Polen Treibt Corona die polnische Kirche in die Pleite?

Die Corona-Pandemie macht auch der mächtigen katholischen Kirche in Polen schwer zu schaffen. Wegen der Pandemie sind die Einnahmen der Geistlichen massiv eingebrochen. Erstmals werden sogar Entlassungen von Hilfspersonal wie Küster und Organisten geprüft. Schlittert Polens Kirche in die Pleite?

Priester sammelt Geld für die Kirche
Schlechte Zeiten für Polens Kirche: Die Einnahmen aus der Kollekte sind in den schlimmsten Corona-Monaten auf ein Zehntel geschrumpft. Bildrechte: imago/blickwinkel

Keine Kirchensteuer in Polen

Die Finanzen der katholischen Kirche in Polen sind so undurchschaubar wie die Herbstnebel, in die sich das Land derzeit hüllt - spotten die Polen. Das Thema sorgt regelmäßig für Debatten. Schuld ist das System oder besser gesagt - das Fehlen desselben. Anders als in Deutschland gibt es in Polen keine Kirchensteuer und auch sonst keine geregelte Finanzierung. Die Kirche und ihre Geistlichen leben von dem, was die Gläubigen spenden - ohne Quittungen, Buchhaltung und klare Regeln, weshalb das Thema für viele Polen ein rotes Tuch ist.

Die Spenden werden während der Gottesdienste als sogenannte Kollekte gesammelt. Außerdem ist bei jeder größeren kirchlichen Amtshandlung wie Taufe, Firmung, Hochzeit, Beerdigung oder Totenmesse eine Extra-Zahlung fällig. Theoretisch darf jeder spenden, was er spenden will und wozu er finanziell in der Lage ist. Doch in der Praxis kursieren oft inoffizielle regionale Preislisten mit Mindestbeträgen. Nicht einmal der Staat weiß, wieviel die Geistlichen auf diese Art und Weise einnehmen, denn sie werden pauschal besteuert - abhängig von der Zahl der "Schäfchen" in ihrer Pfarrei, nicht vom tatsächlichen Einkommen.

Ein Paar läßt sich in einer Kirche trauen
Wer in Polen kirchlich heiratet, muss den Priester aus eigener Tasche bezahlen - theoretisch handelt es sich um eine Spende, in der Praxis kursieren vielerorts inoffizielle Preislisten mit Mindestbeträgen. Bildrechte: imago/blickwinkel

Einnahmen der Kirche durch Corona eingebrochen

Bislang konnte die Kirche damit - und davon - ganz gut leben, doch im Zeitalter der Corona-Pandemie schlittert sie mit diesem undurchschaubaren Finanzierungssystem in eine Katastrophe. Da coronabedingt weniger Menschen die Gottesdienste besuchen, sinken auch die Einnahmen. Während in normalen Zeiten 38,2 Prozent der polnischen Katholiken am Sonntag in die Kirche gingen, brach die Zahl während der ersten Pandemiewelle auf 4,4 Prozent ein. Entsprechend mager fiel die Kollekte aus: An einem normalen Sonntag kommen Schätzungen zufolge landesweit rund 20 Millionen Złoty zusammen (umgerechnet 4,4 Millionen Euro) - in der schlimmsten Pandemiephase sank das Spendenaufkommen auf ein Zehntel davon.

Und Besserung ist nicht in Sicht - denn nach der kurzen Verschnaufpause im Sommer, als die zahlenmäßigen Limits der Gottesdienstbesucher außer Kraft waren, muss die Kirche den Gürtel schon wieder enger schnallen. Die Regierung in Warschau beschloss nämlich aufgrund steigender Corona-Zahlen neue Beschränkungen. Die Kirche steht damit vor der Pleite.

Erzbistum Kattowitz prüft Entlassungen

Ein erstes Bistum hat auf die Situation bereits reagiert: das Erzbistum Kattowitz. Dort ist ein Rundschreiben des für die Finanzen zuständigen Ökonoms an die Medien durchgesickert, das an alle Kirchgemeinden ging und zu Entlassungen aufruft - vergleichbar mit "betriebsbedingten Kündigungen" in der freien Wirtschaft.

Ein Organist an einer Orgel
Kirchliches Hilfspersonal im Erzbistum Kattowitz steht auf dem Prüfstand - die Pfarrer sollen prüfen, wen sie entlassen können, um Kosten zu senken. Bildrechte: Colourbox.de

Denn in den Pfarreien arbeiten nicht nur Geistliche, sondern auch viele Hilfskräfte, die reguläre Gehälter beziehen. Dazu zählen in erster Linie Küster, die sich um die Vorbereitung der Gottesdienste kümmern und oft auch Hausmeisterdienste übernehmen, sowie Organisten, die die Gottesdienste musikalisch begleiten. Die Pfarrer im Bistum Kattowitz wurden nun aufgerufen zu prüfen, welche dieser Personen entlassen werden können, um Kosten zu senken.

Priester auf dem Weg zur St. Peter und Paul Domkirche in Posen
Vor der Pandemie konnten polnische Geistliche nach weitverbreiteter Meinung leben, als würde Geld an Bäumen wachsen. Nun müssen sie sich auf einen mageren Herbst einstellen. Bildrechte: imago/Dean Pictures

Pfarrer bitten um Überweisungen

Anderswo greift man noch nicht zu derlei drastischen Mitteln. Stattdessen appellieren die Geistlichen an die Solidarität der Gläubigen - sie mögen doch denselben Betrag, den sie jede Woche in die Kollekte werfen, aufs Pfarrkonto überweisen. Die Spende könne sogar steuerlich abgesetzt werden, werben die Geistlichen. Und in der Tat - manche "Schäfchen" folgen dem Aufruf, allerdings bei weitem nicht alle. Und da das Pandemiegeschehen auch in Polen rasant beschleunigt, ist mit einer weiteren Begrenzung der Gottesdienstbesucherzahl zu rechnen. Die katholische Kirche in Polen muss sich auf sehr harte Zeiten einstellen.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 11. Oktober 2020 | 00:30 Uhr

Ein Angebot von

Zurück zur Startseite