Teasergrafik Altpapier vom 18. Juni 2019: Hand dmit Smartphone auf einer Zeitung mit einer Tasse Kaffee
Bildrechte: Panthermedia / MEDIEN360G

Das Altpapier am 18. Juni 2019 Wo liegt das Meinungsbildungsidealgewicht?

Die Medienwächter bitten recht dringend um Aufmerksamkeit (oder sinnvolle Aufgaben). Könnte der neue Streamingdienst Joyn welche bieten? Um politischen Mord, Landesverrat-Vorwürfe, Abhör-Fragen und aufstrebende Politikerinnen muss es heute auch gehen. Und wer ist noch "authentisch unterwegs"? Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 18. Juni 2019: Hand dmit Smartphone auf einer Zeitung mit einer Tasse Kaffee
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Auf die ersten Blicke leicht langweilig wirkende Meldungen attraktiv zu bebildern, ist auch eine wichtige Kompetenz. Ein Kaffee und ein Smartphone illustrieren die zum neuen "MedienVielfaltsMonitor" (25 Folien von oben nach unten/ PDF) – bei dpa/ heise.de ohne Milch und mit Zeitung dazu, bei chrismon/ epd umgekehrt.

Der Kern: Die Medienwächter von den Landesmedienanstalten haben "Meinungsmacht" und "Meinungsbildungsgewicht" auf dem "Meinungsbildungsmarkt" wieder neu vermessen. Es wimmelt also vor komplex zusammengesetzten Komposita. Gemessen wurde zum einen gattungsspezifisch, zum anderen nach Konzernen. Was die Gattungen angeht, so habe (Folie/ S. 6) das Fernsehen "das größte Meinungsbildungsgewicht – vor dem Internet, Tageszeitungen, Radio und Zeitschriften", allerdings absehbar nicht mehr lange, wie die FAZ-Medienseite (ohne Bild zum Artikel) zusammenfasst:

"Das Fernsehen hat für die überregionale Meinungsbildung an Bedeutung verloren (von 36,9 auf 32,7 Prozent in den vergangenen fünf Jahren), das Internet hat im gleichen Zeitraum von 17,9 auf 27,7 Prozent zugelegt."

Bei Menschen unter 50 verhalte es sich ohnehin schon andersrum. Zahlen (à la "Bei 14- bis 29-Jährigen liegt das ermittelte Meinungsbildungsgewicht des Internets mit 54,5 %") nennt auch die Pressemitteilung. Konzern-spezifisch besitzt der Folie/ S. 10 zufolge die ARD fast doppelt so viel Meinungsbildungsgewicht wie der zweitgewichtigste Konzern Bertelsmann (21,7 zu 11,4 Prozent). Das ZDF folgt und kommt noch deutlich vor Springer (8,2 zu 7,1 Prozent) aufs Treppchen. Sie merken schon: Hier handelt es sich um einen eher imaginären rein deutschen Wettbewerb. Meinungsbildungsgewichts-Anteile von "Intermediären" wie Google und Facebook, die mit Empfehlungsalgorithmen und anderen Triggern operieren, würde die traditionelle Empirie der Medienanstalten überfordern. Macht das die Berechnungen vollends obsolet?

Da, wo die Stellen hinterm Komma entscheiden, ist es dennoch aufschlussreich: So belegt Madsack mit vielen Zeitungen (und der SPD als größtem Eigentümer) mit 1,3 % Platz 14, noch hinter Ströer (mit t-online.de, Rezo und vielen Werbe-, also Abspielflächen im öffentlichen Raum; 1,7 %). Der Werbekonzern ist einer der Auftsteiger neben United Internet und dem ZDF, während die Privatfernseh-Konzerne Bertelsmann/ RTL und ProSiebenSat.1 deutlich verloren.

Und das betrifft die Medienwächter aus den Landesmedienanstalten selbst. Deren Haupt-Kompetenz ist ja weiterhin der private Rundfunk, so wie ihn die im Wesentlichen aus dem vorigen Jahrtausend stammenden Gesetze halt definieren.

Gibt es schon genügend "Influencer-Gesetze"?

Diese Medienwächter erregten gerade noch zwei weitere Male Aufmerksamkeit in den Nischen, in denen sie wahrgenommen worden. Eine andere ihrer gewohnten Beschäftigungen, die inhaltliche "Fernsehprogrammforschung", die als "Content-Bericht" gedruckt sowie als Gratis-PDF veröffentlicht wird, wollen sie komplett aufgeben. Darauf wies im Tagesspiegel der daran beteiligt gewesene Joachim Trebbe mit Bedauern ("... bedeutet den Verlust eines kritischen Blicks auf gesellschaftliche Informationsleistungen. Fatal, denn: Auf den Inhalt kommt es schließlich an") hin. Nun sei unklar, wie die Anstalten in Zukunft überprüfen wollen, ob die Sender "einen Beitrag zur öffentlichen und individuellen Meinungs- und Willensbildung leisten, welche Anteile an Information, Kultur, Bildung, Beratung und Unterhaltung sowie Sport sie bieten", also ob sie all das, wofür die Medienanstalten sie lizenziert haben, denn erfüllen, ergänzt der akribische Medienbeobachter Heiko Hilker in seinem Blog mit Recht.

Womöglich wollen die Medienwächter all die ähnlich umständlichen wie – an der tatsächlichen Medienmarktentwicklung gemessen – zusehends gleichgültigen Aufgaben, die sie erfüllen, nicht mehr.

Dafür spricht auch eine ziemlich scharfe Wortmeldung, die sie gegen eine Initiative des Justizministeriums-Staatssekretärs Gerd Billen erhoben. Der hatte in der vergangenen Woche ein "Influencer-Gesetz", "das endlich Klarheit schaffen soll", was denn nun in den sog. soz. Medien als Werbung gilt, angekündigt (Altpapier). Worauf die Anstalten sich "verwundert" äußerten:

"Die Rechtssicherheit für Influencer wird durch ein neues Gesetz nicht verbessert, denn schon heute gilt eine Kennzeichnungspflicht, wenn eine Werbeabsicht vorliegt. Gesetzlich geregelt ist dieser Grundsatz gleich dreimal: im Rundfunkstaatsvertrag, im Telemediengesetz sowie im Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb",

schäumte die Landesmedienanstalten-Direktorenkonferenz-Vorsitzende Cornelia Holsten geradezu. Wobei sich die Pressemitteilungs-Überschrift "Ein 'Influencer-Gesetz' als Tritt gegen den Verband sozialer Wettbewerb?" übrigens nicht so verstanden werden sollte, als würden die Medienwächter diesem Verband (siehe auch dieses Sonder-Altpapier) zur Seite springen. Dessen "zum Teil ... abenteuerliche Begründungen" für Influencer-Abmahnungen kritisiert Holsten ebenfalls scharf.

Offenbar wollen die Medienwächter endlich wieder halbwegs sinnvolle Aufgaben erfüllen, wozu der Gesetzgeber (bei dem es sich dummerweise meistens um die was-mit-Medien-gesetzgeberisch sehr schwerfälligen Bundesländer handelt) wenigstens das eine oder andere Gesetz halbwegs auf Höhe der Gegenwart hieven müsste, anstatt viele vorhandene Gesetze durch neue zu ergänzen.

Wie meinungsbildungsgewichtig wird ProSiebens "Joyn"?

Immerhin, eine neue Aufgabe zieht am Horizont heran. Am heutigen Dienstag soll, mit dem aufbauenden Spruch "Fernsehen, das durch dich immer besser wird", endlich joyn.de freigeschaltet werden, also das Nachfolge-Streamingportal von 7tv.de, das das Nachfolge-Portal nicht zuletzt auch von Maxdome war. Zum einen ist Streaming streng rundfunkrechtlich ja dann Rundfunk, wenn es live vor mindestens 500 Zuschauern geschieht, zum anderen sind bei dieser ProSiebenSat.1-Unternehmung mindestens das ZDF und die ARD wohl auch dabei, so dass ganz schönes Meinungsbildungsmacht-Gewicht zusammenkommt. Zumindest, wenn den wohl vor allem fiktional-unterhaltenden Inhalten solches beigemessen wird, wozu natürlich Programmbeobachtung nötig wäre.

Zur Eröffnung läuft die neue Staffel der Serie "Jerks" von Regisseur, Autor und Hauptdarsteller Christian Ulmen, die heute auf der SZ-Medienseite gründlich gelobt wird und der im launigen dwdl.de-Interview dem Quotenfetischismus einen mitgibt ("Allerdings ist die Quote auch heute noch die Währung im Privatfernsehen" – "Ja, aber zu einem nicht unwesentlichen Teil auch deshalb, weil Medienjournalisten sie jeden Tag dazu erklären").

Geld, hierzulande in Form von Euros, bleibt aber auch eine wichtige Währung, wie aktuell der Tagesspiegel formuliert:

"Die Frage aller Fragen ist ja: Für wie viele Zusatzangebote ist der Kunde bereit zu zahlen? Drei? Fünf? Sechs? Was braucht es neben Netflix, Amazon oder Sky? Wer sich derzeit neben dem Rundfunkbeitrag (17,50 Euro) noch Netflix (HD ab 11,99), Amazon (5,75), Kabelfernsehen (rund 20 Euro), den Sportdienst Dazn (9,99) und zum Beispiel Sky Ticket (9,99) leistet, kommt auf gut 60, 70 Euro TV-Kosten im Monat."

Wobei Joyns Geschäftsmodell darin bestehen wird, sein Publikum keine zusätzlichen Euros zu kosten, sondern bloß Werbezeit (die online ja auch viel besser gemessen werden kann als im klassischen Privatfernsehen).

Politischer Mord. Abhör-Fragen. Landesverrat ...

Harter Schnitt. Zur Politik und den großen, schweren und schlimmen Themen, die die Titel- und Startseiten bestimmen.         

Zur Frage "Wird über den Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke angemessen berichtet?" (Altpapier) kann die Meinungsbildung nun beginnen, nachdem der befürchtete Verdacht eines politischen Mordes sich erhärtet hat und der lange geforderte ARD-"Brennpunkt" lief (wenn auch, Fernseh-Fußball-bedingt, keine zehn Minuten lang).

Damit verknüpfbar sind bei Bedarf offiziell weiter ungeklärte Fragen, ob sogenannte Smart-Home-Geräte wie Amazons "Alexa" denn nun abgehört werden dürfen – und sollten (weil Geheimdienste so Kenntnis von Terrorplänen erlangen könnten, wobei die Meinungsbildung zur Frage, ob Geheimdiensten zu trauen ist, bekanntlich komplex ist). Als Faustregel muss einstweilen weiter gelten, dass alle, die solche "smart" genannten Geräte nutzen, ja ohnehin abgehört werden und bloß nicht wissen, von wem alles.

Den Vorwurf "Landesverrat ...: ein Verbrechen, auf das in den USA die Todesstrafe steht" machte gerade der US-amerikanische Präsident der New York Times. Das ging in der deutschen Medienlandschaft nebenbei so durch. Bloß Markus Beckedahl von netzpolitik.org, dem ja selbst der selbe Vorwurf (auf den in Deutschland freilich nicht die Todesstrafe steht) gemacht worden war, und zwar vom später noch bekannter gewordenen ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen, aber nicht lange, betonte die Brisanz dieser in vielen Vergleichen (leider) kleinen Ungeheuerlichkeit.

Dass bei Attacken auf Netz-Infrastrukturen außer immer schnell und im Prinzip zurecht unter Verdacht stehenden russischen Stellen auch das United States Cyber Command in Frage kommen könnte, darf im Hinterkopf behalten werden.

Rasch noch zu wiederum erfreulicheren Themen und deutschen Politikerinnen. Gewiss ließe sich locker drüber hinweggehen, dass Ex-Chefredakteurin Patricia Riekel nun für die FDP in den Münchener Stadtrat einzieht, wie die taz mitteilt. Bloß dass Riekels stets Münchener Bunte mal als "'Leitmedium der Berliner Republik' (der Soziologe Heinz Bude)" gelten konnte, verdient Kuriosums-Aufmerksamkeit.

Interessanter ist die an dieser Stelle noch nicht erwähnte News, dass Tabea Rößner, die (inklusive aller männlicher Kollegen) deutsche Medienpolitikerin, die mit ihrer Verfassungsklage nach der Brender-Aufregung im ZDF 2009 die wohl relativ wirkungsvollsten deutsche Medienpolitik gemacht hat, nun Oberbürgermeisterin der kleineren Großstadt Mainz werden möchte.

Einstweilen twittert Rößner weiter auch zur Medienpolitik, die aktuell gemacht bzw. präziser: nicht gemacht wird:

"Die Ministerpräsidentenkonferenz will mit der #Indexierung das Pferd von hinten aufzäumen. Das wäre aus meiner Sicht der falsche  Weg und stünde einem zukunftsfähigen öffentlich-rechtlichen Rundfunk eher im Weg. #ÖRR /ms"

Und die Politikerin mit der machtstrategisch bis vor wenigen Wochen noch besten Aufstiegsbasis tingelt jetzt trist durch Medienlandschaft, um bei den nächsten der viertelstündlich angestellten Wen-würden-Sie-wählen?-Umfragen wieder ein paar Promillepunkte mehr zu ergattern. In Reinhold Beckmanns NDR-Radio-Talkshow sagte Annegret Kramp-Karrenbauer am gestrigen Abend, als befürchte sie inzwischen, von durchgehenden Pferden umgerannt zu werden:

"Aber ich glaube: der Wunsch nach Authentizität ist unheimlich ausgeprägt. Allerdings ist die Bereitschaft, wenn jemand authentisch unterwegs ist, ihn in Grund und Boden zu stampfen, auch ausgeprägt."


Altpapierkorb (Raubkopierte Zeitschrift, Verschlossene Auster, Badawi, Tolu, "Bestätigungsklamauk", altmodische Großaufnahmen)

+++ "Ein ungeheuerlicher Vorgang" ist das Raubkopieren der Zeitschriften-Idee Das Grundgesetz als Magazin", sagte Oliver Wurm zur SZ. Bestellen Sie bei Interesse auf dasgrundgesetzshop.de und (sowieso) nicht bei Amazon!

+++ Hochsaison für Negativpreise: Nach den Big Brother-Awards in der vergangenen Woche wurde nun die Verschlossene Auster vergeben – an die Bayerische Staatsregierung. Arne Semsrotts Laudatio und die (nur schriftlich gegebene) Antwort der Bayerische Staatsregierung gibt's auf netzwerkrecherche.org.

+++ Ein Positivpreis, aber aus so traurigem wie schlimmem Anlass vergeben: der Günter-Wallraff-Preis, den Ensaf Haidar in Köln stellvertretend für ihren in Saudi-Arabien weiterhin eingekerkerten, hoffentlich nicht noch schärfer gefolterten Mann Raif Badawi annahm. Deutschlandfunks "@mediasres" interviewte sie.

+++ "Die Journalistin Mesale Tolu", bekannt geworden durch ihre Inhaftierung in der Türkei, macht nun "ein Volontariat bei der 'Schwäbischen Zeitung'" (FAZ-Medienseite, schwaebische.de).

+++ "Nun könnte Berlin was fürs Internet leisten", heißt der Aufmacher der FAZ-Medienseite. Ausführlich fordert Wolfgang Kleinwächter (als "Mitglied der Global Commission on the Stability of Cyberspace") von "Berlin", beim "Internet Governance Forum" der Vereinten Nationen im November der "internationalen Internet-Community" ein Angebot zu unterbreiten, "das sie nicht ablehnen kann". Geschickterweise lässt aber er offen, wen genau unter den zahlreich auch am Internet interessierten Politikern er da anspricht.

+++ "Führt Slapstick automatisch zur Entlarvung, tragen Sketche unweigerlich auf Aufklärung bei? Komplexität muss sehr präzise  reduziert werden, wenn die Reduktion Themen und Typen nicht nur simplifizieren will. 'In bester Verfassung' liefert  Bestätigungsklamaukfür die Wohlmeinenden, die immer schon wussten, dass in der Provinz der fremdenfeindliche Spießer regiert" (Joachim Huber im Tagesspiegel über die neue ZDF-Serie nicht zuletzt fürs Internet).

+++ Die Serie "Meine geniale Freundin" ist bei der Deutsche Telekom-Plattform "Magenta TV" zu sehen und überzeugte Diemut Roether (epd medien) durch ihre "fast altmodische Umsetzung ... , viel wird über Großaufnahmen der ausdrucksstarken Gesichter der Mädchen erzählt".

+++ Und in meiner aktuellen evangelisch.de-Medienkolumne (die übrigens immer durch ein Smartphone, ein Notizbuch und ebenfalls sehr schwarzen Kaffee illustriert wird ...) geht es auch anlässlich der morgigen Grimme Online Award-Verleihung um neue Formen, in denen interessantes Altes ins Internet gestellt wird.

Neues Altpapier gibt es wieder am Mittwoch.

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