Das Altpapier am 13. Mai 2020 Enterhaken in der Debatte

Gabor Steingart und sein Pionier-Schiff schippern aus dem Rheinland in die Spree nach Berlin und hauen immer mehr Inhalte raus. Sollte eher von Anti- oder von Pro-Corona-Demonstranten berichtet werden? Schon die Begriffe sind schwierig – und werden gern gekapert. Unter den Messengern läuft Telegram Whatsapp den Rang ab. Und die Spannung, ob der Rundfunkbeitrag steigt, steigt auch wieder. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 13. Mai 2020: Porträt Autor Christian Bartels
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Pionier Steingart dreht auf

Sagt Gabor Steingart: Wir haben uns hier mit Ihnen getroffen, "weil wir Sie kennenlernen wollen". Sagt Armin Laschet trocken: "Kennen Sie mich noch nicht?". Tatsächlich hat ihn ja jeder, der sich ansatzweise für Politik-Getalke interessiert, in den vergangenen Wochen und Monaten bestens kennengelernt. So geht das Audio-Interview los, das Steingart und sein neuer Kompagnon bzw. Chefredakteur Michael Bröcker mit Laschet führten. Etwas Humor besitzt Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident, der kurz vor der Pandemie noch in Aachen (bei Heinsberg) mit einem wichtigen Karnevalsorden ausgezeichnet wurde, also.

Vielleicht ging es auch darum, dass eher Laschet das "erste Medienschiff der Welt" kennenlernen sollte, das sich gerade auf dem Wasserweg von kurz hinter Köln nach Berlin befindet. Dort soll es dann auf der Spree durchs Bundesregierungsviertel schippern und häufig von Politikern besucht werden. Zwischendurch in Düsseldorf (wo es nahe am Landes-Regierungsviertel einen "Medienhafen" gibt) ging für eines der sehr vielen Interviews, die er derzeit gibt, Laschet an Bord.

Und auch "The Pioneer" bzw. die Media Pioneer Publishing GmbH , wie Steingarts zu gut einem Drittel von Springer besessenen Firma sich nennt, haut in gewaltigem, steigendem Ausmaß Inhalte zum Lesen, Hören und Sehen heraus. Darunter sind zunehmend Bezahlinhalte – die Laschet aber nicht ankurbelte. Sein Interview erschien gestern gegen Mittag frei online, nachdem erste Auszüge schon in Steingarts "Morning Briefing" prämixt worden waren. Lesenswert ist das Interview, das Ulrike Simon über die ambitionierten Pläne der Steingart-Firma, die natürlich wie sämtliche Pläne unter der Pandemie leiden, bei horizont.net (nicht €, bloß @) mit Chefredakteur Bröcker geführt hat. Sagt Simon: "Mal ehrlich: War das nicht eine ziemliche Schnapsidee mit dem Redaktionsschiff? Wie hält eine Redaktion das Abstandsgebot ein bei einem Schiff, das 7 Meter breit und 40 Meter lang ist?" Bröcker antwortet (nicht direkt auf diese Frage):

"Natürlich ist das Arbeiten auf einem Schiff etwas anderes. Der Charme liegt darin, dass wir auch an unterschiedlichen Orten unterschiedliche Gäste aufnehmen können. Außerdem recherchieren unsere Reporter natürlich vor Ort, im Bundestag, bei ihren Gesprächspartnern. Wir machen einfach unseren Job, nur treffen wir uns dann in einem ungewöhnlichen Newsroom wieder. Bei der Rheinischen Post habe ich nicht anders gearbeitet."

Ein bisschen verheddert er sich in den klangvollen Marketing-Formeln. Erst sagt er "Das Morning-Briefing ist der Leuchtturm, das Schaufenster", in der nächsten Antwort dann "Das Morning-Briefing ist der Lotse". Wenn der Leuchtturm zugleich der Lotse ist, schaut er dann auf sich selbst und erkennt. wo er steht und wohin es geht? Vielleicht stehen die Sätze auch für den "Journalismus ... , der den Perspektivwechsel systematisiert und so seine eigenen Zielgruppen findet", von dem Bröcker ebenfalls spricht.

Es sind jedenfalls ambitionierte Pläne, in der dicht besetzten, in ihrer breiten Mitte aber auch ziemlich berechenbare Medienlandschaft ausgerechnet jetzt einen weiteren Platz für Bezahllinhalte finden und behaupten zu wollen. (Und die Fahrt auf dem sympathischen Verkehrsmittel Schiff zwischen ungefähr Bonn und Berlin kann wirtschaftsjournalistisch durchaus Sinn ergeben, wenn es etwa, bevor es auf den Rhein-Herne-Kanal einbiegt, an Duisburg-Rheinhausen vorbeikommt, das einst das Zentrum der Stahlindustrie war und jetzt Lagerhallen der ebenfalls ambitionierten Eisenbahn-"Seidenstraße" nach China enthält ...).

Messenger auf Kaperfahrt

Am heutigen Mittwoch haben Steingart und sein Schiff schon wieder neue Abenteuer erlebt, u.a. in Münster, das gar nicht am Weg liegt. Schließlich ist auch das "Morning Briefing" ein mindestens werktägliches Format. Insofern ist die gestrige Folge eigentlich schon wieder überholt. Andererseits bleibt sie aufschlussreich, weil es um die "Spinner", über die gerade viele Medien rätseln, ging. Steingart betont das Wort süffig. Sein Team samplet kurz einen älteren Radiohit rein, und ARD-Chefredakteur Rainald Becker (aus einem der "Tagesthemen"-Kommentare, die tatsächlich mal ein bisschen kontrovers waren, und das nicht nur, weil Becker sich da Madonna und Robert DeNiro an die Seite zitierte ...). Man dürfe Spinner "nicht nur dämonisieren", sagt Steingart und erwähnt einen Microsoft-Manager, der nicht Bill Gates ist, den weltbekanntesten niederländischen Maler und ein George Bernard Shaw-Zitat, wie Zitatsuchseiten es gern ausspucken. Zwischen Nicht-Dämonisieren und Verharmlosen verläuft ein schmaler Grat.

Es sei es ein schmaler Grat, "worüber berichtet werden sollte", sagt Journalismus-Professor Tanjev Schultz im "@mediasres"-Beitrag "Wie berichten über die Corona-Demonstranten?". So umreißt der Deutschlandfunk die Frage, die journalistische Medien in Deutschland zurzeit am meisten beschäftigt. Schon die Begriffe sind schwierig. "Und trotzdem muss man einen Verschwörungstheoretiker einen Verschwörungstheoretiker nennen", sagt der gefragteste und meistantwortende Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, obwohl die Ansicht, dass "Verschwörungstheoretiker" kein passender Begriff ist (Altpapier gestern, Anetta Kahane im Berliner Zeitung-Interview) ja ebenfalls kursiert. Und sollte es "'Anti-Corona'-Protest" oder eher "'Pro-Corona'-Proteste" heißen? "Wie Verschwörungstheoretiker versuchen, die öffentliche Debatte in Deutschland zu kapern", schildert die Neue Zürcher Zeitung. Da sitzt zumindest der Begriff "Kapern".

Den verwandte aktuell ursprünglich Ken Jebsen im Youtube-Video "Gates kapert Deutschland!". Wenn Sie reinschauen wollen: Den Link gibt's im correctiv.org-Faktencheck. Einen solchen Faktencheck und seinen Bezugspunkt einander gegenüberzustellen, dürfte ein relativ sinnvoller Umgang sein. Die NZZ kapert nun den Begriff des Kaperns und schreibt:

"Tatsächlich versuchen nicht Bill und Melinda Gates, Deutschland zu kapern. Vielmehr schlagen Jebsen und Konsorten ihre Enterhaken in die öffentliche Debatte im Land. Wo einordnende Sachlichkeit in der zweifellos berechtigten Kritik am Corona-Management von Bund und Ländern gefragt wäre, machen die Verschwörungstheoretiker den demokratischen Diskurs diffus. Statt zu differenzieren, denunzieren sie. Legitimen Protest verwandeln sie in von blindem Eifer getriebene Agitation. Geht es nach ihrem Willen, soll aus dem spürbaren Stimmungswandel in Deutschland wilder Aufruhr entstehen."

Aktuell meldet correctiv.org übrigens: "Whatsapp ist der häufigste Verbreitungskanal für fragwürdige Informationen – und Youtube ist der Ort, an dem sie zu finden sind" (und verbindet damit Anfragen beim eigenen Faktencheck-Auftraggeber Facebook, dem ja auch Whatsapp gehört, und bei Googles Youtube, das "bisher kein Faktencheck-Programm" hat). Andere Zahlen hat Martin Fehrensen vom socialmediawatchblog.de in einem weiteren "@mediasres"-Beitrag: "Bei Whatsapp hat man eine Obergrenze von 256 Menschen, die man in einer Gruppe erreichen kann. Bei Telegram hingegen kann eine Gruppe bis zu 200.000 Mitglieder haben". Daher spiele dieser Messengerdienst inzwischen eine viel größere Rolle:

"Dann hat vielleicht irgendjemand aus dem Bekanntenkreis einen Link geschickt: Guck Dir das mal an. Und dann hat man da halt drauf geklickt. Und schon ist man in einer Gruppe, wie bei den Corona-Rebellen. Und das birgt eine echte Gefahr, weil diese Verschwörungserzählungen letztendlich Folgen im echten Leben haben werden für Personen, die in diesen Glauben reinrutschen."

Was wiederum die von Pörksen im obigen Beitrag formulierte Ansicht, dass "eine vorschnelle Diffamierung seitens der Medien ... den Diskurs" ruiniert, unterstreicht. Ob freundliche Herablassung, die unter den Demonstranten etwa auch "schlichtweg finanziell Besorgte oder von der Situation Gebeutelte" vermutet, wie der gewiss ungebeutelte Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, eher hilft oder nicht auch bloß ein "Selbstbestätigungsmilieu" (Pörksen) ist, bloß ein völlig anderes, wäre eine weitere Frage. Jedenfalls will nun auch die BpB "Verschwörungstheorien Einhalt gebieten", meldet Madsacks RND.

Vor dem (Rundfunk-)Beitrag steigt die Spannung

Damit zur Rundfunkbeitrags-Frage, die seit gut einer Woche unter multiplen Prämissen auch wieder läuft. "Die Erhöhung des Rundfunkbeitrags im nächsten Jahr wird unwahrscheinlicher", oder, wie es online heißt, sogar "immer unwahrscheinlicher", meldet die FAZ. Inzwischen neigten statt nur einem bis zwei bereits drei der 16 Landtage, die die lange anberaumte Erhöhung um 86 Cent monatlich in diesem Jahr beschließen müssten, dazu, es nicht zu tun. Wie es der Zufall – oder ist's inländische Geopolitik? – will, sind es die drei Länder, deren Rundfunkanstalt der MDR ist [der auch das Altpapier finanziert]. In Sachsen-Anhalt sei außer der CDU, die den Ministerpräsidenten stellt, "auch die Fraktion der Linken..., wie die der AfD, gegen eine Aufstockung", berichtet Helmut Hartung. Dabei regieren CDU und Linke ja noch nirgends miteinander.

Der Satz "Während in Betrieben und Privathaushalten durch die Corona-Pandemie gespart werden muss, darf der Rundfunkbeitrag nicht erhöht werden" aus einem Brief von CDU/CSU-Bundestagsabgeordneten fällt auch im Bericht der SZ-Medienseite, der sich vor allem um das breitenwirksamsten  Öffentlich-Rechtlichen-Unterhaltungsangebot, den "Tatort", sorgt.

Da geht es auch um den NDR, der das Exempel, dass Kürzungen in den Rundfunkanstalten keineswegs zur Konzentration auf Kultur und schöne Kernaufgaben führen, schon mal statuiert. Von der aktuell angekündigten, vom Kommen oder Ausbleiben der Rundfunbeitrags-Erhöhung völlig unabhängigen Sparrunde dort sind insbesondere "Sendungen, die zum Kern des öffentlich-rechtlichen Profils gehören - oder gehören sollten" (Altpapier), betroffen. Die Anstalt wolle etwa den "Etat des Medienmagazins 'Zapp' um ein Viertel bis ein Drittel zusammenstreichen", konkretisiert das Gewerkschaftsmedium mmm.verdi.de.

Von einer Kürzung der Fernsehkrimi-Produktion ist allerdings noch nirgends die Rede. Zu Engpässen in der "Tatort"-Versorgung könnte es nur wegen Coronavirus-Drehpausen kommen.


Altpapierkorb (Kurzfilm-Streamingtipps, Corona-Talkshows, Dystopien-Pause, Obdachlosenzeitungen, Hackerbehörde)

+++ Ein Streamingtipp: Heute um 19.30 Uhr beginnen die Oberhausener Kurzfilmtage im Internet. Zum Start gratis, dann kostet Zuschauen Netflix-günstige 9,99 Euro. "Alle Erlöse aus dem Verkauf der Festivalpässe leiten die Kurzfilmtage an das Sozialwerk Stiftung VG Bild Kunst weiter."

+++ Noch ein Streamingtipp: Bereits in der ARD Mediathek steht die neue Ausgabe des MDR-Kurzfilm-Magazins "unicato", die sich "verschiedenen Facetten der Ausgeh- und Kontaktbeschränkungen" widmet (und nach Mitternacht auch im linearen Fernsehen zu sehen wäre). Mit dabei ist Altpapier-Autorin Jenni Zylka.

+++ "Journalisten, die von Gebührengeldern bezahlt werden, zB hier oder bei ZAPP, sollten sich m.E. viel häufiger kritisch mit den eigenen Sendungen, Strukturen, Intransparenzen etc auseinandersetzen. Das erhöht m.E. das Vertrauen in die öffentlich-rechtlichen Sender ...", schreibt Jakob Buhre (planet-interview.de) in der leider unscheinbaren Kommentare-Spalte unterm Altpapier. Es geht auch um Buhres Auswertung von Corona-Talkshows, die u.a. weiter oben im selben Altpapier vorkam.

+++ Kommt das verbreitete Faible für Verschwörungen auch daher, weil Verschwörungen ein wichtiger fiktionaler Medieninhalt sind? Jedenfalls lässt Netflix vorläufig seine dystopische Serie "Black Mirror" pausieren (taz).

+++ In Berlin wurden zuletzt so viele Zeitungen verkauft wie sonst auch, in Dresden und München deutlich weniger, in Hamburg werden "Heft- und Kleingeldboxen" zum kontaktlosen Bezahlen entwickelt: Die SZ-Medienseite berichtet in fünf lesenswerten Beiträgen über die aktuelle Lage der Obdachlosenzeitungen in deutschen Großstädten.

+++ Und netzpolitik.org leakt mal wieder was, und zwar den neuen Gesetzes-Entwurf "zur Erhöhung der Sicherheit informationstechnischer Systeme" aus dem Bundesinnenministerium unter der Überschrift "Seehofer will BSI zur Hackerbehörde ausbauen".

Neues Altpapier gibt's wieder am Donnerstag.

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