Das Altpapier am 2. November 2020 Kolumnen sind Rituale

Warum sind neuerdings so viele Leute "müde"? Oder ist das bloß ein herbei geschriebener Trend? Weitere Themen in dieser recht promi-lastigen Kolumne (Adorno! Böhmermann! Streeck! Trump!): Wen man eher nicht im "Meinungskorridor" findet; warum der Fußball verfault. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 02. November 2020: Porträt Autor René Martens
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Keine Müdigkeit vorschützen!

Zunächst wäre heute mal eine Verlustmeldung anzuzeigen. Die Titanic-Online-Kolumne "Gärtners kritisches Sonntagsfrühstück", erschienen "seit reichlich sieben (oder, je nach Rechnung, zehn) Jahren", gab es gestern zum letztem Mal. Dass Stefan Gärtner seine sporadisch im Altpapier aufgegriffene Kolumne, in der oft "das Morgenblatt" eine Rolle spielte (womit die SZ gemeint war), nun aufgibt, hat

"nichts mit Resignation oder Müdigkeit zu tun, mindestens nichts mit der eigenen, denn eine Kolumne ist ein Ritual, (…) idealerweise eines, das die ermüdende, ermattende, aus Phrasen gefügte Wirklichkeit in ein Gegenteil übersetzt".

Dass es nahe liegt und abgrenzungsdienlich ist, die eigene Nicht-Müdigkeit zu betonen, zeigt die Literaturwissenschaftlerin und Journalistin Berit Glanz in ihrem Phoeneurie-Newsletter:

"'Die zweite Welle trifft auf eine schon jetzt ermüdete Gesellschaft', schreibt der Stern, in Capital steht, dass die Welle auf eine 'erschöpfte und gereizte Gesellschaft' trifft und im Tagesspiegel wird für die Beantwortung der Frage 'Macht die Gesellschaft jetzt schon schlapp?‘ Byung-Chul Hans bereits 2010 erschienener Essay 'Müdigkeitsgesellschaft‘ zitiert."

Um eine sehr bekannte Tocotronic-Zeile abzuwandeln: Sie wollen uns erzählen, dass wir müde sind?

Glanz schreibt weiter:

"Es ist mittlerweile übrigens eine beinahe ritualisierte rhetorische Floskel, dass Tweets, in denen politische Missstände benannt werden oder Zeitgeschehen kommentiert wird, mit einem 'Ich bin müde‘ abgeschlossen werden."

Mit dem Google Books Ngram Viewer finde man schnell heraus, "dass das Wort ‚müde'  in den letzten Jahren eine Hochkonjunktur erfahren hat".

Stefan Gärtner hat in seine Abschiedskolumne hat ein Adorno-Zitat eingebettet, das sich dem (herbeigeschriebenen?) Trend zum Müdesein entgegen setzen ließe. Ich komm nicht von Adorno, ich komm von Mark E. Smith, insofern finde ich es selbst immer etwas aufgesetzt, wenn ich Adorno zitiere, aber sei's drum:

"Die universale Unterdrückungstendenz geht gegen den Gedanken als solchen. Glück ist er, noch wo er das Unglück bestimmt: indem er es ausspricht."

Jene, die meinen, sich müde fühlen zu müssen, sollten also das Glück schätzen zu wissen, ein Unglück benennen zu können. Und wir beim Altpapier sind ja auch nach 20 Jahren noch nicht müde, mediale oder medienjournalistische Unglücke oder sonstwie weitgehend Gedankenfreies zu benennen (auch wenn damit nur ein Aspekt unserer Arbeit beschrieben ist).

Die Web-Kritik wird vernachlässigt

Damit wären wir dann beim 20-jährigen Jubiläum des Altpapiers - das nicht nur aus einem Grund "ein kleines Wunder" ist, wie Stefan Niggemeier im aktuellen Übermedien-Newsletter schreibt - bzw. den Jubiläums-Altpapieren: Die neue Woche startet mit einem Doppel-Interview. Die Altpapier-Kollegin Jenni Zylka und ich haben uns mit Lucia Eskes und Vera Lisakowski unterhalten, die als Leiterin des Grimme-Preises beziehungsweise des Grimme Online Award verantwortlich sind für die beiden wichtigsten deutschen Preise in den Bereichen Fernsehen und Internet. Es geht unter anderem um TV-Serienkritik, Shitstorms und Beißhemmungen - und um das medienkritische Subgenre der Web-Kritik. Vera Lisakowski sagt dazu in dem Gespräch:

"Ich finde, dass die Web-Kritik oder Online-Kritik tatsächlich vernachlässigt wird. Es gibt inzwischen relativ viel Podcast-Kritik, vielleicht springt man da auch auf einen Zug auf, weil das gerade viel geteilt wird. Aber die Kritik von Online-Portalen, von Multimedia-Specials etwa, findet meines Erachtens fast gar nicht statt. Was es gibt, ist zum Beispiel Kritik an YouTube-Formaten, worauf sich - neben vielem anderen - der Podcast "Lästerschwestern" spezialisiert hat. Oder "Ultralativ", die eine ganz, ganz neue Form der Medienkritik eingeführt haben mit ihren animierten Videos."

Wen man im "Meinungskorridor" eher nicht findet

Ein Phänomen, das vor 20 Jahren noch nicht existierte (sofern ich das beurteilen kann, ich war damals noch kein Altpapier-Autor): Dass Leute, die eine mächtige Diskursposition haben, sich als Minderheit im Widerstand inszenieren. Die Politikwissenschaftlerin Natascha Strobl sagt dazu in einem Interview mit konkret:

"Das ist eine der beeindruckendsten rechten Denkfiguren. Trotz hochdotierter Posten und Publikationsmöglichkeiten in reichweitenstarken Medien hält man die eigene Position für unterdrückt. Prekär arbeitende freie Journalist*innen, Aktivist*innen oder Wissenschaftler*innen werden dagegen als ausgesprochen mächtig phantasiert. Gerade diejenigen also, die zur gesellschaftlichen Elite zählen und für den Status quo, der rechts ist und derzeit ins Autoritäre und Antidemokratische zu kippen droht, verantwortlich sind, halten sich für marginalisiert."

Eine andere rechte Denkfigur ist bekanntlich der "Meinungskorridor", die immerhin den Vorteil hat, das man ironisch besser mit ihr spielen kann als mit anderen. Den Satz "Kommst du noch mit rauf auf einen Kaffee in meinen Meinungskorridor?" wollte ich schon lange verwenden, das sei hiermit jetzt endlich erledigt. Doch zurück zum Ernst: Jagoda Marinic schreibt in ihrer monatlichen Kolumne für die SZ, die am Freitag erschienen ist:

"Mit dem Argument, Meinungskorridore öffnen zu wollen, um Gesellschaft abzubilden, werden derzeit vorwiegend jene in den Diskurs gebeten, die rechte Positionen einbringen (…) Zu den 'fehlenden' Meinungen, die immer eingefordert werden, gehören seltsamerweise nicht die Meinungen der alten Ex-Jugoslawen, Türken, Griechen oder Polen. Der Arbeiterinnen und Arbeiter. Oder der neu hier angekommenen Syrer und Afghanen. Letztlich sollen einfach neue Rechte weiterhin jene öffentlich beleidigen dürfen, die am Diskurs nicht teilnehmen. So führt die ‚Weitung' des Korridors eher zu einer Verschärfung der Polarisierung. Das zeigt etwa ein Blick in die USA: Wenn das öffentliche Aussprechen menschenfeindlicher Positionen irgendetwas für den Zusammenhalt der Gesellschaft tun würde, wäre das Land politisch nicht an dem Punkt, an dem es heute ist."

Wenn Trump Präsident eines Entwicklungslandes wäre

Womit wir dann auch einen Übergang gefunden hätten zu dem Thema der nächsten Tage: den Wahlen in den USA. Konrad Ege, US-Korrespondent des Evangelischen Pressediensts, schreibt im aktuellen epd-Medien-"Tagebuch", das noch nicht online steht:

"Die US-Medien kommen mit Trump nach all den Jahren noch immer nicht zurecht (…) Man stelle sich die mediale Empörung vor, in irgendeinem Entwicklungsland oder in Osteuropa würde der amtierende Präsident beim Wahlkampf verkünden, sein Rivale gehöre eingesperrt. Oder er würde bewaffnete Gruppen auffordern, sie sollten sich bereithalten. In den USA wird einfach darüber berichtet, bevor man zur nächsten Ungeheuerlichkeit übergeht. Es ist unklar, ob und wie sich das ändern wird - egal, wer am Ende gewonnen hat."

Immerhin ist es ein US-amerikanisches Medium, das aktuell eine kolossale Überschrift zu Trump hinbekommt, die einem deutschen Medium nicht zuzutrauen wäre.

Ein genereller Mangel in der deutschen Berichterstattung zur Entwicklung in den USA seit 2016 ist ja die fehlende historische Einordnung. Abhilfe schafft hier Tom Schimmeck in einem Feature für WDR 5 (PDF):

"In den 1990er Jahren entstanden (…) neue Medien, die den Sound der Radikalisierung lieferten: Fox News und die vielen 'Talk-Radios', hunderte Kanäle voll mit aggressiven Tiraden. Tagtäglich wurden die immer gleichen Themen abgearbeitet: Steuersenkungen, Patriotismus, Waffenbesitz, Gottesfurcht. Weg mit den Feministinnen, den schwarzen Aufrührern, mit Pazifisten, Umweltschützern, Schwulen, den feigen, windelweichen Liberalen. Weg mit Washington. Führende Stimme des Zorns war Rush Limbaugh, bald Star des 'Talk Radio', jeden Tag drei Stunden lang auf hunderten von Radiostationen zu hören. 2008 unterschrieb er einen Acht-Jahres- Vertrag für 400 Millionen Dollar (…) Sie sahen sich als Partisanen gegen den vermeintlich linken Mainstream. Die Pose des Widerstands blieb, selbst als George W. Bush 2001 Präsident wurde. Der Kampf ging weiter. Der Terror kam als Thema dazu."

Unter anderem damit, was Trump "kategorisch" von Ronald Reagan unterscheidet, "der das Präsidentenamt auch als seine größte Rolle verstand", beschäftigt sich Claudius Seidl, der langjährige Feuilletonchef des FAS, auf deren Medienseite (€):

"Reagan hatte Berater, die ihm ein Drehbuch schrieben; so agierte er professionell. Trump ist der Reality-Star; er kann nicht nach Drehbuch spielen, er kann nur Trump. Das ist zwar eine Rolle mit großem Fiktionsgehalt. Aber den wahren Trump, die echte Person hinter dem Rollenspiel, die kann es gemäß den Regeln des Genres gar nicht geben. Nicht solange Trump sich selber jedes Wort glaubt. Er lügt ja nicht, er kann nur den Verlauf der Grenze zur Fiktion nicht mehr erkennen. So erklärt sich auch die Demokratieverachtung, der manchmal geradezu protofaschistisch wirkende Allmachtsanspruch vielleicht weniger aus einem politischen Programm als aus Trumps Willen, unterhaltsam zu bleiben (…) In seiner Show ist er allein der Showrunner – Autor, Star, Produzent in einer Person, so wie er in 'The Apprentice' zugleich Gastgeber, Juror, Star und Hauptgewinn war. Repräsentantenhaus oder Gerichte werden in dieser Inszenierung nur als Störer empfunden, wie Passanten, die die Absperrungen am Drehort ignorieren."

Das mit den Absperrungen ist ein hübsches Bild, aber im November 2020 noch mal die alten "The Apprentice"- und Reality-TV-Geschichten hervorzukramen, erscheint mir wenig zielführend. Den Opfern eines "neofaschistischen Gangsters" (so der Historiker und Philosoph Cornel West neulich gegenüber dem Magazin Republik) bzw. deren Angehörigen ist es egal, ob der Mann sich in erster Linie als Entertainer versteht (falls das überhaupt zutrifft).

Dass Trumps Wahlkampfteam zumindest für eine Weile "Anzeigen auf Facebook platzieren konnte, in denen ein Nazi-Symbol verwendet und Stimmung gegen 'gefährliche Mobs der radikalen Linken' gemacht wird" - das kann man in diesem Zusammenhang auch noch erwähnen. Denn letzteres Zitat stammt aus einem anderen FAS-Beitrag (der wiederum Teil eines Feuilleton-Special zur US-Wahl ist) — einem Interview mit der britischen Journalistin Carole Cadwalladr {€), in dem es natürlich um eines ihrer Spezialthemen geht, nämlich die Wahlmanipulation via Facebook  (siehe dazu auch ein Altpapier von Ende Juli)

Jan Böhmermann über die FDP

Wer verpasst hat, dass Jan Böhmermann vorerst nicht mehr in den sozialen Medien aktiv ist, es dafür aber jetzt den Telegram-Kanal "REAL JAN BÖHMERMANN" gibt: U.v.a die Stuttgarter Zeitung hat was dazu geschrieben:

"Böhmermann parodiert hier die Kanäle jener Verschwörungströten, die es in Corona-Zeiten noch leichter haben als sonst."

Das sieht dann so aus: "Die Gedanken sind FREI. Deshalb bitte: Denkt nach!" Oder so: "MACHT DIE AUGEN AUF! … Lasst EUCH NICHT VERUNSICHERN!!!" Und den Sound von Fritz Merz hat Böhmermann (oder haben andere in seinem Auftrag tätige Kanal-Contentersteller) auch drauf ("Das Establishment möchte nicht, dass ich drüber rede, aber eure Unterstützung zeigt mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin")

Das sind nun für sich genommen keine besonderen satirischen Leistungen, aber möglicherweise muss man das auch in einem größeren Kontext sehen, den wir jetzt noch nicht kennen.

Interessanter ist vorerst ein Interview Böhmermanns, das in der  November-Ausgabe des Interview-Magazins Galore erschienen ist. "Aus Twitter heraus wird Wirklichkeit gemacht", sagt er da unter anderem. Ein Beispiel:

"Es ist durch Datenanalysen belegbar, dass keine andere deutsche Partei mit ihren Untergruppierungen und Ortsverbänden so eng mit extremen Rechten vernetzt ist wie die kleine FDP (…) Die extreme Rechte missbraucht die Medien-Accounts von liberalen Politikern oder Verbänden, um über die Kommentare ihre politischen Spins zu verbreiten und zu etablieren, bis tatsächlich etwas durchsickert (…) Auf diese Art entsteht für die kleine Partei FDP ein schiefes politisches Stimmungsbild, das von unten, also von der Basis, nach oben weitergegeben wird (…)"

Dass die "extremen Rechten", indem sie FDP-Accounts "missbrauchen", sich möglicherweise auf ihre Vorväter beziehen ("In den fünfziger Jahren unterwanderten hochrangige Altnazis systematisch die liberale Partei", Spiegel Geschichte) - diesen Schlenker macht Böhmermann seltsamerweise aber nicht.

Neues vom Astroturfing

Der kaidiekmannoide Wissenschaftler Hendrik Streeck hat mal wieder die Puppen tanzen lassen. In der vergangenen Woche haben er und ein Kollege ein Positionspapier gegen die neuen Pandemiebekämpfungsmaßnahmen veröffentlicht, das "viele Medien" zumindest als Verwertungsmasse geilomat fanden, wie der Volksverpetzer rekapituliert:

"Sie fielen (dabei) auf (ein) Framing herein (oder nutzten es bewusst), um den falschen Eindruck zu erwecken, die Lockdown-Pläne seien von Expert:innen mehrheitlich abgelehnt, obwohl genau das Gegenteil wahr ist. RTL Online schrieb von 'Top-Ärzten gegen Lockdown', die Berliner Zeitung von ‚Ärzte und Virologen‘, die die ‚Pläne der Regierung‘ 'scharf' kritisieren und so weiter. Nirgends wird auf den ersten Blick sichtbar, dass es sich lediglich um Streeck und eine kleine Minderheit handelt. Durch eine Astroturfing-Kampagne (durch den Springer-Verlag) wurde also die Meinung einer kleinen Minderheit von Forscher:innen und Ärzt:innen in alle Schlagzeilen des Landes positioniert. Wie wir im Folgenden zeigen, stehen diese mit ihrer Meinungen in der Wissenschaftscommunity von mehreren (!) Disziplinen völlig im Abseits. Streeck und Co. haben selbst mit ihren öffentlichen Äußerungen der letzten Wochen dazu beigetragen, dass die Menschen die Pandemie nicht ernst genug genommen haben und wir nun die Kontrolle über das Infektionsgeschehen mit einem Wellenbrecher-Lockdown zurückerlangen müssen."

Wobei die mediale Wirkungsgeschichte des Positionspapiers sich auch dadurch erklären lässt, dass Agenda-Setting-Wizard Streeck als Unterstützer auch Verbände nannte, die gar keine Unterstützer sind oder waren.

"Mehrere Ärzteverbände haben sich deutlich von dem Positionspapier der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) distanziert. Die Verbände waren zuvor in dem am Mittwoch veröffentlichten Papier als Unterstützer genannt worden."

So steht es in einem dpa/Die Welt-Text. Die ausführlichen Recherchen des Volksverpetzers erwähnt Die Welt nicht, die SZ hingegen tut es. Das Fazit des Volksverpetzers lautet:

"Für uns macht dieser Vorstoß den Eindruck, als würde hier eine Stimmungskampagne gefahren werden, die für Uneinigkeit und Verunsicherung in der Bevölkerung sorgen soll. Nicht nur wird eine Minderheitsmeinung in der Wissenschaft und unter Expert:innen derart medial gepusht und (teilweise wohl bewusst) irreführend mit Schlagzeilen verbreitet, die diesen Umstand durch das Framing verschleiern. Die Verbände, die es unterzeichnet haben, taten das teilweise unter massivem Protest ihrer Mitglieder. Und teilweise anscheinend sogar gegen ihre Willen. Es wäre nicht das erste Mal, dass hinter einer Veröffentlichung von Dr. Streeck eine gezielte PR-Kampagne steckte."

Wer nicht mehr auf dem Schirm hat, worauf sich in Sachen Streeck "nicht das erste Mal" bezieht: Unter anderem ein Altpapier aus dem Juni bietet sich da als Lektüre an.

Wenn das Produkt Fußball verfault

Ja, es geht recht promilastig zu in der heutigen Kolumne - Spoiler: Unten im Altpapierkorb bleibt es bei der Tendenz -, aber eine mehr oder weniger philosophische Frage wollen wir heute auch noch aufwerfen:

Was wird aus dem Fußball, dem "mächtigsten Narkotikum der Welt"? Das ist das Thema eines von Torsten Körner für die Medienkorrespondenz verfassten Essay, das als Ausgangspunkt die Übertragung des Spiels Deutschland - Schweiz vor zweieinhalb Wochen hat. Es geht in dem Text auch um das "Über-das-Spiel-Sprechen", das "unverkennbar in einer Krise" sei - am Beispiel der ARD-Journalistin Jessy Wellmer, aber nicht um sie als Person, sondern als Platzhalterin, als Rädchen:

"Jessy von Wohlgefühl interviewt den Bundestrainer und ihre Fragen sind einfühlsamer Begleitschutz und Kritik-Prophylaxe für den Jogi. Jessy, aber das ist sie nicht allein, das ist ihr kaum vorzuwerfen, hat keine Jessy-Haltung, sie hat keine Frage, sondern sie arbeitet pflichtschuldig ab, was man redaktionell für Analyse hält oder Kritik oder journalistisches Ethos."

Der Autor geht auch darauf ein, was es für die Zuschauer zu Hause für Folgen hat, wenn im Stadion keine Zuschauer mehr sind:

"Die Spieler gehen unter in einer Zeichenwelt (dem Stadion), indem die Zeichen das Kommando übernehmen (…) der Zuschauer auf dem Sofa weiß gar nicht mehr, ob er dem Spiel folgen soll oder den Zeichen auf den Werbebanden, den Zeichen auf den Zuschauerrängen, den Symbolen auf den Trikots, den Appellen und Imperativen, die unentwegt auf einen einprasseln: #MeineStimmeGegenHass, okay, Commerzbank, okay, Credit Suisse, Die Mannschaft, okay, Deutsche Post, Engelbert Strauss (ist das ein Spieler?), Volkswagen we drive football, Garagentore, werde einer von uns! (Von wem? Was soll ich werden?), fast is too slow, Adidas … so geht es hin und hin und hin."

Körners Fazit:

"An diesem Abend war zu beobachten, dass dieses Bild- und Sportsystem, dass der Fußball als Produkt bei lebendigem Leib verfault."


Altpapierkorb (Hans Leyendecker, Tom Buhrow, J.K. Rowling, Rudi Dutschke)

+++ Im oben schon erwähnten Übermedien-Newsletter kommentiert Stefan Niggemeier auch das aktuelle Spiegel-Untersuchungskommissionswerk: "Es wirkt ehrenvoll, aber auch ein bisschen absurd, wieviel Recherche-Energie in den vergangenen Wochen und Monaten darauf verwandt wurde, eine journalistische Katastrophe aufzubereiten, die 27 Jahre zurückliegt: die Spiegel-Titelgeschichte über den Tod des RAF-Terroristen Wolfgang Grams in Bad Kleinen. Dass der angebliche Zeuge, der dem damaligen Spiegel-Redakteur Hans Leyendecker die Geschichte einer Exekution durch die GSG9 erzählte, nicht die Wahrheit gesagt hatte, stand längst fest. Die Frage war im Kern nur: Kannte Leyendecker diesen angeblichen Zeugen namentlich und hatte gute Gründe, ihm zu trauen?" Niggemeier geht auf auch die Einschätzung der SZ zu dem Untersuchungsbericht ein, die hier am Freitag schon kurz Thema war. Torsten Krauel versucht sich in einem Welt-Kommentar an einer Erledigung Leyendeckers. Dieser "stieg trotz früher Zweifel an seiner Darstellung zum Nestor deutscher Investigativjournalisten auf, zu einem Beinahe-Bob-Woodward. Ein zweiter Woodward zu werden, ist der Traum vieler deutscher Journalisten. Leyendecker wurde 2019 Kirchentagspräsident." Krauel ist jener feine Herr, der vor einigen Wochen dadurch verhaltensauffällig wurde, dass er "ein verharmlosendes Narrativ vom freundlichen Kriegsverbrecher von nebenan salonfähig" machte und "die gute alte Zeit, ohne 'Cancel Culture'" beschwor, "als Alt-Nazis noch Kinderkurheime leiten und ihre Verrohung an Kindern auslassen durften", wie es Annika Brockschmidt bei Übermedien formulierte. Ich bin nicht Leyendeckers größter Fan unter der Sonne, aber wenn einer wie Krauel versucht, Leyendecker anzupinkeln, wertet das Letzteren eher auf.

+++ Kommt die für den Standort Halle geplante ARD-Kulturplattform, die zuletzt am vergangenen Montag an dieser Stelle Thema war, auch dann, wenn Mitte Dezember im sachsen-anhaltinischen Landtag nur zwei der drei Regierungsparteien für eine Rundfunkbeitragserhöhung stimmen? Nein, sagt WDR-Intendant Tom Buhrow. "Weil uns ohne Beitragserhöhung dafür das Geld fehlt." Gesagt hat er's in einem Interview mit der Berliner Zeitung.

+++ Dass "Kritiker:innen auf Instagram und TikTok" auf einen viel diskutierten (siehe auch Altpapier), "ebenso wirren wie ideologischen und schockierenden" Blogbeitrag J. K. Rowlings zum Thema Transfrauen intelligenter reagiert haben als Menschen mit Zugang zu den Content-Management-Systemen von Verlagen. Das stellt die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Christine Lötscher in einem Beitrag für Geschichte der Gegenwart heraus: "Erstaunlich ist, dass die Feuilletonist:innen – ganz im Gegensatz zu den meist beissend ironischen, teilweise klugen Dekonstruktionen von Rowlings Fantasywelt auf TikTok – lieber über Cancel Culture philosophieren, als Rowlings Texte einer kritischen Lektüre zu unterziehen. Denn dass die Erzählinstanz im Text als rhetorische Figuration zu verstehen ist, deren Funktion sich erst in der Lektüre entfaltet, bedeutet nicht, dass Literatur unpolitisch ist. Gerade popu­läre Genres wie Fantasy oder Krimi stellen sich in diskursive Zusammenhänge – die allerdings weniger auf der Ebene der repräsentierten Inhalte und Figuren zu greifen sind, sondern im Umgang mit Erzählstrukturen."

+++ Thomas Gehringer schreibt im Tagesspiegel über den heute im  ARD-Nachtprogramm zu sehenden dokudramatischen Film "Dutschke - Schüsse von rechts": "Nicht immer nachvollziehbar ist es, wenn Dutschkes Werdegang in Spielszenen geschildert wird. Darsteller Aaron Hilmer bemüht sich, im typischen Dutschke-Pulli den typischen Dutschke-Duktus zu treffen. Aber die ja zahlreich vorhandenen Originalaufnahmen sind halt nicht nur authentisch, sondern auch eindrucksvoller." Willi Winkler stellt in der SZ heraus, dass die Erzählung vom rechtsextremistischen "Einzeltäter" auch Ende der 1960er schon en vogue war und damals dem Dutschke-Attentäter Josef Bachmann übergestülpt wurde: "In Peine nahe der damaligen Zonengrenze trieb er sich - das ist den beiden Filmautoren wichtig - in einem rechtsradikalen Mischmilieu von NPD-Aktivisten, Polizisten und V-Leuten herum, die für den westdeutschen und teilweise gleichzeitig für den Geheimdienst der DDR arbeiteten. Bei diesen Gesinnungsgenossen konnte sich Bachmann eine Waffe und Munition besorgen; das Gericht kümmerte sich nicht um diese Verbindung und verurteilte einen Einzeltäter."

Neues Altpapier gibt es wieder am Dienstag.

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