Der Altpapier-Jahresrückblick am 14. Dezember 2020 Wer talkt, gewinnt

Wenn Kneipen geschlossen sind... Familienfeste ausfallen... Marktplätze verwaisen... Swingerclubs schließen... wo kommen dann überhaupt noch verlässlich Menschen aus fünf oder mehr Haushalten zusammen? Und tauschen sich aus, hitzig und leidenschaftlich, und ohne Maske? In der Talkshow. Ein Jahresrückblick von Jenni Zylka.

Auf vier Sesseln ist jeweils ein Coronavirus gesetzt. Im Hintergrund geht ein Pfeil nach oben.
Bildrechte: MDR MEDIEN360G

Die politische Talkshow im öffentlich-rechtlichen Fernsehen hatte in diesem Jahr aus mehreren Gründen gut lachen: Die Themenfindung gestaltete sich für die Redaktionen simpel, es ging eher darum, welchen Aspekt der Krise man beleuchten wollte, welche Virologin oder welchen Virologen man kriegen konnte. Eine inhaltliche Einschränkung war das nicht. Es gehört schließlich zum Konzept einer "aktuellen" Talkshow, das zu behandeln, was die Menschen am meisten umtreibt. Und im Jahr 2020 wurde das Thema Nummer Eins notgedrungen bereits ab März gesetzt – im Gegensatz zu den gern genommenen Inhalten des Vorjahres wie Klima- und Umweltpolitik und Brexit drehten sich, bis auf ein paar Ausnahmen vor allem um die US-Präsidentschaftswahl herum, die meisten Gespräche um die Pandemie und ihre Folgen.

Weil die Krise global und lokal gleichzeitig ist, weil sie sich persönlich und beruflich, innen- und außenpolitisch, sozial und ökonomisch, ja sogar ökologisch auswirkt, und sich über all diese Aspekte von Anfang an höchst dynamisch streiten ließ, verwundert die monothematische Auswahl also nicht. Überdies steckt sie linguistisch bereits in der Bezeichnung "Talkshow" – denn auch das von der "Gesellschaft für deutsche Sprache" gewählte "Wort des Jahres" , welches das politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben abbilden soll, lautete passenderweise "Corona-Pandemie".

Zudem profitierten die Zuhause-Medien natürlich vom Zuhause-Bleiben – die Nachrichtensprecher und -sprecherinnen von ARD und ZDF wurden nicht müde, sich für das "große Interesse" der Zuschauenden zu bedanken; die Quoten stiegen vor allem immer dann, wenn die Regierung neue Regelungen postulierte; und die Streamingdienste boomten eh, wie hier die Tagesschau berichtete. Dass seit diesem Jahr jede und jeder Deutsche auf Anhieb mindestens drei Virolog*innen-Namen auf der Uhr hat, und die Popularität der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen durch den Bild-vs-Drosten-Zoff (hier die FR darüber) und diverse Reaktionen darauf noch angeheizt wurde, half den Talkshows ebenfalls: Experten und Expertinnen fungierten in Polit-Talks nicht mehr nur als Sidekicks für die geladene Politik, sondern waren die Stars, die, denen man zuhörte, die man kannte und verglich. Zumindest bis die durch die bizarre Querdenken-Bewegung angefachte, hochgradig lebensgefährliche Wissenschaftsverdrossenheit sich formulierte, und kiloweise Aluhüte und Impfgegnerinnen und -gegner gebar – vorher hatte man es ja immer eher mit Politikverdrossenheit zu tun gehabt.

Dennoch standen die Redaktionen vor komplexen und komplizierten Herausforderungen. Auf formaler Ebene musste man zunächst die Präsentation umplanen: Statt einem platzierten Studio-Publikum, das durch Applaus, empörtes Kopfschütteln, oder – verständlicherweise unbeliebt in Live-Shows – Zwischenrufe Reaktionen zeigt, sendete man plötzlich ins Leere. In leere, hallende Studios mit wenigen maskentragenden Technikerinnen und Techniker sowie Kameraleuten, die schnell neue Kadrierungen für ihre Bilder lernen mussten – und das auch suffizient taten. Saßen die Gäste zu Anfang in der Kamera oft noch etwas verloren weit voneinander entfernt, so zeigen die Anne Will- oder Maybrit Illner-Sendungen aus dem Herbst, wie viel man gelernt hat: Selbst die zugeschalteten Bildschirm-Gäste, die als Gesprächspartner und -partnerinnen aus verschiedenen Gründen klar benachteiligt sind – sie können kaum einfach frech etwas in die Diskussion rufen, oder nonverbal signalisieren, dass sie vor Wut gleich platzen – wirken in manchen Einstellungen, als säßen sie neben den Präsenz-Gästen.

Während die Diskussionskultur außerhalb des Fernsehens stetig geladener, roher, wütender wirkte, quatschten die Talkshow-Gäste auch aus den genannten Gründen im Jahr 2020 friedlicher miteinander als früher: Die körperlichen Einschränkungen, die angemahnte Distanz, die Vorsicht beim 1:1-Gespräch, mag sie noch so subtil sein, ist fühlbar. Wütend wurden immer nur die Social-Media-Kommentatorinnen und -Kommentatoren, wenn sie etwa den fehlenden Abstand im Nachspann einer "Anne Will"-Folge kritisierten.

Es kam eh häufig zu Kritik von außen, auch durch das gesteigerte Interesse und der Langeweile beim Sofasurfen. Dass nach diesem Jahr, das ebenfalls durch die Black-Lives-Matter-Bewegung und den damit einhergehenden Diskurs um Polizeigewalt und strukturellen Rassismus auch in der deutsche Gesellschaft geprägt war, niemand mehr über Rassismus spricht, ohne eine Person of Color dazu zu bitten, ist sicher: Die Diskussion um eine "Maischberger. Die Woche"-Show im Juni war hoffentlich nachhaltig. Wer Diversität verpennt, fliegt zurecht raus. Mehrfach mussten sich die Macherinnen und Macher von "Hart aber fair" in diesem Zusammenhang zudem mit dem Thema korrekte Sprache beschäftigen: Bereits im Februar erntete der Sendungstitel, unter dem man in der schönen, unwissenden Prä-Coronazeit die "Heimat Deutschland" diskutieren wollte, "Nur für Deutsche – oder offen für alle?" viel Kritik. Und im Oktober debattierte Frank Plasberg, der sich zwischenzeitlich – vielleicht unwillentlich – schon fast zum Alten-Weißen-Trotzkopf entwickelt hat, nochmal über politisch korrekte Sprache. Dieser Streit sei gar "eskaliert", urteilte die FR damals.

Die genannte Kritik von außen spielt noch bei einem anderen Aspekt eine Rolle: Das Live-Publikum der Talkshows ist nicht nur Anspielpartner, sondern repräsentiert die Gesellschaft. Offiziell gehören zwar Virologinnen und Virologen sowie Politikerinnen und Politiker ebenfalls in jene "Gesellschaft", schließlich sind das einfach nur "Wir" mit dementsprechenden Berufen. Aber man kann in diesem Jahr, und auch schon davor, zum Beispiel bei der großen, wichtigen Umweltbewegung, eine steigende Wir-isierung und Ihr-isierung beobachten, eine "die da oben"- beziehungsweise "die Alten" und "wir Jungen"-Separierung. Dass "wir Jungen" oder "wir hier unten" nun nicht mal mehr in den Publikumsrängen der Talkshows sitzen und Lob und Unmut kundtun können, sondern höchstens mit etwas Glück ab und an mal einen Post absetzen, der dann live vorgelesen wird, ist demokratisch und soziologisch fatal. Aber nicht zu ändern: Mehr als die fünf Haushalte, mehr als die dort vorn mit gebührendem Abstand sitzenden und diskutierenden Gäste geht nun mal gerade nicht.

Und wer sich als Polit-Talkshow-Macherin und -Macher darüber ärgert, der braucht nur an die bemitleidenswerten Unterhaltungs- und Late Night-Talkshow-Kolleginnen und -Kollegen zu denken: Da klappt ja nun überhaupt nichts mehr, seit das Klatschvieh ausbleibt, und die Lacher dem Comedian nicht mehr bestätigen, dass seine Pointe dufte ist. Schließlich war direkte Anerkennung bei den "Attention Seekers" aus der Unterhaltung dereinst ein triftiger Grund für ihren Beruf – so etwas sucht man sich nicht aus, wenn man nicht gern auf der Bühne steht und beklatscht wird. Bei US-Late Night-Hosts wie dem selbstgerechten Jimmy Fallon und dem tatsächlich enorm lustigen Jimmy Kimmel schütteln sich zumindest die Mitglieder der Hausband ohne Ende aus, wenn es nötig ist. Aber ehrlich gesagt: Es hallt auch dort.

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