Das Altpapier am 30. Januar 2020 Schizophrenie der Berichterstattung

In deutschen Medien wird das Coronavirus gleichzeitig aufgebauscht und heruntergespielt. Dabei drängt sich auch die Frage auf: Warum leidet der Nachrichtenjournalismus so oft an kontextueller Zahlenblindheit? Ein Altpapier von Nora Frerichmann.

Teasergrafik Altpapier vom 30. Januar 2020: Ein kleines lila Monster hält ein Schild auf dem ein furchterregendes schwarz-weißes Monster zu sehen ist. Beide Monster stehen symbolisch - auf ihre Art - für das Coronavirus und die Berichterstattung darüber.
Bildrechte: MDR/Panthermedia / Collage: MEDIEN360G

Das Corona-Panik-Monster ist ein bisschen wie ein Scheinriese: Zwar könnte man erst mal von der aktuellen Masse der Berichterstattung in Angst und Schrecken versetzt werden. Tritt man dann aber näher heran, ist alles aus deutscher Perspektive zwar nicht zu unterschätzen, aber deutlich weniger dramatisch als an vielen Stellen dargestellt.

Verschwörungstheorien (siehe Faktenfinder bei tagesschau.de), Falschnachrichten und Dramatisierungen (hier z.B. von Correctiv überprüft) zum Coronavirus und der Situation in China verbreiten sich aktuell vor allem in sozialen Medien. Da könnten Redaktionen sich hervortun, indem sie besonders besonnen und faktenbasiert berichten, ohne allerdings dabei die Risiken zu relativieren. Ähm ja, klappt halt nur teilweise.

Zwar gibt es die Überprüfungen und einordnenden Texte (neben der Tagesschau und Correctiv z.B. auch hier beim Spiegel). Aber mit diversen unbestätigte Vermutungen und eine Prise Drama werfen auch redaktionelle Medien auf ihr Publikum. Allen voran, surprise, die Bild (hier von Übermediens Boris Rosenkranz hübsch bei Twitter visualisiert). Angst und Unbehagen generieren halt mehr Aufmerksamkeit als detaillierte Abhandlungen über Verbreitungswegen und Übertragungsquoten (die ja auch bisher sowieso eher Schätzungen sind als hundertprozentige Sicherheit). Beim Standard kritisierte Günther Brandstätter schon am Montag:

"Niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit wurde die Übertragung eines neuartigen Erregers von Tier auf Mensch so schnell entdeckt, das Virus komplett entschlüsselt, in Zellkultur vermehrt und das verfügbare Wissen in wissenschaftlichen Publikationen der gesamten Welt so rasch zur Verfügung gestellt. Jeder kann auf diese Studien zugreifen. An diesem Wissen müssen sich auch Journalisten orientieren, um das tatsächliche Gesundheitsrisiko seriös einschätzen zu können."

Einen dramatischen Eindruck vermitteln hingegen die schnappatmigen und mit viel Konjunktiv und Agenturmaterial gespickten Live-Ticker zu dem Thema  (u.a. beim Kölner Stadt-Anzeiger und Hamburger Abendblatt). Die tatsächliche Bedeutung dieser Informationen für den Alltag beschränkt sich für Hans und Angelika Mustermann in Deutschland allerdings darauf, sich nach Empfehlungen aus Wissenschaft und Politik immer wieder gut die Hände zu waschen oder zu desinfizieren, sich nicht anhusten oder anniesen zu lassen und wachsam nach Kontakten mit Chinareisenden zu sein.

Das ein gewisses Informationsbedürfnis darüber hinaus gestillt werden will, ist in digitalen Zeiten klar. Aber von einer rasanten Ausbreitung, einem sprunghaften Anstieg oder einer drastisch steigenden Zahl der Toten zu sprechen, bringt niemandem einen wirklichen Erkenntnisgewinn, wenn nicht schnell konkrete Fakten dazu geliefert werden.

Der Newsblog der Münchner Merkur trug z.B. gestern Abend den Titel "Coronavirus in China: Zahl der Toten steigt drastisch - Experte warnt vor Epidemie-Höchststand". Das ist natürlich nicht ganz falsch ist, aber ziemlich irreführend. Der Experte warnt nicht vor einem Epidemie-Höchststand, er erwartet, dass dieses Maximum in zehn Tagen erreicht sei. Die Aussage bedeutet also eigentlich, dass er in zehn Tagen einen Rückgang der Zahlen erwartet. Ob man das wirklich erwarten kann, ist wiederum eine andere Frage. Der Inhalt der Aussage geht aber eigentlich in die entgegengesetzte Richtung, auf die die Überschrift abzielt.

Kontextuelle Zahlenblindheit

Schaut man sich die Berichterstattung an, drängt sich deshalb vor allem eine Frage auf: Warum leidet der Nachrichtenjournalismus so oft an kontextueller Zahlenblindheit? (Auch im Zusammenhang mit Greta Thunberg und der Klimakrise wurde das vergangene Woche hier im Altpapier schon mal thematisiert). Wie groß ist denn die Ansteckungsrate genau und wie hoch das Risiko, dass das Virus vermehrt nach Deutschland importiert wird? Wie ist der Ausbruch im Vergleich zu anderen Krankheiten einzuordnen? Erklärungsansätze tauchen in der Berichterstattung aber kaum auf.

Eine Abschätzung des Importrisikos hat das Robert Koch Institut (RKI) veröffentlicht. Der Wert für Deutschland liegt bei 0,139 Prozent. Das heißt, wenn 1.000 infizierte Menschen sich in China auf den Weg in die Welt machen würden, würde einer bzw. knapp 1,4 in Deutschland ankommen. Schätzungen zufolge liegt die Ansteckungsrate bei etwa 1,4 bis 2,5 Infizierungen pro erkrankten Patienten. Eine Übersicht hat der Spiegel zusammengestellt. Dort sind auch Vergleichszahlen aufgelistet. Bei Masern liegt die Rate mit 12 bis 18 Menschen z.B. um ein Vielfaches höher.

Laut RKI (Stand Mittwochabend) wurden seit Anfang Dezember 2019 weltweit etwa 6.150 Menschen infiziert und etwa 140 starben an dem Virus.

An Tuberkulose starben 2018 weltweit laut WHO etwa 1,5 Millionen Menschen (bei zehn Millionen Erkrankten) vor allem in Südostasien und Afrika. Und in einem schlimmen Grippejahr sterben allein in Deutschland mehr als 20.000 Menschen an Influenza, 2017/18 waren es laut RKI sogar 25.000.

Diese Zahlen eignen sich natürlich nicht für einen 1:1 Vergleich. Dafür ist noch viel zu wenig über 2019-nCoV bekannt. Aber die grundsätzlichen Relationen werden doch etwas deutlicher.

Das alles heißt nicht, dass sich diese Kolumne in Whataboutism suhlen will. Es heißt aber, das ein Großteil der aktuellen Berichterstattung vom Kontext abgeschnitten ist. Einerseits wabern diverse Zahlen durch die Informationssphäre, die einfach nicht eingeordnet werden. Andererseits wird auch durch die schiere Masse der Berichterstattung ein deutlich dramatischerer Eindruck erweckt, als es bisher in Deutschland nötig wäre.

Schizophrenie der Berichterstattung

Bei Zeit Online macht sich Jakob Simmank in einer reflektierten Analyse Gedanken darüber, ob die Berichterstattung – auch von Zeit und Zeit Online – nicht etwas schizophren ist, wenn einerseits im Minutentakt über steigende Infektionszahlen und Quarantänemaßnahmen berichtet wird, andererseits aber auch über jede Menge Experten, die beteuern, in Deutschland seien überhöhte Sorgen aktuell unangebracht.

"Wird in einem Satz Panik geschürt, nur um sie im nächsten wieder einzufangen? Nein, die Lage ist nur sehr komplex und ihr Ausgang ungewiss."

Eine intensive Berichterstattung hält er grundsätzlich für gerechtfertigt, weil eben so vieles noch nicht klar absehbar sei: In wie vielen Fällen die Infektion schwer verlaufe und wie viele überhaupt keine Symptome zeigen. Ab wann genau Ansteckungsgefahr besteht und wie hoch die Ansteckungsquote genau ist. Bei all der Ungewissheit sieht er allerdings auch eine Gewissheit:

"Der Ausbruch zeigt eindrücklich die großen Fortschritte, die in Wissenschaften wie der evolutionären Biologie, der Virologie, der Molekularbiologie oder der Biotechnologie in den vergangenen Jahrzehnten gelungen sind. Die Antwort auf 2019-nCoV aus Wissenschaft und Technologie ist derart stark und divers, dass klar ist: Die Menschheit tritt einem neuen Krankheitserreger nicht hilflos und wehrlos entgegen."


Altpapierkorb (Coronavirus-Karikatur, BBC streicht 450 Stellen, Semperopernball und Pressefreiheit in Ägypten)

+++ Eine Coronavirus-Karikatur in der dänischen Zeitung Jyllands-Posten (da klingelt was? Genau, die Zeitung veröffentlichte damals auch die Mohammed-Karikaturen) sorgt für Verärgerung in China, berichten u.a. heise.de und jetzt.de. Die Sterne der chinesischen Flagge werden dort als Viren dargestellt. Die chinesische Regierung sieht gleich das ganze chinesische Volk beleidigt und fordert eine Entschuldigung. Jens Mattern (heise) schreibt dazu: "Erreicht hat China bislang das Gegenteil: Aufgrund des diplomatischen Drucks prangt nun die Viren-Flagge in den Online-Portalen der dänischen Medien an oberster Stelle und macht auch international die Runde." Die Zeitung war aber gar nicht die einzige, die auf diese Karikaturen-Idee kam. Einen ausführlichen Text über die Reaktionen in Dänemark und über die Herausforderung durch eine Diktatur, "mit der man beste Geschäfte macht, die aber neuerdings die ganze Welt als ihr Interessengebiet entdeckt hat und die deshalb nun auch mitten in Europa versucht, ihre Praktiken und Sprachregelungen durchzusetzen", gibt‘s von Kai Strittmatter in der Süddeutschen.

+++ "Tagesschau"-Sprecherin Judith Rakers distanziert sich vom Semperopernball und will die Veranstaltung nicht mehr moderieren, berichten die Süddeutsche und der MDR. (Transparenzhinweis: der MDR ist Medienpartner der Veranstaltung.) Der Veranstalter hatte vergangene Woche dem ägyptischen Autokraten Abdel Fattah al-Sisi einen Orden verliehen  (siehe Altpapier gestern). Passend dazu warnen die Reporter ohne Grenzen vor  Entwicklungen, die die Pressefreiheit im Land weiter einschränken. Das Land steht ohnehin schon auf Platz 163 von 180 auf der Rangliste der Pressefreiheit. RSF: "Approved by the Egyptian parliament's legislative and constitutional affairs committee on 27 January, the proposed amendment to Law No. 8 of 2015 on terrorist entities would mean that media outlets and social media could be added to the regime’s list of 'associations, organizations or groups' regarded as terrorist."

+++ Das Portal Linksunten.indymedia (siehe Altpapier) bleibt verboten, berichten T-Online (via dpa) und Welt über die Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts gestern Abend: "Es wies Klagen des mutmaßlichen Betreiberteams gegen das Verbot ab. 'Linksunten.Indymedia' sei eine Vereinigung gewesen, die sich 2008 zum Zweck gebildet habe, eine linke Gegenöffentlichkeit zu schaffen, sagte der Vorsitzende Richter des 6. Senats, Ingo Kraft, in der Urteilsbegründung. Ob alle Verbotsgründe, die das Bundesinnenministerium für das Verbot angeführt hatte, korrekt waren, überprüfte das Gericht allerdings nicht." (T-Online) In einem ausführlichen Bericht bei der Welt bezeichnet Deniz Yücel das Urteil als "halbherzig". Es lasse viele Fragen offen.

+++ Bei der BBC sollen 450 Stellen gestrichen werden. Nicht im ganzen Unternehmen, sondern allein im Nachrichtenjournalismus, berichtet die FAZ (via dpa). Das gesparte Geld soll wohl ins Digitale investiert werden.

+++ Zwischen Funke und DuMont gibt es über den Verkauf der Hamburger Morgenpost wohl keine Einigung, berichtet Ulrike Simon heute bei Horizont. Funke habe die Verhandlungen abgebrochen.

+++ Antonia Baum nimmt bei Übermedien die aktuelle Titelgeschichte des Spiegels auseinander: Den Autor:innen fehle die Bereitschaft, sich wirklich mit dem Gegenstand zu befassen, über den sie schreiben: Rap. Problematisch an dem Text seien "vor allem die moralischen Implikationen, die er nicht benennt. Und dazu gehört eine scheinbare Neutralität, ein Unbeteiligtsein, das vermutlich dem absurden Anspruch von so etwas wie Objektivität entspringt, die hier allerdings zu keinem Zeitpunkt gegeben war".

+++ Wie der MDR (bei dem ja auch das Altpapier erscheint) sich weiterentwickeln will, beschreibt Helmut Hartung bei der FAZ.

+++ In seiner Zeit-Online-Kolumne schreibt Rezo über den Wandel von Konventionen und die Unhöflichkeit des Siezes in sozialen Netzwerken: "Der Grund, jemanden in sozialen Netzwerken mit Sie anzusprechen, kann demnach nicht nur Unwissenheit sein, sondern zum Beispiel auch ein Versuch, die geliebten Machtstrukturen sogar auszuweiten. In jedem Fall fühlt es sich für viele Digital Natives so an, als würde ein Anzugträger in unser Wohnzimmer kommen und auf unseren guten alten Wohlfühlteppich pissen."

+++ Filterblasen sind laut einer Studie nicht so ausgeprägt, wie manche befürchten, berichtet die Süddeutsche.

Neues Altpapier gibt‘s wieder am Freitag.

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