Drei Männer
Die drei Rechtsextremen Peter W., Christian W. und Sven B. bei einem Treffen auf einem Parkplatz im oberfränkischen Waischenfeld – Christian W. ist wichtiger Akteur im militärischen Flügel der Gruppe um Heinrich XIII. Prinz Reuß. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Gruppe Reuß Waffen- und Zeugmeister der Reuß-Verschwörer steht in München vor Gericht

18. Juni 2024, 05:00 Uhr

Am Oberlandesgericht München startet am heutigen Dienstag der dritte Prozess gegen mutmaßliche Verschwörer um Heinrich XIII. Prinz Reuß. Angeklagt sind auch zwei Männer aus dem sächsischen Olbernhau. Einer davon soll tief in die Strukturen der Gruppe verstrickt sein und beim Start dieses gigantischen Ermittlungsverfahrens eine wichtige Rolle gespielt haben.

Es ist frisch an diesem 3. März 2022 im oberfränkischen Waischenfeld, einer kleinen Gemeinde südwestlich von Bayreuth. Die drei Männer auf dem Supermarktparkplatz an der Hauptstraße tragen dicke Jacken und Wollmützen. Sie stehen dicht beieinander. Das Überwachungsteam des Landeskriminalamtes (LKA) Rheinland-Pfalz notiert, dass sie fast drei Stunden miteinander geredet hätten. Zu lesen in internen Ermittlungsunterlagen, die MDR Investigativ einsehen konnte.

Als das Meeting auf dem Parkplatz beendet war, verschwanden die drei in ihren Autos in verschiedene Richtungen. Dieses bis dahin unspektakuläre Zusammentreffen von drei Männern kann, nach allem was die Bundesanwaltschaft zusammengetragen hat, als die mutmaßliche Geburtsstunde eines der größten Ermittlungsverfahren in der deutschen Nachkriegsgeschichte gesehen werden.

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MDR SACHSEN-ANHALT Di 11.06.2024 11:25Uhr 00:45 min

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Ermittler hörten Sven B. über geplanten Coup am Telefon berichten

Denn auf dem Parkplatz getroffen haben sich der ehemalige Bundeswehroffizier Peter W., der im sächsischen Olbernhau lebende Landschaftsgärtner Christian W. und der aus dem brandenburgischen Falkensee kommende Sven B. Was die drei bei ihrem Treffen genau besprochen haben, konnten die Fahnder nicht mithören. Doch im Anschluss rief Sven B. einen Bekannten an und was er dem erzählte, ließ die Ermittler aufhorchen.

Denn Peter W. und Christian W. hatten sich mit B. offensichtlich nur aus einem Grund getroffen: Sie sollen versucht haben ihn zu überzeugen, bei ihrem Plan mitzumachen. B. plauderte bei seinem Telefonat im Anschluss des Treffens unter den wachsamen Ohren der Staatsschützer munter drauflos. Peter W. wolle "mit 30 Mann den Bundestag" stürmen. Politiker sollten in Handschellen aus dem Parlament geführt werden und das ganze Unternehmen stehe unter der Leitung eines wichtigen Adligen, einem "Prinz von Reuß".

Die Ermittler begriffen offensichtlich schnell, dass Sven B. ihnen unfreiwillig Informationen zu einer Gruppe geliefert haben könnte, von der sie bisher nichts wussten und die anscheinend einen Umsturz in der Bundesrepublik plante: die Gruppe Reuß. Was nun, zweieinhalb Jahre später, in drei spektakulären und parallel laufenden Prozessen an den Oberlandesgerichten Stuttgart, Frankfurt am Main und München verhandelt wird.

Der Gruppe Reuß wirft der Generalbundesanwalt die Bildung einer terroristischen Vereinigung sowie einen gewaltsamen Umsturzversuch vor. Dafür sollen die mutmaßlichen Verschwörer geplant haben den Bundestag zu stürmen und die Macht im Land mittels 286 paramilitärischer "Heimatschutz Kompanien" zu übernehmen. Insgesamt 26 Frauen und Männer sind deswegen angeklagt. In Frankfurt sind Heinrich Reuß sowie der ehemalige Bundeswehr-Offizier Rüdiger von Prescatore als mutmaßliche Rädelsführer angeklagt. Für alle Angeklagten gilt die Unschuldsvermutung.

Sven B. wurde bereits wegen anderen Komplotts überwacht

Dass die Ermittler erste Informationen über Heinrich XIII. Prinz Reuß und die mutmaßlichen Pläne der Gruppe überhaupt erhielten, hatte mit einem anderen Verfahren zu tun, das sich unter dem Operationsnamen "Collector" auch gegen Sven B. richtete. Denn B. soll wiederum einer Gruppe angehören, die derzeit vor dem Oberlandesgericht Koblenz steht: Als so genannte "Vereinigte Patrioten" sollen B. und andere u.a. geplant haben Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) zu entführen. Zudem sollen Sven B. und seine mutmaßlichen Komplizen, geplant haben, einen Black Out in Deutschland durch Sprengung von Strommasten herbeizuführen. Ihrer Festnahme vorausgegangen waren monatelange Ermittlungen des LKAs Rheinland-Pfalz, das zuerst in dem Fall aktiv wurde.

Laut der Unterlagen, die MDR Investigativ einsehen konnte, soll der mutmaßliche Lauterbach-Entführer B. von den mutmaßlichen Mitgliedern der Gruppe Reuß kontaktiert und um Kooperation gebeten worden sein. Konkret soll der Olbernhauer Christian W. den Kontakt hergestellt haben. Der 46-jährige, in Jena geborene W., gilt als einer der wichtigsten Angeklagten in dem am Dienstag beginnenden Verfahren am OLG München. Denn W. soll einer der aktivsten Unterstützer des militärischen Arms der Gruppe Reuß und ein wichtiger Drahtzieher beim Aufbau der sogenannten Heimatschutzkompanien (HSK) gewesen sein.

Munition für verschiedene Waffen
Waffenteile, die die Polizei bei Christian W. gefunden hatte. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Christian W. gilt der Bundesanwaltschaft offenbar als ein Mann, der tief in der Reichsbürger-Ideologie verhaftet sein soll. Zudem soll er auch als sogenannter Prepper agiert haben. Bei der bundesweiten Großrazzia am 7. Dezember 2022, bei der auch W. festgenommen wurde, konnten sich die Polizeibeamten in seinem Haus davon überzeugen. Neben Munition und Waffenteilen hatte W. Unmengen an Konservendosen und Lebensmitteln gehortet.

Christian W. ist gut vernetzt in der rechtsextremen Szene

Christian W., der Prepper aus Olbernhau, ein ehemaliger Stabsunteroffizier beim Panzerbataillon 393 im Thüringischen Bad Salzungen, soll Ende 2021 zur Gruppe um Reuß gestoßen sein. Zuvor war er offenbar in der Reichsbürger- und Corona-Leugner-Szene im Erzgebirge aktiv. W. soll, so legen interne Verfassungsschutz- und MAD-Akten es nahe, die MDR investigativ einsehen konnte, auch einer der Administratoren der bundesweit agierenden Telegram-Gruppe "Veteranenpool" gewesen sein. Einer kruden Gruppierung, die versucht hatte Bundeswehr- und NVA-Veteranen davon zu überzeugen, als Ex-Soldaten auf Corona-Leugner-Demos Demonstrierende vor angeblicher Polizeigewalt zu schützen. Einer der Gründer des "Veteranenpools" war wiederum der mutmaßliche Lauterbach-Entführer Sven B. Man kennt sich.

Christian W. soll in Sachsen für die Gruppe Reuß offenbar nicht alleine agiert haben. Ihm zur Seite soll der Kfz-Mechaniker Frank R. gestanden haben. Der 53-jährige, der auch als Heilpraktiker arbeitet, soll sich laut internen Akten im Sommer 2022 der Gruppe um Heinrich XIII. Prinz Reuß angeschlossen haben. R. und W. wohnen beide in Olbernhau, beide kennen sich schon lange und beide einte offenbar die Idee eines Umsturzes in Deutschland, einer neuen Ordnung und dies unter der Führung von Reuß.

Dass dazu auch Waffengewalt notwendig sein könnte, zeigt der Umstand, dass der Olbernhauer W. 15 Waffen legal besessen haben soll. Im Laufe der Jahre hatte er immer wieder Ärger mit den Behörden, die ihn aufgefordert hatten, das Arsenal abzugeben. Erst im Sommer 2022, wenige Monate vor der Bundesweiten Großrazzia, nach einer Durchsuchung, wurden ihm die Waffen abgenommen. Zuvor soll er Frank R. zwei seiner Waffen überlassen haben.

Dieser wiederum soll selbst aktiv versucht haben Waffen zu beschaffen. Noch Anfang November 2022, teilt Frank R. mit, dass er eine Quelle gefunden habe. Die Ermittler gehen davon aus, dass R. sich dafür im Ausland umgesehen hat. Denn der Gruppe erklärte er, dass die Quelle eine europäische Waffenbesitzkarte von ihm für den Deal verlangt haben soll. Die habe er aber nicht. Offenbar ist das Geschäft dann nicht zustande gekommen.

Christian W. rekrutierte Freiwillige für den Umsturz

Dass wiederum Christian W. auch für die militärische Führung der Gruppe Reuß, unter Ex-Bundeswehroffizier Rüdiger von Pescatore zuständig gewesen sein könnte, zeigt der Umstand, dass W. an einem wichtigen Treffen am 9. Juli 2022 teilgenommen hat. Bei diesem soll er in den inneren Kreis der mutmaßlichen Verschwörer aufgestiegen sein. In der Folge soll er von Pescatore zum Abteilungsleiter "Weiterentwicklung und Beschaffung" sowie "Waffen- und Zeugmeister" im militärischen Stab ernannt worden sein. In verschiedenen abgehörten Gesprächen und in Chats soll W. mehrfach geäußert haben, dass mit diesem militärischen Engagement ein Traum für ihn in Erfüllung gegangen sei.

In der Folgezeit soll der Olbernhauer Christian W. mit weiteren mutmaßlich hochrangigen Mitgliedern an dem Plan des Aufbaus der sogenannten Heimatschutzkompanien gearbeitet haben. Dabei hat ihm offenbar auch Frank R. geholfen. W. und R. sollen dafür Rekrutierungstreffen in einem ehemaligen Rittergut in Mulda im Landkreis Mittelsachsen organisiert haben. Das Gebäude gehört Andreas W., einem offenbar ehemaligen Ex-Bundeswehrkameraden und Freund von Rüdiger von Pescatore. Vor zweieinhalb Wochen durchsuchte das Bundeskriminalamt das Gebäude sowie weitere Objekte in Baden-Württemberg und Schleswig Holstein, offenbar auf der Suche nach Waffen. Andreas W. und seine Frau stehen im Verdacht der Unterstützung der Gruppe.

Dass Christian W. und Frank R. bei ihren Rekrutierungsaktivitäten offenbar erfolgreich waren, findet sich in langen Listen wieder, die das BKA bei der Großrazzia am 7. Dezember 2022 gefunden hatte. Dort notiert sind die Namen von Dutzenden Verdächtigen, die alle eine sogenannte Verschwiegenheitserklärung unterschrieben hatten, um sich mutmaßlich den neugegründeten Heimatschutzkompanien anzuschließen.

Auf den Listen, die MDR Investigativ einsehen konnte, finden sich auch Orte und Namen von Tatverdächtigen in Sachsen und Thüringen. Das alles hat für diese nun Konsequenzen, denn in Folge der Auswertung der Unterlagen sind deutschlandweit dutzende Verfahren durch die Bundesanwaltschaft eingeleitet worden, die inzwischen an die zuständigen Generalstaatsanwaltschaften der Länder abgegeben worden sind. Jüngstes Beispiel ist eine Razzia der Generalstaatsanwaltschaft Celle in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt in der vergangenen Woche. Die Anwälte von Christian W. und Frank R. haben auf Anfragen nicht reagiert.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 18. Juni 2024 | 06:03 Uhr

34 Kommentare

Sharis vor 5 Wochen

Das spielt doch keine Rolle! Diese Leute hatten Pläne, anderen Gewalt anzutun - auch mit scharfen Waffen!
Glauben Sie, dass es die als" Kollateralschäden" von dieser Gewalt Bedrohten bzw. Betroffenen interessiert, ob der Umsturz letztlich geglückt wäre?
Wohl kaum, oder?
Ihre Relativierungsversuche offenbaren einen erschreckenden Mangel an Empathie!

mowz_art vor 5 Wochen

Laut einem vom MDR verlinkten Artikel wurden Dienstwaffen gefunden. Die Waffenteile, welche die Polizei bei Christian W. gefunden haben, sind offensichtlich für Schusswaffen geeignet. Das kannst du dem Artikel gut entnehmen.

Eulenspiegel1 vor 5 Wochen

Hallo Wahrsager
Sie verwechseln kriminelle staatsgefährdendes Handeln mit einer Wirtschaftspolitik die ihnen vielleicht nicht in den Kram passt die aber keineswegs schlecht sein muss.

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