Öffentlicher Dienst TV Stud: Entscheidung über Tarifvertrag für studentische Hilfskräfte
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07. Dezember 2023, 13:03 Uhr
Studentische Hilfskräfte hangeln sich, schlecht bezahlt, von einem kurzen Vertrag zum nächsten. In der Tarifrunde im öffentlichen Dienst der Länder wurde darum nun auch für sie, rund 300.000 Beschäftigte bundesweit, ein Tarifvertrag (TVStud) gefordert. Eine Entscheidung könnte nun bei der dritten Runde der Verhandlungen am Donnerstag und Freitag in Potsdam fallen.
Lea Bellmann arbeitet seit zweieinhalb Jahren als studentische Hilfskraft an der Technischen Universität Dresden. Zunächst gab sie Tutorien, inzwischen ist sie in der Forschung beschäftigt. Mit den Umständen ihrer Tätigkeit ist die 22-jährige Soziologin aber gar nicht zufrieden:
"Als ich studentische Hilfskraft wurde, dachte ich, dass das doch eine große Ehre ist. Ich habe aber schnell gemerkt, dass ich die Arbeit gar nicht in der vereinbarten Arbeitszeit schaffen konnte. Hinzu kamen in den vergangenen Jahren jeweils sehr kurze Arbeitsverträge." Und zwischen den Anstellungen habe sie gebangt, ob ein nächster Vertrag überhaupt komme.
Überstunden, Kettenverträge und Mindestlohn
Neben unbezahlter Arbeitszeit und Kettenverträgen kritisiert Bellmann vor allem die Entlohnung: "Ich habe lange für den Mindestlohn gearbeitet. Seit ich einen Bachelor habe, bewegt es sich nur leicht darüber. Das reicht zum Leben nicht aus", berichtet sie. Es könnten aber nicht alle Studierenden auf Bafög und die Unterstützung der Eltern setzen, sagt Bellmann.
Aus all diesen Gründen engagiert sich die gebürtige Erzgebirgerin in der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) für einen bundesweiten Tarifvertrag für studentische Hilfskräfte. Dabei geht es der angehenden Wissenschaftlerin auch um Wertschätzung. "Momentan sind wir die größte Tariflücke im öffentlichen Dienst."
Einziges Bundesland, das sich an einen Tarifvertrag für studentische Hilfskräfte bindet, ist – seit 2018 – Berlin: 12,96 Euro pro Stunde werden hier gezahlt, mit Urlaubsanspruch und Lohnfortzahlung bei Krankheit.
Wir sind die größte Tariflücke im öffentlichen Dienst.
Forderung: Mehr Geld, Urlaub, Lohnfortzahlung
Bundesweit leben geschätzt mehr als 300.000 studentische Beschäftigte in dieser Lücke und 2022 waren allein in Sachsen 5.489 studentische Hilfskräfte angestellt. Bestrebungen für einen Tarifvertrag gibt es bereits länger: 2018 gründete sich eine gewerkschaftliche Initiative mit dem Namen "TV Stud".
Erfolg hatten die studentischen Hilfskräfte mit ihrem Anliegen bisher aber nur in Berlin. Nun wollen sie eine bundesweite Lösung her – und zwar in den laufenden Tarifverhandlungen für den öffentlichen Dienst der Länder.
Zwei Runden hat es bislang gegeben. Doch nach Angaben der Gewerkschaften sperrten sich die Arbeitgeber bis dato noch.
"Die Arbeitgeber*innen haben entgegen aller politischen Versprechen klargemacht, dass sie unsere Forderungen ablehnen und keinen Tarifvertrag für die studentischen Beschäftigten aushandeln wollen", teilte Verdi mit.
Die Gewerkschaft verlangt für die studentischen Beschäftigten einen Brutto-Stundenlohn von 16,50 Euro, der bis zum dritten Beschäftigungsjahr auf 18,50 steigen soll. Außerdem: Urlaub, Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und eine Mindestvertragslaufzeit von 24 Monaten.
Ohne rund 300.000 studentische Beschäftigte bundesweit "würden die Hochschulen nicht laufen", sagt Mowa Techen – für den TV Stud in der Verdi-Verhandlungskommission und als Student an der Friedrich-Schiller-Universität Jena beschäftigt: "Wir brauchen endlich einen Tarifvertrag, der unseren prekären Arbeitsbedingungen ein Ende setzt", sagt der junge Gewerkschafter.
Arbeitgeber zeigen sich verhandlungsbereit
Die Arbeitgeberseite lehnt die Forderung nicht kategorisch ab. Der Vorsitzende der Tarifgemeinschaft der Länder, Hamburgs Finanzsenator Andreas Dressel (SPD), sagte auf Anfrage von MDR AKTUELL: "Wir haben zu allen Forderungen der Gewerkschaften, auch die nach einer Tarifierung für studentische Beschäftigte, Möglichkeiten aufgezeigt, wie man den Anliegen der Gewerkschaften in einem für die Länder machbaren Umfang Rechnung tragen kann." Es liege in der Natur von Tarifverhandlungen, dass das die Erwartungen der Gewerkschaften noch nicht erfülle.
Derzeit würden Vorstellungen der Gewerkschaften geprüft, teilte Dressel weiter mit. Für die dritte Runde der Verhandlungen am 7. und 8. Dezember sei er optimistisch, noch vor Weihnachten "zu einem für Beschäftigte und Länderhaushalte machbaren Tarifabschluss zu kommen."
Jung - akademisch - prekär: Eine Bestandsaufnahme
- In Sachsen verdienen studentische Beschäftigte im Schnitt 377,92 Euro pro Monat und gehen ihrer Tätigkeit im Durchschnitt 33,11 Stunden pro Monat laut Vertrag nach. Das geht aus einer bundesweiten Befragung studentischer Beschäftigter an Hochschulen und Forschungseinrichtungen der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) hervor.
- Die Verträge von studentischen Beschäftigten in Sachsen laufen durchschnittlich über nur etwa 5 Monate, wobei mehr als 40 Prozent der Befragten noch kürzere Vertragslaufzeiten angaben. Dennoch arbeiten die Studienteilnehmer*innen bundesweit im Schnitt seit rund 20 Monaten auf der gleichen Stelle und schließen mit ihrem Arbeitgeber im Schnitt gut vier Verträge in Folge ab - meist auch für die gleiche Stelle.
- Studentische Hilfskräfte kommen überdurchschnittlich häufig aus Akademikerfamilien. Bundesweit haben mindestens 61 Prozent der Befragten mindestens ein Elternteil mit (Fach-)Hochschulabschluss.
- In Sachsen nehmen rund 41 Prozent der Befragten ihren Urlaub nicht vollständig in Anspruch – oft, weil sie nicht oder falsch über ihren Urlaubsanspruch informiert werden.
Aktionstag mit Kundgebungen
Bis dahin wollen die studentischen Beschäftigten noch Druck aufbauen. Für Montag hatten sie zu einem bundesweiten Aktionstag aufgerufen, unter dem Motto "Schluss mit prekärer Wissenschaft!"; und Kundgebungen gab es unter anderem in Leipzig, Dresden, Chemnitz, Magdeburg, Halle und Jena.
Lea Bellmann bleibt zuversichtlich, dass es nun endlich etwas wird mit dem Tarifvertrag. "Aktuell stehen die Chancen so gut wie in den letzten 40 Jahren nicht. In ganz Deutschland setzten sich Hilfskräfte für einen Tarifvertrag ein und das gibt mir Hoffnung." Dabei geht für sie auch um die Karriere: "Ich sehe meine berufliche Zukunft eigentlich in der Wissenschaft. Vorher muss sich aber deutlich etwas verändern. Die schlechten Arbeitsbedingungen ziehen sich ja weiter bis in den akademischen Mittelbau."
Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 20. November 2023 | 08:00 Uhr