Public Value Award Unternehmen sollten stärker Gemeinwohl beachten

13. Oktober 2022, 05:00 Uhr

Immer mehr Unternehmen richten ihr Geschäftsmodell am Gemeinwohl aus. Dabei geht es wesentlich um die Verbesserung der Lebensumstände der Menschen und des Klimaschutzes. In Leipzig werden am 13. Oktober junge Unternehmen mit dem Public Value Award ausgezeichnet, die einen Beitrag zum Gemeinwohl leisten. Im Interview mit MDR Aktuell ruft der Initiator, Prof. Timo Meynhardt von der HHL Leipzig Graduate School of Management, die deutsche Wirtschaft zu mehr Gemeinwohlorientierung auf.

Gemeinwohl gewinnt an Bedeutung

Das Thema Gemeinwohl werde für Mitarbeiter und vor allem für Investoren von Unternehmen zunehmend wichtiger, so die Einschätzung von Prof. Timo Meynhardt von der HHL Leipzig Graduate School of Management, der als einer der führenden Experten zum Thema Gemeinwohl gilt. Die traditionelle Wirtschaftsweise, Produkte herzustellen, Arbeitsplätze zu schaffen und Steuern zu zahlen als Beitrag an die Gesellschaft, reiche nach seiner Einschätzung heute nicht mehr aus. Heute bedeute der Gemeinwohlbeitrag zum Beispiel, sich für die Region zu engagieren, und die Lieferketten zu überprüfen auf eine ethisch einwandfreie Herkunft.

Deutschland international gut aufgestellt

In Deutschland werde die Diskussion um das Gemeinwohl mittlerweile intensiv geführt. Hier machten sich über 80 % der Bürgerinnen und Bürger Gedanken über das Gemeinwohl. In der Schweiz sei der Anteil mit 70 % etwas geringer, in Japan liege der Anteil nur bei rund 60 %. Als Gründe dafür nimmt Meynhardt viele Sorgen in der Bevölkerung wahr. In der Politik und auch in der Wirtschaft würde daher zunehmend um Lösungen gerungen. So habe sich die Situation in den letzten Jahren deutlich verändert. Daher stehe Deutschland im internationalen Vergleich wegen der hohen Aufmerksamkeit auf das Thema relativ gut da.

Gemeinwohlatlas hebt öffentliche Institutionen hervor

Seit 2014 erstellt Meynhardt für die Länder Deutschland, Schweiz und Japan den Gemeinwohlatlas. Hier schnitten der öffentliche Sektor, die halbstaatlichen Institutionen und zivilgesellschaftliche Einrichtungen regelmäßig besser ab als Unternehmen. Grund sei hier häufig der vorhandene gesetzliche Auftrag der Institutionen, der bereits einen Gemeinwohlbeitrag vorsehe. Dennoch sei eine hohe Reputation nicht selbstverständlich.

Beim Blick auf Unternehmen falle besonders auf, dass diejenigen mit großer Kundennähe einen Vorteil hätten. In Deutschland steche ein Unternehmen besonders hervor in Sachen Gemeinwohl – das hätten letzte Umfragen zum Gemeinwohlatlas deutlich gemacht. Hier handele es sich um die Zeiss AG Oberkochen/Jena. Ein Unternehmen, das seit Mitte des 19. Jahrhunderts eine Erfolgsgeschichte geschrieben habe und nach seiner Einschätzung auch eine Erfolgsgeschichte der deutschen Wiedervereinigung sei. Als Stiftungsunternehmen erfülle es offenkundig viele Punkte, um als gemeinwohlförderlich eingeordnet zu werden.

Wer führt im Ranking? Mit Feuerwehr, Technischem Hilfswerk, Deutschem Rotem Kreuz haben im aktuellen Gemeinwohlatlas gemeinnützige Einrichtungen die Nase vorn.

Public Value Award für junge Unternehmen

Seit 2016 vergibt Meynhardt mit mit einem Kreis von Unterstützern den Public Value Award an start ups – ein Preis, um den sich junge Unternehmen bewerben, bei denen im Geschäftsmodell oder der Produktidee das Thema Gemeinwohl Berücksichtigung findet. Ganz praktisch reiche dies von innovativer Wundheilung, über Bildungsangebote für Geflüchtete bis hin zu innovativen Lösungen für die Energienutzung oder Beiträge zum Klimawandel, erläutert Meynhardt. Es gehe um ein sehr breites Spektrum von Geschäftsmodellen, von denen einige auch schon sehr erfolgreich am Markt agierten. Diese Unternehmen eine das gemeinsames Ziel.

Gemeinwohl in Krisenzeiten entscheidend

Nach Einschätzung von Meynhardt könne ein Gemeinwohlbeitrag von Unternehmen und Institutionen gerade auch in Krisenzeiten eine besondere Rolle spielen. Die Gemeinwohlorientierung könne eine kluge Antwort auf die Krisen selbst sein. So hätten Untersuchungen ergeben, dass Unternehmen mit einer im hohen Gemeinwohlorientierung im Markt stabiler agierten und krisensicherer aufgestellt seien als vergleichbare andere Unternehmen. Dies könne gar für die Unternehmen selbst eine Art Lebensversicherung sein.

Daneben seien in Krisenzeiten natürlich alle Bürgerinnen und Bürger gefordert, einen Beitrag zur Krisenbewältigung zu leisten. Wenn das noch mit unternehmerischen Mitteln geschehe, stärke es auch das Vertrauen in die Wirtschaft.

Mehr Gemeinwohl in der Wirtschaft gefordert

In diesem Zusammenhang erwarte Meynhardt von den deutschen Unternehmen, sich noch deutlicher dem Thema Gemeinwohl zu öffnen und sich stark zu machen für gesellschaftliche Belange. Er erwarte von Unternehmen, sich in die Pflicht nehmen zu lassen für das Gemeinwohl, ohne ihre Selbstständigkeit aufzugeben. Konkret erwarte er neue Formen der Zusammenarbeit und ein neues Verständnis von Verantwortungseigentum.

MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR AKTUELL | 13. Oktober 2022 | 19:30 Uhr

Mehr aus Wirtschaft

Leunawerke in der Dämmerung mit Video
Die IG Bergbau, Chemie, Energie fordert für die Beschäftigten in der Chemieindustrie, wie hier in den Leuna-Werken, unter anderem sieben Prozent mehr Lohn. Bildrechte: imago images/Sylvio Dittrich

Mehr aus Deutschland