Teasergrafik zum Altpapier vom 3. Juli 2018: Twittervögel mit den Logos von ARD, ZDF, Die Zeit und Bild haben jeweils einen Zettel am Fuß mit 'könnte, #wäre, #käme, #müsste
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Das Altpapier am 3. Juli 2018 Besser spät genug?

Im Rückblick auf einen großen Live-Fernsehabend fallen auch wieder Fehler auf? Lassen sie sich wem in die Schuhe schieben (oder "Instant-Kommentare" künftig vermeiden)? Dann ging auch noch ein Eilbrief an Angela Merkel – wegen der Netzpolitik, obwohl dafür höchstens ein Stündchen Zeit pro Woche ist. Außerdem: Uebermedien.de kann auch Brachial-Vereinfachung; Kritik an Markus Söders Medienpolitik. Ein Altpapier von Christian Bartels.

Teasergrafik zum Altpapier vom 3. Juli 2018: Twittervögel mit den Logos von ARD, ZDF, Die Zeit und Bild haben jeweils einen Zettel am Fuß mit 'könnte, #wäre, #käme, #müsste
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Es ist Dienstag morgen, 9.08 Uhr, und bei, äh, Drucklegung dieser Onlinekolumne ist Bundesinnenminister Horst Seehofer schon wieder noch immer nicht zurückgetreten (auch wenn manche Prophezeiungen eines künftigen Rücktritts, die im Rahmen des umfangreichen Montagabend-Getalkes geäußert wurden, ihre Gültigkeit vermutlich bis auf weiteres behalten können). Bloß der "Tagesthemen"-Kommentar zum Seehofer-Rücktritt ist halt schon in der Welt. Aber der war im Moment seiner Aufführung ja auch "keine Falschmeldung, sondern zu diesem Zeitpunkt zutreffend", wie faktenfinder.tagesschau.de, wie gewohnt mit Überzeugungskraft vor allem für die sowieso sehr Überzeugten (andererseits: mit niemand geringerem als dem amtierenden Bundesinnenminister als Zeugen!), herleitete.

Doch der Reihe nach: Wer am vergangenen sehr langen Sonntagabend so zwischen 14.06 Uhr, als Bundeskanzlerin Merkel ihr ZDF-"Sommerinterview" aufzeichnete (das bald darauf "online first" ging, um nicht sofort überholt zu sein), und nach Mitternacht, als Seehofers Partei endlich mit der Verschiebung der verlängerten Nachspielzeit auf den (inzwischen gestrigen) Montagabend überraschte, im Fernsehen saß und etwas zu all dem sagen musste, dürfte währenddessen und erst recht bei der anschließenden Nachbereitung wenig Freude gehabt haben. Für alle, die vor Arbeits-Monitoren was fürs Internet dazu schreiben mussten, dürfte das eingeschränkt auch gelten. Wer bloß vorm Fernseher saß, hat dagegen "bestes Live-Fernsehen ohne live" gesehen, zum Beispiel "eine faszinierende Sendung, weil sich in ihr die Ereignisse überschlugen, ohne dass sie stattfanden".

Das meint zumindest Torsten Körner, der für tagesspiegel.de vor allem die Anne-Will-Show, die Anne Will um 22.03 Uhr mit den Worten "Wir sind spät, aber wir sind nicht spät genug" einleitete, besprochen hat. Körners Text sprüht wieder vor Sprachfreude (Olaf Scholz, "der samtpfötige Deeskalationsautomat ..."), tut das allerdings von Metaebenen aus ("Alles floss nun mit allem zusammen!"), die sich vor allem Hardcore-Fernsehkritikern erschließen dürften.

"So aufregend war eine Talkshow im deutschen Fernsehen lange nicht mehr", würde die etwas geerdetere Rezensentin von welt.de, Britt-Marie Lakämper, aber auch sagen. Ärger erregt hat der ARD-Fernsehabend jedoch ebenfalls, etwa bei Ex-Altpapier-Autor Frank Lübberding, der für faz.net eigentlich auch die Will-Sendung besprach, dann aber vor allem die anschließenden "Tagesthemen" sah. Nachtkritiken müssen ja nicht spät genug erscheinen, sondern bloß früh genug. Und in dieser Nachrichtensendung sprach dann auf Basis der "gegen 22.45 Uhr" noch in die Talkshow geplatzten Meldungen von einem Seehofer-Rücktritt ARD-aktuell-Chefredakteur Kai Gniffke seinen Kommentar, der Lübberding massiv ärgert:

"Vielmehr hat Gniffke dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit diesem unsäglichen Kommentar den Boden unter den Füßen weggezogen",

heißt's am Ende der Besprechung (deren Überschrift "Verrückter Hormonhaushalt der ARD" sich auf eine Metapher bezieht, die Gniffke offenbar Sätzen entnahm, die Katrin Göring-Eckardt bei Anne Will sagte und die die welt.de-Rezensentin "etwas sexistisch" nannte ...).

Es geht natürlich noch schärfer. Kaum mehr ein kriegte sich bei cicero.de Alexander Kissler, der gar nicht selten in Phoenix-Talkshows sitzt und gleich am Anfang seiner Tirade mal die Worte "Fakenews" und "Hatespeech" strategisch in den Raum stellt. Er wiederum bekam etwa vom Verein Neue deutsche Medienmacher Bescheid ("wirft ... alle Regeln des journalistischen Anstands über Bord ...") gestoßen.

Ist das schlimm bzw. wer hat recht? Nicht überdurchschnittlich bzw. egal. Es sind halt Kommentare, die ja provozieren und zum (friedlichen) Streit anregen sollen, im Unterschied zu Berichten, die zumindest theoretisch nicht (oder möglichst wenig) kommentieren sollen. Wenn drüber gestritten wird, haben sie diese Aufgabe erfüllt. Und dass journalistische Kommentare von der laufenden Verschärfung bis -rohung der in sog. sozialen Medien immerzu zirkulierenden Kommentare leider nicht so völlig unberührt bleiben, wie es journalistisch schön wäre, ist auch kein neues Phänomen. Privatwirtschaftliche Medien leben davon, dass ihre Kommentare ihre Zielgruppe an- oder ihr aus der Seele sprechen. Öffentlich-rechtliche Medien bekommen dann ein Problem, wenn die Meinungsvielfalt unter ihren Kommentatoren auffallend gering ist. Deshalb halte ich Malte Piepers neulich auf tagesschau.de erschienenen Merkel-kritischen Kommentar weiterhin für wichtig.

Und die tagesaktuelle Kritik hätte ruhig mal hinhören sollen, was die nicht selten kritisierte Tina Hassel auch in den "Tagesthemen" über die "rasant schwindende Autorität" der "extrem angeschlagenen" Bundeskanzlerin gesagt hatte. Das wird das Bundeskanzleramt gar nicht gerne gehört haben. Gäbe es mehr davon in ARD und ZDF, wäre das für die Publikumsakzeptanz der Öffentlich-Rechtlichen bzw. für den Boden unter ihren Füßen auf Dauer besser.

Lässt sich schuldlos draus lernen?

Fast rührend salomonisch, was Stefan Winterbauer dann noch bei meedia.de über die Probleme des "so genannten Echtzeit- oder Live-Journalismus" und das neuere Problem des "Instant-Kommentars" herleitet: Da

"machen die Medien und Journalisten nichts falsch. Es werden keine 'Fake-News' verbreitet oder handwerkliche Fehler gemacht. Die Probleme sind sozusagen die natürlichen Auswirkungen der Möglichkeiten von Internet und vor allem von Social Media auf den Journalismus. Heute müssten wir als Publikum stets einpreisen, dass Nachrichten sich fast deckungsgleich mit den Ereignissen verändern. ... Auch die Medienmacher selbst haben – wie beschrieben – ihre Probleme bei der Vermittlung von Echtzeit-Lagen. Man kann den einzelnen Journalisten dabei aber keine Vorwürfe machen, dass sie 'heiße News' direkt aus der Vorstandssitzung via Twitter direkt weitergeben. Ebenso wollen Journalisten schnell auch eine Meinung, eine Einordnung liefern. Dass dies im Getümmel der sich noch entwickelnden Lage schlicht kaum möglich ist, ist im Mediensystem (noch) nicht vorgesehen."

Wenn es gelingen sollte, Fehler nicht in erster Linie gegen die zu verwenden, die sie angeblich gemacht haben oder in die Schuhe geschoben bekommen können, sondern einfach aus ihnen zu lernen, wäre das ... ähm ... eine Überraschung.

Netzpolitische Positionswechsel, Digitaler Rat

Mitten in der partei- und innenpolitischen Aufregung erhielt die Bundeskanzlerin auch noch einen "Eil-Brief" (BDZV, VDZ) bzw. "Eilbrief" (meedia.de). Darin beschwerten sich die beiden Presseverlags-Verbände über "das Vorgehen der beiden Mitglieder der deutschen Bundesregierung, Staatsministerin Dorothee Bär (CSU) und des für Luft- und Raumfahrt zuständigen Koordinators der Bundesregierung, Thomas Jarzombek (CDU)".

Was hecken diese beiden Nachwuchs-Hoffnungen der angeblich verfeindeten Schwesterparteien aus, wollen sie etwa digitale Flugtaxis einführen und Eilbrief-Postboten überflüssig machen?

Nein, um die komplexe Materie des Urheber- und Leistungsschutzrechts auf EU-Ebene (Altpapier) geht es. Übermorgen steht im EU-Parlement eine wichtige Abstimmung an, die spannend wird. Zum einen wegen ihres Zeitpunkts, wie Markus Böhm im SPON-Netzwelt-Newsletter prognostiziert (weil "am Donnerstagmittag ... mancher Abgeordnete schon über die Heimreise nachdenkt" und die Entscheidung plötzlich in den Händen derer liegen könnte, die keine großen Wochenend-Pläne gemacht haben, oder so). Zum anderen wegen überraschender Positions-Veränderungen unter den politischen Parteien. "Mittlerweile drängen auch Konservative etwa aus Österreich und Italien darauf, Änderungsanträge etwa zu den vorgesehenen Upload-Filtern auf Online-Plattformen für nutzergenerierte Inhalte und dem fünfjährigen Leistungsschutzrecht im Internet zuzulassen", berichtete Stefan Krempl bei heise.de. Dabei zählen Konservative aus Österreich und Italien in der deutschen Vereinfachungs-Berichterstattung ja keineswegs zu den Sympathieträgern...

Zu solchen Konservativen jedoch scheinen Bär und Jarzombek ebenfalls zu gehören. Sie sitzen zwar nicht im EU-Parlament, engagieren sich aber zum großen Ärger der sie deshalb bei der Bundeskanzlerin verpetzenden Verlagslobbys gegen schnörkellose Zustimmung ihrer Parteifreunde. Womit die nach dem ersten Bohei um ihren Staatsministerin-Posten ziemlich abgetauchte Doro Bär immerhin mal wieder in Erscheinung tritt.

Um nicht ungerecht zu sein: Vergangene Woche hat sie auch an der ersten Sitzung des neuen "Digitalrats"/ "-kabinetts" der Bundesregierung teilgenommen und dabei "schöne Fotos" gemacht, die Markus Beckedahl auf netzpolitik.org zur Illustration seiner ersten Bestandsaufnahme der Netzpolitik der amtierenden Bundesregierung verwendet. Fazit:

"Es scheint sich dabei zu wiederholen, was wir mit der Digitalen Agenda in der vergangenen Legislaturperiode sehen konnten: Viele egoistische Kompetenzstreitigkeiten zwischen Ministerien und Parteien verderben eine gute gemeinsame Strategie – oder auch das mangelnde Verständnis für die Dringlichkeit der Sache."

Fast ließe sich aus dem Vergleich der Dauer der Digitalrats-Sitzung am Donnerstag (laut netzpolitik.org "einstündig!") mit den vielstündigen Wochenend-/Nacht-Sitzungen, die soviel Aufregung nach sich zogen, gleich noch ein kraftvoller "Tagesthemen"-Kommentar generieren.

Altpapierkorb (Brachial-Vereinfachung, Söder-Kritik wg. Medienpolitik, Sigmar Gabriel, Auster, Papier-Zoll, AFN)

+++ "Dies erklärt auch, warum Accounts wie der der Frauenrechtlerin Seyran Ateş oder des Islamismus-Experten Ahmad Mansour im rechten Spektrum eingeordnet wurden. Die kritische Haltung Seyran Ateş’ zum Kopftuch passt in Teilen zur Agenda der Rechten. Folgen ihr viele rechte Accounts, wird ihr eigener Account ebenfalls der rechten Blase zugeordnet". Uebermedien.de argumentiert oft schön differenziert, hier aber mindestens an der Grenze zur Infamie, um anhand von "Netzwerkvisualisierungen" zu zeigen, dass Alice Schwarzes Emma "auch – ein rechtes Publikum" bediene. Bedenkenlose Brachial-Vereinfachung wird eben in allen politischen Lagern praktiziert, wenn's gerade passt.

+++ Was macht eigentlich Markus Söder gerade? U.a. Medienpolitik. Was beim Münchner Filmfest sowohl über den zeitweise mutmaßlichen Seehofer-Rücktritt, als auch über Söders Ankündigung, den Filmfest-Etat um "drei Millionen Euro" zu verdoppeln, gesagt wurde, ist Thema der FAZ-Medienseite. +++ Auf der übrigens auch ein Michael-Hanfeld-Stück den ARD-Sonntagabend in den Griff zubekommen versucht.

+++ Heftige Kritik an Markus Söders Medienpolitik, die den Standort oder seine starken Akteure zu wenig fördere, referiert dwdl.de aus der Münchener tz. Die Constantin droht mit Wegzug nach Köln.

+++ "Horst Seehofer und die CSU haben überzogen, sich verrannt und sich überschätzt. Die deutsche Kanzlerin zu erpressen und Deutschland in Geiselhaft für die eigenen Rachegelüste und parteipolitischen Ziele zu nehmen, durfte nicht ungestraft bleiben": Da kommentiert, auch nicht voll auf der Höhe der Echtzeit, Sigmar Gabriel in seiner neuen Funktion (Altpapier) als Holtzbrinck-Autor.

+++ Dass Bundesjustizministerin Katarina Barley "die Verabredung mittels persönlicher SMS treffen konnte, lässt auf eine besonders enge Verbindung zur linksliberalen 'SZ' schließen": Da setzt Jost Müller-Neuhof vom Tagesspiegel (der auch nicht beleidigt wäre, linksliberal genannt zu werden) seinen "Kampf gegen Hintergrundgespräche 'unter drei'" (Altpapier) fort.

+++ Seine "38 Fanseiten ... auf Facebook von der Tagesschau über die Fernseh- und Radioprogramme bis hin zum Satiremagazin 'extra 3'" möchte der Norddeutsche Rundfunk behalten, aber in seinen Programmen ein bisschen weniger für solche Facebook-Aktivitäten werben, hat "@mediasres" sich sagen lassen.

+++ Einen "öffentlich-rechtlichen Europakanal" mit "Recherchen zur EU-Politik und Talkshows mit Politikern aus ganz Europa", fordert der Grüne-Europaparlamentarier Sven Giegold (taz).

+++ Wer hat denn den Negativ-Preis "Verschlossene Auster" bekommen? Der Bürgermeister von Burladingen (netzwerkrecherche.org).

+++ Wenn freundliche Apple-Mitarbeiter nach dem Administrator-Passwort zu reparierender Geräte fragen, wäre das rein technisch nicht nötig (futurezone.at).

+++ Wie von Präsident Trump auf kanadisches Papier verhängte Zölle US-amerikanische Zeitungen in Gefahr bringen, schildert die SZ.

+++ Und in die Zeit, als der Westen noch intakt und AFN sendete, was die ARD-Radiosender nur in "wenigen Programminseln" zu senden wagten, blickt Tilmann Gangloff bei epd medien zurück.

Neues Altpapier gibt's wieder am Mittwoch.

Die Kommentierungsdauer ist abgelaufen. Der Beitrag kann deshalb nicht mehr kommentiert werden.