Das Altpapier am 12. Januar 2021 Im Laub mit Hildmann

Eine Sat-1-Reporterin will einen Rechtsextremisten "verstehen". Hacker wollen US-Strafverfolgungsbehörden bei der Ergreifung von Rechtsextremisten helfen. Ein Journalist, der früher ethisch knifflige Leserfragen beantwortete, will ein Mietshaus für sich allein. Ein Altpapier von René Martens.

Teasergrafik Altpapier vom 12. Januar 2020: Porträt Autor René Martens
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Neues aus dem Waldspaziergangs-Genre

Im September 2018 trennte sich Sat 1 von einer Produktionsfirma, weil diese für die Sendung "Akte" ein Interview mit einem Rechtsextremisten produziert hatte, das unter dubiosen Rahmenbedingungen zustande gekommen war. Im Altpapier kam die entsprechende Ausgabe des Magazins ausführlich vor, die Trennung kam kurz zur Sprache.

Grundsätzlich etwas einzuwenden gegen extensives Geplauder mit Rechtsextremisten hat man in der "Akte"-Redaktion aber nicht, wie in der gestrigen Sendung erleben konnte, in der Zuschauer daran teilhaben durften, wie eine Reporterin mit Hildmann durch einen Wald spazierte und sich auch mal an einem See mit ihm ins Laub setzte. Aber warum bloß?

"Ich will versuchen, Hildmanns Gedanken zu verstehen" - "Was geht in Attila Hildmann vor?" - "Ich will dich wirklich verstehen" - "Ich möchte wissen, was Attila Hildmann erreichen will" - "Ich versuche es, diese Gedanken zu verstehen." All das bekam man von der der Redundanz nicht abgeneigten Journalistin zu hören. Das Ganze lief dann so ab, dass Hildmann sagte, was er halt so sagt, und die Reporterin regelmäßig empört reagierte und schimpfte, das sei doch "abstrus" - und zwar auf eine Weise, dass man ständig an ein trotzig mit dem Fuß auf den Boden stampfendes Kind denken musste.

In der Ankündigung bei Twitter präsentierte Sat 1 übrigens einen recht bizarren Superlativ. Hildmann gehöre "zu den öffentlichkeitswirksamsten Verschwörungstheoretikern Deutschlands". Diese "Öffentlichkeitswirksamkeit" hat Hildmann ja zu einem nicht geringen Teil etablierten Dusselmedien zu verdanken.

Wie ein Vorab-Kommentar zur Sat-1-Sendung mit Hildmann lässt sich ein Beitrag von Ulrike Nimz für die SZ-Meinungsseite lesen:

"Es ist ein Irrtum, dem Journalisten bisweilen genauso aufsitzen wie Ministerpräsidenten: Zu glauben, dass man Corona-Leugner, Verschwörungsideologen und selbsternannte Patrioten umstimmen kann, wenn man ihnen nur ausdauernd genug Kontra gibt, Nachsicht walten lässt, Empathie aufbringt."

Der Text bezieht sich auf den sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer, der manchmal freiwillig mit Corona-Leugnern und Verschwörungsideologen redet, es am Wochenende allerdings unter für ihn durchaus bedrohlichen Umständen tat.

Hacker wollen Strafverfolgern helfen

Angesichts dessen, dass in den vergangenen Tagen aus guten Gründen viel darüber geschrieben wurde, welche Rolle soziale Medien sowohl bei der Vorbereitung des paramilitärischen Sturms auf das Capitol als auch bei der emotionalen Begleitmusik gespielt haben, kann es auch nicht schaden, mal eine Stärke von sozialen Netzwerken herauszustellen:

"Die Erstürmung des Capitols hat auf Twitter einen sehr interessanten Thread nach sich gezogen, in dem durch Zusammenarbeit verschiedener Accounts Personen identifiziert wurden, die an der Erstürmung des Capitols beteiligt und dabei besonders auffällig bewaffnet waren."

Das schreibt Berit Glanz in ihrem wöchentlichen Newsletter. Hervorgetan hat sich (zum Beispiel hier und hier) diesbezüglich der kürzlich auch schon von t-online.de gewürdigte John Scott-Railton, dessen Recherchen der aus anderen Kontexten (Altpapier, Altpapier) recht bekannte Ronan Farrow für den New Yorker aufgegriffen hat:

"A day after the riots, (…) Scott-Railton, a senior researcher at Citizen Lab, at the University of Toronto’s Munk School, notified the F.B.I. that he suspected the man was retired Lieutenant Colonel Larry Rendall Brock, Jr., a Texas-based Air Force Academy graduate and combat veteran. Scott-Railton had been trying to identify various people involved in the attack. 'I used a number of techniques to hone in on his identity, including facial recognition and image enhancement, as well as seeking contextual clues from his military paraphernalia,' (…)"

Für eine andere Art von in weiterem Sinne zivilgesellschaftlichen Engagement steht ein Hacker-Angriff auf das rechtsextreme Netzwerk Parler (Altpapier von Montag), über den Tobias Költzsch für golem.de berichtet:

"Den Hackern war es (…) möglich, bei einem Administrator-Konto das Passwort zurückzusetzen (…) Mithilfe dieses gekaperten Kontos haben die Hacker eigenen Angaben zufolge Millionen an Administrator-Konten eingerichtet und verteilt, damit gemeinsam Daten gesichert werden können. Die gewonnenen Daten sollen Strafverfolgungsbehörden zur Verfügung gestellt werden, die anhand der Metadaten möglicherweise Ermittlungen gegen Nutzer einleiten könnte. Helfen dürfte den Behörden dabei der 'Verified Citizen'-Status von Parler: Um diesen zu erreichen, mussten Nutzer die Vorder- und Rückseite ihres Führerscheins hochladen. Auch diese Daten sollen zusammen mit den entsprechenden Nutzerkonten auf den Servern ungeschützt gespeichert worden sein."

Möglich also, dass zu den bisher im Zusammenhang mit der Terrorattacke auf das Capitol verhafteten 120 Personen auch dank der Infos aus Hacker-Kreisen schnell weitere hinzu kommen, denn:

"Viele Parler-Nutzer sollen ihre Posts vom Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 gelöscht haben. Nach dem Download der Daten stellten die Hacker allerdings fest, dass die Daten nicht wirklich gelöscht, sondern lediglich verschoben wurden. Die Administratorenkonten können weiterhin auf die Beiträge zugreifen, entsprechend konnten die Hacker sie herunterladen."

Annullierung der neuen Art

Dass es möglich ist, Rechtsextremisten zum Verstummen zu bringen und dabei ästhetisch "bemerkenswerte Bilder" hervorzubringen - das hat, so Samira El Ouassil bei Übermedien (€), RTL beim Entfernen des Schlagersängers Michael Wendler aus der Sendung "Deutschland sucht den Superstar" bewiesen:

"In einigen Einstellungen, vor allem in Totalen, in denen man ihn nicht so leicht hinterm Jurypult neben Maite Kelly, Mike Singer und Dieter Bohlen entfernen konnte, und um die Continuity nicht komplett zu zerstören, ist ein großzügig weichgezeichneter Fleck zu sehen, wie man ihn gelegentlich sieht, wenn Informanten anonym bleiben möchten oder das Recht am eigenen Bild das Zeigen von Personen verbietet."

In anderen Einstellungen "wurde mit einem schwarzen Balken gearbeitet, der das Bild links beschneidet, aber über den Großteil der Folge sitzt da nun eine personifizierte Filterblase als Teil der Jury". RTL, so El Ouassils Fazit, habe "aus der Not in der Postproduktion mit diesem Filter ein eigenartiges Wesen visualisierter Annullierung erschaffen. Der Wendler wurde nicht einfach entfernt, sondern seine teilnehmende Abwesenheit existiert nun in einem demonstrativen Dazwischen." Beziehungsweise:

"Durch das Weichzeichnen und Stummschalten hat RTL das Fernsehen auch ein bisschen zu Twitter gemacht, den Wendler allerdings nicht geblockt, sondern auf bemerkenswerte Weise gemutet."

Das komplette moralische Versagen der Riefenstahl-Exegeten

Mit dem Thema Leni Riefenstahl sind wir gestern aus der Kolumne ausgestiegen. Wie Dietrich Leder in seinem an dieser Stelle nun auch Christina Dongowski bei 54books mit Nina Gladitz' Biographie "Leni Riefenstahl. Karriere einer Täterin". Dongowski geht darüber hinaus auf die bisherige Rezeption dieses Buchs ein:

"Gladitz macht die Funktion etlicher, scheinbar rein ästhetischer Argumente für die Verwischung und Normalisierung von Täterschaft im Kulturbetrieb der Nazi-Zeit und danach explizit zu einem der zentralen Themen des Buches. Diskutiert wurde die Biographie in den Feuilletons so aber nicht. Die Reaktion auf das Buch war trotzdem in gewissem Sinne einschlägig, hat es doch zu erstaunlichen (sozial)medialen Erkenntnisschüben geführt: Die Lieblingsregisseurin Adolf Hitlers und Regisseurin der wichtigsten und erfolgreichsten NSDAP-Propagandafilme war eine Nazi-Täterin. No shit, Sherlock! könnte man meinen. Bloß gehört die schlichte Erkenntnis, dass Leute, die freiwillig Nazi-Kunst machen, auch Nazis sind, eben noch immer nicht zu den Basics deutscher Debatten."

Statt die Nationalsozialistin Riefenstahl eine Nationalsozialistin zu nennen, wurde, so Dongowski weiter, "in verschämt-intellektuellen Essays über die doch irgendwie Avantgarde-gewesen-seiende Riefenstahlsche Kamera- und Schnitttechnik geschrieben und sich dafür auf Walter Benjamin und Susan Sontag berufen". An dieser Stelle ließe sich zwecks Erläuterung noch kurz auf den Leder-Text verweisen ("Interessant ist, dass auch kritische Autoren die filmischen Innovationen herausstreichen, die Leni Riefenstahl bei der Darstellung der olympischen Wettbewerbe von Berlin angewandt haben soll. Das ist weitgehend auf die Unkenntnis der Olympiafilme zurückzuführen, die vor 1936 entstanden").

Um zur Biographie zurück zu kommen: Die "eigentliche Leistung" der Autorin, so Dongowski, sei es, "so nah an Riefenstahls Genie-Performance heranzutreten, dass man nicht mehr umhin kommt, darin die Toten und das Lager zu sehen". Gladitz betrachte "die Riefenstahl-Rezeption der letzten 30 Jahre in Bild, Film und Text" als "ein komplettes moralisches Versagen vor der Aufgabe, diese Frau und ihr Werk historisch, ethisch und ästhetisch adäquat zu verstehen und zu beurteilen". Medienhistorisch betrachtet, handelt es sich hier - das würde ich noch draufsetzen wollen - um ein Versagen besonders starken Ausmaßes, um ein Versagen, dessen Folgen bis heute spürbar sind.

Der Hörfunk spart am falschen Ende

Im letzten Altpapier vor Weihnachten haben wir versucht, schlaglichtartig auf einige unschöne Veränderungen hinzuweisen, die die Unterforderungs-Ideologen des öffentlich-rechtlichen Hörfunks in ihren Programmen in der jüngeren Vergangenheit erwirkt haben. Heute bietet es sich an, dass Thema mit einem Verweis auf Diemut Roethers aktuelles epd-medien-"Tagebuch" wieder aufzugreifen. Sie beschäftigt sich vor allem mit der Entwicklung bei WDR 5 (und, Stichwort "Stichtag", WDR 2):

"Die Sender sparen am falschen Ende, wenn bei diesen Sparbemühungen immer die profilierten Sendungen wie das 'Echo des Tages' oder der 'Stichtag' auf der Strecke bleiben und stattdessen 'synergetisch' mehr 'durchgängige Aktualität' produziert wird. Radiowellen werden auch wegen Persönlichkeiten gehört: Wegen Korrespondenten, die gute Analysen liefern, wegen Moderatoren, die an der richtigen Stelle nachfragen, wegen Autorenstimmen, denen der Hörer gern sein Ohr leiht. Alles andere, vor allem more of the same, finden die Nutzer jederzeit im Netz."

Was nicht nur der WDR zu ignorieren scheint:

"Die vergangenen Monate der Corona-Pandemie (haben) gezeigt, dass die Menschen, je mehr Zeit sie am Computer verbringen mussten, sich wieder stärker den linearen Angeboten im Fernsehen und Radio zugewandt haben. Für Radiomacher kann das nur heißen, dass sie sich wieder auf das besinnen sollten, was ihren Sender einzigartig macht. Radiowellen weiter zu formatieren und ihnen ihre markanten Sendungen zu nehmen, ist wie Selbstmord aus Angst vor dem Tod."


Altpapierkorb (Fehlende Gender-Diversität im Wikipedia-Autoren-Team, Wohnschloss-Fantasien eines ehemaligen Briefkastenonkels, Schulfernsehen-Überblick, Prinzessinnenreporter-Jahresrückblick, Social-Media-Experten-Prognosen, RTL-"Triell" zur Bundestagswahl, bevorstehende Intendantenwahl beim SR)

+++ Anlässlich des 20-jährigen Jubiläums von Wikipedia hat Der Spiegel mit Mitgründer Jimmy Wales und Pavel Richter, Autor des kürzlich erschienenen Buchs "Die Wikipedia-Story. Biografie eines Weltwunders", gesprochen. Richter sagt: "90 Prozent der Wikipedianer (sind) Männer, und das liegt sicher nicht daran, dass Frauen kein Interesse haben, an einer Enzyklopädie mitzuschreiben. Sondern auch daran, dass die bestehende Community zum Teil Schwierigkeiten hat, mit Veränderungen umzugehen und diese als etwas Bereicherndes zu begreifen (…) Da heißt es dann, es gehe doch darum, eine Enzyklopädie zu schreiben, da sei es doch egal, welches Geschlecht jemand hat. Das ist natürlich Humbug. Wir wissen alle, dass es sich, wenn sich der Bundestag zu 100 Prozent aus Männern oder zu 100 Prozent aus Frauen zusammensetzen würde, auf die Gesetze auswirken würde, die dort verabschiedet werden."

+++ Dr. Dr. Rainer Erlinger, früher Briefkastenonkel für ethisch knifflige Fragen beim SZ-Magazin, erregt mittlerweile auf andere Weise mediale Aufmerksamkeit. "Darf ein Hausbesitzer vier Mieter*innen rauswerfen, um in dem Gebäude seinen eigenen Wohntraum aus Ankleidezimmer, Dachterrasse und Gästewohnung zu verwirklichen? Die Antwort von Rainer Erlinger scheint ein klares ‚Ja!‘ zu sein. Denn niemand anderes als der Doktor-Doktor persönlich verwandelt so derzeit ein Mietshaus nahe des Rosenthaler Platzes in Mitte in sein eigenes Quasiwohnschloss." Darauf weist Mascha Malburg im ND-Morgen-Newsletter hin; den Artikel zum Thema hat Nicolas Šustr geschrieben.

+++ Einen Überblick darüber, wie "die öffentlich-rechtlichen Sender versuchen, Familien beim Homeschooling zu helfen" (siehe zuletzt Altpapier von Montag) gibt die SZ auf ihrer heutigen Medienseite. Unser MDR hat auch was Neues zu bieten.

+++ Neue Rückblicke auf 2020: Ich habe mich mit sehr gemischten und Kultur-und-Medien-Charts an einem Jahresrückblick der Prinzessinenreporter beteiligt.

+++ Vorausblicke auf 2021 im Tagesspiegel: Torsten Körner formuliert seine Erwartungen an ARD und ZDF ("Im Superwahljahr 2021 erwarte ich auch neue politische Formate, andere Gesprächssendungen, die versuchen, Politik als wirklich spannende Arena zu zeigen, als Verhandlungsplatz der res publica"), und Joachim Huber berichtet - um beim Thema Wahlen zu bleiben - über die Pläne von RTL, zur Bundestagswahl ein "Triell" mit den Spitzenkandidaten von CDU/CSU, SPD und Grünen auf die Beine zum stellen.

+++ Noch ein Vorausblick, und zwar von mehreren Social-Media-Experten, die Jörgen Camrath für seinen Blog befragt hat. Eine Prognose von Dennis Horn (WDR) lautet: "Instagram wird das neue Facebook." Das bedeute "aber auch, mit Problemen konfrontiert zu sein, die bisher eher die von Facebook waren: Die Menge an Hass und Hetze zum Beispiel, die mittlerweile auch Instagram zu schaffen macht (…) Instagram (ist) nicht mehr der entspannte und sichere Ort ist, der es einmal war."

+++ Für die Führungskräfte unter unseren Lesern: Die Frist zur Abgabe von Bewerbungen für den Intendantenposten beim Saarländischen Rundfunk endet am 16. Januar. Das berichtet die Medienkorrespondenz, die zudem darauf hinweist, dass auch diverse andere hohe Positionen beim SR demnächst neu zu besetzen sind.

Neues Altpapier gibt es wieder am Mittwoch.

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