Ein Gewerkschaftler trägt die Fahnen vom Gelände.
Gewerkschaften wie Verdi organisieren die Tarifverhandlungen für viele Berufsgruppen. Ihr Personal hat selbst jedoch keine Gewerkschaft. Bildrechte: picture alliance/dpa | Bernd Thissen

Arbeitskampf Auch Angestellte von Gewerkschaften streiken für Tarifverträge

05. April 2024, 06:35 Uhr

Gewerkschaften sind dafür verantwortlich den Arbeitskampf von Erziehern, Lokführern, Flughafenpersonal und vielen weiteren Angestellten zu organisieren. MDR-Nutzer Torsten Reiffarth fragt: "Gewerkschaften beschäftigen selbst in ihren Büros ja auch Personal. Wie ist dieses Personal gewerkschaftlich organisiert?"

Ralf Geißler, Wirtschaftsredakteur
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Benötigen die Angestellten einer Gewerkschaft eine eigene Gewerkschaft? Wenn man Martin Lesch diese etwas skurril anmutende Frage stellt, fällt die Antwort eindeutig aus: "Ja, natürlich! Alle Arbeitnehmer brauchen, wenn sie ihre Interessen kollektiv wahrnehmen wollen, eine Organisation. Das nennt sich Gewerkschaft."

Hinter der Recherche Streiks 29 min
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Lesch war bis zur Rente tatsächlich Vorsitzender der Gewerkschaft der Gewerkschaftsbeschäftigten. Doch vor zwei Jahren hat sie sich aufgelöst. Es fand sich kein Gewerkschaftsangestellter mehr, der den Vorstand übernehmen wollte.

Tarife werden durch Gesamtbetriebsrat ausgehandelt

Traditionell sei es ohnehin so, dass intern ausgehandelt wird, was Gewerkschaftsbeschäftigte verdienen, sagt Verdi-Sprecher Jan Jurczyk. Eine zusätzliche Gewerkschaft brauche es aus seiner Sicht da nicht: "Die Gewerkschaftsbeschäftigten kommen zu einer Tarifeinigung, indem der Gesamtbetriebsrat für sie verhandelt. Das ist ein gängiges Verfahren. Und das geht zurück auf entsprechende Urteile des Bundesarbeitsgerichts."

Tatsächlich stellen in allen großen Gewerkschaften die Betriebsräte Gehaltsforderungen auf, verhandeln – und schließen für die Beschäftigten Gehaltserhöhungen ab. Die Verhandlungen seien durchaus hart, erzählt Jurczyk: "Ich kann mich daran auch erinnern: Wir hatten vor Jahren mal eine Streikversammlung. Da ist eine Tarifauseinandersetzung ein klein wenig eskaliert. Und in dem Zusammenhang gab es auch eine Streikversammlung im Hof der Bundesverwaltung mit allem, was dazu gehört."

Das klingt nach klassischem Arbeitskampf. Doch Streiks sind innerhalb einer Gewerkschaft die absolute Ausnahme. Damals war noch die Gewerkschaft der Gewerkschaftsbeschäftigten beteiligt. Betriebsräte allein haben gar kein Recht, zu Streiks aufzurufen; anders als einer Gewerkschaft fehlt ihnen dieses Druckmittel.

Auch vor den Gewerkschaften macht der Fachkräftemangel nicht halt

Trotzdem komme man zu fairen Abschlüssen, sagt Matthias Klemm, Betriebsrat beim Deutschen Gewerkschaftsbund: "Die Einstellung gibt es, dass wir eben auch gute Löhne brauchen. Weil eben der Fachkräftemangel ja auch vor Gewerkschaften nicht halt macht. Und viele Leute gehen dann eben auch weg in Bundesministerien oder zu anderen Gewerkschaften. Deswegen ist es schon wichtig, dass wir auch hier attraktive Löhne zahlen."

Eine Gewerkschaft sollte keine Dumpinglöhne zahlen, die Gehälter dürfen aber auch nicht abgehoben wirken. Die Betriebsräte finden, dass sie diese Gratwanderung gut hinbekommen.

Ex-Gewerkschaftler: Arbeitskampf ohne Streik ist "kollektive Bettelei"

Ex-Gewerkschafter Lesch sieht hingegen die Beschäftigten nicht ausreichend vertreten. Den Betriebsräten allein fehle Macht. "Was können die machen? Die können Bitte-Bitte machen. Das Bundesarbeitsgericht nennt solche Verhandlungen, wo man kein Durchsetzungsrecht hat durch Streik, "kollektive Bettelei". Das finde ich hat das Bundesarbeitsgericht sehr treffend formuliert."

In ihren besten Zeiten hatte Leschs Gewerkschaft für Gewerkschaftsbeschäftigte 1.000 Mitglieder. Doch offenbar sah die Mehrheit keine Notwendigkeit, diese Interessenvertretung gegenüber der Gewerkschaftsführung zu erhalten. Lesch formuliert es so: Wenn es um ihren eigenen Laden geht, seien Gewerkschafter oft keine Revoluzzer sondern Schäfchen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR AKTUELL RADIO | 05. April 2024 | 06:21 Uhr

8 Kommentare

steka vor 10 Wochen

Bei Gewerkschaft für Gewerkschaften waren es sicher Ehrenamtsposten. Posten, wo es was gut zu verdienen gibt, sind vermutlich meistens schon namentlich belegt, bevor die eigentliche Wahl stattfindet

Ich nicht vor 10 Wochen

Bei den Arbeitsbedingungen (7 Tage Woche, Wechselschicht, aggressive Fahrgäste, rücksichtslose Autofahrer usw) ist ein angemessener Lohn und Freizeitausgleich wichtig.
Und ständig nur auf die "bösen" Gewerkschaften zeigen hilft auch nicht weiter. Schließlich war es der, von Steuerzahler und Fahrgästen hochbezahlte, Vorstand der wochenlang ohne Angebot in die Verhandlungen gegangen ist und dann nicht auf die Forderungen der Gewerkschaft geantwortet hat.

Ich nicht vor 10 Wochen

Wie kommen Sie auf die Annahme dass die Mitarbeiter einer Gewerkschaft am schwächsten organisiert sind? In Artikel kann ich darüber nichts finden. Nur weil es die Gewerkschaft für Gewerkschaften nicht mehr gibt, heißt es nicht das es keine Möglichkeit gibt sich zu organisieren.
Im übrigen denke ich das die Mitglieder kein großes Interesse an ihrer Gewerkschaft hatten wenn niemand den Vorsitz übernehmen wollte.

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