Teasergrafik zum Altpapier vom 19. Oktober 2018: Überdimensioniertes Mikrofon mit langem Wortlogo.
Bildrechte: Collage MEDIEN360G

Das Altpapier am 19. Oktober 2018 Wir brauchen eine KENMÖR

Zwei Medienstaatssekretäre fordern, die Öffentlich-Rechtlichen sollten endlich zur Marke werden – "Marke" im Singular. Was sie nicht sagen, ist, wie sie heißen könnte. Und wir läuten die Coffee-Table-Book-Phase des Printgeschäfts ein. Sie beginnt mit Influencer-Personality-Magazinen: Influencer würden aufgewertet, wenn sie etwas mit Papier machen – analysiert ein 16-jähriger Szenekenner. Ein Altpapier von Klaus Raab.

Teasergrafik zum Altpapier vom 19. Oktober 2018: Überdimensioniertes Mikrofon mit langem Wortlogo.
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Holla, und schon wieder wird dem Printgeschäft attestiert, es sei krank. So etwas hat man diese Woche schon einmal vernommen – die jüngsten schlechten Nachrichten vom Musikmagazinmarkt sind ja noch gar nicht verklungen. Der Spex, deren Einstellung am Montag verkündet worden war (Altpapier), ruft etwa Gerrit Bartels, Literaturredakteur des Tagesspiegels, noch einmal einige kluge Gedanken nach.

Die nun von Meedia diagnostizierte Print-Krankheit ist allerdings eine andere: nämlich das "Innovationsfieber". Und das klingt ja gleich viel fröhlicher. Wen hat es befallen? Gruner + Jahr, die Shoppingmall formerly known as Verlag, in der es mittlerweile Magazine für fast alles gibt, sofern es nur genug zum Drumherumverkaufen gibt und dazu Promigesichter, die man auf dem Cover zeigen kann. Next step nun, nach JWD, Barbara und Co.: Influencer-Magazine. Unter dem Dach der zu Gruner + Jahr gehörenden Medien-Manufaktur soll im Januar ein Magazin "mit der Bloggerin Holly Becker" erscheinen, einer "der ersten Interior-Influencerinnen in Deutschland", wie wiederum Meedia weiß. "Bei dem Print-Experiment macht sich Gruner + Jahr die Bekanntheit von Web-Stars zunutze."

Print in den Augen eines 16-Jährigen

"Die Influencer beflügeln das Printgeschäft", heißt es auch noch, und dass Influencer im Plural steht, liegt daran, dass es diese Woche eine zweite Gründungsnachricht gegeben hat. Die Stuttgarter Motor-Presse, an der Gruner + Jahr ebenfalls stark beteiligt ist, hat am Mittwoch bekannt gegeben, dass das Influencer-Magazin Soul Sister vor dem Start stehe. Sind zwei Influencer-Magazine schon eine Beflügelung des an Magazinen nicht armen Printgeschäfts? Egal. Was jedenfalls "im Trend" liegt (Deutschlandfunk, "Kompressor"), sind Personality-Magazine*.

Diesen Trend darf dort, beim Deutschlandfunk, passend zum Influencer-Phänomen, ein Mann einordnen, der zum Experten wurde wie ein Youtuber zum Fernsehstar: indem er einfach mal machte, weil er es kann. Er heißt Charles Bahr und ist 16.

"Bahr glaubt, hinter dem Magazin 'Soul Sister' stecke die Absicht, 'das Selbstwertgefühl der Influencer selbst zu steigern – weil eben das Printmagazin heutzutage so besonders ist. Alles findet im digitalen Raum statt, und man bekommt eine ganz andere Akzeptanz, wenn man was in klassischer, in traditioneller Form auf Papier produziert.'"

Anders formuliert: Wir kommen allmählich in die Coffee-Table-Book-Phase der Printmedien.

Weil Bahr den Altersschnitt derer, die in dieser Kolumne sonst zitiert werden, erheblich senkt, kommt gleich noch ein Zitat von ihm, damit wir uns nachher in den sog. Social Media mit seiner Jugend schmücken können:

"(I)n der Community gehe es sehr stark darum, so zu sein wie der Influencer selbst und sich damit identifizieren zu können. 'Genau deswegen ist es total wichtig, ein Magazin herauszugeben, das so ist wie der Influencer – weil die Community ihn deswegen feiert und cool findet, weil er seinen eigenen Stil, seine eigene Identität vermittelt. Deswegen funktionieren auch diese personalisierten Magazine so gut, weil man die Persönlichkeiten, die dort repräsentiert werden, schon sehr gut kennt oder einen persönlichen Bezug zu ihnen hat.'"

Im guten alten Fernsehen – auch außerhalb von YouTube – finden Influencer natürlich auch längst statt. Etwa bei Vox, wo, nun unter dem neuen Titel "Einfach Sally", Küchen-Influencerin Sally backt. Auch so ne Marke.

Medienpolitiker fordern Dinge

Wer hat dagegen offensichtlich noch Nachholbedarf in Sachen Markenwerdung? Fast haben wir’s geahnt – die Öffentlich-Rechtlichen.

"Die öffentlich-rechtlichen Medien müssen Profil gewinnen, sich stärker auf Information, Bildung, Beratung sowie Kultur fokussieren und als" – klingeling – "'Marke' sichtbarer werden." Schreiben die Medienstaatssekretäre von Brandenburg und Schleswig-Holstein, Thomas Kralinski (SPD) und Dirk Schrödter (CDU), in einem Beitrag in der Wochenzeitung Die Zeit, der nun, kurz vor der Tagung der Rundfunkkommission der Länder am 24. Oktober, erschienen ist. Der Zeit-Text bringt, was epd Medien freilich auf dem Schirm hat, noch einmal das Papier in Erinnerung, "das eine Arbeitsgruppe aus mehreren Bundesländern in die medienpolitische Diskussion eingebracht hatte" (wobei Brandenburg seinerzeit zunächst nicht zu dieser Gruppe gehörte, sondern wohl als siebtes Land beitrat, wie die Medienkorrespondenz im Juli wusste).

Die Überschrift des Zeit-Texts betont nochmal, was man sonst am Ende noch überlesen würde: dass es nicht um den Plural "Marken" geht, sondern um den Singular: "Werdet endlich eine Marke". Es geht also nicht darum, dass Deutschlandradio, ZDF und die zehn Anstalten der ARD jeweils Marken sind, sondern: altogether eine Großmarke werden.

Wie?

"Für den Anfang könnten ARD, ZDF und Deutschlandradio eine gemeinsame Plattform für ihre Informationsangebote erproben, damit Nutzer nicht mehr zwischen den verschiedenen Angeboten hin und her springen müssen." Und: "Perspektivisch wird sich etwa die Frage stellen, ob tatsächlich die verschiedenen Nachrichtensender Tagesschau24, ZDF Info und Phoenix notwendig sind. Wäre es nicht sinnvoll, die starken Marken zu einer noch stärkeren zu bündeln? Wäre ein gemeinsames Informations- und Dokumentationsangebot nicht besser, gerade im Netz?"

Riecht es hier irgendwie nach rhetorisch gemeinten Fragen? Nein? Gut. Weiter im Text:

"Überflüssige Verwaltungsstrukturen sollen dagegen abgebaut, die so freigesetzten Mittel in die Inhalte reinvestiert werden. So könnten etwa ARD, ZDF und Deutschlandradio auch gemeinsame Auslandsstudios betreiben".

Ob das in der Praxis hieße, dass sie alle in einem Haus sitzen, wie ARD und ZDF in Baden-Baden während der Fußball-WM, oder ob das heißen soll, dass man Auslandskorrespondenten auch einsparen könnte und einer alle bedient, wird allerdings betont unklar formuliert. Letzteres könnte man für keine gute Idee halten angesichts der Tatsache, dass der private Medienmarkt eine breite Auslandsberichterstattung auf Dauer womöglich nicht (mehr) leistet (siehe zum Beispiel diesen Übermedien-Text).

Der Deutsche Journalisten-Verband (angefragt von Meedia) findet auch sonst, die Plattformvorschläge seien untauglich, weil sie "die Programmvielfalt einschränken" würden, aber das stand gestern schon an dieser Stelle. Dass Vaunet, der Verband privater Medien, derweil die Ideen begrüßt, kommt eher so mittelüberraschend.

Kurzzusammenfassung des Resttexts der Medienpolitiker: Übertrieben teure Sportrechte sind übertrieben teuer (siehe zum Thema auch die neue Medienkolumne von Altpapier-Kollege Christian Bartels, mehr im Altpapierkorb). Programmgestaltung möge man weitgehend ins Ermessen der Anstalten legen. Und natürlich geht es auch um Finanzierungsfragen. Die oben erwähnte Arbeitsgruppe aus mehreren Bundesländern hat seinerzeit das Modell einer Indexierung aufgebracht (über das die Medienkorrespondenz am detailliertesten schrieb), nach dem die Beitragshöhe an die Inflationsrate gekoppelt wäre (um die Diskussion dazu ging es in diesem oder jenem Altpapier). Das Indexmodell empfehlen Kralinski und Schrödter nun wieder.

Eine Kommission zur Markennamensfindung

Eine Frage hätten wir aber noch: Wie könnte die öffentlich-rechtliche gemeinsame starke Marke denn gegebenenfalls eigentlich heißen? Das lassen die Herren Medienpolitiker einfach weg. "ARDZDFDLF"? Oder lieber genauer: "BRSWRHRSRWDRNDRRBBRBMDRDWZDFDLF"? Als Hashtag wäre das jedenfalls ganz nice, es gäbe aber ein Praxisproblem, wenn man das auf ein Mikrofon schreiben wollte. Oder "funk Ü60"? Vielleicht "Die Mannschaft"? Vorschläge sind willkommen.

Eventuell könnte man sich bei der Tagung der Rundfunkkommission der Länder ja sicherheitshalber auf die Einrichtung einer Kommission zur Ermittlung des Namens für die Marke Öffentlich-rechtlicher Rundfunk (KENMÖR) einigen. Das wäre, falls sonst nichts vorangehen sollte, zumindest der Nachweis von medienpolitischer Schnelligkeit und Handlungsfähigkeit, den man dann als Erfolgsnachricht auch prima über vielfältige Kanäle verbreiten könnte.


Altpapierkorb (Feine Sahne Fischfilet, "Deutschland 86", Peter Frey, IVW, "Making A Murderer")

+++ Größter Medienaufreger am Donnerstagabend: die Absage eines vom ZDF geplanten Konzerts der (von Rechten als linksextremistisch bezeichneten) Band Feine Sahne Fischfilet, zu der freilich auch schon die CDU-Generalsekretärin tanzte und die kürzlich auch beim Open-Air-Konzert in Chemnitz auftrat, das der Bundespräsident empfahl. "Das Konzert sollte am 6. November stattfinden und in der Reihe zdf@bauhaus laufen" (faz.net). Die Stiftung des Bauhauses hat allerdings von ihrem Hausrecht Gebrauch gemacht. "Als Grund nannte die Kultureinrichtung die Mobilisierung Rechtsradikaler, welche die Veranstaltungsplanung hervorgerufen hat. 'Um nicht erneut zum Austragungsort politischer Agitation und Aggression zu werden', hieß es in einer öffentlichen Mitteilung", schreibt Spiegel Online. Rechte machen mobil – also findet ein Konzert nicht statt? Schon bemerkenswert. Dass die Staatskanzlei von Sachsen-Anhalt den ZDF-Plan für ein Konzert der Band als "kaum bis nicht nachvollziehbar" bezeichnet hat, ist aber auch zu erfahren. Bei SpOn gibt es zudem noch die Information, dass der Stiftungsratsvorsitzende des Bauhauses der Chef der Staatskanzlei, Rainer Robra (CDU) ist. Aus dem ZDF heißt es, man wolle das Konzert an einem anderen Ort aufzeichnen.

+++ Die Fortsetzung von "Deutschland 83", die "Deutschland 86" heißt und und nicht mehr bei RTL, sondern bei Amazon zu sehen ist, dominiert die Medienseiten. In der SZ (€) steht ein Interview mit den Machern sowie eine einordnende Rezension: "Das lineare deutsche Privatfernsehen wurde von einem internationalen Streamingdienst abgelöst. So souverän hat sonst noch kein Format die kleine deutsche Fernsehlandschaft hinter sich gelassen" – wobei "Pastewka", einst bei Sat.1, ja auch zu Amazon abwanderte. In der FAZ, derzeit nicht online, steht zudem: "Bei RTL soll 'Deutschland 86' zu einem späteren Termin ausgestrahlt werden; 'Babylon Berlin' und '4 Blocks' folgten einem ähnlichen Modell."

+++ "Deutschland 86" II: Und wie ist die Serie nun? Fazit der SZ: "ein erfreulich unverkrampfter Umgang mit dem Stoff, ohne ihn über Gebühr zu verharmlosen". Die FAZ ist etwas skeptischer: Die Handlung schwanke irgendwo "zwischen historisch-nostalgisch, abenteuerlich, schwülstig und widersinnig", die Dialoge würden "hin und wieder ins Erklärhafte neigen" – es sei aber "trotzdem eine temporeiche, unterhaltsame, bildstarke Serie mit frischem Anstrich (nahtlos fügen sich Animationen ein), guter Situationskomik und einer gewissen Punk-Attitüde im Hinblick auf die Afrikahandlung entstanden". Beim Tagesspiegel heißt es: "'Deutschland 86' ist divers, Popcorn, Erinnerungsfernsehen, Spannungs-TV. Und weil die Mischung stimmt, arbeitet die Autorencrew bereits an 'Deutschland 89'." Spiegel Online findet: "In den meisten Folgen treibt die Action das Tempo (…) angenehm hoch – auf dass sich das irre deutsch-deutsche Identitäten-Karussell noch schneller dreht." Und Die Welt, insgesamt wohlwollend, bemerkt: "Ausgeglichener waren weibliche und männliche Hauptrollen selten in einer Serie, der Gleichstellungsbeauftragte hat ganze Arbeit geleistet."

+++ Altpapier-Kollege Christian Bartels widmet seine evangelisch.de-Kolumne dem Fußball in den Öffentlich-Rechtlichen, der zuletzt mal wieder für gekürzte Informationssendungen sorgte: "(D)ie ausufernde, unspannende Grauzone am Spielfeldrand vor und nach den Spielen ist ein offenkundiges Problem. Helfen könnte, Teile der Sendezeit mit wirklich kritischen Journalisten zu bestreiten, die keine Unterhaltungsmoderatoren oder Ex-Fußballer sind. Oder: den Umstand, dass sonst nur noch partiell erreichte gerade Publika zuschauen, zu nutzen, um diesen dann Nachrichten oder anderes gutes Programm, das Aufmerksamkeit verdienen würde, zu zeigen."

+++ In der Medienkorrespondenz: ein Text von ZDF-Chefredakteur Peter Frey im Zusammenhang mit den in diesem Altpapier thematisierten Anfeindungen und auch körperlichen Angriffen gegenüber Journalisten auf Demonstrationen: Er schreibt, um einen Punkt herauszugreifen, "dass sich Kolleginnen und Kollegen in gefährlichen Situationen frei entscheiden können, die Dreharbeiten abzubrechen, die Kamera herunterzunehmen und zu deeskalieren. Es wird niemand dafür kritisiert werden. Es ist aber ein Dilemma: Die öffentlich-rechtlichen Medien haben schließlich die Pflicht, Vorgänge, die als Angriff auf die Demokratie charakterisiert werden können, auch in schwierigen Situationen abzubilden."

+++ *Die neuesten IVW-Zahlen sind da (interpretiert etwa bei DWDL), und wir müssen den oben ausgerufenen Trend zum Personality-Magazin gleich wieder grau schattieren: Zumindest auflagentechnisch ist es komplizierter – das Gesundheitsheft mit Hirschhausen-Gesicht zählt zu den großen Gewinnern, das Barbara-Schöneberger-Magazin nicht.

+++ Spex-Chefredakteur Daniel Gerhardt bespricht für Zeit Online die neue Netflix-Staffel von "Making A Murderer".

Das nächste Altpapier erscheint am Montag. Schönes Wochenende!

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