Das Altpapier am 17. September 2020 "Wenn der HR unsere Filme nicht zeigt…"

"… dann zeigen wir dem HR eben unsere Filme": Die Dokumentarfilmer von der AG Dok feiern vor dem Hessischen Rundfunk mit einer Kundgebung ihren Geburtstag vor. In die Beitragserhöhungsdebatte werden in Sachsen-Anhalt jetzt die Intendantengehälter angerührt. Und: Erstmals könnte eine Frau die BR-Intendanz übernehmen. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik Altpapier vom 17. September 2020: Porträt Autor Klaus Raab
Bildrechte: MDR / MEDIEN360G

Die AG Dok isst Eiskonfekt vor dem Hessischen Rundfunk

Im Januar, lang ist’s her, konnte man noch vermuten, auch in diesem Jahr würden runde Jubiläen das Medienjahr prägen: "250 Jahre Beethoven, 40 Jahre Die Grünen, 20 Jahre Altpapier". Gefeiert, schrieb Kollege René Martens damals, werde in diesem Jahr auch "bei den sympathischen Lobbyisten von der AG Dokumentarfilm (AG Dok)", die im September 40 werde.

September, Momentchen…? Richtig, an diesem Samstag wär’s dann soweit. Party on! Die AG Dok stimmt freilich nicht mit einem kleinen lustigen Besäufnis auf den Geburtstag ein, sondern, wie es sich für sympathische Lobbyisten gehört, öffentlich mit einer Protestkundgebung vor einer ARD-Anstalt. In diesem Fall vor den Türen des Hessischen Rundfunks:

"Für die hessische Filmszene, die traditionell gerade im Dokumentarfilm stark vertreten ist, falle der öffentlich-rechtliche Sender als Auftraggeber aus, so Hannes Karnick, Dokumentarfilmer und Mitbegründer der AG DOK. Anders als andere Sender produziere der Hessische Rundfunk den Löwenanteil seiner Sendungen selbst. Der Eigenproduktionsanteil liege bei 97 Prozent, so Karnick."

Das schreibt die Online-FAZ, die ihren Standortvorteil gnadenlos ausspielt: Sie weiß zum Beispiel, dass nicht etwa profanes Popcorn, sondern Eiskonfekt gereicht worden sei, während eine Stunde lang "auf einer mobilen Leinwand am Mittwochabend Ausschnitte, Kurzfilme und Trailer von hessischen Dokumentarfilmen" liefen. Motto der Kundgebung: "Wenn der HR unsere Filme nicht zeigt, dann zeigen wir dem HR eben unsere Filme".

Man darf nun aber nicht denken, es gehe der AG Dok nur um den HR. Im Januar, zitiert im oben erwähnten Altpapier, formulierte der mittlerweile ehemalige Vorsitzende Thomas Frickel – laut Kulturstaatsministerin Monika Grütters die "größte Nervensäge des öffentlich-rechtlichen Systems" – im gewohnt liebevollen Ton auch an anderen ARD-Häusern und -Vertretern Kritik. Zum Beispiel an WDR-Intendant Tom Buhrow, den er "überheblich, überschätzt, überfordert und überbezahlt" nannte.

Was uns – Stichwort: "überbezahlt" – nun immerhin zum nächsten Thema des Tages führt.

"Neue Wendung" in der Rundfunkbeitragserhöhungsdebatte

Die Diskussionen über Tom Buhrows Gehalt würde ich eher für leicht überschätzt erachten. Verglichen mit dem gerne in Relation gesetzten Salär des Bundespräsidenten mag es hoch sein, verglichen mit dem Gehalt eines Managers aus der freien Wirtschaft ist es das nicht unbedingt. Aber es sind nicht alle so gut im Gönnen wie ich. Tatsächlich müssen wir uns an dieser Stelle heute mal wieder mit der Frage nach der Bezahlung von öffentlich-rechtlichen Intendantinnen und -en beschäftigen. Denn zack, die Bohne:

"Kurz vor der Abstimmung über die Beitragserhöhung wird alles Thema, alles, was den Politikern im Osten am öffentlich-rechtlichen Rundfunk seit Jahren schon stinkt: zu groß, zu teuer, zu wenig Berücksichtigung der ostdeutschen Länder in den Strukturen des ARD-Senderverbunds, und eben die Gehälter."

Schreibt die Süddeutsche Zeitung. Die auf dem zum Text gehörigen Foto übrigens Tom Buhrow zeigt, an dessen Gehalt man sich "offenbar (…) vor allem" stößt.

Wer stößt sich? Oder besser: wo? Die Fachleute, die hier heimlich mitlesen, werden es unter Umständen ahnen: in Sachsen-Anhalt, "dem Land, in dem die Zustimmung zur Beitragserhöhung am stärksten wackelt". Es hat sich dort bekanntlich zuletzt dies und das zugetragen, was sich, wie an dieser Stelle, in "die unterste medienpolitische Schublade" einordnen ließe. Da wäre etwa das Vorhaben zweier CDU-Politiker, die Rundfunkbeitragserhöhung deshalb in der Abstimmung zu blockieren, weil ein satirisches funk-Video inhaltlich nicht genehm war. War natürlich nicht so gemeint.

Nun kommen "die kritischen Stimmen" nicht mehr nur aus Teilen der CDU (und der AfD), sondern auch aus der Linken-Fraktion im Landtag. Die SZ beschreibt das als "neue Wendung" (allerdings unter Verweis aufs Branchenmagazin journalist, das bereits berichtet hatte; siehe Altpapier).

Die Linke ist es, die in der Beitragserhöhungsdebatte demnach zu hohe Intendantengehälter beklage. Ihr gehe es um ein Signal, "dass die Intendanten bei der nächsten Tarifrunde Verzicht üben, nicht einfach alles so mitnehmen, nur weil es geht".

Die Debatte über die Höhe der Intendantengehälter ist natürlich legitim. Die Verknüpfung mit einer Zustimmung zur Beitragserhöhung aber ist mindestens problematisch. So sieht es zumindest der Mainzer Medienrechtler Dieter Dörr in der SZ: Der "Grat zwischen zulässiger Debatte und unzulässiger Verknüpfung" mit der Beitragserhöhung sei "überschritten, ‚sobald auch nur anklingt, dass man die Zustimmung von einer Forderung abhängig macht‘".

Mit welchem Ergebnis die Beitragsdebatte in Sachsen-Anhalt "voraussichtlich Mitte Dezember" endet, ist nach wie vor offen. Das sah auch die neue alte RBB-Intendantin Patricia Schlesinger im Gespräch mit freien Medienjournalisten ihres Hauses kürzlich so, in dem sie über die Beitragserhöhung sagte: "Das ist nicht Gesetz, dass es klappt, und es ist genausowenig Gesetz, dass es nicht klappt. Es kann schief gehen – und dann gehen wir nach Karlsruhe."

Erstmals eine Intendantin für den Bayerischen Rundfunk?

Wir dagegen gehen jetzt direkt weiter nach München. Im gestrigen Altpapier ging es unter Bezug auf die SZ um die bevorstehende Intendantinnen oder -enwahl beim Bayerischen Rundfunk: Am Mittwoch sollte die Nachbesetzung der BR-Intendanz "ein entscheidendes Stück vorankommen"; die Vorschlagsfrist für Kandidatinnen und -en endete.

Heute ist Donnerstag. Und? Sagen wir so: Zum Thema ein Newsblog einzurichten, wäre gestern wirklich zu viel des Guten gewesen. Es wäre ziemlich leer geblieben. Wenn die Vorschläge eingereicht sind, "werde Rundfunkratschef Wolf die betreffenden Personen kontaktieren und fragen, ob sie sich zur Wahl stellen wollen. Erst, wenn klar ist, wer antritt, werde die Namensliste veröffentlicht." So stand es gestern in der SZ. Es scheint demnach noch nicht klar zu sein, wer antritt.

Aber gemunkelt und mancher Willen bekundet, das wird natürlich. Die Medienkorrespondenz schrieb dieser Tage bereits: "Der Bayerische Rundfunk (BR) in München dürfte künftig – so sieht es jedenfalls aktuell aus – erstmals von einer Intendantin geleitet werden." Im Gespräch seien unter anderem Valerie Weber, Katja Wildermuth und Christine Strobl, die in Fachkreisen alle bekannt sind, außerhalb der Fachkreise zumindest zum Teil auch.

Ippens Münchner Merkur – einen sehr übersichtlichen Spaziergang vom BR-Hörfunkhaus entfernt – hatte gestern, etwas später, noch ein paar weitere Namen in der Verlosung, machte aber eine Favoritin aus: "Katja Wildermuth (55), die Programmdirektorin des MDR" (bei dem bekanntlich das Altpapier erscheint): Sie, heißt es dort, "wäre bereit, von Halle an die Isar zu wechseln". Heavy.

Schlimmer noch als die Isar aber laut Merkur.de: Teile des Intendantinnenjobs, um den es geht, weil er "perspektivisch freudlos" sei:

"Beim Sender geht der Sparkurs weiter, die Erhöhung der Rundfunkbeiträge droht zu scheitern, die Einschnitte wären dann noch blutiger. Der öffentliche Gegenwind ist hoch, die politische Einflussnahme mitunter kleinteilig."

Tragisch, dass es am Ende irgendjemand wird machen müssen. Das Gehalt, würde man in Sachsen-Anhalt wohl sagen, ist immerhin ganz okay. Zwinkersmiley.


Altpapierkorb (Markus Beckedahl, "Das letzte Wort" mit Anke Engelke, Ex-Welt-Korrespondent in Ungarn, Serdar Somuncus Laberpodcast, TikTok, IRT, Mathias Döpfners Bild-Kritik)

+++ "Die Medienpolitik sucht Antworten im Föderalismus, dabei müssten diese auf europäischer Ebene gefunden werden." Sagt netzpolitik.org-Chef Markus Beckedahl im horizont-Interview, in dem er auch fordert, die Gemeinnützigkeit von Journalismus müsse anerkannt werden.

+++ Gern besprochen und mit Interviews thematisiert (zeit.de, spiegel.de): die Netflix-Serie "Das letzte Wort" mit Anke Engelke: Heike Hupertz schreibt in der FAZ (€): "Wer Krawallcomedy erwartet, sieht sich enttäuscht. Anke Engelke ist seit langem auch mit ernsten Rollen unterwegs und gibt hier eine beeindruckend uneitle Vorstellung der letzten Dinge." Die Mini-Serie folge "jedem Charakter, selbst Nebenfiguren, in die Winkel ihrer Lebensmotivation". Markus Ehrenberg sieht im Tagesspiegel "großes Figurentheater".

+++ Der frühere Welt-Korrespondent in Ungarn, Boris Kálnoky, der auch für Die Presse in Österreich, Die Weltwoche in der Schweiz und die Deutsche Welle schreibe, übernehme die Leitung der Medienschule des Mathias Corvinus Collegiums (MCC), die der ungarischen Regierungspartei Fidesz nahesteht, schreibt Übermedien. Für Die Welt und Die Presse arbeite er künftig nicht mehr: "Die neue Tätigkeit ist nicht mit unabhängiger Berichterstattung als Ungarn-Korrespondent zu vereinbaren", heißt es bei der Welt. Und in Ungarn wundert man sich eh: "Seit zehn Jahren berichten wir immer wieder darüber, aber trotzdem bleibt der Eindruck, dass man in Deutschland in letzter Konsequenz nicht versteht, was in Ungarn los ist. Nicht nur in den Medien, sondern auch in den staatlichen Institutionen, im Parlament, Verfassungsgericht, den Gerichten, der Staatsanwaltschaft. Wenn Herr Kálnoky das nicht sieht, dann hat der Fidesz ihm eine Brille aufgesetzt, in der sich nicht die Wirklichkeit spiegelt."

+++ Serdar Somuncus und Florian Schroeders elend langen Laberpodcast zerlegt Johannes Schneider bei Zeit Online – und er stellt fest, dass eine Einordnung der jüngst viel kritisierten kurzen Passage (Altpapier vom Mittwoch, Meedia mit Update) in den Gesamtzusammenhang in diesem Fall nichts besser mache: "Sich dort, wo das Spiel mit den Ebenen misslingt, hinter einem Kunstvorbehalt zu verschanzen, lässt genau jene stille Tiefe vermissen, die Podcaster idealerweise auszeichnet, in der Werkstatt ihres Denkens und Handelns. Und es führt im konkreten Fall kabarettistische Kritik an den Verhältnissen in eine Bedeutungslosigkeit, die vernichtender sein kann als jedes Canceln."

+++ „Im Streit um die chinesische Videoplattform TikTok in den USA scheint eine Lösung in Sicht.“ (netzpolitik.org)

+++ Von einer "Steuer-Razzia" in den Räumen des Instituts für Rundfunktechnik berichtet die SZ.

+++ Und Steffen Grimberg nimmt Mathias Döpfner seine Bild-Kritik nicht ab (taz).

Das nächste Altpapier erscheint am Freitag.

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