Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 15. November 2018: Spielkerten mit Logos verschiedener Fernsehsender.
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Das Altpapier am 15. November 2018 Allianzen auf Abruf

Das ZDF schlüpft bei ProSiebenSat1 unter. Funk sieht älter aus als das ZDF. Die Funke Mediengruppe als traditioneller Familienbetrieb. Frauen dürfen auch was sagen, oder zumindest Print kaufen (und retten). Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 15. November 2018: Spielkerten mit Logos verschiedener Fernsehsender.
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Neben dem Aufstehen zu äußert unjournalistischen Zeiten gehören Kosten bzw. Mühen zu den Dingen, die für diese Kolumne nicht gescheut werden. Daher öffnete ich gestern Abend nach dem teilweise verschneiten Konsum der "Tagesschau“ über DVBT mit Hilfe eines Amazon FireTVs die 7TV-App, die derzeit Qualitätsprodukte aus dem Hause ProSiebenSat1 zum zeitsouveränen Konsum anbietet, was bald um Live-Streams der ZDF-Kanäle ZDF, ZDFinfo und ZDFneo ergänzt werden soll (dpa-Meldung beim Hamburger Abendblatt), um dann dort mit Werbung für Amazon Prime begrüßt zu werden. Was die aktuelle Situation auf dem sich bewegenden Bewegtbildmarkt ganz gut zusammenfasst.

Zur Erinnerung: RTL will seine On-Demand-Plattform TV Now ausbauen (Altpapier Ende Oktober); der ARD-Chef Ulrich Wilhelm tourt mit Tagträumen von einer europäischen Mega-Mediathek durch die Lande (etwa Altpapier Mitte Oktober); die Telekom macht aus EntertainTV MagentaTV und integriert dort neben Eigenproduziertem auch Inhalte von ARD und ZDF, die aufgrund beschränkter Verweildauer bereits aus deren Mediatheken gestrichen werden mussten (nochmal Altpapier Ende Oktober). Und nun macht ProSiebenSat1 seine Ankündigung vom Juni dieses Jahres wahr und erweitert ebenfalls seine Streaming-Plattform 7TV, indem neben den eigenen Fernsehsender- sowie Maxdome-Inhalten die des Partners Discovery (Eurosport, Dmax, TLC) sowie Abgebote von Axel Springer (Welt, N24 Doku) und Constantin Medien (Sport1) einfließen sollen.

Schon im Sommer sprach die Pressemitteilung von einer "Einladung an RTL, ARD und ZDF, sich anzuschließen“. Doch "ARD und RTL haben sich bisher zurückhaltend über das Angebot zur Kooperation geäußert“ (Quelle: Handelsblatt). Beim ZDF hingegen nahm man die Chance war, Live-Streams nun auch über das Privatsenderangebot zu verbreiten.

"Wann genau ZDF, ZDFneo und ZDFinfo aufgeschaltet werden, ist noch nicht klar. Conze (Max, Vorstandsvorsitzender der ProSiebenSat.1 Group, Anm. AP) sprach aber davon, dass das bereits in rund einem Monat geschehen soll - also noch weit vor dem Start des neuen SVoD-Portals. Man stehe in einem sehr aktiven und offenen Dialog mit dem ZDF, so Conze, der erklärte, auch mit anderen Marktteilnehmern Gespräche zu führen.“ (Timo Niemeier, DWDL)

Findigen Kennern streamingrelevanter Abkürzungen stellt sich an dieser Stelle die Frage, ob SVod (für alle anderen: Subscription-Video-on-Demand, also Abruf mit Abo) wohl bedeutet, dass für den ZDF-Konsum über die ProSiebenSat1-Plattform demnächst ein weiteres Mal Gebühren fällig werden?

Mitte 2018 hieß es in der P7S1-PM,

"(n)eben einem breiten werbefinanzierten Angebot wird es auch ein werbefreies Paket zu attraktiven Preisen sowie Premiumpakete mit Zugang zu exklusiven Sportübertragungen und Filmen geben.“

Aktuell scheint man beim ZDF noch Probleme zu haben, Fragen zu der Kooperation zu beantworten, wie dieser Tweet von epd medien gestern nahelegt. Neben der bereits aufgeworfenen wäre da etwa noch zu klären: Warum? (Nur für den Klick, für den Augenblick?) Weiß das Kartellamt schon davon? Und fällt diese Kooperation für die AfD unter Gelegenheit zum Bashing der Öffentlich-Rechtlichen, oder verbucht sie das in der Schublade mit der Aufschrift "Parteienfinanzierung und was wir sonst gar nicht so genau wissen wollen“?

Bis das Portal Mitte 2019 startet, erfahren wir sicher mehr.

Mega! Findet die Telekom die eigene Mediathek

Schon jetzt verfügbar (für alle, die ein Horizont-Abo haben oder bereit sind, Vor-, Nachname und E-Mail-Adresse gegen einen Online-Zugang einzutauschen): Die Meinung von Wolfgang Elsäßer, verantwortlich für das TV-Geschäft und damit Magenta TV der Deutschen Telekom zur sich gerade neu sortierenden Konkurrenz. Im Interview mit Juliane Paperlein erklärt er:

"Aufgrund des Staatsanteils ist es der Telekom verboten, eigene Sendelizenzen zu bekommen. Und wie schon erläutert: Wir wollen es auch nicht. Wir sehen uns in der Rolle des besten Aggregators. (…)

Ich verstehe, was Pro Sieben Sat 1 und Discovery da bauen, aber das sind nur zwei Sendergruppen. Bei uns sind diese schon vertreten – und die Mediatheken von ARD und ZDF noch dazu und außerdem alle anderen Plattformen, die man sich denken kann. Die Deutschland-Plattform ist schon da und sie heißt Magenta TV! Wir sind das Zuhause von allen Geschäftsmodellen und besorgen jedem Partner das, was er braucht: Der ARD Reichweite, RTL bezahlen wir Geld, Sky vermarkten wir sogar und sind damit deren Vertriebsmaschinerie. Wir verlangen auch keine Einspeisegebühren. Den Vorsprung, den wir jetzt mit den ARD und ZDF-Inhalten haben, den muss erst mal einer aufholen. Nun kommt auch das OTT (Over-the-top content, Anm. AP)-Produkt dazu.“

Ohne sich jetzt zu sehr vom PR-Geklingel einlullen zu lassen: So langsam sollte der Wilhelm Uli mal zu Potte kommen, möchte er eine neue öffentlich-rechtliche Plattform für das Streaming öffentlich-rechtlicher Inhalte auf dem Markt platzieren. Sogar der Bedarf an Mega-Mediatheken ist nämlich begrenzt - Zweifler dürfen sich an dieser Stelle gerne kurz mal bei StudiVZ einloggen (ja, das gibt es noch, und ja, da steht tatsächlich "Bist Du schon drin?“).

Als Anregung dafür mitnehmen kann er auch gleich die Lehre, die Leonhard Dobusch in bewährter Art und Weise im Nachgang zur Sitzung des ZDF-Fernsehrats bei Netzpolitik.org formuliert. Dort wurde zum zweiten Geburtstag des öffentlich-rechtlichen Jugendangebots Funk eine überaus positive Zwischenbilanz gezogen: Funk sei experimentell, erfreue sich wachsender Reichweite und falle zudem aufgrund des fehlenden Werberefinanzierungsdrucks positiv zwischen den Schleichwerbe-Influencern auf. Nur die Fokussierung auf die Veröffentlichung über Drittplattformen wie YouTube und Facebook sei problematisch, meint Dobusch:

"Zwar werden die Inhalte auch jenseits der Plattformen angeboten, allerdings wird in diese eigene Präsenz nicht wirklich investiert. Verglichen mit der Webpräsenz funk.net wirkt sogar die ZDF-Mediathek wie Online-Avantgarde. Bei letzterer gibt es zumindest die Möglichkeit, sich einzuloggen und vorsichtig personalisierte Empfehlungen zu erhalten. Wenn es bei funk schon darum geht, zu experimentieren, warum dann nicht auch bei der Präsentation eigener Inhalte auf eigenen Webseiten und was die Interaktion mit und Einbindung der jugendlichen Zielgruppe betrifft?“

Wer das Sagen haben will, braucht eigene Kanäle, und wer dort Zuschauer erreichen möchte, muss es tendenziell sogar besser machen als die bestehende Konkurrenz. Klingt nach keiner kleinen Herausforderung in der "Erstmal-einen-Arbeitskreis-Gründen“-Welt der Öffentlich-Rechtlichen. Aber vielleicht wurde ja, während das ZDF noch mit ProSiebenSat1 verhandelte, bei der ARD in Villabajo bereits eine Blaupause dafür erstellt.

(Offenlegung btw: Das Altpapier erscheint beim öffentlich-rechtlichen MDR.)

Der Standard enthüllt: Neu-Verleger René Benko will Geld verdienen

Damit zum Louis de Funès-Gedächtnis-Moment des heutigen Altpapiers und noch einmal zum Thema u.a. von Dienstag, dem Einstieg des Kaufhaus-Königs René Benko ins österreichische Zeitungsgeschäft. Für den Standard hat Oliver Mark dazu den Salzburger Kommunikationswissenschaftler Josef Trappel interviewt, der (u.a.) Folgendes zu berichten hat:

"Umgekehrt ist es so, dass mit Benko eine Firma eintritt, die ein Finanzinvestor ist. Sie wird weniger auf die Publizistik schauen, sondern vielmehr auf die Rendite.“

Nein!

"Da wird die ,Kronen Zeitung’ unter Druck kommen. Das Investment des Herrn Benko wird sich nur auszahlen, wenn die Rendite stimmt.“

Doch!

"Auf der Funke-Seite steht ein traditioneller Familienbetrieb, der auch auf die Publizistik schaut und nicht nur auf das Geld. Mit dem neuen Eigentümer Benko ist das schon etwas anderes.“

Oh!

(Geht lachend ab, oder vielleicht doch eher weinend. Wenn derweil jemand Herrn Trappel das nicht unumfangreiche Dossier der Entlassungen, Redaktionszusammenlegungen und Einsparungen der Funke Mediengruppe in den vergangenen zehn Jahren vorlegen könnte? Vielen Dank.)


Altpapierkorb (Pressefreiheit, die Entdeckung der Frau, Sputnik, Serieninflation)

+++ Im Streit um den des Weißen Hauses verwiesenen CNN-Reporter Jim Acosta (zuletzt Altpapier gestern) hat nun Fox News eine überraschende Position bezogen. "Sein Sender werde die von CNN eingereichte Klage mittels eines schriftlichen Statements bei Gericht unterstützen, kündigte Fox-News-Chef Jay Wallace am Mittwoch an. Sein Sender befürworte einen freien Zugang der Medien zur Regierung und einen, offenen Austausch’“, meldet Spiegel Online. Auf der Medienseite der FAZ () erklärt Nina Rehfeld, wie so ein Akreditierungs-Entzug in Washington funktioniert.

+++ In der Liste der Länder, in denen es (auch) schlecht um die Pressefreiheit steht, begrüßen wir (im Sinne von: nehmen wir wahr) Tansania und so ziemlich alle ehemaligen Sowjetrepubliken. Die dazugehörigen Berichte haben das Verdi-Magazin Menschen Machen Medien sowie das Europäische Journalismus-Observatorium (EJO).

+++ "Ja, es ist von hoher symbolischer Kraft, wenn eine deutsche Bundeskanzlerin dem Vorschlag eines französischen Präsidenten folgt, perspektivisch eine europäische Armee aufzubauen (…). Aber klärt man auf diese Weise die deutsche Öffentlichkeit angemessen über europäische Politik auf?“ Eher nicht, meint Emanuel Herold, Mitarbeiter der Grünen-Europa-Abgeordneten Helga Trüpel bei Übermedien im Nachgang zur Berichterstattung über Angela Merkels Rede vor dem Europaparlament am Dienstag.

+++ Bots können auch zu etwas gut sein, nämlich zum subtilen Hinweis darauf, dass ein Artikel bislang zu wenig Frauen zitiert. Die Financial Times setzt nun auf solche Technik, berichtet der britische Guardian. Auch der Economist hat Frauen für sich entdeckt, allerdings als Leserinnen, so Thomas Hahn auf der SZ-Medienseite.

+++ Einst war Sputnik das Readers Digest für Zeitungsartikel aus der Sowjetunion. Heute werden unter dem Namen Aluhut-Träger mit Kreml-Weltsichten versorgt. Beides ist Thema von Frank Herold im Tagesspiegel.

+++ Und täglich grüßt die nächste Serienproduktion. Für Netflix arbeiten die "Dark“-Macher an "1899“(Horizont, DWDL), bei Sky läuft im Januar "Der Pass“ (DWDL). Eine Meinung zur Serieninflation hat Joachim Huber im Tagesspiegel. Welche das ist, ist mir trotz Lektüre des Kommentars leider nicht ganz klar, aber vielleicht werden sie daraus schlauer. Was bei ARD und ZDF in Sachen Serien so geht, hat zudem der Mainzer Medienwissenschaftler Bjørn von Rimscha bei "@mediasres“ Sebastian Wellendorf erzählt.

Neues Altpapier gibt's wieder am Freitag.

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