissenschaftler eine Blausäurevergiftung nicht ausschließen. Über die genauen Todesumstände Hitlers wird also weiter spekuliert, auch noch 75 Jahre nach dessen Selbstmord.

Über dieses Thema berichtete der MDR im TV 21.01.2020 | 22:05 Uhr

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