Heizungsbaumeister tauscht defekten Sensor aus
Heizungen sollen flächendeckend umgestellt werden, doch Sanitär- oder Heizungsmonteure fehlen. (Symbolbild) Bildrechte: IMAGO / Wolfgang Maria Weber

Akademisierung Keine Energiewende ohne Handwerker: Zentralverband für Trendwende bei Berufswahl

17. September 2022, 05:00 Uhr

In Deutschland beginnen deutlich mehr junge Menschen ein Studium als eine Berufsausbildung. Seit Jahren gibt es diesen Trend. Diese Akademisierung der Gesellschaft hat zur Folge, dass dem Handwerk Nachwuchs verloren geht. Eine Viertelmillion Stellen sind auf dem deutschen Arbeitsmarkt frei. Mittlerweile bleiben jedes Jahr 30.000 Ausbildungsstellen unbesetzt.

Augenoptiker, Konditor, Zahntechniker: Überall gibt es freie Stellen, wie Volker Born vom Zentralverband des Deutschen Handwerks sagt. Born leitet dort die Abteilung Berufliche Bildung. Im Handwerk fehlt nach seinen Worten der Nachwuchs - und genauso mangelt es an Fachkräften. Das habe gesellschaftliche Folgen.

Als Beispiel nennt Born die klimapolitischen Ziele der Bundesregierung. Wenn Heizungen flächendeckend umgestellt, Wärmepumpen installiert werden sollen, dann seien Fachkräfte nötig. Doch Sanitär- oder Heizungsmonteure fehlen, sie gehören zu den so genannten Engpassberufen. Der Bedarf in solchen "klimarelevanten Berufen" sei viel höher als der Bestand. "Wenn wir die Klima- oder Energiewende hinbekommen wollen, müssen wir stärker beruflich qualifizierte Fachkräfte auch auf dem Arbeitsmarkt haben", sagt Volker Born.

Born nennt verschiedene Gründe für die Situation. Natürlich spiele auch das Gehalt in den Handwerksberufen eine Rolle, doch allein sei das Geld nicht entscheidend. "Wir haben im Handwerk mit dem Maurer den Ausbildungsberuf mit der mit Abstand höchsten Ausbildungsvergütung", so Born. Trotzdem gebe es hier freie Ausbildungsplätze.

Bewerberzahlen in der Ausbildung deutlich gesunken

Die vergangenen Jahre hätten gezeigt, dass der Ausbildungswunsch auch von der generellen gesellschaftlichen Entwicklung abhänge. Im Zuge der weltweiten Finanzkrise von 2009 seien die Bewerberzahlen in der Ausbildung deutlich gesunken und hätten in der Folgezeit das Vorkrisen-Niveau nicht mehr erreicht. Offenbar, sagt Born, gingen die Menschen in Krisenzeiten auf Nummer Sicher, wenn sie nicht wüssten, wie sich die Zukunft entwickelt.

Das führe dazu, dass die Jugendlichen eher in weiterführende Schulen oder zum Studium gehen, um sich damit für ihre berufliche Zukunft mehr Chancen offen zu halten. Kein Wunder, dass sich die Lage nun angesichts Corona-Pandemie und Krieg in der Ukraine nicht verbessere.

Berufsorientierung an Gymnasien verstärken

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks fordert daher seit Längerem eine Bildungswende. Das bedeute, sagt Volker Born, dass die Berufsorientierung an Schulen verstärkt werden müsse, besonders an Gymnasien. Der Anteil der Schüler, die ein Abitur anstreben, sei in den vergangenen Jahren deutlich gewachsen.

Wir brauchen das Thema Arbeit, Beschäftigung und Wirtschaft, wo man nach der Schule ja dann einsteigt. Es muss viel stärker Gegenstand in der Schule werden.

Volker Born Zentralverband des Deutschen Handwerks

Das bedeute, dass dort eine Berufsausbildung verstärkt propagiert werden müsse. "Wir brauchen das Thema Arbeit, Beschäftigung und Wirtschaft, wo man nach der Schule ja dann einsteigt. Es muss viel stärker Gegenstand in der Schule werden", sagt Born. Beispielsweise habe das Land Baden- Württemberg das Schulfach Wirtschaft eingeführt.

Dort gehe es nicht um Betriebe oder Wirtschaft an sich, sondern um die gesellschaftlichen Aspekte von Wirtschaft. Wichtig sei, dass die Berufsorientierung für Schüler auch von den Lehrern als Lernziel verstanden werde, als eine "Brücke in den nächsten Entwicklungsschritt hinein".

Ausbilder Carsten Pohle (im Kittel) erläutert Auszubildenden im 2. Lehrjahr die Funktionsweise eines Hybridantriebes im Porsche Ausbildungszentrum.
Berufliche Ausbildung und akademische Bildung müssten gleichwertig sein, so Volker Born vom Zentralverband des Deutschen Handwerks. (Symbolbild) Bildrechte: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Generell, so Born, müssten Studium mit akademischer Bildung und eine berufliche Ausbildung gleichwertig sein. Dazu fordere sein Verband eine gesetzliche Verankerung - als Handlungsgrundlage für Bundes- und Landesregierungen, die Berufsausbildung stärker zu fördern.

Mehr zum Thema: Handwerk in der Krise

MDR (ls/caf)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Nachrichten | 17. September 2022 | 07:00 Uhr

18 Kommentare

O.B. am 18.09.2022

Lyn, mein damaliger Chef hat Vorkasse für das Material genommen und ca 50% zu erwartenden Arbeitszeit. Dadurch hat er wohl welche verloren aber damit konnte es gut leben. Eine zweite Firma ansässig im selben Ort hat jene genommen die erst "Leistung " sehen wollten bevor sie zahlen. Meine Lehre war nachher beendet und ich bekam das Ende nicht mehr mit aber Gerüchte besagten das die Firma wegen Aussenständen vor der Insolvenz stand. 🤷‍♂️ . Welche kfz Werkstatt gibt heute noch das Auto zurück ohne das bezahlt wurde!? Viele wollen VIP Kundenservice aber geht's ans bezahlen sind sie nicht mehr erreichbar.

O.B. am 18.09.2022

Heute morgen erneut gelesen das Gewerkschaften und Berufsverbände gegen eine Erhöhung von Bürgergeld sind. Da könnte mir die hutschnurr platzen. Wieder wird der Niedriglohnsektor auf die hartzer gehetzt. Das Argument es würde der Einkommensunterschied abhanden kommen. Gerade leben 5 Millionen nachweislich unter dem Existenzminimum. Das sollte laut Gesetz vom Staat zeitnah behoben werden ,was auch immer das bedeutet. Hier jetzt zu sagen Hartz hat genug ist erstmal die deutliche Akzeptanz das man mit 5 Millionen armen leben kann. Schlimmer aber noch ist das man Geringverdiener somit auch nicht mehr zahlen will die genauso am hungertuch nagen. Sowas gehört angezeigt und aus dem Amt gejagt. 6 stelliges Jahresgehalt aber den untersten nicht mal das Überleben sichern wollen.

Anni22 am 18.09.2022

Da haben Sie natürlich Recht, eine kluge Regierung könnte da Abhilfe schaffen, aber stattdessen soll es demnächst lieber bis 70 gehen... Und auch wenn es nicht gerne gehört wird, man müsste das Geld auch mal wieder für Leute die hier arbeiten ausgeben, statt für die ganze Welt.

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