Gartenhistorie Das deutsche Kleingartenwesen – Eine Geschichte mit verschlungenen Pfaden

Deutschland ist Kleingärtnerland. Doch was heute bundesweit einheitlich wirkt, hat historisch vielfältige Wurzeln. Warum ein Schrebergarten ursprünglich gar kein Kleingarten war und noch sehr viel mehr erfährt man im Deutschen Kleingärtnermuseum Leipzig.

Das Vereinshaus des Deutschen Kleingärtnermuseum in Leipzig
Das 1896 erbaute Vereinshaus beherbergt heute unter anderem das Deutsche Kleingärtnermuseum. Die Ausstellung zeigt die Entwicklung des Kleingartenwesens in Deutschland. Bildrechte: Archiv Deutsches Kleingärtnermuseum in Leipzig e.V.

Aktuell gibt es in Deutschland über 900.000 Kleingärten, die insgesamt eine Fläche von etwa 40.000 Hektar einnehmen. Nach Schätzungen des Bundesverbandes Deutscher Gartenfreunde nutzen circa fünf Millionen Menschen einen solchen Garten. Die rund 14.000 Kleingartenvereine unterliegen nach dem Bundeskleingartengesetz alle einheitlichen Regelungen. In den Anfängen der Gartenbewegung sah das jedoch ganz anders aus.

Wer sich für die geschichtlichen Wurzeln des „kleinen Glücks im Grünen“ interessiert, wird im Deutschen Kleingärtnermuseum in Leipzig fündig. Unweit des Stadtzentrums liegt es am Rande der Kleingartenanlage „Dr. Schreber“. Ein historischer Ort, denn die Anlage existiert seit 1876 und war ursprünglich Teil eines der ältesten „Schrebervereine“ Deutschlands. Das Museum ist im 1896 erbauten, dreistöckigen Vereinshaus untergebracht, das sich durch einen markanten Spitzturm auszeichnet. Die Ausstellung stellt anschaulich die Entwicklung des Kleingartenwesens dar.

Industrialisierung und Urbanisierung als Ursprung der Gartenbewegung

Moritz Schreber
Der Leipziger Mediziner und Pädagoge Daniel Gottlob Moritz Schreber (1808 – 1861) ist zwar der Namenspatron des Schrebergartens, hatte mit der Gartenbewegung allerdings kaum zu tun. Bildrechte: Archiv Deutsches Kleingärtnermuseum in Leipzig e.V.

Gemeinsamer Ursprung der deutschen Kleingartenbewegungen waren die gewaltigen sozialen Veränderungen, die mit der Urbanisierung und Industrialisierung im 19. Jahrhundert einhergingen. Viele Menschen gaben ihr bäuerliches Leben auf und strömten in die stark wachsenden Städte, wo sie Arbeit in den neuen Fabriken fanden. Die Lebensverhältnisse der schlecht bezahlten Proletarier waren jedoch erbärmlich, Mangelernährung und ungesunde Wohnverhältnisse wirkten sich verheerend auf die körperliche und geistige Gesundheit der Menschen aus. Um diese Not zu lindern, wurden an vielen Orten Initiativen ins Leben gerufen.

Gärten für die Armen

Bereits Ende des 18. Jahrhunderts stimmte der Landgraf Carl von Hessen (1744 – 1836) zu, in Kappeln an der Schlei (Schleswig-Holstein) Gartenparzellen an arme Bürger zu verpachten. Durch den Gartenbau sollten sie ihre Ernährung und ihr Einkommen verbessern. Solche Armengärten im 19. Jahrhundert entstanden auch in anderen deutschen Städten – darunter Berlin, Dresden und Frankfurt am Main – jedoch setzte sie sich aufgrund steigender Bodenpreise nicht großflächig durch. Einen ähnlichen Ansatz verfolgten die Arbeitergärten des Roten Kreuzes ab Beginn des 20. Jahrhunderts. Gartenarbeit wurde als gesundheitsfördernd angesehen und sollte vor allem der Tuberkulose-Prävention dienen. 30.000 solcher Arbeitergärten gibt es 1911 deutschlandweit. In den Gartenkolonien gab es auch Spielplätze, Versammlungsräume, Einkaufsgenossenschaften und Büchereien. Die Ordnungsvorgaben waren streng, zum Beispiel waren jegliche politische Äußerungen der Pachtgärtner gänzlich untersagt.

Schrebergarten gleich Kleingarten?

Historisches Aquarell von Curt Richter zeigt Anlage der Kinderbeete im ursprünglichen Schrebergarten.
Das historische Aquarell von Curt Richter zeigt die Anlage der sogenannten "Kinderbeete" am Rande der vom Schreberverein gepachteten Wiese. Bildrechte: Archiv Deutsches Kleingärtnermuseum in Leipzig e.V.

Auch wenn es der Name heute suggeriert: Ursprünglich meine das Wort „Schrebergarten“ keinesfalls einen Kleingarten. 1864 durch den Leipziger Schuldirektor Ernst Innocenz Hausschild gegründet, standen pädagogische und soziale Fragen im Vordergrund des ersten „Schrebervereins“. Die Namensgebung erfolgte zu Ehren des Mediziners und Pädagogen Daniel Gottlob Moritz Schreber (1808 – 1861), dessen erzieherische Ansichten heute umstritten sind. Den frühen Schrebervereinen ging es vor allem darum, Kindern und Jugendlichen in der engen Stadt die Möglichkeit zum Spielen unter freiem Himmel zu geben und ihre Eltern über erzieherische Fragen aufzuklären. Dafür wurde eine große Wiese unweit des heutigen Museumsstandortes gepachtet. Erst der Lehrer Karl Gesell ließ am Rande dieser Wiese die sogenannten „Kinderbeete“ anlegen, aus denen später „Familienbeete“ und daraus um 1870 Gartenparzellen wurden. Das Gärtnern war jedoch lange Zeit nur ein Nebenaspekt im Vereinsleben. Körperliche Ertüchtigung, Erziehungsfragen und die Unterstützung bedürftiger Kinder standen im Zentrum dieser vom Leipziger Bürgertum getragenen Vereine. Dieses Konzept traf offenbar einen Nerv, denn sehr schnell wurden in Leipzig weitere Schrebervereine gegründet.

Von der Naturheilbewegung zum Kleingarten

Auch die Naturheilbewegung versuchte den negativen Auswirkungen von Industrialisierung und Urbanisierung zu begegnen. Licht, Luft, Wasser, Bewegung und Ernährung waren in den Augen ihrer Anhänger die fünf Grundlagen für körperliche und geistige Gesundheit. Insbesondere in Sachsen waren Naturheilvereine stark vertreten und in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt sich eine vielfältige Vereinsszene. Der Gartenbau spielte allerdings zunächst kaum eine Rolle, erst allmählich betätigen sich Mitglieder der Naturheilvereine zunehmend auch gärtnerisch.

Vereinheitlichung der Kleingartenbewegung

Diese vielfältigen Bewegungen, von denen hier nicht alle genannt sind, schließen sich 1921 zum Reichsverband der Kleingartenvereine Deutschlands zusammen. Im Nachgang des Ersten Weltkrieges war die Bedeutung der Gartenvereine für die Versorgung der Bevölkerung stark gestiegen. Das erkannte auch die Politik. Bereits mit Annahme der Verfassung der Weimarer Republik wurde am 31. im Juli 1919 das Gesetz über die „Kleingarten- und Kleinpachtlandordnung“ von der Nationalversammlung verabschiedet. Es bot dem Kleingartenwesen erstmals einen deutschlandweit einheitlichen einen gesetzlichen Rahmen und gilt als Vorläufer des heutigen Bundeskleingartengesetzes.

Während der Zeit des Nationalsozialismus erfolgt die politische Gleichschaltung der Gartenvereine, das Führerprinzip ersetzt die demokratischen Vereinsstrukturen.  Sie entstehen erst wieder nach Kriegsende als 1949 in Bochum der „Verband Deutscher Kleingärtner“ gegründet wird. In der DDR hingegen waren die Kleingärtner im „Verband der Kleingärtner, Siedler und Haustierzüchter“ organisiert. Im Zuge der Wende vereinigten sich beide Vereine zum Bundesverband Deutscher Gartenfreunde (BDG).

Nachfrage versus Leerstand Insbesondere in den Ballungsräumen sind Kleingärten wieder stark nachgefragt. In Berlin beträgt die Wartezeit auf einen Kleingarten derzeit drei bis fünf Jahre. Im ländlichen Raum Ostdeutschlands hingegen gibt es ein Überangebot an Gartenparzellen. In den neuen Bundesländern (Berlin ausgenommen) leben zwar nur 15 Prozent der Gesamtbevölkerung, aber mehr als 50 Prozent aller Kleingärten befinden sich dort.

Quellen: Deutsches Kleingärtnermuseum Leipzig, Bundesverband Deutscher Gartenfreunde e.V.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR Garten | 29. September 2019 | 08:30 Uhr