Das Altpapier am 30. März 2021 Die eigentliche Reichweite

In den kaum überschaubaren Kritiken zu Angela Merkels vermutlich letztem Kanzlerin-Auftritt in Anne Wills Talkshow zeigt sich schönste Meinungsvielfalt. Der ARD-Vorsitzende Tom Buhrow zeigt sich auch wieder öfter. Und RTL holt einen öffentlich-rechtlichen Sympathieträger nach dem anderen in sein Programm. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik Altpapier vom 30. März 2021: Porträt Autor Christian Bartels
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Merkel nach dem "Tatort" bei Anne Will

Gibt es noch nachhallende Fernsehabende, die vorab programmiert wurden, also nicht darauf beruhen, dass überraschend ein Machtzentrum in der US-amerikanischen Hauptstadt gestürmt wird, oder so etwas, und manche Sender auf Sendung sind und manche länger nicht?

Vielleicht war der Sonntagabend in unserer ARD. Erst der "Tatort", das trotz Krimifluten verlässliche Lagerfeuer, mit einer "fulminanten" Folge. Ich hab's nicht gesehen, doch dass Social-Media-Teams anschließend Posts absetzen müssen, die viele lineare Zuschauer gar nicht verstehen würden, wie:

"Es war nicht Anliegen der Kreativen, die Geschichte eines transidenten Täters zu erzählen. Die Rolle wurde mit Attributen versehen, die von einer Transperson abgrenzen. Die Kommissar*innen gingen von einer Tat mit pädophilem Hintergrund aus, was eine Kindesentführungen nahelegt",

geschieht ja nicht alle Tage (Kommentar dazu von Monika Gemmer bei fr.de). Wobei: Wenn allein das öffentlich-rechtliche Fernsehen Jahr für Jahr mehr Fernsehkrimi-Morde ersinnt als, zum Glück, tatsächlich gemordet wird, kann so etwas kaum ausbleiben.

Und nach dem Krimi (und nur wenigen Eigen-Werbetrailern) dann das "Merkel-Solo" bei Anne Will, bei dem Einschaltquoten-Controller "bei den 14- bis 49-Jährigen ... sogar etwas mehr als ein Jahr zurückgehen" müssten, "um eine erfolgreichere Ausgabe der Talkshow zu finden" (dwdl.de). Was wiederum nicht heißt, dass die Fußballnationalmannschaft zeitgleich auf RTL insgesamt nicht doch mehr Zuschauer zog.

Die eigentliche Reichweite solcher Sendungen ergibt sich natürlich aus dem kaum überschaubaren Echo in sämtlichen Medien. Vom Vorfeld (Kanzlerin-Ankunft vorm Studio als Chefredakteurs-geteiltes Kurzvideo) bis zum Tag danach in den Zeitungen hagelt es Posts und Kommentare in den sog. soz. Medien sowie kurze, schnelle und längere journalistische Abend-, Nacht- und weitere Kritiken. Bei vielen redaktionellen Medien mehr als nur eine, schon weil die Übergänge zwischen eher politischen, eher fernsehkritischen Beiträgen und bloßen Meldungen fließend sind. Nicht nur "verkündet die Kanzlerin gern vom Fernsehsessel aus" etwas, wie es im Top-Leitartikel heute vorn auf der FAZ heißt, zur "politischen Geisterstunde" (wie FAZ-Co-Herausgeber Jürgen Kaube in einer eher noch Spätabend- als Nachtkritik schrieb), auch viele Multiplikatoren sitzen in den Fernsehsesseln. Wo sollen sie jetzt auch sonst hin?

Zum Sonntag fällt auf, wie in der über Jahre äußerst Merkel-freundlichen deutschen Medienlandschaft die Meinungsfronten verschwimmen. Die nicht so zahlreichen Kritiker fanden lobende Worte für Interviewte und Interviewerin wie Gabor Steingart gestern:

"Dadurch, dass Anne Will nicht gegen die Kanzlerin fragte, sondern mit ihr, erlebten wir, wie der Panzer der staatsmännischen Versteifung sich öffnete. Wir blickten in das Innere einer Regierungschefin, die ernsthaft besorgt ist ..."

"Das war Merkelsche Machtpolitik!", sagte anerkennend Ralf Schuler von der Bild-Zeitung, die ja was von Machtpolitik versteht (und: "Macht ist wie Wasser"), wohingegen Sabine am Orde für die taz sich sozusagen die Haare raufte:

"Die letzte verheerende Ministerpräsidentenkonferenz nannte Merkel eine 'Zäsur'. Doch einen Plan hat sie nicht. Sie denke nach, wie es weitergehen soll, sagte sie. Vor den Fernsehbildschirmen dürften sich viele die Haare gerauft haben. Nachdenken? Nach einem Jahr Pandemie und den vielen Abend- und Nachtsitzungen der MPK?"

Anne Will ringen hörte Christian Buß bei spiegel.de ("Viel Staatskunde, wenig Selbstkritik, kaum konkrete Lösungsvorschläge – Interviewerin Will ringt angesichts der dürftigen Performance irgendwann mit den Worten"). Noch näher an einer Fernsehkritik, dabei scharf Merkel- und noch schärfer Will-kritisch, bewegt sich Frank Lübberding bei welt.de (€;  "betreute Osteransprache in Interviewform"). Respekt herauszulesen verstanden, andererseits, Merkel-Fans schon auch ("Wie konzentriert, vielleicht auch angespannt Merkel ist, merkt man daran, dass sie über 60 Minuten keinen Scherz einstreut, keinen Nachweis ihrer Schlagfertigkeit anbietet, wie sie es sonst auch in schwierigen Situationen gerne mal macht ...", Nico Fried, sueddeutsche.de). Kurzum: In der Beurteilung beider Teilnehmerinnen zeigt sich schönste Meinungsvielfalt.

Ich selbst war beim Zuschauen froh, nicht drüber schreiben zu müssen. Und hätte, falls doch, erwähnt, dass zu Anne Wills allerwesentlichen und kritischsten Stilmitteln gehört, Umfrageergebnisse-Grafiken einzublenden und zu fragen, warum sie so schlecht sind. Was, andererseits, zum Regierungshandeln der Merkel-Ära perfekt passt.

Manche Kritiken ließen einfach der Ratlosigkeit Lauf wie wohl Anja Maier, sprachlich schön ("An diesem Sonntagabend nun sitzt sie in Wollweiß gewandet im Berliner Studio und raunzt..."), bei zeit.de, und erst recht Michael Hanfeld in schön langen Sätzen ("Angesichts der herrschenden Verantwortungsdiffusion, bei der nicht einmal klar ist, wer Grund für ein Mea culpa hat beziehungsweise wer sich davon ausnehmen darf, dürfte die Frage nicht ganz leicht zu beantworten sein. Daran hat der Auftritt von Angela Merkel bei Anne Will am Sonntag nichts geändert") heute auf seiner FAZ-Medienseite.

Und wie gesagt: Während all das verfasst wurde, hagelte es vor allem bei Twitter, dem (sog.) sozialen Medium der Medienblase, ebenfalls Kommentare aller Art. Exemplarisch dafür stehen könnte einerseits die 24(!)-teilige  Analyse einer "höchst spannenden Strategie" und andererseits das trockene "viel zu viel hinein analysiert in einen Vorgang, der sich in einem Satz zusammen fassen lässt" des alten Haudegens Cordt Schnibben dazu.

Söder nach der Talkshow in den "Tagesthemen"

Zurück ins lineare Programm: "Nach einer Stunde – wenn man dann als Zuschauer so lange ausgehalten hat ... – nach einer Stunde also fragt sich der Beobachter: Warum ist die Kanzlerin eigentlich gekommen?", schreibt Gerd Appenzeller in einem der auch nicht wenigen Beiträge des Tagesspiegels dazu. Dass sie immerhin nur eine Stunde dauert, zählt aber auch zu den Vorteilen der Will-Show.

Nachdem also, auch durch Wills Nachfragen, klar war, dass Merkel fernsehöffentlich mehreren Ministerpräsidenten gedroht hatte, statt durch ewiges gemeinsames Bereden durchs Bundes-Infektionsschutzgesetz Corona-Maßnahmen durchzusetzen, darunter CDU-Ministerpräsidenten, darunter nicht zuletzt dem eigenen Parteivorsitzenden und potenziellen Kanzlerkandidaten, gastierte dann Armin Laschets Konkurrent Markus Söder in den folgenden "Tagesthemen". Und Söder, der sich eigentlich in einer mindestens dreistelligen Zahl von Fernsehauftritten auch verschlissen zu haben schien, wirkte dynamisch, als habe er nicht eine Cola light (wie Fragestellerin Caren Miosga nett und auf einem aktuellen Söder-Zitat aufbauend sein "Lieblingsgetränk" nannte) intus, sondern coffeinhaltigere norddeutsche Cola oder zwei Fläschchen fränkisch-bayrische Mate-Brause. Haben Kräfte in der ARD also da den nächsten Bundeskanzler-Kandidaten mit gekürt?

Na ja, Laschet ist ja auch gut vernetzt in den Rundfunkanstalten und -gremien und hat die größte ARD-Anstalt in seinem Bundesland sitzen. Mal schauen, was da noch kommt. Damit zum WDR.

Tom Buhrow-Interview ab Mitternacht online

Wie hieß es neulich neckisch in der SZ? "Der verschollen geglaubte WDR-Intendant meldet sich aus dem Untergrund ... Tom Buhrow ist wieder da! Ein sehr langer Gastbeitrag in der FAZ beweist es". Und genau zu diesem Gastbeitrag hat dwdl.de ihn nun, auch nicht kurz, interviewt. Das war gestern hier kurz im Korb erwähnt, weil erst um Mitternacht erschienen, und verdient mehr Aufmerksamkeit.

Eine Steilvorlage des Interviewers Thomas Lückerath klingt fast so, als hätte das Gespräch tatsächlich kurz vorher, nach "Anne Will" stattgefunden ("Der 'Tatort' erreicht allen Unkenrufen übers lineare Fernsehen zum Trotz zehn Millionen Zuschauerinnen und Zuschauer. Im Anschluss an Unterhaltungsfernsehen folgt Angela Merkel bei Anne Will. Ob die ARD ohne das Vorprogramm gleich viele Menschen mit 'Anne Will' erreichen würde?"). Buhrow revanchiert sich mit noch freundlicheren Antworten ("Eine extrem wichtige Frage, die Sie da stellen"), auch wenn an der einen oder anderen Formulierung ("Ich scheue mich nicht, der Perspektive unserer Nutzerinnen und Nutzer Gehör zu schenken, weil es vielleicht irgendwann einmal strukturelle Folgen haben könnte") sein Beraterstab noch etwas hätte feilen können.

Und wegen tatsächlich guter Fragen tritt eine gewisse Strategie tatsächlich zutage. So sagt Buhrow, der aktuell ja ARD-Vorsitzender ist, etwa

"zur grundsätzlichen Plattformstrategie der ARD: Wir haben in den ersten Phasen der Digitalisierung auch stark auf Drittplattformen gesetzt, und tun es zum Teil immer noch. Aber wir haben umgeswitcht auf eine Strategie, mit der wir die Nutzung vermehrt wieder auf unsere eigenen werbefreien Plattformen lenken wollen. Aber es wäre auch unklug dies auf Biegen und Brechen umsetzen zu wollen, weil bei aktuellen Angeboten, zum Beispiel Nachrichten, Sport oder Podcasts, ein erheblicher Teil des Traffics und ganz viel Interaktion über Drittplattformen erfolgt."

Und um "lineare Mediatheken" (Altpapier) geht es auch. Die Frage "Wenn medienpolitisch nicht eine lineare Ausstrahlung Voraussetzung wäre, bräuchte es einen Kanal wie One auch nicht, oder?", bejaht Buhrow ausdrücklich.

Falls wer tiefer in die zahlreichen Flure des WDR einsteigen möchte: René Martens ist für die neue Medienkorrespondenz der "Dienstvereinbarung zum Schutz vor sexueller und diskriminierender Belästigung", die im WDR insgesamt nur kurz Bestand hatte (Altpapier), und der entsprechenden internen Beschwerdestelle nachgegangen. Dazu

"'erarbeitet' der WDR derzeit, wie die Abläufe im Interesse der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter 'vereinfacht und beschleunigt werden können', so die Pressestelle des Senders. ..."

So soll wohl "das Risiko, dass hier jemand Einschätzungen vertritt, die von denen der WDR-Intendanz abweichen", verringert werden, interpretiert René.

Nun noch ein Katzensprung über den Rhein zum anderen großen Sender in Köln.

Hape Kerkeling und "Tagesschau-Legende" Jan Hofer neu bei RTL

Ein (Audio-)Interview zum oben besprochenen Merkel-Interview Anne Wills gab es auch schon. Deutschlandfunks "@mediasres" führte es mit Nikolaus Blome, der ja inzwischen Politikchef bei RTL ist, und im Rahmen einer durchaus straffen Analyse nicht zuletzt auch sagt, dass RTL Merkel zwar vor kurzem auch schon interviewt hatte, aber gerne auch bald wieder interviewen will.

Zugleich vermeldet RTL weitere spektakuläre Personalien: "Der Privatsender RTL geht weiter in öffentlich-rechtlichen Gefilden auf Mitarbeiterfang. Nach Jan Hofer und Thomas Gottschalk wird jetzt Hape Kerkeling engagiert", fasst sie Joachim Huber im Tagesspiegel zusammen. " Abgesehen von Gastauftritten endeten Kerkelings eigene RTL-Projekte 2010, einer Zeit in der RTL auf der Höhe des eigenen Erfolges wesentlich lauter und krawalliger unterwegs war als heute. Dass man u.a. mit der Trennung von Dieter Bohlen einen neuen Weg einschlagen will, könnte dementsprechend bei der Entscheidung Kerkelings zum TV-Comeback bei RTL auch eine Rolle gespielt haben", ergänzt dwdl.de.

Vor allem die neue "eigene Show bei RTL", an die "'Tagesschau'-Legende" Jan Hofer als "Let's Dance"-Tänzer geraten ist, die zwar noch bewusst diffus gehalten ist, bei der es sich aber jedenfalls um eine "neue wochentägliche Nachrichtensendung im Hauptabendprogramm" handeln wird (Schauen Sie das Video!), dürfte Interesse verdienen. Gut möglich, dass über das alte, bei allen Rundfunkbeitrags-Debatten immer wieder frische Thema der inhaltlichen Angleichung zwischen privaten und beitragsfinanzierten öffentlich-rechtlichen Programmen künftig unter anderen Vorzeichen diskutiert werden muss.

Altpapierkorb (Werner Herzog über Elke Lehrenkrauss, "strampelnder" NDR, Katapult MV, TV Doschd, Hans W. Geißendörfer)

+++ Neues zur "Lovemobil"-Debatte (AP gestern): Willi Winkler hat fürs SZ-Feuilleton (€) E-Mails gewechselt mit Werner Herzog, den er zwar in einer Reihe mit E.T.A. Hoffmann sieht, aber nicht mit Elke Lehrenkrauss. Was Herzog auch so sieht, Winkler wiederum aber doch nicht davon abhält, vor allem den NDR und dessen gestern hier u.a. zitierte Abteilungsleiterin Anja Reschke zu kritisieren: "Fast schon rührend ist es, wie der NDR jetzt strampelt, um sich von dem Film zu distanzieren, der nur durch Pech und weil die NDR-eigene Redaktion STRG_F den Schwindel unmittelbar vor der Jurysitzung aufdeckte, keinen Grimme-Preis bekommen hat ...".

+++ Wie Bundestag und Bundesrat zusammenarbeiten, ist seit Merkels Ausführungen bei Anne Will größeres Thema. Wie beide Parlamente gemeinsam die ohnehin scharfe Novelle des bundesinnenministerlichen Telekommunikationsgesetzes verschärfen, beschreibt netzpolitik.org.

+++ "Katapult MV", das geplante lokaljournalistische Medium für Mecklenburg-Vorpommern (Altpapier) hat sich binnen vier Tagen per Crowdfunding finanziert. "19.000 € pro Monat sind sicher, und damit fünf Redakteure und Grafikerinnen".

+++ "TV Doschd – zu Deutsch: Regen" heißt eines der wenigen noch arbeitenden oppositionellen Medien in Russland, und seine Jour­na­lis­t*in­nen nennen sich daher "Regentropfen", berichtet die taz.

+++ Den Filmemacher, der in den 1970ern zu den Mitgründern des seinerzeit wichtigen Filmverlags der Autoren gehörte und wichtige Kinofilme drehte und "dann Mitte der 1980er Jahre inhaltlich und produktionstechnisch Maßstäbe" setzte, indem er "die erste deutsche Serie, die fiktional in Echtzeit und nah am aktuellen Geschehen erzählte", produzierte, würdigt Thomas Gehringer bei epd medien zum bevorstehenden 80. Geburtstag: (Hans W.) "Geißendörfer war seiner Zeit voraus."

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.

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