Energie Mitteldeutsche Grüne könnten sich "Streckbetrieb" von AKW vorstellen

"Atomkraft – Nein, Danke!", so lautete jahrzehntelang die Parole der Grünen. Und Ende des Jahres sollte das mit der Abschaltung der letzten Atomkraftwerke auch auch geschafft sein. Doch nun stellt sich die Frage, wie wir durch einen Winter vielleicht ganz ohne Rohstoffe aus Russland kommen. Und plötzlich heißt es auch von einigen Grünen: "Atomkraft – Ja, Bitte!".

Greenpeace-Aktivisten projizieren am  (06.06.2011) in Niederaichbach (Niederbayern) den Satz "Jeder Tag Atomkraft ist einer zu viel" an den Kühlturm neben dem Kernkraftwerk Isar 2 (l).
Der Ausstieg aus der Kernenergie steht auch bei den Grünen in Frage – zumindest ein bisschen. Bildrechte: dpa

Die grüne Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Katrin Göring-Eckardt kann sich vorstellen, im Notfall Atomkraftwerke noch übers Jahresende hinaus laufen zu lassen und zwar im sogenannten Streckbetrieb, also bei gedrosselter Leistung und ohne neue Brennstäbe einzukaufen. Wie sieht es näher an der Basis aus – wie weit ist man dort bereit, von grünen Idealen abzurücken?

Thüringer Grüne sehen sich "vernunftgetrieben"

Die Grünen in Thüringen sind da ganz einer Meinung mit Katrin Göring-Eckardt: Ein Streckbetrieb könne in einem sehr unwahrscheinlichen Fall notwendig werden.

Bernhard Stengele (Grüne, l), und Ann-Sophie Bohm (Grüne), unterhalten sich.
Bernhard Stengele mit Ann-Sophie Bohm (Grünen-Landessprecherin) Bildrechte: dpa

Landessprecher Bernhard Stengele sagt, zu der "furchtbaren Situation" der Gasmangellage durch den Ukraine-Krieg kämen jetzt auch noch Dürre und Hitze dazu. Deshalb könne man Energie weniger gut transportieren, es fielen Atomkraftwerke in Frankreich aus. Man könne sie nicht mehr kühlen und daher könne es möglicherweise auch zu einem Engpass bei Strom kommen.

Dass man die Atomkraft jetzt ins Auge fasse, sei natürlich Diskussionsthema, sagt Stengele. In der Partei sei man sich seit über 40 Jahren und aus guten Gründen einig, dass man aus der Atomkraft rauswolle. Gleichzeitig sei man aber keine Religion, sondern vernunftgetrieben, betont Stengele. Wenn man sage, das sei für eine kurze Zeit notwendig, dann müsse man das machen.

Sachsen-Anhalt wartet den Stresstest ab

Die sachsen-anhaltische Grünen-Vorsitzende Madeleine Linke sagt, man spreche gar nicht so viel über das Thema.

Grundsätzlich sei man zwar gegen eine Verlängerung auf Zeit. Aber derzeit prüfe Robert Habeck in einem zweiten weitreichenden Stresstest die Versorgungssicherheit mit Strom. Und diesen Stresstest wolle man abwarten. Bei Atomkraft gehe es vor allem um Strom. Probleme gebe es aber eigentlich bei der Wärme und mit dem Erdgas als Grundstoff.

Sachsen mit Blick auf Strom und Gas

Auf diesen Stresstest verweist auch Marie Müser, Vorsitzende der Grünen in Sachsen: "In der aktuellen Situation brauchen wir es nicht. Wir machen den Stresstest, aber aktuell ist ein Weiterbetrieb der AKW nicht angezeigt." Man müsse sich den Strom- und Gasbereich anschauen und dann entscheiden.

Dass sich die drei Landesvorsitzenden so einig sind, mag vielleicht auch an einer internen Mail aus der Bundeszentrale liegen, über die die Zeitung "Die Welt" berichtet. Darin hat die Bundeszentrale den Verbänden nahegelegt, auf Fragen zum Thema möglichst knapp und unaufgeregt zu antworten, so der Bericht. Sie sollten auf den Stresstest verweisen und darauf, dass das Thema Gas viel wichtiger sei.

Sachsens Grüne Jugend hält dagegen

Ella Hanewald dagegen spricht für die Grüne Jugend in Sachsen und positioniert sich klar gegen den Streckbetrieb. Die Überprüfung der Sicherheitsvorkehrungen in den Kraftwerken laufe bis Ende 2022 aus, weil das Ende erwartet wurde. Die aller zehn Jahre stattfindende Überprüfung 2019 sei bereits in Anbetracht der baldigen Schließung aller Atomkraftwerke ausgesetzt worden. Das heiße, man müsste eine komplett neue Sicherheitsprüfung stattfinden lassen, betont Hanewald.

Dieser ganze Aufwand für ein klitzekleines bisschen Strom – das ist die falsche Abwägung.

Grüne Jugend Sachsen

Auch Versicherungsfragen müssten dann noch geklärt werden, was einen riesigen organisatorischen Aufwand für vielleicht sechs Monate Betrieb unter weniger Leistung bedeute.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 27. Juli 2022 | 06:00 Uhr

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