Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 23. November 2018: Einkaufstasche mit dem Schriftzug Black Friday
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Das Altpapier am 23. November 2018 Übergeschnapptes Schnäppchenfieber

Aus den USA kommt irgendwas mit Einkaufswut, und deutsche Medien drehen völlig durch. In Chefsesseln und Auslandsbüros fehlen im Rundfunk Frauen. Männer, die alle gleich aussehen, bietet die neue Sky-Serie "Das Boot". Dem WDR-Fernsehdirektor liegt nichts an einer WDR-Kultserie. Von Papageno lässt sich etwas lernen. Ein Altpapier von Juliane Wiedemeier.

Collage zur Medienkolumne Das Altpapier vom 23. November 2018: Einkaufstasche mit dem Schriftzug Black Friday
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Endlich Freitag! So könnte ich diese Kolumne jede Woche beginnen, aber erstens ist das hier kein Privatradiosender, und zweitens habe ich mich selten so darauf gefreut wie diesmal. Denn heute ist endlich Black Friday, was vor allem bedeutet: Ab morgen können deutsche Medien wieder über etwas anderes berichten.

Vom Uckermark Kurier über die Peiner Allgemeine Zeitung bis ebenfalls Allgemeinen Frankfurter hatte in den vergangenen Tagen jeder, wirklich jeder (ja, auch Du, evangelisch.de) etwas zum Thema beizutragen, und ohne einen einzigen dieser Texte gelesen zu haben, wage ich zu behaupten, dass der Gott des Kapitalismus gerade sehr, sehr stolz auf seine artigen Journalistenschäfchen ist.

Besonders ins Zeug gelegt haben sich natürlich die üblichen Linkschleudern. Als Beweis seien hier ein paar Artikel von Focus Online kuratiert - ganz recht, das ist nur eine Auswahl. Vollerhebungen dieser Art können nur sehr motivierte Bachelorarbeitsschreibende oder gut dressierte Affen durchführen.

Sowie meine zwei persönlichen Highlights

(Zur Erklärung, was Focus und Fulda gemeinsam haben, muss man nach unten zu folgender wundervollen Offenlegung scrollen: "*Der Beitrag ''Super Shopping Friday' am Freitag in Fuldas Innenstadt' stammt von Osthessen News. Es gibt keine redaktionelle Prüfung durch FOCUS Online. Kontakt zum Verantwortlichen hier.")

Sowie

Aber klar, das größte Problem des Journalismus in Deutschland heißt Facebook.

Darf's ein bisschen mehr sein? Studie zur Frauenquote beim Rundfunk

Gute Laune! Damit lässt sich perfekt auf die gestern bereits im Korb erwähnte Studie des Vereins Pro Quote (PDF) überleiten, der sich angeschaut hat, wie es die Führungsebenen im Rundfunk mit der Frauenquote halten. Gar nicht so super, ließe sich festhalten, wenn man nicht wüsste, dass es schon viel ungerechter war.

Mit Hilfe von Organigrammen wurden die obersten vier Hierarchieebenen ausgewertet und nach Einfluss gewichtet. Eine Intendantin zählt demnach mehr als eine Redaktionsleiterin. Da die privaten Sender ihre Stukturübersichten nicht herausrücken wollten, bezieht sich die Studie bei diesen auf öffentlich verfügbare Informationen.

Im Ergebnis sind Deutsche Welle (51,9 Prozent) und RBB (51) ganz weit vorne bei der Frauenrepräsentanz; das ZDF liegt bei 39,4 Prozent. Kleinere Anstalten wie Radio Bremen (32,2), Saarländischer Rundfunk (25,6) oder Deutschlandradio (24,3) sind hingegen männlich dominiert, aber immer noch weiblicher als die Führungsebenen der RTL-Mediengruppe (21,4) und bei ProSiebenSat1 (19,8).

Einen Extra-Blick verdient unser freundlicher Gastgeber, der MDR (Studie ab Seite 23), der Dank Intendantin Karola Wille im journalistisch-programmlichen Bereich auf einen Frauenanteil von 37,5 Prozent kommt. Unter den 43 Mitgliedern des Rundfunkrats sind hingegen gerade einmal sieben Frauen. Das macht 16,3 Prozent.

In der dazugehörigen Pressemitteilung von Pro Quote finden sich die drei Klassiker, die bei derartigen Debatten immer gespielt werden.

  1. Der Mann, der die Quote ablehnt und die Gesellschaft aka strukturelle Probleme für das Ungleichgewicht verantwortlich macht - in anderen Worten: Is' halt so (Interpret: ZDF-Chefredakteur Peter Frey): "'Aufstieg hat bei uns immer mit Mobilität und Flexibilität zu tun.' Da hätten Frauen nach seiner Erfahrung oft Probleme, Karriere und familiäre Belange in Einklang zu bringen."
  2. Die Frau, die meint, gute Frauen setzten sich auch so durch (Interpretin: ProSiebenSat.1-Senior-Vice-President Annette Kümmel): "Weil wir sehen, dass wir eine wirklich weibliche Prägung auch ohne Quote schaffen." (19,8 Prozent Frauenquote sagen dazu "Nein".)
  3. Die Frau, die zeigt, dass es durchaus geht, wenn man nur will (Interpretin: RBB-Personalchefin Sylvie Deléglise): "Für uns ist es selbstverständlich, dass eine Führungsposition auch in Teilzeit zu besetzen ist. Das ist eine Frage der Organisation. Wir schauen, wie wir Frauen entwickeln können."

Zwei Aspekte aus der Studie verdienen darüber hinaus Beachtung. Zum einen, dass es den Sendern nicht an Frauen mangelt, die an der Basis die Arbeit machen (Sophie Krause, Tagesspiegel):

"Knapp die Hälfte der Belegschaften der öffentlich-rechtlichen und privaten Sender ist weiblich, beim Nachwuchs sind Frauen bei fast allen Sendern deutlich in der Mehrheit."

Zum anderen gibt es neben den Chefsesseln noch ein weiteres Feld, in dem Frauen deutlich unterrepräsentiert sind (Meldung im österreichischen Standard):

"Eklatant ist auch das Missverhältnis bei der Auslandsberichterstattung. Nicht einmal ein Drittel der Korrespondentinnen und Korrespondenten ist demnach weiblich."

Peter Frey vom ZDF erklärt sich das gegenüber Verena Kemna bei "@mediasres" im Deutschlandfunk mit familiären Verpflichtungen und Partnern, die ein größeres Problem haben, mit ins Ausland zu ziehen, als Partnerinnen, wenn ihrem Mann eine solche Position angeboten wird.

Dass dem Journalismus dadurch etwas abgeht, ist Frey durchaus klar:

"Dass gemischte Teams besser sind und mehr Anregungen geben, die Welt auch anders betrachten, ich glaube, das ist eine Selbstverständlichkeit, über die man eigentlich nicht mehr reden muss."

Strukturen (Teilzeit-Führungspositionen! Mentoring! Und ja, auch Quoten!) sowie Einstellungen bei Frauen (Zutrauen und Zugreifen!) und Männern (Mitmachen!) müssen dieser Erkenntnis nur noch hinterherkommen.

Sky schickt "Das Boot" in Serie

Geht doch! Den Frauenanteil massiv zu steigern. Das zeigt die heute anlaufende Sky-Serie "Das Boot", wobei das auch nicht so schwer ist, wenn man als Ausgangsbasis einen Film aus dem Jahre 1981 hat, der auf einem deutschen U-Boot im Zweiten Weltkrieg spielt und damit zu Zeiten, als Frauen statt Führungspositionen Mutterkreuze anzustreben hatten.

Das neue Boot ist ein eben solches und bringt damit eine neue Besatzung sowie mehr Handlung an Land und damit auch mehr Frauen und Internationalität mit sich, was der angestrebten möglichst großen Zielgruppe sicher nicht abträglich ist.

"'Diese Serie ist auch ein Ereignis für uns Frauen', sagt Sky-Fictionchefin Elke Walter. Am Ende sind die Frauen nun auch in der eigentlich nach Männerschweiß stinkenden Männerdomäne U-Boot das stärkere Geschlecht",

berichtet Jörg Seewald im Tagesspiegel. In einem Interview mit der weiblichen Hauptdarstellerin Vicky Krieps für die Medienseite der FAZ () hat er sich dennoch ausführlich von deren Zusammenbruch am Set erzählen lassen ("Die Teams sind auf Effizienz getrimmt. Wenn ich mit meiner Art zu arbeiten im engen Studio durch dieses Wechselbad der Gefühle muss, stoße ich an meine Grenzen").

Während die Frauen der Serie herausstechen, scheinen die Männer verwechselbar, zumindest optisch. Seewald meint im Tagesspiegel, "dass der Zuschauer am Anfang die Besatzung nicht so leicht auseinanderzuhalten weiß, weil gefühlt alle Männer (…) einem Modekatalog der Marke Boss entsprungen sein könnten", und auch in der FAZ () findet Michael Hanfeld, "es ist freilich gar nicht so leicht, die zahlreichen Seeleute auseinanderzuhalten."

Uniformen und Wangenknochen machen offenbar zu uniform. Aber hey, einer hat einen Bart!

Bleibt noch zu klären: Lohnt sich das Einschalten und damit ein Sky-Abo?

"Der Regisseur versteht sich auf den Wechsel zwischen stillen Szenen und dem Ausbruch von Gewalt und sorgt für Cliffhanger, die am Ende jeder Episode Neugier auf die nächste wecken. Aber all das ist erkennbar Konstruktion, und zwar eine, die so viel Druck aushalten muss wie U 612 in maximaler Tauchtiefe. Die Tiefe von Petersens Film war eine andere",

urteilt Hanfeld in der FAZ. Und auch Kathleen Hildebrand erklärt auf der Medienseite der SZ alles für ein wenig zu perfekt:

"In Stromlinienförmigkeit übertrifft die Serie jedes U-Boot-Design, so unbedingt will sie vermeiden, moderne Sehgewohnheiten zu enttäuschen. Aber wenn jede Szene die Handlung vorantreiben und es im Plot so regelmäßig knallen muss, dass niemand auf die Idee kommt, auszuschalten, dann bleibt auch keine Zeit für so charmante Langeweile-Szenen, die die U-Boot-Besatzung einfach mal beim Zitronenzutscheln, Popeln oder ausgelassenen Imitieren einer Nackttänzerin zeigen, wie der Film es tat."


Altpapierkorb (Papageno-Effekt, Google News, Youtube und das EU-Urheberrecht, "Lindenstraße")

+++ Wenn der Interviewer Sachen sagt wie "Tatsächlich?", "(I)st das eine Drohung?" oder "Und das frühere Werbemodell, das nun von großen Internetunternehmen wie Google dominiert wird", dann spricht Alexander Armbruster für den FAZ-Wirtschaftsteil mit Richard Gingras, Chef von Google News, über das europäische Leistungsschutzrecht.

+++ Lobbyismus von allen Seiten zum Thema EU-Urheberrecht und Youtube (Altpapier) thematisiert auch Altpapier-Kollege Christian Bartels in seiner Medienkolumne bei evangelisch.de.

+++ Werther-Effekt nennen wir das Phänomen, wenn nach der reißerischen Berichterstattung über einen Suizid in den folgenden Wochen die Zahl der Selbstmorde ansteigt. Doch auch das Gegenteil ist möglich, haben Forscher der MedUni Wien herausgefunden. "'Wenn aber in Medien auf Bewältigungsstrategien für suizidale Gedanken fokussiert wird, dann hat das eine positive Wirkung und kann Wissen zu Prävention erhöhen und Suizidgedanken verringern', sagten Till und Niederkrotenthaler (die Autoren, Anm. AP). Dies bezeichnet man als 'Papageno-Effekt'", berichtet der Standard. Wer zum Verständnis der Namenswahl sein Opern-Wissen aufpolieren muss, kann das hier tun.

+++ "WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn äußert dennoch Verständnis, dass Produktionen mit Blick auf geänderte wirtschaftliche Rahmenbedingungen 'neu bewertet werden müssen'. Das ist auch deswegen nicht überzeugend, weil der Kölner Sender, der im vergangenen Jahr 1,6 Milliarden Euro eingenommen hat, die Serie auch allein finanzieren und zur Not im WDR-Fernsehen ausstrahlen könnte. Schönenborn verweist also diffus auf Druck aus anderen ARD-Anstalten, steht aber selbst offenbar nicht hundertprozentig hinter der Kultserie aus dem eigenen Haus." Meint in der aktuellen Ausgabe epd medien - derzeit nicht online - Michael Ridder zum Aus der "Lindenstraße" (Altpapier).

+++ Gepflegte Langeweile, Nachwuchsbashing und einen Lichtblick hat Ulrike Simon für ihre Spiegel+-Kolumne von der medienpolitischen Tagung der Otto-Brenner-Stiftung Anfang der Woche mitgebracht.

+++ Als Fachmagazin für Streaming und Mega-Mediatheken (Beweisstück A, Beweisstück B) gilt es zudem zu vermelden, was DWDL vorzeitig berichtete, nämlich dass nun auch Vodafone ein Bewegtbildangebot auf den Markt bringt, für das man keinen Vodafone-Internetanschluss braucht.

Das nächste Altpapier erscheint am Montag. Schönes Wochenende!

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