Energiewende Thüringen und Sachsen hinken beim Ausbau von Windenergie hinterher

18. Juli 2023, 19:34 Uhr

Die Bundesregierung will den Anteil erneuerbarer Energien an der Stromproduktion massiv erhöhen. Bis 2030 sollen diese 80 Prozent des Bruttostromverbrauchs abdecken. Auch wenn bundesweit mittlerweile der Ausbau von Windenergie in Fahrt kommt, hinken zwei mitteldeutsche Bundesländer hinterher.

Der Ausbau der Windenergie bleibt nach Ansicht von Branchenverbänden hinter den Zielen der Bundesregierung zurück. Der Bundesverband Windenergie und der Fachverband VDMA erklärten am Dienstag in Berlin, trotz deutlich steigender Genehmigungen für den Bau von Windkraftanlagen würden die notwendigen Ziele nicht erreicht.

Im ersten Halbjahr seien bundesweit insgesamt 331 Windenergieanlagen gebaut worden. Diese haben eine Leistung von insgesamt knapp 1,6 Gigawatt. Bis 2030 soll die Gesamtleistung der Windenergieanlagen 115 Gigawatt betragen. Derzeit nähert sich die Gesamtkapazität in Deutschland etwa 60 Gigawatt an. Bereits ab 2025 müssten demnach jährlich zehn Gigawatt an Onshore-Windenergieanlagen zugebaut werden. Dennis Rendschmidt, Geschäftsführer VDMA Power Systems, erklärte: "Mit dem derzeitigen Tempo werden die Ziele verfehlt".

Spitzenreiter ist Schleswig-Holstein

Spitzenreiter beim Windkraft-Ausbau ist der Untersuchung zufolge Schleswig-Holstein. Dort sind im ersten Halbjahr 125 neue Anlagen errichtet worden. Danach folgen Niedersachsen, NRW und Brandenburg. Sachsen-Anhalt liege beim Windrad-Neubau auf Platz sieben. Elf Anlagen mit einer Leistung von 58 MW sind dort in diesem Jahr bereits hinzugekommen. Beim Austausch älterer durch leistungsfähigere Anlagen kommt Sachsen-Anhalt sogar auf Platz eins.

Thüringen und Sachsen können dagegen keine Erfolge vorweisen. In Thüringen ist im ersten Halbjahr kein einziges Windrad hinzugekommen, ebenso in den Stadtstaaten Bremen, Berlin und Hamburg. Ramona Rothe von der Thüringer Energieagentur TheGA sagte MDR THÜRINGEN, Grund dafür seien die veralteten Raumordnungspläne der Kommunen. Darin seien zu wenige Windvorrangflächen ausgewiesen. Sie sieht die Landesregierung in der Pflicht. Rothe zeigte sich zuversichtlich, dass noch in diesem und im nächsten Jahr neue Windkraftanlagen errichtet werden können. Insgesamt laufen laut Rothe in Thüringen zurzeit 17 Genehmigungsverfahren für rund 80 Windräder. 868 Windräder sind in Betrieb.

Sachsen baut Windräder ab

Sachsen hat momentan sogar eine Negativbilanz, weil drei alte Windenergieanlagen sind zurückgebaut worden sind, aber nicht ein einziges neues Windrad ans Netz gegangen ist. Das sächsische Energieministerium hatte vor einem halben Jahr angekündigt, die Windenergie ausbauen zu wollen. Im November 2022 hieß es, bis 2027 sollen alle Flächen definiert sein, die gebraucht werden, um das Zwei-Prozent-Ziel zu erreichen.

Der Bund hatte Sachsen wie auch anderen Ländern die Vorgabe gemacht, das Zwei-Prozent-Ziel (zwei Prozent der Landesflächen müssen für Windenergie zur Verfügung gestellt werden) bis 2032 umzusetzen. Bis 2027 müssen als Zwischenschritt 1,3 Prozent ausgewiesen sein. Derzeit sind es im Freistaat nur 0,2 Prozent.

Von den Flächenländern macht Bayern keine gute Figur und landet auf dem letzten Platz. Umgerechnet auf die Landesfläche gab es im ersten Halbjahr 2023 gerade einmal eine Leistung von 37 Kilowatt pro Quadratkilometer. Der Auswertung zufolge sind derzeit in Bayern insgesamt 1.149 Windenergieanlagen mit einer kumulierten Leistung von 2.629 Megawatt im Einsatz.

Genehmigungsverfahren dauern zu lange

"Es braucht jetzt in allen Ländern deutlich mehr Tempo", forderte Bärbel Heidebroek, Präsidentin des Bundesverbands Windenergie (BWE). Gründe für das Hinterherhinken seien unter anderem langwierige Planungs- und Genehmigungsverfahren. Die Verfahrenslaufzeiten seien nach Angaben der Verbände zuletzt auf einen neuen Höchstwert angestiegen. Sie liegen nun bei über zwei Jahren (24,5 Monaten). Auch zu wenige passende Flächen und Widerstand politischer Entscheidungsträger und der lokalen Bevölkerung hemmten den Ausbau.

Die Bundesregierung will den Anteil des Stroms aus erneuerbaren Energien bis 2030 auf 80 Prozent erhöhen.

dpa, AFP (kar)

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 18. Juli 2023 | 12:00 Uhr

41 Kommentare

martin am 20.07.2023

@ralf g: Für das "Verstopfen" sind nicht die modernen Gaskraftwerke (=Programmlastkraftwerke) verantwortlich, sondern größtenteils die alten Braunkohlekraftwerke. Auch wenn die moderneren AKW besser regelbar waren, als die älteren Typen - als Programmlastkraftwerke waren sie nicht geeignet.

Sicher hat der Export auch etwas mit dem Netzschutz zu tun: Wir exportierten sehr viel Strom nach F, weil dort rund 50% der AKW-Leistung ausgefallen war und bei "Inselbetrieb" das franz. Netz zusammengebrochen wäre.

Dass das Merit-Order-Prinzip nicht für Situationen mit potenziellem Strommangel gemacht ist, haben ja selbst die damaligen Befürworter zwischenzeitlich begriffen.

Übrigens: Die Ausfälle der franz. AKW und die notwendigen Leistungsreduzierungen wegen Kühlwassermangel halte ich persönlich nicht für einen Zufall.

Ralf G am 20.07.2023

martin - Kleine Korrektur: Gaskraftwerke haben eine hohe Regelgeschwindigkeit. Auch die abgeschalteten AKW's hatten schon bei der Entwicklung eine besondere Regelgeschwindigkeit im Pflichtenheft.
Zum Thema Im- und Export von Strom: Hätten wir einen frei verfügbaren Stromüberschuss, dann wären (Angebot und Nachfrage) die Strompreise niedrig und im Merit-Order Prinzip könnte Zufallsenergie den Börsenpreis bestimmen. Der Export ist aber eher eine Hilfsmaßnahme zum Netzschutz, wenn der Zufall von reichlich Wind und Sonne bei wenig Last mal wieder zuschlägt.

martin am 20.07.2023

@aufdemberg: Nun ja, "Zappelenergie" ist ja ein mittlerweile derart ausgelutschter Begriff, dass sich mal was Neues ausgedacht wurde. Eine gewisse Kreativität würde ich den einschlägig interessierten Kreisen daher gar nicht absprechen.

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